Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 11,33-36)

Hymnus auf die Unergründlichkeit der Wege Gottes: 11,33–36

33O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege!

34Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?

35Oder wer hat ihm etwas gegeben, sodass Gott ihm etwas zurückgeben müsste?

36Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Überblick

Der Hymnus auf die Unergründlichkeit Gottes schließt den großen Abschnitt Römer 9 - 11 über die Stellung des jüdischen Volkes in Gottes Heilsplan aus der Perspektive des Evangeliums von Jesus Christus ab. 

 

Einordnung der Lesung in den Zusammenhang

Der Hymnus übernimmt eine vergleichbare Rolle wie Römer 8,31-39 (vgl. die Auslegung am 19. Sonntag) als Abschluss der paulinischen Reflexionen über das Leid in Römer 8,18-30. Nachdem Paulus dort seine These "bewiesen" hat, dass die von Gott her zu erwartende "Herrlichkeit" alles denkbare Leid übersteigt und eher klein erscheinen lässt, kann er geradezu in enen Jubelruf angesichts dieses Gottes und seiner Liebe ausbrechen.

Ähnlich ist es auch in Römer 11,33-36: Nachdem Paulus in Römer 9,1 - 11,30 eine positive Antwort auf die ihn quälende Frage gefunden hat, was aus den Juden wird, die sich nicht dem Christusglauben anschließen, der doch allein die "Herrlichkeit" verheißt, von der schon in Kapitel 8 die Rede war, kann er nun in einen jubelnden Hymnus auf den Gott ausbrechen, der das Heil aller, also Juden wie Heiden, will und zur Erreichung dieses Heils Wege findet, die jenseits aller menschlichen Möglichkeiten und Grenzziehungen liegen.

Zugleich entspricht der Hymnus in seiner Endposition dem kleinen Gottes-Lobpreis am Ende der Einleitung zu dem großen Absatz Römer 9 - 11, nämlich in 9,5b:

"Gott, der über allem ist, er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen."

Beide Gebetstexte sind darin verbunden, dass sie sich nicht auf Christus beziehen (wie z. B. der berühmte Hymnus "Christus Jesus hielt nicht daran fest, wie Gott zu sein ..." in Phil 2,5-11), sondern auf Gott.

Das ist für die gesamte paulinische Theologie insofern wichtig, weil sie prinzipiell und immer von Gott her denkt. Er ist es, der handelt. Auch wenn Christus handelt, gilt immer, dass Gott in ihm handelt - und zwar derselbe Gott, der von Anfang der Schöpfung an am Werke ist und der auch der Gott Israels ist. Deshalb ringt Paulus auch so sehr darum, dass der Christusglaube sich nicht von seiner jüdischen Wurzel und damit von seinem Gottesgrund trennt. Und ebensowenig kann es auf diesem Hintergrund möglich sein, dass Gott die für Christus gewonnenen Heiden gegen sein ersterwähltes Volk ausspielt. Dies schreibt Paulus gerade mit dem Römerbrief der Kirche ins "Stammbuch".

 

Aufbau des Hymnus

Der Hymnus ist eine Perle der Formulierungskunst. Durchgängig ist seine Struktur von der symbolischen Dreizahl bestimmt, die biblisch im weitesten Sinne als eine göttliche und darin positiv belegte Zahl ist. Woran Paulus genau bei der Verwendung der Drei denkt, muss offen bleiben. Auf jeden Fall spielt sie bei ihm eine Rolle im Bekenntnis zur Auferweckung Jesu "am dritten Tag" in 1 Korinther 15, 4 (hier steht die Drei für die göttliche Wende zum Heil; vgl. bereits Hosea 6,2) sowie in der markanten Zusammenstellung der drei christlichen Grundhaltungen "Glaube, Hoffnung, Liebe" in 1 Korinther 13,13. Sehr anfanghaft könnte man auch an den dreifaltigen Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist) denken (vgl. etwa den Schlussgruß "Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!" in 2 Korinther 13,13).

Die Dreizahl zeigt sich 

1. in den drei "Eigenschaften" Gottes: "Reichtum", "Weisheit", "Erkenntnis" (Vers 33a)

2. in den drei Fragen Verse 33b-35), die den drei "Eigenschaften" in umgekehrter Reihenfolge zuzuordnen sind 

3. im "dreidimensionalen" Bekenntnis zu Gott: "aus ihm und durch ihn und auf ihn hin" (Vers 36)

 

Verse 33-35: Drei O-Antiphonen und die zugehörigen Fragen

Diese Verse lassen sich nicht auseinanderreißen, da jeder der genannten "Eigenschaften" Gottes eine der folgenden Fragen entspricht. Damit erklären sich die Verse gegenseitig.

1. "O Tiefe des Reichtums Gottes"

Auf die "Tiefe des Reichtums" bezieht sich die Frage:

"Oder wer hat ihm etwas gegeben, sodass Gott ihm etwas zurückgeben müsste?" (Vers 35). 

Als Erstes besingt Paulus unter Anspielung auf Verse aus dem Buch Ijob (Ijob 11,7f. ["Tiefe Gottes"] und 41,3 [Gott  muss nichts "zurückgeben"] ) Gott als den unermesslich Gebenden. Großzügigkeit, Überfluss und Ungeschuldetheit des Schenkens (Vers 29: "Gnadengaben") sind sein Wesen. Das gilt seit der Schöpfung und ganz besonders seit dem Ersterweis seiner Liebe, die sich in der Liebeswahl Israels gezeigt hat, das er aus seinem Reichtum heraus ausgestattet hat: "4... ihnen [den Israeliten] gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse; ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen; 5 ihnen gehören die Väter und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach" (Röm 9,4-5). Sie werden nach Römer 9,23 deshalb auch am Ende - genau wie alle anderen auf Gott Vertrauenden - empfangen aus dem "Reichtum seiner Herrlichkeit" als "Gefäße des Erbarmens"; d. h. Gott wird den Reichtum seines Erbarmens in sie gießen ("Gefäße" ist bei Paulus ein häufigeres Bild für den Menschen). 

 

2. "O Tiefe der Weisheit Gottes"

Was mit "Weisheit" gemeint ist, hat Paulaus an anderer Stelle, nämlich im Ersten Korintherbrief ausgeführt:

"23 Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: ... 24 für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen. ... 30 Von ihm her seid ihr in Christus Jesus, den Gott für uns zur Weisheit gemacht hat, zur Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung."

Bei solch dialektischer, man könnte auch sagen: paradoxer Füllung des Weisheitsbegriffs, der vor allem von Christus her zu verstehen ist,  wird auch verständlich, warum dieser Anrufung in Vers 34 die Doppelfrage entspricht:

"Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen?

Die zweite Fragehälfte hat Paulus aus Jesaja 40,13 entwickelt und erweist sich darin einmal mehr als ein souverän mit der Heiligen Schrift Vertrauter.

 

3. "O Tiefe der Erkenntnis Gottes"

Die zugehörige Frage zu dieser Anrufung Gottes enthält Vers 33b:

"Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! "

Diesmal lässt sich kein exakter alttestamentlicher Bezugstext ausmachen, aber Jesaja 55,8-9 kommt einem schon in den Sinn, wonach es einen unendlich großen Abstand zwischen Gottes und der Menschen "Gedanken" und "Wegen" git.

Unabhängig von der tieferen biblischen Verankerung ist wichtiger, dass Paulus mit dem Wort "Erkenntnis", das biblisch die Dimensionen des um jemanden Wissens, der Liebe und der Sorge für ihn einschließt und auch für "erwählen" stehen kann, zurückgreift auf Römer 11,2

"Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er im Voraus erwählt hat."

Der Zusammenhang würde deutlicher, wenn man übersetzte: ".... das er im Voraus erkannt hat". Paulus spielt also mit dem Stichwort "Erkenntnis" an auf den letztlich für den Menschen nicht zu ergründenden Zusammenhang von Erwählung Israels (vgl. auch z. B. Amos 3,2: "Nur euch habe ich erkannt unter allen Stämmen der Erde"), Verstockung (Römer 11,7: "die Übrigen aber wurden verstockt") und erbarmungsvoller Zuwendung (Römer 11,31: "... damit jetzt auch sie Erbarmen finden").

 

"Alles" (Vers 36)

Der letzte Vers des Hymnus bündelt nach drei O-Antiphonen und drei Bewunderungs-Fragen das Gesagte in einem dreifachen Lobpreis Gottes. Er ist die Mitte von "Allem". Dass die Übersetzung "ganze Schöpfung" eine gewisse Verengung des griechischen  pánta "Alles" bedeutet, merkt man darin, dass natürlich auch ein umfassender Rückbezug zu den ersten Sätzen des Hymnus hergestellt werden soll. Es geht also um Schöpfung und die durch die Zeiten hindurch wirkende Heilsgeschichte Gottes. All das entspringt aus Gott, er ist  - durch seine Macht, seinen Geist und nicht zuletzt durch Christus - der eigentliche Handelnde und auf ihn bewegt sich Alles zu, Juden wie Heiden umfassend.

Die drei Präpositionen "aus", "durch" und "auf ... hin" - und hier zeigt sich die hohe Kunst des Briefschreibers Paulus - durchschreitet auch noch einmal die Grundstruktur der drei Kapitel 9-11, deren Abschluss dieser Lobpreis bildet:

Kapitel 9 spricht vom vergangenen Ausgangspunkt Israels (die "Väter" Abraham, Isaak und Jakob sowie deren Kinder: 9,6-13; Auszug aus Ägypten: 9,14-18);

Kapitel 10 spricht vor allem von Christus, durch den Gott gehandelt hat, vor allem aber mittels des Evangeliums immer noch handelt und in die Entscheidung ruft (10,4: "Denn Ziel des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt.");

Kapitel 11 schließlich spricht von der auf Gott zustrebenden Zukunft der Juden wie der Heiden, denen Gott sein Erbarmen zuwenden wird.

Auslegung

" aus ihm und durch ihn und auf ihn hin" (Vers 36)

Die Zusammenstellung der Präpositionen "aus", "durch" und "auf ... hin" ist keineswegs nur ein Spiel. Sie ist der Versuch, auf gedrängtem Raum, also im Rahmen einer Kurzformel, eine möglichst umfassende Aussage zu formulieren: Gott ist der Allherr über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, über Schöpfung, Geschichte und das "Jenseits" als die uns nicht zugängliche Rückseite der Geschichte. Aus jener Position heraus handelt Gott nach seiner Gerechtigkeit und seiner Barmherzigkeit. Damit erübrigt sich für den Menschen nicht das Nachdenken, auch nicht die kritische Nachfrage. Davon zeugen ja gerade die Kapitel 9 - 11 des Römerbriefs, in denen Paulus über das an sich unbegreifliche Geheimnis Israels nachdenkt. Die Exegeten sprechen von einem "langen und anstrengenden Denkweg" (Michael Theobald) oder einer "mühseligen Argumentation" (Otto Kuss). Aber alle denkerische Anstrengung ändert nichts daran: Am Ende bleibt für den Menschen nur die Absage an diesen Gott oder die Anerkenntnis,  diesen Gott in seiner "Tiefe" nicht wirklich "ergründen" zu können (Vers 33) und dennoch an ihm festzuhalten. Von dieser zweiten Möglichkeit gibt der Hymnus des Paulus ein verdichtetes Zeugnis, das nicht zufällig den Weg des Argumentierens verlässt und die Gebetsprache wählt. Dabei gelangt der Apostel zu einer inhaltlich deutlich gefüllteren Aussage als der alttestamentliche Weisheitslehrer Kohelet, der auch von der Uneinsehbarkeit Gottes spricht:

"10 Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht. 11 Das alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte" (Koh 3,10f.).

Mit seinem dreigliedrigen Bekenntnis zu Gottes Umfassendheit übersteigt Paulus die grundsätzliche Annahme Kohelets eines positiven Sinns in allem Tun von Gott her ("Das alles hat er schön gemacht") und die Berücksichtigung der dem Menschen fehlenden Ewigkeitsperspektive.

Ähnlich verdichtet wie in Römer 11,36 hat Paulus - ebenfalls mithilfe von Präpositionen - im Ersten Korintherbrief ein Bekenntnis formuliert:

"... so haben doch wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr: Jesus Christus. Durch ihn ist alles und wir sind durch ihn" (1 Korinther 8,6).

Aufgrund des völlig anderen Diskussionszusammenhangs in Korinth, der hier nicht darzulegen ist, betont Paulus mithilfe der Präposition "durch" die Christus-Perspektive. An seinem Kreuzestod, den einige Korinther/innen gerne für ihr Leben ausblenden möchten, und der zugehörigen Auferweckung hängt der christliche Glaube. Das wird auch aus dem zugehörigen Zweiten Korintherbrief erkennbar, wo wiederum Präpositionen eine Rolle spielen:

"Zwar wurde er in seiner Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft. Auch wir sind schwach in ihm, aber wir werden zusammen mit ihm vor euren Augen aus Gottes Kraft leben" (2 Korinther 13,4).

Im Römerbrief nutzt Paulus offensichtlich alle, vorher bereits erprobten Mittel, um in einer Art "Summa" seine Theologie der Gemeinde von Rom darzulegen.

Kunst etc.

W. Fabri, Collationes über die O-Antiphonen, Stiftsbibliothek St. Gallen, CC BY-SA 4.0, unbek. Autor, 13.8.2016
W. Fabri, Collationes über die O-Antiphonen, Stiftsbibliothek St. Gallen, CC BY-SA 4.0, unbek. Autor, 13.8.2016
1