Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Apg 1,12-14)

12Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück.

13Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.

14Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

Überblick

Zeugen im Wartezimmer. Die junge Gemeinde vor dem Aufbruch.

 

 

1. Verortung im Buch
Der Evangelist Lukas, der die Apostelgeschichte (Apg) als Fortsetzung seiner Jesuserzählung verfasste, beginnt die Darstellung der Taten und Verkündigung der Apostel mit der Erzählung von einer letzten Begegnung der Apostel mit Jesus und dessen Himmelfahrt (Apg 1,4-9). In Apg 2,1-11 wird mit der Aussendung des Heiligen Geistes das Wirken der Apostel in Gang gesetzt.
Der Text Apg 1,12-14 wirft einen Blick auf die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Gemeinsam mit der Erzählung von der Nachwahl des Matthias als zwölftem Apostel (Apg 1,15-26) zeichnet der Abschnitt eine Übergangszeit im Leben der jungen Gemeinde.

 

2. Aufbau
Die Verse 12-13a sichern den Übergang zwischen der Himmelfahrtsszene und dem Blick auf die Jüngergemeinde in Erwartung des Pfingstereignisses. Vers 13b listet die verbliebenen elf Apostel auf, die in Vers 14 um weitere Jünger und Jüngerinnen ergänzt wird.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 12-13a: Am Ende der Himmelfahrtserzählung bleiben die Jünger auf dem Ölberg zurück und schauen „unverwandt“ in den Himmel (Apg 1,10-11). Sie sind – so scheint es am Ende der Himmelfahrtserzählung – im Rückblick auf das Vergangene gefangen. Erst die Botschaft zweier Engel erinnert sie daran, dass Jesus ihnen den Heiligen Geist verheißen und sie als Zeugen eingesetzt hat (Apg 1,8). Hier setzt der Abschnitt ein mit der Bemerkung, dass die Apostel sich vom Ölberg aus auf den Weg zurück nach Jerusalem machen. Der Weg wird als „Marsch“ mit einer bestimmten Länge, nämlich der am Sabbat erlaubten Anzahl von Schritten, beschrieben, um die Nähe des Himmelfahrtsereignisses zu Jerusalem deutlich zu machen. Im Vergleich zum Abschluss des Lukasevangeliums (Lk), der ebenfalls von der Entrückung Jesu berichtet, ergeben sich zwei wesentliche Unterschiede: Im Lukasevangelium geschieht die Himmelfahrt in Betanien (Lk 24,50), in der Apostelgeschichte auf dem Ölberg. Im Lukasevangelium sind Ehrfurcht (Niederfallen) und große Freude die Reaktionen der Jünger, die im andauernden Lobpreis im Tempel münden (Lk 24,52-53). Die unterschiedliche Darstellung lässt sich mit der Stellung der jeweiligen Abschnitte in den beiden Teilen des lukanischen Doppelwerks erklären. Im Evangelium geht es darum einen feierlichen Abschluss zur Erzählung vom Leben und Wirken Jesu in der Welt zu finden. Mit dem Verweis auf die Jünger im Tempel endet das Evangelium dort, wo es in Lk 1,8 begonnen hatte (Ankündigung der Geburt des Täufers an Zacharias im Tempel von Jerusalem). Der Ölberg ist nicht nur näher an Jerusalem und damit am überlieferten Ausgangsort der jungen Gemeinde, sondern er ist auch der Ort, mit dem die Leidensgeschichte Jesu an Dynamik aufnimmt (Lk 22,39). Im Lukasevangelium geht es um den Abschluss einer Erzählung und damit auch einer Etappe der Heilsgeschichte, hier am Beginn der Apostelgeschichte soll der Umbruch in die Zeit nach Auferstehung und Himmelfahrt gezeichnet werden.

Der Ort, an dem sich die junge Gemeinde versammelt, weist bereits auf das Pfingstereignis hin, das ebenfalls mit einem Haus verbunden ist, in dem sich die Jünger versammeln (Apg 2,1-2). Mit „Obergemach“ dürfte ein Raum gemeint sein, der häufig auf Flachdächer aufgesetzt und separat zugänglich war und als Versammlungsraum dienen konnte (sowohl im AT als auch in Apg 20,8). Die Notiz, dass sie sich „ständig“ dort aufhalten, kann sowohl als Zeichen des Wartens auf die angekündigte Geistsendung als auch als Zeichen der Sammlung verstanden werden (s. Vers 14).

 

Vers 13b: Lukas schildert nun die anwesenden Personen in zwei Kreisen. Den ersten bilden die verbliebenen elf Apostel. Judas Iskariot als zwölfter Apostel fehlt naturgemäß gegenüber der Apostelliste in Lk 6,13-16. Auf diese Weise wird die Lücke, die sich durch den Verrat ergeben hat, betont und die Nachwahl des Matthias in Apg 1,15-26 vorbereitet. Gegenüber der Auflistung der Namen im Evangelium nimmt Lukas eine kleine Umstellung vor. Er nennt nicht Petrus und Andreas, dessen Bruder, in einem Atemzug, sondern Petrus und Johannes, den Bruder des Jakobus, gemeinsam. Damit rückt er diejenigen enger zusammen, die im Laufe der Apostelgeschichte immer wieder gemeinsam als Autoritäten auftreten (z.B. Apg 3,1).

 

Vers 14: Den zweiten Kreis der jungen Gemeinde bilden Frauen im Gefolge Jesu, seine Mutter und seine Brüder. Bereits im Evangelium war seit Lk 8,2 davon die Rede, dass neben den Aposteln auch Frauen Jesus folgten und seine Verkündigung auf ihre Weise unterstützten („mit ihrem Vermögen). Diese Frauen werden auch beim Tode Jesu explizit erwähnt und sind Zeugen der Auferstehung am Ostermorgen. Sie sind also nicht nur zu Lebzeiten Jesu „Anhängerinnen“ des Evangeliums, sondern auch Säulen der ersten Gemeinde. Wenn Maria als Mutter Jesu eigens erwähnt wird, entspricht das ihrer besonderen Stellung in den Erzählungen des Lukas. Die Gruppe der Frauen und Maria stellen wie die Apostel sicher, dass die Gemeinde, die Jesu Verkündigung fortsetzt, in Kontinuität steht zu der Gemeinschaft, die Jesu Wort und Tat miterlebte. Es ist keine „Zeugenschaft“ des Hörensagens, die die junge Gemeinde begründet, sondern es sind Erstzeugen der Botschaft.
Wie die Rede von den „Brüdern“ Jesu zu verstehen ist, ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen, muss aber vom Text her offen bleiben.

Gekennzeichnet wird die Gemeinschaft durch das „einmütige Verharren im Gebet“. Eine Verhaltensweise, die im weiteren Verlauf der Apostelgeschichte noch mehrfach in identischer oder ähnlicher Weise beschrieben wird (z.B. Apg 2,42 und 2,45. Es zeigen sich also auch in dieser „Zwischenzeit“ zwischen Himmelfahrt und Pfingsten bereits konstituierende Elemente der christlichen Gemeinde.

Auslegung

Es ist – wenn man so will – eine Übergangsphase zwischen Jüngersein und Zeugenschaft, in die uns der Evangelist Lukas in dem Abschnitt aus der Apostelgeschichte mitnimmt. Bis zu seiner Entrückung in den Himmel waren die Apostel, die Frauen und die Mutter Jesu ständige Begleiter der Verkündigung Jesu. Maria weiß seit dem Moment der Verkündigung, dass Jesus von Gott gesandt der Welt das heil verkünden soll. Die Apostel machen diese Erfahrung bei ihrer Berufung und in der Nachfolge, die Frauen in ihren Begegnungen mit Jesus, die zum Teil mit Heilungserfahrungen verbunden sind. Als Jünger Jesu sind sie mit ihm auf dem Weg: Sie werden von ihm ausgesendet, das Reich Gottes zu verkünden (Apostel), sie bewahren die Ereignisse im Herzen (Maria), sie unterstützen das Vorhaben Jesu nach Kräften (Frauen). Ihre Jüngerschaft zeigt sich im Unterwegssein mit Jesus und im Wahrnehmen seiner Vollmacht in Wort und Werk. Auf ihre Weise haben sie bereits zu Jesu Lebzeiten Anteil an der Verkündigung des Reiches Gottes. Doch ihre eigentliche Zeit als selbstständige und selbsttätige Zeugen und Zeuginnen der Botschaft aufzutreten, sie beginnt nun, da Jesus nicht mehr unter ihnen ist. Die Frauen und Apostel haben schon eine Momentaufnahme des Zeugnisgebens erlebt – am Ostertag als sie das Grab leer vorfanden und dem Auferstandenen begegneten und anderen davon erzählten. Doch dieses Zeugnis war auf den „inneren Kreis“ begrenzt – sie erzählten untereinander weiter, dass Jesus nicht im Grab geblieben, sondern von Gott zu neuem Leben auferweckt wurde. Mit dem Himmelfahrtsereignis wird deutlich, dass es eine neue Dimension der Jüngerschaft und des Zeugnisses braucht. Eine, die aus der Kraft des Geistes heraus erwächst und die dazu befähigt auch denen, die noch nichts von Jesus, dem Sohn Gottes gehört haben, die frohe Botschaft zu verkünden. Es geht um ein Zeugnis, das in Kontinuität zur Verkündigung Jesu eigenständig Entscheidungen trifft (Nachwahl des Matthias, Auswahl der Sieben, Verkündigung an die Heiden) und eine neue Gemeinschaft konstituiert. In diese nächste Phase der Nachfolge treten die Apostel und die übrigen Jünger und Jüngerinnen nur langsam ein, so scheint es. Zunächst einmal sammeln sie sich, sie warten auf den angekündigten Geist, sie orientieren sich an dem, was sie mit Jesus erlebt haben: Gebet und Gemeinschaft. Wieviel Unsicherheit, Angst, Aufbruchsstimmung in den Versammlungen in einem Obergemach in Jerusalem mitschwank, wenn sich die Jüngergemeinde traf, bleibt unerzählt. Der Abschnitt Apg 1,12-14 bildet den ersten Schritt des Übergangs hin zu einer verkündigenden und wachsenden Gemeinde, wie sie uns zum Beispiel in Apg 2,43-47 vorgestellt wird. Zu diesem ersten Schritt gehört es, zusammenzubleiben und zu warten – zu warten auf den Mut, den Apostelkreis wieder zu vervollständigen und zu warten, mit dem richtigen Rüstzeug ausgestattet zu werden, um kraftvolle Zeugen Jesu „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8) zu sein.

Kunst etc.

Auch auf dieser Pfingstdarstellung auf einem Fenster im Kölner Dom sind neben den Aposteln Maria (in der Mitte der Gemeinschaft) und weitere Frauen als Zeugen abgebildet.