Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Dtn 8,2-3.14b-16a)

2 Du sollst an den ganzen Weg denken, den der HERR, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat, um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen.

Er wollte erkennen, wie du dich entscheiden würdest:

ob du seine Gebote bewahrst oder nicht.

3 Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten.

Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht.

[…]

14dann nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den HERRN, deinen Gott, nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat; 15 der dich durch die große und Furcht erregende Wüste geführt hat, durch Feuernattern und Skorpione, durch ausgedörrtes Land, wo es kein Wasser gab; der für dich Wasser aus dem Felsen der Steilwand hervorsprudeln ließ; 16 der dich in der Wüste mit dem Manna speiste, das deine Väter noch nicht kannten, […]

Überblick

Gott erzieht zum Gehorsam, er prüft und er verlangt eine Entscheidung. Das will Mose dem Volk verdeutlichen, indem er unter anderem auf das Manna-Wunder verweist.

 

1. Verortung im Buch

Moses blickt kurz vor seinem Tod und kurz bevor Israel in das Verheißene Land ziehen wird, auf die Zukunft des Volkes in diesem Land, indem er es an die zurückliegende Wüstenwanderung erinnert. Er schärft seinen Zuhörern und Lesern in diesem Kapitel, Deuteronomium 8, mehrfach den nötigen Gesetzesgehorsam ein – darauf liegt der Fokus dieses Redeabschnittes, der bereits beginnt mit den Worten: „Ihr sollt das ganze Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, bewahren und es halten, […]“ (Vers 1). Wie ein Refrain zieht sich dieses Thema durch Moses Worte. „Du sollst die Gebote des HERRN, deines Gottes, bewahren, auf seinen Wegen gehen und ihn fürchten.“ (Vers 6). Er wird nicht müde dies zu betonen. „dann nimm dich in Acht und vergiss den HERRN, deinen Gott, nicht, missachte nicht seine Gebote, Rechtsentscheide und Satzungen, auf die ich dich heute verpflichte!“ (Vers 11). Und am Ende des Kapitels steht die ausdrückliche Warnung: „Wenn du aber den HERRN, deinen Gott, vergisst und anderen Göttern nachfolgst, ihnen dienst und dich vor ihnen niederwirfst - heute rufe ich Zeugen gegen euch an - , dann werdet ihr völlig ausgetilgt werden.“ (Vers 19). 

Der Gesetzesgehorsam ist der Ort der Entscheidung für oder gegen Gott, das heißt, dies ist eine Entscheidung über Leben und Tod:  „Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen.“ (Deuteronomium 30,15-16).

 

2. Aufbau

Das Motiv zu Wüstenwanderung wird in Vers 2 klar benannt: „Er [Gott] wollte erkennen, wie du dich [Israel] entscheiden würdest: ob du seine Gebote bewahrst oder nicht.“ Entscheidend ist hierbei der Verweis auf die Erzählung vom Manna in den Verse 3 und 16. Diese beiden Verse erklären auch das Verhalten Gottes als Erziehung zum Gehorsam (siehe schon Vers 2) – dies ist besonders markant und auf den Punkt in Vers 16b, der nicht mehr zur Sonntagslesung gehört: „, um, nachdem er dich gefügig gemacht und dich geprüft hat, dir zuletzt Gutes zu tun.“

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 2: Es ist die Aufgabe der Israeliten im Gedenken an die Wüstenwanderung, sich für die Zukunft im Verheißenen Land zu wappnen. Der Erfahrung Gottes in der Vergangenheit dient der Zukunft, wie dies auch in Vers 18, ebenso mit der Aufforderung ‎וְזָֽכַרְתָּ (gesprochen: vezacharta, übersetzt: „du sollst gedenken“): „Gedenke vielmehr des HERRN, deines Gottes: Er ist es, der dir die Kraft gibt, Reichtum zu erwerben, weil er seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hatte, so verwirklichen will, wie er es heute tut.“ (Vers 18). In Vers 2 soll das Israel sich daran erinnern, dass Gott sein Volk in die Wüste geführt hat, um sie zum Gehorsam zu erziehen und darin zu prüfen. Dies wäre falsch verstanden, wenn man es als eine Erniedrigung auslegen würde. Vers 16b verdeutlicht, dass es um die heilbringende innere Einstellung zu Gott geht. Der Gehorsam ist der Kontrast zum erhöhten Herz in Vers 14, in dessen Hochmut man Gott vergisst.

Verse 3 und 16:  Um zu verstehen, was Manna ist, wird auf zwei natürliche Erscheinungen verwiesen. Es gibt auf der Halbinsel Sinai zwei Schildlausarten, die aus der Manna-Tamariske den Pflanzensaft heraussaugen, um damit ihre Larven zu versorgen. Dabei entsteht ein Überschuss, der als kleine weißlich-gelbe Kugeln auf den Boden fallen. Diese Tropfen findet man nur am Morgen, da sie während des Tags schmelzen. Auch ein Wüstenstrauch, die Weiße Hammada, lässt Manna entstehen. Dieses Manna wird von Beduinen als Honigersatz verwendet. In der Erzählung in Exodus 16 geht es jedoch nicht, um die biologische Erklärung des Manna-Wunders, sondern um die durch Gott gewährleistete Ernährung während der 40 Jahre andauernden Wüstenwanderung. Nun betont Mose, dass es dabei nicht nur um das Überleben durch Nahrung ging, sondern um mehr. Das Manna ist ein Sinnbild dafür ist, „dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht.“ Der „Mund JHWHS” steht für die von ihm ergangenen Befehle (siehe zum Beispiel Deuteronium 1,26). Gottes Weisung, bzw. dessen Befolgung schafft Leben.

Vers 14: Gottes Gebote nicht zu beachten, bedeutet ihn und seine Taten zu vergessen (siehe Vers 11). Diese Warnung, nicht zu vergessen, gilt auch für das Leben im Verheißenen Land: “Dann nimm dich in Acht und denk nicht bei dir: Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben.” (Vers 17). 

Vers 15: Die Gefahren eines Wüstenzugs werden auch in der Ninive-Inschrift des assyrischen Königs Asarhaddon ähnlich beschrieben: „eine Trockenwüste, wo Schlangen und Skorpione das Feld bedecken.“ Dass Mose explizit auf die Spei-Kobra, hier Feuernatter genannt, verweist, führt den Leser zur Erzählung der Schlangenplage, die Gott über sein Volk hereinbrechen lies, weil es gegen Gott auflehnte (Num 21,4b-9). Zudem wird auf das Wasserwunder in Exodus 17,1-7 und Num 20,1-13 hingewiesen.  

Auslegung

Gott erzieht sein Volk zum Gehorsam und prüft es. Dieses Verhalten kann sowohl die Versorgung mit Manna bedeuten als auch das Senden von giftigen Schlangen. Im Falle der Erzählung des in Exodus 16 erzählten Manna-Wunders geht es explizit darum, dass Gott sein Volk versorgt, es sich aber diesbezüglich an klare Regeln halten muss (siehe die Rubrik „Kunst“). Wenn man diese Erzählung nachliest, wird recht schnell deutlich, dass anhand des Mannas Israel sich in die Bewahrung der Gesetze Gottes einüben soll – siehe auch die Frage Gottes in Exodus 16,28: „Wie lange wollt ihr euch noch weigern, meine Gebote und meine Weisungen zu bewahren?“. Die Lehre, die Mose in Deuteronomium 8 daraus zieht, ist einfach: Israel soll sich seiner Abhängigkeit von Gott bewusst werden. Das Wohlergehen des Volkes hängt von dessen Gesetzesgehorsam ab.

Kunst etc.

In der Wüste, nach dem Auszug aus Ägypten, dem Sklavenhaus, und auf dem Weg in das verheißene Land, sehnte sich das Volk nicht nach der Zukunft, sondern wollte sich in die Vergangenheit retten. „Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ (Exodus 16,3) Kurz vor dieser Klage wird berichtet, wie das Volk Israel drei Tage lang durch die Wüste Sur wanderte und kein Wasser fand. Selbst wenn sie Wasser fanden, war es untrinkbar. Das Volk murrte und sprach zu Mose: „Da murrte das Volk gegen Mose und sagte: Was sollen wir trinken?“ (Exodus 15,24). Die berechtigte Frage wird vor Gott gebracht und Gott vollbringt ein Wunder: „Er schrie zum HERRN und der HERR zeigte ihm ein Stück Holz. Als er es ins Wasser warf, wurde das Wasser süß. Dort gab er dem Volk Gesetz und Rechtsentscheide und dort stellte er es auf die Probe.“ (Exodus 15,25). Der Gott, der Israel aus dem Sklavenhaus in Ägypten befreit hat, zeigt, dass er auch der Versorger Israels in der Wüste ist. 

In der Wüste versorgt er sie mit überlebenswichtigem Wasser. Dem Volk geht es gut. Aber mit der nächsten Wüste konfrontiert, murren sie wieder gegen Mose. Anders als zuvor wird aber nun nicht berichtet, dass das Volk Hunger oder Durst litt. Sondern sie murren angesichts des Weges in das verheißene Land, der ihnen bevorsteht. „Dann kamen sie nach Elim. Dort gab es zwölf Quellen und siebzig Palmen; dort am Wasser schlugen sie ihr Lager auf. Die ganze Gemeinde der Israeliten brach von Elim auf und kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und dem Sinai liegt. Es war der fünfzehnte Tag des zweiten Monats nach ihrem Auszug aus Ägypten. Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.“ (Exodus 15,27-16,2). Sie sehen die Wüste und erinnern sich an die Fleischtöpfe und das Brot, womit sie in Ägypten als Sklaven versorgt waren. Die neue Freiheit deuten sie als Todesurteil (Exodus 16,3). Und wieder greift Gott als Versorger seines Volkes ein: „Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ (Exodus 16,4). Gott versorgt sein Volk mit dem Himmelsbrot „Manna“ am Morgen und mit Wachteln am Abend. Es ist dafür gesorgt, dass jeder mit seinem täglichen Brot und Fleisch versorgt ist. Aber Gott stellt seine Fürsorge auch unter eine Bedingung, die Mose dem Volk mitteilt: „Das ordnet der HERR an: Sammelt davon so viel, wie jeder zum Essen braucht, ein Gomer für jeden, entsprechend der Zahl der Personen in seinem Zelt! Die Israeliten taten es und sammelten ein, der eine viel, der andere wenig. Als sie die Gomer zählten, hatte keiner, der viel gesammelt hatte, zu viel, und keiner, der wenig gesammelt hatte, zu wenig. Jeder hatte so viel gesammelt, wie er zum Essen brauchte. Mose sagte zu ihnen: Davon darf bis zum Morgen niemand etwas übrig lassen.“ (Exodus 16,16-19). Die Menge an Manna allein, die jeder einsammeln sollte, wird mit einem Gomer pro Person angegeben. Vermutlich handelt es sich dabei ca. um 2-4 Liter.3) Dies stellt eine beträchtliche Menge dar, die die Großzügigkeit der Gottesgabe verdeutlicht. Doch trotz des Überflusses sollen keine Reserven angelegt werden, sondern das Volk soll jeden Tag aufs Neue seinem Gott vertrauen. „Doch sie hörten nicht auf Mose, sondern einige ließen etwas bis zum Morgen übrig. Aber es wurde wurmig und stank. Da geriet Mose in Zorn über sie.“ (Exodus 16,20). Nahrung auch für den nächsten Tag aufzubewahren, klingt vernünftig. Aber es ist in diesem Fall eine egoistische Handlung mit der ein Zweifel gegenüber Gott einhergeht: Wird Gott uns auch morgen versorgen? Mit dem Manna ist in der Erzählung in Exodus 16 ein zweites Gebot verknüpft. Am siebten Tag, an dem gemäß der Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 Gott selbst ruhte, wird das Volk am Morgen kein Himmelsbrot finden. Stattdessen erhält es bereits am sechsten Tag eine doppelte Ration. „Am sechsten Tag sammelten sie die doppelte Menge Brot, zwei Gomer für jeden. Da kamen alle Sippenhäupter der Gemeinde und berichteten es Mose. Er sagte zu ihnen: Es ist so, wie der HERR gesagt hat: Morgen ist Feiertag, heiliger Sabbat für den HERRN. Backt, was ihr backen wollt, und kocht, was ihr kochen wollt, den Rest bewahrt bis morgen früh auf! Sie bewahrten es also bis zum Morgen auf, wie es Mose angeordnet hatte, und es faulte nicht, noch wurde es madig. Da sagte Mose: Esst es heute, denn heute ist Sabbat für den HERRN. Heute findet ihr draußen nichts. Sechs Tage dürft ihr es sammeln, am siebten Tag ist Sabbat; da wird nichts da sein. Am siebten Tag gingen trotzdem einige vom Volk hinaus, um zu sammeln, fanden aber nichts.“ (Exodus 16,22-27). Sowohl für den sechsten Tag als auch für den siebten Tag der Woche war das Volk somit versorgt. Aber selbst im Überfluss verlangt der Mensch noch mehr: „Da sprach der HERR zu Mose: Wie lange wollt ihr euch noch weigern, meine Gebote und meine Weisungen zu bewahren?“ (Exodus 16,28). 

Das Volk Israel murrt immer wieder auf seinem Weg aus Ägypten bis hin zum Sinai, wo Gott einen Bund mit ihnen schließt und ihm die Grundordnung für das Leben im verheißenen Land gibt. Obwohl Gott sich immer wieder als zuverlässiger Fürsorger erweist, lässt die abstrakte Gefahr der Wüste und die Erinnerung an eine vermeintlich bessere Vergangenheit das Volk zweifeln. Aber Gott erweist sich immer wieder als die bessere Zukunft. Immer wieder wirbt er um sein Volk und führt es so in das verheißene Land. Die Fürsorge geht jedoch auch einher mit Forderungen bzw. Geboten, die Teil des Weges sind. Es ist leicht, nein zum Weg und nein zu den Geboten zu sagen.

Das Altarbild „Die Sammlung des Mannas“ eines unbekannten Künstlers, das wahrscheinlich 1460 entstand, stellt plastisch dar, welche Bedeutung das Mann in der Erzählung der Wüstenwanderung hatte. Es versorgte das Volk nicht nur, sondern es war die dauernde Erfahrung des Segen Gottes, ohne selbst dafür arbeiten zu müssen.

„The Gathering of the Mann”, ca 1460, aus der Sammlung des Musée de la Chartreuse de Douai – Lizenz: gemeinfrei.
„The Gathering of the Mann”, ca 1460, aus der Sammlung des Musée de la Chartreuse de Douai – Lizenz: gemeinfrei.