Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Dtn 7,6-11)

6Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der HERR, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.

7Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern. 8Weil der HERR euch liebt und weil er auf den Schwur achtet, den er euren Vätern geleistet hat, deshalb hat der HERR euch mit starker Hand herausgeführt und dich aus dem Sklavenhaus freigekauft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.

9Daran sollst du erkennen: Der HERR, dein Gott, ist der Gott; er ist der treue Gott; noch nach tausend Generationen bewahrt er den Bund und erweist denen seine Huld, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 10Denen aber, die ihn hassen, vergilt er ins Angesicht und tilgt einen jeden aus; er zögert nicht, wenn er ihn hasst, sondern vergilt ihm ins Angesicht.

11Deshalb sollst du das Gebot bewahren und die Gesetze und die Rechtsentscheide, auf die ich dich heute verpflichte, und du sollst sie halten.

Überblick

Gott, der eifersüchtig und treu ist, liebt und vergilt. Und es gilt: Eine Auserwählung ist kein Verdienst.

 

1. Verortung im Buch

Der Gott, der Israel aus Ägypten befreit hat, ist auch der Gott, der die anderen Völker für Israel aus dem Verheißenen Land vertreibt. Er ist der Gott – wie Mose in Deuteronomium 7 in seiner Rede zum Volk mehrfach betont –, der „ dir viele Völker aus dem Weg räumt“ und „sie dir ausliefert“ (siehe Verse 1-2). Theologisch wird dies begründet durch die Schuld der Völker: „Vielmehr rottet der HERR, dein Gott, diese Völker vor dir aus, weil sie im Unrecht sind […]“  (Deuteronomium 9,5). Mit den Völkern des Landes darf das Volk Gottes keine Verbindung eingehen, sondern sie sind zu bannen (Verse 1-5). Nur in der Abgrenzung zu den anderen Völkern ist Segen zu finden (Verse 12-16). Diese radikale Theologie wird in den Versen 6-11 begründet.

 

2. Aufbau

Am Anfang steht eine Grundsatzerklärung (Vers 6), die begründet weird (Verse 7-8) und woraufhin die daraus folgenden Konsequenzen benannt werden (Verse 9-10). Und am Ende steht der Appell zum Gesetzesgehorsam (Vers 11).

 

3. Erklärung einzelner Aspekte

Vers 6: Die in den vorherigen Versen geforderte klare Abgrenzung gegenüber den im Verheißenen Land ansässigen Völkern findet ihre Begründung in der Auserwählung Israels, wie sie Gott dem Mose bereits in Exodus 19,4-6 dargelegt hatte. Diese Worte spiegeln das Grundverhältnis Israels zu seinem Gott wieder, zu dem das Volk am Ende des Buches Deuteronomium im Angesichtes JHWHs zustimmt: „Du [Volk Israel] hast ihm erklärt: Du möchtest das Volk werden, das ihm persönlich gehört, wie er es dir zugesagt hat. Du willst alle seine Gebote bewahren; er soll dich über alle Völker, die er geschaffen hat, erheben - zum Lob, zum Ruhm, zur Zierde - ; und du möchtest ein Volk werden, das ihm, dem HERRN, deinem Gott, heilig ist, wie er es zugesagt hat.“  (Deuteronomium 26,18-19). „Heiligkeit“ ist in diesem Kontext kein Zustand, sondern es beschreibt die Beziehung zu Gott, wörtlich: „ein für JHWH heiliges Volk“. Es geht um die am Anfang der Zehn Gebote betonte exklusive Beziehung zwischen Israel und seinem Gott. Sie ist keine Eigenschaft des Volkes, sondern gründet alleine im souveränen Akt der Auserwählung durch Gott. Die Auserwählung macht das Volk zum „Eigentum“ Gottes – und diese Wortwahl findet sich auch in den Dokumenten aus dem Alten Orient, in der Vasallenkönige ebenso als „Eigentum“ bezeichnet wurde.

Verse 7-8: Es ist ein wiederkehrendes Motiv im Alten Testament, dass Gott die Geringen erwählt. Doch selbst im Geringsein ist kein Grund für die Auserwählung gegeben – sondern es ist ein souveräner Akt: Gott liebt aus keinem Grund, sondern er liebt. Anders ausgedrückt: Gott liebt Israel, weil er Israel liebt – und dies ist im Hebräischen mit einem Wort ausgedrückt, dass sich auch als „ins Herz schließen“ übersetzen lässt. Zusätzlich zur Liebe Gottes wird auch seine Treue betont. Die an die Erzeltern ergangenen Landverheißungen werden sich für Israel erfüllen (siehe zum Beispiel Genesis 15) – und der Auszug aus Ägypten sei dafür der versichernde Beweis. Dass die Befreiung aus dem Sklavenhaus Israel zum Eigentum Gottes gemacht hat, wird dadurch betont, dass sie als ein Freikaufen beschrieben wird.

Verse 9-10: Mose verweist direkt auf die Zehn Gebote, in denen Gott selbst über sich offenbart: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott: Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen.“ (Deuteronomium 5,9). Direkt ins Auge fällt die Änderung zum „eifersüchtigen Gott“ zum „treuen Gott“ – damit einher geht auch die Klärung, dass Gott die Schuld nicht nur „prüft“, sondern sie „vergilt“. Die Treue Gottes führt zur Gerechtigkeit, deren Maßstab das Einhalten seiner Gesetze ist. Hier steht nicht die Barmherzigkeit Gottes im Zentrum, sondern, wie die Aussage „er zögert nicht“ betont, sondern die Vergeltung im positiven wie im negativen Sinne.

Vers 11: Die Aufforderung zum Gesetzesgehorsam bedeutet die Treue Gottes und die Erhaltung des Bundes mit ihm. Die Verse 11 und 12 muss zusammenhängend gelesen werden. In Vers 12 steht: „Wenn ihr diese Rechtsentscheide hört, sie bewahrt und sie haltet, wird der HERR, dein Gott, dir dafür den Bund und die Huld bewahren, die er deinen Vätern geschworen hat.“ Dem Gesetzesgehorsam geht die Zusage voraus und folgt ihm nach.

Auslegung

„Erweist euch als heilig und seid heilig, weil ich heilig bin“, dazu fordert das Buch Levitikus seine Leser und Leserinnen mehrfach auf (zum Beispiel Levitikus 11,44). Das Volk soll sich seinem Gott anpassen – nicht andersherum. ist ein alle Lebenssphären umfassender Anspruch, der sowohl das Verhältnis zu Gott, zu den Menschen und zur Welt insgesamt definiert. Gott als Schöpfer der Welt ist das Prinzip der Heiligkeit und seine Heiligkeit hat einen verpflichtenden Charakter nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im ethischen Handeln. Aufgrund der Heiligkeit Gottes soll Israel zum Beispiel die Elterngeneration ehren, die Sabbate halten, keine anderen Götter neben JHWH verehren, für die Armen und Fremden sorgen, das Recht nicht beugen, nicht hassen und den Nächsten lieben (siehe Levitikus 19). In Deuteronomium 7 nun scheint die Heiligkeit in Vers 6 eine festgeschrieben Perspektive zu sein: „Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist.“ – aus dieser Gabe entwächst die Aufgabe: „Deshalb sollst du das Gebot bewahren und die Gesetze und die Rechtsentscheide, auf die ich dich heute verpflichte, und du sollst sie halten.“ In diesem Spannungsfeld steht die Erkenntnis, dass Gott in allem seinem Handeln souverän ist. Er liebt Israel nicht aus irgendeinem Grund, sondern er liebt Israel, weil er Israel liebt. Die Logik stößt hier an ihre Grenzen. Doch sein Zorn folgt einer klaren Logik. In der Beziehung zu ihm entscheidet sich seine Treue: Er hasst, den, der ihn hasst. Anders als in der Wesensbeschreibung Gottes in Exodus 34,6-7 ist er nicht „langmütig zum Zorn“, sondern er vergilt Hass direkt, ohne Zögern. Welche radikale Bedeutung diese Aussage auch für Israel hat wird bereit im nächsten Kapitel im Buch Deuteronomium deutlich. Auch die Liebe zu Israel kennt klare Grenzen – eben wenn die Gesetz Gottes nicht eingehalten werden: „Wie die Völker, die der HERR bei eurem Angriff austilgt, so werdet auch ihr dafür ausgetilgt werden, dass ihr nicht auf die Stimme des HERRN, eures Gottes, gehört habt.“ (Deuteronomium 8,20).

Kunst etc.

Das Buch Deuteronomium ist im Endeffekt die Abschiedsrede Moses, bevor er stirbt, ohne das Verheißene Land betreten zu dürfen. Die Worte darin sind also immer mit einem Blick auf die bisherige Geschichte und die kommenden Ereignisse zu lesen. Deuteronomium 7,6-11 basiert auf mehreren Texten, die der Leser oder die Leserin angekommen an dieser Stelle zuvor bereits gelesen hat, wenn er oder sie den Pentateuch als ein Werk liest – zum Beispiel Ex 19,4-6; 20,5 und Ex 34,6-7. Dieser Blick zurück weist den Weg in die Zukunft im Verheißenen Land und in der Beziehung zu Gott.

„The Death of Moses, as in Deuteronomy 34:1-12“, Illustration einer Bibelpostkarte von 1907, hergestellt von Providence Lithograph Company – Lizenz: gemeinfrei.
„The Death of Moses, as in Deuteronomy 34:1-12“, Illustration einer Bibelpostkarte von 1907, hergestellt von Providence Lithograph Company – Lizenz: gemeinfrei.