Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,8-11)

8Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.

9Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

10Wenn aber Christus in euch ist, dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde, der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit.

11Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Überblick

Wer diese Lesung zum ersten Mal hört oder liest, bei dem kann sich leicht ein "Drehwurm" einstellen: Beständig wirbelt Paulus mit den Begriffen "Fleisch" und "Geist" herum, wobei auch noch mal vom "Geist Gottes", mal vom "Geist Christi" die Rede ist. Mal "wohnt" dieser Geist "in einem", mal "hat" man ihn wie eine äußere Größere. Dann wechselt Paulus auch noch zwischen "Fleisch" und "Leib", wobei der Leib mal "tot", mal aber "Leben" ist. Und schließlich wird am Ende auch noch von "sterblichen Leibern" gesprochen.

Offensichtlich spricht bzw. schreibt mit Paulus einer, dem selbst alle Zusammenhänge klar sind, der aber so erfüllt ist von seiner Botschaft, dass er sie in sehr verdichteter und geradezu übersprudelnder Weise darlegt.

 

Einordnung in den Zusammenhang

Das 8. Kapitel ist so etwas wie das Zentrum des gesamten Römerbriefs, in dem Paulus der Gemeinde von Rom, die er auf seiner Reise von Jerusalem nach Spanien besuchen will, den Kern seiner Verkündigung vorab präsentiert.

Alle vorangehenden Ausführungen (Kapitel 1 - 7) zusammenfassend, formuliert Paulus als "obersten Merksatz" iin Römer 8,2:

"Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes."

Hier fallen schon wichtige Begriffe der Lesung zum ersten Mal: "Geist", "Leben", "Tod", "Christus". Die folgenden, der Lesung ebenfalls vorangehenden Verse kreisen um den weiteren wichtigen Begriff "Fleisch", der erstmals in Römer 8,3 begegnet, und zwar in der rätselhaft klingenden Formulierung: "das Gesetz, ohnmächtig durch das Fleisch". Der schwierigen Folgeverse einfach dargestellter Sinn heißt: Das Gesetz - gemeint ist das Gesetz Gottes, das einst Mose und durch ihn dem Volk Israel in der Wüste mitgeteilt wurde - hat aus sich keine Macht, den Menschen dazu zu zwingen, das zu tun, was es will. Die Übertragung ins Heute ist einfach: Auch ein noch so scharfes Strafgesetz kann den verbotenen Mord nicht verhindern. Umgekehrt stellt Paulus fest: Der Mensch hat nicht nur keine Lust darauf, sich am Gesetz zu orientieren, sondern als Mensch - näherhin: als Fleisch - kann er es gar nicht. Das Fleisch ist schwach! Weil aber das Gesetz, um das es Paulus geht, ein göttliches ist - anders als das von Juristen erstellte Strafgesetz Deutschlands oder anderer Länder -, ist der Widerstand gegen das Gesetz eine Feindschaftserklärung gegen Gott. In Vers 7, dem letzten Vers vor der heutigen Lesung, heißt es deshalb:: "Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nämlich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht".

Genau an diesem Punkt setzt die heutige Lesung ein, wobei Vers 8 die Passage Römer 8,1-8 abschließt, während die Verse 9-11 einen neuen Gedankenschritt darstellen.

 

Vers 8

Vers 8 zieht das Fazit aus dem vorangehenden Vers 7. Beide Verse sind durch dieselbe Grundsatzaussage des Unvermögens miteinander verbunden:

Vers 7: "... das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nämlich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht."

Vers 8: "Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen."

Wörtlich steht da: "Die aber im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen". "Im Fleisch sein" ist eine Variante zum "Trachten des Fleisches"(Vers 7) wie auch zu "gemäß dem Fleisch unterwegs sein" (vorher in Vers 4). Jede der Formulierungen steht für eine eigene Nuance. [Wegen der engen Verwobenheit von Rmer 8,8-11 mit den Vorgängerversen 8,1-7 ist der vollständige Text unter der Rubrik "Kontext" wiedergegeben.]

Am hilfreichsten ist vielleicht ein Blick auf das "Trachten des Fleisches", auch wenn es in der Lesung selbst nicht vorkommt. In den vorangehenden Versen 5-7 kommt es viermal vor! Das dahinter stehende griechische Wort (phroneĩn) umfasst "denken, urteilen", "den Sinn auf etwas richten" und "jemandes Partei ergreifen". Es geht also um die innere Ausrichtung, die Maßstäbe und die Zugehörigkeit. Es geht um die Kärung der Frage: Wer ist eigentlich der "Herr im Haus", welches der Leib ist: Ist es das Gesetz des Widerspruchs gegen das, was von außen an den Menschen herantritt? Ist es das Gesetz der reinen Selbstbezüglichkeit (es zählt allein das eigene Ich, in welchen Facetten auch immer)? Sind es die "Leidenschaften" und "Begierden", die Paulus ausführlich im vorangehenden Kapitel 7 des Römerbriefs behandelt hat? Das alles wäre in Paulus-Sprache das "Trachten des Fleisches" wie auch das "Unterwegssein nach den Maßstäben des Fleisches".

Die Variante "im Fleisch sein" aus Vers 8 schließt alles Gesagte ein, weist aber darüber hinaus auf die Alternative hin. Sie ist gebildet als Gegenformulierung zu "in Christus Jesus sein", die sowohl Vers 1 als auch der "Merksatz" Vers 2 (s. o.) benennen. Beide Redeweisen wecken die  Vorstellung eines Raumes, in dem man sich bewegt. Es gibt - um beim Bild vom "Herrn im Haus" zu bleiben - offensichtlich zwei Herrschaftsbereiche, die sich gegenseitig ausschließen. Wer sich im Herrschaftsbereich des Fleisches aufhält, wird sich weder auf den göttlichen Willen einlassen noch Gott gefallen können. Verführbarkeit durch das Ego (Ich) und Gottferne bleiben sein Teil.

Damit bleibt offen, was denn "in Christus sein" - aslo der Aufenthalt in dem anderen Herrschaftsbereich - bedeutet, worin also die Alternative besteht. Das ist das das Thema des mit Vers 9 beginnenden Absatzes.

 

Vers 9

Vers 9 wechselt - zur Markierung des Wechsels von einem Herrschaftsbereich zum anderen - nach dem Reden über Andere (Vers 8: "Wer aber vom Fleisch bestimmt ist", was übrigens direkt an den nicht zur Lesung gehörigen Vers 5 anknüpft: "Denn diejenigen, die vom Fleisch bestimmt sind ...") in die direkte Anrede: "Ihr aber ..."

Wer ist mit dem "Ihr" konkret gemeint? Dieses "Rätsel" löst sich, wenn man die häufiger wechselnden Sprechweisen der vorangehenden Passage Römer 8,1-8 verfolgt: Darin geht es zunächst um die, "welche in Christus Jesus sind" (Vers 1); diese werden mit einem allgemeinen "du" direkt angesprochen: "... Christus Jesus hat dich frei gemacht ..." (Vers 2). Dieses "du" wird als eine größere Gruppe identifiziert, zu der auch Paulus sich selber rechnet: "damit die Forderung des Gesetzes durch uns erfüllt werde, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben". Genau von diesem "wir/uns" grenzt Paulus die ab, "die vom Fleisch bestimmt sind" (Verse 5-8). Über sie wird nur in der dritten Person, also als "die Anderen" gesprochen.

Um so deutlicher wendet sich Paulus nun in Vers 9 wieder der bislang "du" bzw. "wir" genannte Gruppe zu: "Ihr aber ...". Dass er nun nicht mehr vom "Wir", spricht, sich selbst also heraushält, liegt an seiner Rolle: Auch wenn er sich mit der Gemeinde solidarisch sieht, ist er als Apostel und Briefschreiber derjenige, der den Gemeindegliedern etwas sagen möchte. Näherhin spricht er ihnen Trost und Stärkung im Glauben zu. Genauer: Er spricht sie auf ihren Status hin an. Dabei meint die Umschreibung der "Geistbestimmtheit"  bzw. des "Wohnung-Seins für den Geist" nichts anderes als den Status des Getauftseins. Die Taufe zieht nach Paulus eine Trennlinie zwischen denen, die zu Christus gehören und denjenigen, die nicht zu ihm gehören.

Hier geht es nicht um eine neue Form von Feindschaftserklärung,  sondern um eine Identitätsbestimmung der Angesprochenen.  Paulus spricht die römischen Christen als diejenigen an, bei denen aufgrund und seit ihrer Taufe Christus "der Herr im Hause" ist. Was der "im Sinn hat", der "Partei für Christus" ergriffen hat (im Ja der Taufe), hat Vers 6 ausdrücklich benannt: "das Trachten des Geistes aber [führt] zu Leben und Frieden". Als Haltungen haben beide ("Leben und Frieden") nicht das eigene Fleisch, sondern vor allem das Wohl der anderen im Blick. Das ist die Alternative. Und so sind diese beiden Begriffe in Vers 9 unbedingt mitzuhören. Und nicht zufällig grüßt Paulus in seinen Briefen immer wieder unter Hinweis auf den "Gott des Friedens" (Römer 15,33; 2 Korinther 13,11; Philipper 4,9; 1 Thessalonicher 5,23).

 

Verse 10-11

Die letzten beiden Verse bilden insfern eine enge Einheit, weil Vers 10 ohne Vers 11 nicht wirklich zu verstehen ist. Anders gesagt: Vers 11 nennt den inneren Grund für die Aussage von Vers 10.

Gemäß der Tauftheologie des Paulus (Vers 9 spricht die Getauften an) bezeichnet das Untertauchen im Wasser ein "Sterben mit Christus" (Römer 6,4.8). Weil aber der Tod Jesu, d. h. seine Hinrichtung am Kreuz, das "letzte Werk" der Sünde ist, insofern diese Tötung durch die Sündenlosigkeit des hingerichteten Jesus als absurd erwiesen ist und die Sünde in ihrer Wirkung durch die Auferweckung definitv aufgehoben und als nicht mehr wirksam erwiesen ist, deshalb bedeutet die Taufe als "Sterben mit Christus" auch ein Hineingenommenwerden in diese "Erledigung" der Sünde bzw. der Sündenmacht. So ist der Leib - das "Haus des Menschen" (s. o.) - hinsichtlich der Sünde tot. Tatsächlich leben aber auch alle Getauften immer noch in einem Leib, für den gilt, dass er der Schwäche des Fleisches unterliegen kann (s. Vers 7). Die Absage an die Macht der Sünde bzw. die Ohnmacht des Fleisches ist daher das absolut unerschütterliche Setzen auf Gottes Handeln in Jesus Christus. Die Absage geschieht also im Glauben, der - am Ende! - zu einem Leben in unaufhörlicher Gemeinschaft mit Gott und in Vollendung führen wird, vorher aber - hoffentlich! - zu einer heilvollen Lebenspraxis, die bereits von der zu erwartenden Vollendung bestimmt wird (s. die beiden Stichworte "Leben" und "Frieden"). Diesen Glauben nennt Paulus "Gerechtigkeit". Sie meint eine "Richtigkeit", die sich nicht aus der inneren Überzeugung von sich selbst ableitet, sondern aus der Überzeugung, dass Gott gerecht und richtig handelt und so für jede und jeden wirkliches Leben ermöglicht. So zu leben wäre Geist-bestimmtes Leben.

Und wie soll dieses möglich sein angesichts der Schwäche des Fleisches? Weil die Taufe, indem sie an Sterben und Auferweckung Jesu Anteil gibt, zugleich auch Geistmitteilung ist. Der Geist ist nicht nur das Prinzip einer erneuerten und heilvollen Lebenspraxis, , sondern auch die Kraft, die am Ende unsere sterblichen Leiber lebendig machen wird, also Auferweckung von den Toten ermöglicht. Sie ist aber eben auch schon vorher in den Lebenden wirksam. Paulus traut dem Geist Gottes eine ungeheure Dynamik zu, die wirkt (s. dazu auch unter der Rubrik "Kunst").

Den dahinter stehenden Glauben hat er in Römer 4,17 formuliert, in dem zweitkürzesten Credo des Neuen Testaments (nach Thomas' "Mein Herr und mein Gott" in Johannes 20,28). Dort bekennt sich Paulus zu dem Gott, "der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft" (Römer 4,17).

So wirkt Gott in der Taufe mit derselben, schon bei der Schöpfung wirksamen Kraft ("Geist"), mit der er Christus von den Toten erweckt hat. Und es ist diese selbe Kraft, die in jedem wirkt, der sich auf das Geheimnis von Tod und Auferweckung einlässt.

Auslegung

Geist Gottes und Geist Christi

Es mag verwundern und irritieren, dass Paulus in diesem Lesungsabschnitt wechselweise vom "Geist Gottes" und dem "Geist Christi" spricht. Doch Paulus ist in seiner Verkündigung ein strikter "Theo-loge", ein "von Gott Sprechender". Vor aller Rede von Christus steht die Rede von Gott. Als ein Mann, der aus dem Judentum kommt, dessen oberstes Credo wiederum lautet: "Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig" (Deuteronomium 6,4), kann Verkündigung bei Paulus gar nicht anders "funktionieren". Was immer geschieht: Der eigentliche Handelnde ist Gott. Und so wie der "Geist Gottes" bereits am Beginn der Schöpfung alles zusammenhält (vgl. Genesis 1,1-2: "1 Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. 2 Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser."), so wie dieser Gott sich in der Geschichte Israels als wirksam erwiesen und im Gesetz ("Tora") seinen Willen kundgetan hat, so ist es am Ende auch dieser Gott, der Jesus von den Toten auferweckt. Seine Wirkkraft in allem ist der Geist. Mit ihm wirkt er auch in den Menschen.

Wenige Verse nach der heutigen Lesung, in Röm 8,14-15, schreibt Paulus von diesem Gott und dem, was er bei den Menschen bewirkt:

"14 ... die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes. 15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!"

Dieser "Geist der Kindschaft" (wörtlich, wie die Einheitsübersetzung in einer Anmerkung hinzufügt: "Geist der Sohnschaft") ist aber durch niemand anders vermittelt als durch "den Sohn schlechthin", nämlich Jesus Christus. Deshalb kann Paulus im Galaterbrief, der auf inhaltlicher Ebene eine Art Vorläuferschreiben zum Römerbrief ist, denselben Gedanken so formulieren:

"4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, 5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. 6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater (Galater 4,4-6).

Der "Geist des Sohnes" ist kein anderer als der "Geist Gottes", und in ihm gewinnt die Abba-Anrede des Christen, die sich an Gott selbst wendet, ihre eigentliche Ausdrucksgestalt und Konkretion.

Das Hauptwirken Gottes aber, das sozusagen der Befähigung zum Abba-Ruf der Christen vorangeht und dessen Grund ist, ist die Anteilgabe am Tod Jesu, der  - paradoxerweise - aus derTodessphäre der Sünde befreit (vgl. Römer 8,3), und an der Auferweckung Jesu. Von ihr heißt es im letzten Vers der heutigen Lesung, wenn man ihn  einmal auf sein Grundgerüst zurückführt:

"Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, wird er auch eure sterblichen Leiber durch seinen Geist lebendig machen" (vgl. Römer 8,11).

Grammatisch kann das "seinen Geist" sowohl auf den auferweckenden Gott als auch auf Jesus bezogen werden. Dies dürfte durchaus Absicht sein, weil das Handeln Gottes in Jesus eine solche Einheit darstellt, dass die Rede vom "Geist Gottes" und vom "Geist Jesu" austauschbar werden. Insofern für die Christen die Taufe die Hineinnahme in das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu bedeutet, ist der "Geist Jesu" die eigentliche "Vermittlungsinstanz" zwischen dem "Geist Gottes" und dem Geist, der im Menschen wirkt.

Dabei hält die Rede vom Geist, der für die Wirksamkeit, Kraft und Gegenwart des auferweckten Herrn steht, zugleich auch noch fest, dass es insgesamt um ein Glaubens- und Hoffnungsgeschehen geht. Denn Anteil am Geist des Auferweckten zu haben, heißt eben noch nicht, bereits auferweckt zu sein. Dies steht dem Menschen erst am Ende seines "sterblichen Leibes" bevor und kann durch nichts vorweggenommen werden - auch wenn Paulus gelegentlich (besonders in Korinth) mit Glaubensenthusiasten zu tun hatte, die sich in eine solche Phantasie hinein verrannt hatten.

Als Fazit kann man festhalten: Vom "Geist Jesu" zu sprechen, ohne zugleich auch vom "Geist Gottes" zu sprechen, wäre ein Irrglaube. Vom "Geist Gottes" aber kann man - als Christ - nicht sprechen, ohne zugleich vom "Geist Jesu" zu sprechen.

Ihn tragen alle Getauften in sich. Dafür wählt Paulus andernorts das Bild vom "Tempel":

"Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; ..." ( 1 Korinther 6,19).

Doch diese Zusage will täglich ins Leben umgesetzt werden (vgl. Römer 8,4)!

 

 

 

Kunst etc.

Papsthügel Marienfeld und schlafende Pilger, CC 3.0 Raphael Haugwitz (21.8.2005)
Papsthügel Marienfeld und schlafende Pilger, CC 3.0 Raphael Haugwitz (21.8.2005)

Es tut vielleicht gut, in der auf die Stimmung schlagenden Corona-Krise sich an lichtvollere Zeiten zu erinnern. Zu ihnen zählt der  Weltjugendtag 2005, der in einen "Jahrhundertsommer" fiel und in vielerlei Hinsicht ein Stimmungshoch bezeichnet.

Was hat er mit der Lesung aus dem Römerbrief zu tun? Man könnte natürlich den gewaltigen Pilgerstrom an Jugendlichen und auch Erwachsenen durchaus als ein "Unterwegssein unter dem Antrieb des Geistes Gottes und Jesu Christi" deuten, um ein Bild aus dem nicht zur Lesung hören Vers Römer 8,4 aufzugreifen (s. unter "Kontext"). Ein sehr viel engerer Bezug ergibt sich allerdings, wenn man auf einen Abschnitt der Predigt von Papst Benedikt XVI. schaut, die er bei der abschließenden Sonntagseucharistie am 21. August 2005 gehalten hat. Hier entwickelt er ein Bild von der Wirkkraft des Geistes Gottes im Geheimnis von Tod und Auferweckung Jesu, das in seiner Sprengkraft ziemlich genau trifft, worin Paulus den Unterschied zwischen "Orientierung am Fleisch" und "Orientierung am Geist" erblickt (vgl. Römer 8,6-8, wobei nur Vers 8 ind ie Lesung mit hineingenommen ist). Doch während Paulus an die Redeweisen und Denkvorstellungen seiner durch das Judentum und die griechische Philosophie geprägte Zeit gebunden bleibt, wagt der damalige Papst bei der Suche nach dem Bildervorrat den Griff in die Moderne, um inhaltlich dennoch genau bei dem zu bleiben, was die Heilige Schrift sagt.

Die Ausführungen von Papst Benedikt beziehen sich auf dei Feier der Eucharistie als der Feier von Tod und Auferweckung Jesu - dem zentralen "Doppel-Geheimnis", das Paulus in Vers 11 der Lesung so zusammenfasst:

"Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt."

Bei Benedikt XVI. liest sich die Feier dieses "Doppel-Geheimnisses" so:

"Dies nun ist der zentrale Verwandlungsakt, der allein wirklich die Welt erneuern kann: Gewalt wird in Liebe umgewandelt und so Tod in Leben. Weil er den Tod in Liebe umformt, darum ist der Tod als solcher schon von innen her überwunden und Auferstehung schon in ihm da. Der Tod ist gleichsam von innen verwundet und kann nicht mehr das letzte Wort sein. Das ist sozusagen die Kernspaltung im Innersten des Seins – der Sieg der Liebe über den Hass, der Sieg der Liebe über den Tod. Nur von dieser innersten Explosion des Guten her, die das Böse überwindet, kann dann die Kette der Verwandlungen ausgehen, die allmählich die Welt umformt. Alle anderen Veränderungen bleiben oberflächlich und retten nicht. Darum sprechen wir von Erlösung: Das zuinnerst Notwendige ist geschehen, und wir können in diesen Vorgang hineintreten. Jesus kann seinen Leib austeilen, weil er wirklich sich selber gibt."

(Ausschnitt aus der Predigt von Papst Benedikt XVI. auf dem Marienfeld beim Weltjugendtag am 21.8.2005; zur vollständigen Predigt s. http://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/homilies/2005/documents/hf_ben-xvi_hom_20050821_20th-world-youth-day.html)