Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 4,12-23)

12Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück.

13Er verließ Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naftali.

14Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:

15Das Land Sebulon und das Land Naftali, / die Straße am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, / das heidnische Galiläa:

16Das Volk, das im Dunkel saß, / hat ein helles Licht gesehen; / denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, / ist ein Licht erschienen.

17Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.

18Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, genannt Petrus, und seinen Bruder Andreas; sie warfen gerade ihr Netz in den See, denn sie waren Fischer.

19Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen.

20Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.

21Als er weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren mit ihrem Vater Zebedäus im Boot und richteten ihre Netze her. Er rief sie

22und sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus nach.

23Er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte im Volk alle Krankheiten und Leiden.

Überblick

Lichtgestalt. Der Evangelist Matthäus beginnt das Wirken Jesu mit einem programmatischen Zitat aus dem Buch Jesaja und zeichnet ihn als Licht für Menschen, die sich nach Heil und Orientierung sehnen.

 

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) setzt ein mit einem Bericht über Jesus und seine Herkunft. Sein Stammbaum (1,1-17) wird ebenso dargestellt, wie die Umstände seiner Geburt (1,18-25), die Huldigung durch die Sterndeuter (Mt 2,1-12) und die anschließende Flucht und Wiederkehr der Familie Jesu (Mt 2,13-23). Im Anschluss wechselt der Blick des Evangelisten und wendet sich Johannes dem Täufer als dem Vorläufer Jesu zu (Mt 3,1,12). Im Zuge der Taufe Jesu am Jordan kommt es zur Begegnung der beiden und zu dem ersten Wort Jesu (Mt 3,13-17). Dem schließt sich die Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste an (Mt 4,1-11). Bis hierhin bleiben die Begegnungen Jesu und sein Wirken auf einen kleinen Kreis begrenzt. Zunächst sind es Begegnungen mit dem Kind, dann „intime“ Situationen mit Johannes, seinem Zeugen, oder dem Teufel. Mit Mt 4,17 ändert sich das, denn Jesus wird selbst aktiv und damit zum Handlungsträger der Erzählung, er beginnt sein öffentliches Wirken.
Der vorliegende Evangeliumsabschnitt beginnt mit einer Art „Überleitung“ zwischen dem, wenn man so will, privaten Teil des Lebens Jesu hin in den öffentlichen.

 

 

2. Aufbau
In den Versen Mt 4,12-23 lassen sich vier verschiedene Sinnabschnitte ausmachen: Zuerst wird das Wirken Jesu vorbereitet (4,12-16), dann wird der programmatische Auftakt geschildert, die ersten öffentlichen Worte Jesu (4,17). Es folgt mit der Berufung der ersten Jünger eine exemplarische Erzählung für die Gemeinschaft, in die Jesus ruft (4,18-22). Zum Abschluss fasst der Evangelist das Handeln Jesu in seinen Kernfeldern zusammen und leitet so über zu den Einzelerzählungen vom Lehren, Verkündigen und Heilen Jesu (Mt 4,23).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 12-13: Die Zeit des Täufers ist zu Ende, die Zeit Jesu beginnt – so stellt der Evangelist Matthäus das Auftreten Johannes des Täufers und Jesu hintereinander. Es gibt kein überschneidendes Wirken der beiden in der Verkündigung des Himmelreiches (vgl. Mt 3,2 und 4,17). Es bleibt daher auch bei der einen direkten Begegnung der beiden am Jordan (Mt 3,12-15). Zwar nimmt Johannes aus dem Gefängnis aus noch einmal Kontakt zu Jesus auf (Mt 11,2-6), doch mit eigenen Augen sieht er nicht mehr, was der tut, für den er Zeugnis ablegen sollte.
Der Evangelist Matthäus erklärt mit den Versen 12 und 13 für die Leser auch den geographischen Wirkungsrahmen des ersten Auftretens Jesu. Jesus kehrt aus der Wüste zurück nach Galiläa und wohl in seine Heimatstadt Nazaret, die in der Region Sebulon liegt. Diese verlässt er und siedelt nach Kafarnaum, in der Region Naftali, um. Kafarnaum und die Gegend am See Gennesaret wird so zum Ausgangspunkt des Wirkens Jesu.

 

Verse 14-16: Die Einbindung des Zitats aus dem Buch Jesaja (Jesaja 8,23-9,1) soll zum einen zeigen, dass sich mit der geographischen Neuausrichtung Jesu ein prophetisches Wort erfüllt. Sowohl das jüdische Galiläa (Kafarnaum und Nazaret) als auch das heidnische Galiläa („das Land jenseits des Jordan, das Gebiet der Nationen“ Jesaja 8,23) sind hier im Blick. Damit wirft das Zitat schon einen Blick voraus auf das Ende des Evangeliums, wenn der Auferstandene in Galiläa den Jüngern den Auftrag erteilt, das Evangelium allen Völkern zu verkünden (Mt 28,16-20). Zum anderen wird durch das Zitat aus dem Buch Jesaja deutlich, welche Auswirkung das Wirken Jesu für die Menschen in Galiläa und darüber hinaus haben wird. Das Volk im Dunkeln ist das Volk Israel, die Dunkelheit steht nicht nur für eine Suche nach Gott, sondern auch für eine Sehnsucht nach Heil und die Nöte, Sorgen und Ängste, in denen die Menschen leben. In diese Dunkelheit hinein erscheint dem Volk Jesus als helles Licht, das Orientierung gibt.

 

Vers 17: Dieser Vers ist der wirkliche Beginn des Wirkens Jesu, das erste Mal ergreift er das Wort und richtet es in die Öffentlichkeit hinein. Die Formulierung „von da an“ setzt den Beginn der Verkündigung noch einmal deutlich ab vom Umzug nach Kafarnaum. Dies ist als ein getrenntes Ereignis und nicht schon als „Wirken“ Jesu zu verstehen. 
Nur ein einziges Mal ist an dieser Stelle der Ruf zur Umkehr aus dem Munde Jesu zu finden. Anders als im Markusevangelium (Markusevangelium 1,15), das für Matthäus eine wichtige Grundlage darstellt, stellt Matthäus den Ruf zur Umkehr an den Anfang der ersten Worte Jesu und verleiht diesem Aufruf eine besondere Betonung. Die Bereitschaft zu einer Neuorientierung des Lebens bildet so die Grundlage für eine Auseinandersetzung mit der Botschaft des Evangeliums. Was das Evangelium im Kern bedeutet, das umschreibt der zweite Teil der Worte Jesu: „das Himmelreich ist nahe“. Wie dies tiefer zu verstehen ist, wird in Vers 23 ein erstes Mal zusammengefasst.

 

Verse 18-22: Nach den ersten Worten Jesu folgt nun die erste dargestellte Handlung – auch diese ist von programmatischer Bedeutung. Matthäus zeichnet zwei gleich gestaltete Episoden am See Gennesaret („See von Galiläa“). Die Parallelität der Ereignisse macht deutlich, dass es hier um typische Berufungsgeschichten geht. Wie hier am See Gennesaret ruft Jesus auch andernorts Menschen dazu auf, ihm nachzufolgen. Worin diese Nachfolge besteht, wird sofort deutlich: loslassen, losgehen und selbst zu aktiven Zeugen werden. Mit der Zusage, die Jünger zu Menschenfischern zu machen, wird schon früh im Evangelium deutlich gemacht, dass Jesus die Verkündigung des Himmelreiches nicht nur als seine Sendung und Aufgabe sieht, sondern dass andere daran Anteil haben werden und sollen. Anders als im Verhältnis zwischen einem rabbinischen Lehrer und seinen Schülern, sucht sich hier der „Lehrer“ Jesus seine Schüler aus, denen er diese Aufgabe anvertrauen will. Im normalen Verhältnis zwischen religiösem Lehrer und Schüler im Judentum wählt der Schüler seinen Lehrer. Die Berufung der beiden Brüderpaare mitten aus dem Alltag heraus zeigt zweierlei: Erstens sind die Jünger normale Menschen mit normalen Berufen, sie haben sich nicht durch etwas zum Jüngersein qualifiziert. Was sie qualifiziert ist das zweite bedeutende Element an der Erzählung. Sie lassen sich rufen und sind bereit, dafür ihre Existenzgrundlage oder ihre familiären Beziehungen zu verlassen, um sich mit auf den Weg Jesu zu machen. Dabei geht es nicht um den Bruch mit allem, was vorher zum Leben gehörte, zum Aufgeben des Berufs oder der persönlichen Bindungen. Von Petrus werden wir später erfahren, dass er sehr wohl auch als Jünger Jesu noch Kontakt zu Frau und Familie hat (Mt 8,14-15), denn Jesus heilt seine Schwiegermutter. Es geht vielmehr um die Klarheit, die Nachfolge und die Verkündigung des Evangeliums von nun an die erste Stelle zu setzen und dafür gegebenenfalls auch andere Dinge hinter sich zu lassen.

 

Vers 23: In diesem Vers stellt der Evangelist schone einmal kondensiert zusammen, was sich im weiteren Verlauf des Evangeliums in vielen Einzelerzählungen entfalten wird. Eine solche Zusammenfassung, auch Summarium genannt, von Ereignissen findet sich an anderen Stellen im Evangelium (z.B. Mt 9,35). Hier fällt seine Stellung auf, denn bislang ist nichts von dem, was beschrieben wird, erzählt worden. Insofern ist das Summarium hier eine Ankündigung oder Vorausschau auf die folgenden Ereignisse, die im Gebiet von Galiläa nun stattfinden werden. Das Wirken Jesu besteht demnach aus einem Dreiklang von Lehren, Verkünden und Heilen. Wobei Lehre und Verkündigung nicht voneinander zu trennen sind. Lehre hat im Matthäusevangelium einen stärkeren ethischen, also handlungsorientierten Fokus, Verkündigung einen darstellenden Schwerpunkt. So verkündigen die Gleichnisse wie das Himmelreich zu verstehen ist, die Bergpredigt lehrt, wie man dem Himmelreich in seinem Tun näherkommt. Das Heilen von „allen Krankheiten und Leiden“ des Volkes (Israel) zeigt praktisch, wie sich das nahe Himmelreich auf das Leben der Menschen auswirkt und veranschaulicht seine Kernbotschaft: Gott ist dem Menschen nahe, er leidet mit und handelt barmherzig. Hier wird die programmatische Aufladung des Verses besonders bewusst, obwohl das Heilen nicht vom Verkünden und Lehren zu trennen ist. Denn in der heilenden Zuwendung zu den Kranken und Leidenden zeigt sich, warum man Jesus, den „Sohn“ des Josefs und der Maria, den Immanuel („Gott mit uns“) nennen wird (Mt 1,23). Und zugleich erfüllt sich, was im Jesaja-Zitat in Vers 16 als Hoffnung formuliert wird: Das Volk im Dunkeln sieht ein Licht.

In seiner Funktion erinnert der Vers an Lukasevangelium 4,16-21. Dort liest Jesus in der Synagoge von Nazaret aus dem Buch Jesaja vor und verkündet damit die „frohe Botschaft“, dass die Blinden sehen werde, die Gefangenen Befreiung erfahren etc. Auch hier wird zu Beginn des öffentlichen Wirkens die Gesamtdimension der Taten Jesu prophetisch gedeutet.

Auslegung

Das Volk, das im Dunkeln sitzt, sieht ein helles Licht – so kann man den Startschuss des öffentlichen Wirkens Jesu in Mt 4,17 tatsächlich umschreiben. Denn in wenigen Versen wird deutlich, warum der Evangelist die prophetischen Worte des Jesaja diesem ersten Auftreten Jesu voranstellt. Die Dunkelheit des Volkes, das ist offensichtlich die Suche nach einem, der ihnen Gott wieder näherbringt, der hilft, die Beziehung zu Gott auf neue Wege zu lenken. Bereits Johannes der Täufer hatte mit seinem Ruf zur Umkehr und der Ankündigung des nahen Himmelreiches dafür sensibilisiert. Er hat im Volk den Boden bereitet, neue Wege einzuschlagen und für sich selbst zu erkennen, dass eine Neuorientierung ansteht. Erst mit Jesu Auftreten und Wirken jedoch wird die Nähe des angekündigten Himmelreichs konkret. Es geht nicht mehr nur um etwas, was durch Worte Hoffnung verbreitet, die Hoffnung wird sichtbar und spürbar.

Die Jünger am See von Gennesaret spüren dieses Neue, Frische, den Aufbruch und das Wagnis sofort. Im Ruf Jesu, ihm nachzufolgen, hören sie die Antwort auf ihre Suche nach einem, der ihrem Leben eine Orientierung gibt. Die Einladung, zu Menschenfischern zu werden, macht für sie konkret, wie das Himmelreich den Menschen nahekommen kann. Für sie ist Jesus im Vorbeigehen und in der Zuwendung der Berufung die „Lichtgestalt“, die es in ihrem Leben braucht, um neue Wege zu gehen und sich von Altem zu lösen.
Das Volk, das in ganz Galiläa das „Evangelium vom Reich“ hört, erlebt dieses Licht auf seine Weise. Indem Jesus die Menschen von allen Krankheiten und Leiden heilt, wird die Dunkelheit des Lebens erhellt. Denn Ängste, Sorgen, Niederdrückendes und Gefangennehmendes wird weggenommen und Leben neu möglich. Jesus ist hier die „Lichtgestalt“, die die Sehnsucht und den Hunger nach wirklichem und befreitem Leben stillt.
Von nun an wird sich im Evangelium immer weiter entfalten, wie Jesus als der wirkt, der dem Volk im Dunkeln das Leben hell macht. Als diese „Lichtgestalt“ zeigt und weist er dem Volk den Weg zu Gott neu und löst damit auch ein, was in Mt 2,6 über ihn gesagt wurde. Er ist von Gott gesandt, der „Hirt meines Volkes Israel“. In Mt 9,35-38 wird Jesus nach einer ähnlichen Zusammenfassung seines Wirkens selbst die Sehnsucht des Volkes nach einem Hirten und Licht wahrnehmen: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Mt 9,36)

Kunst etc.

Das Bild gibt zwei Gedanken des heutigen Evangeliums wieder: Zum einen das Licht, das von Jesus Christus ausgeht, und die Welt hell macht. Zum anderen fällt in Mt 3,17 der „Startschuss“ für das öffentliche Wirken Jesu – ab jetzt geht es mit voller Power los. So wie der An-Aus-Schalter des Leuchtbildes nur zwei Zustände kennt, so erleben wir es auch im Evangelium. Von Mt 3,17 bis Mt 28,20 verkündet Jesus mit ganzer Kraft das Himmelreich und damit die Güte und Liebe Gottes.