Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Sach 9,9-10)

9Juble laut, Tochter Zion! / Jauchze, Tochter Jerusalem!

Siehe, dein König kommt zu dir. /

Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil, demütig ist er und reitet auf einem Esel, / ja, auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin.

10Ausmerzen werde ich die Streitwagen aus Efraim / und die Rosse aus Jerusalem, ausgemerzt wird der Kriegsbogen. /

Er wird den Nationen Frieden verkünden; und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer / und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Überblick

Ein armseliger Herrscher, der sozusagen auf dem Fahrrad daherkommt – so wird im Buch Sacharja die israelitische Hoffnung auf weltliche Macht verkündet.

 

1.       Verortung im Buch

Es wird nun konkret, nachdem in Sacharja 1-8 die Wiederrichtung Jerusalems als Hauptstadt des israelitischen Reiches verkündet wurde. In Sacharja 9 wird erklärt, wie dies geschehen wird –Gott ist der entscheidende Krieger. Er wird das erträumte Großreich Israel erobern – von Damaskus bis an die Mittelmeerküste (Verse 1-8). Und er wird das gesamte Land gegen seine Feinde dann beschützen (Verse 11-17). Im Zentrum des Kapitels steht der direkte Zuspruch Gottes an Jerusalem, dass er für sein Volk Frieden schaffen wird und er gibt dem zukünftigen König eine ungewohnte Rolle.

 

2.       Aufbau

Die Verse sind ein Heroldsruf – doch der Ausrufende ist Gott selbst. Er verkündet das Kommen eines irdischen Königs, der in Vers 9 durch vier Eigenschaften beschrieben wird. In Vers 10 dann jedoch wieder das Handeln Gottes im Vordergrund, der Frieden schaffen wird, denn dann der König den Völkern verkünden wird.

 

3.       Erklärung einzelner Verse

Vers 9: Die personifizierte Anrede der Stadt Jerusalem betont direkt, dass der angekündigte König für (!) die Stadt kommt. Im patriarchalischen Denken kommt der Retter zu der schwachen Frau, doch wie er im Folgenden beschrieben wird, beraubt ihn direkt all seiner menschlichen Macht. Dass er „gerecht“ ist entspricht noch dem typischen altorientalischen Bild eines Herrschers, der die von Gott gewollte Ordnung in der Welt umsetzt. Dazu gehört im Alten Testament vor allem die unparteiische Rettung der Benachteiligten, insbesondere der Armen, für die er eintritt. Daher wäre nun eigentlich als seine zweite Eigenschaft zu erwarten, dass er jemand ist der „rettet“. Doch stattdessen wird betont, dass er selbst gerettet wurde, und zwar von Gott. Er ist nicht mächtig, sondern demütig, wie die dritte genannte Eigenschaft verdeutlicht. Das hier verwendete hebräische Wort kann auch „armselig“ bedeuten. Der kommende König ist somit völlig auf Gott angewiesen – dies klingt fast wie die Karikatur eines menschlichen Herrschers, der keine eigene Macht besitzt. Dies wird auch deutlich im letzten Teil des Verses. Dieser König sitzt nicht wie Alexander der Große auf seinem mächtigen Streitross Bukephalos, sondern er kommt auf einem Esel daher. Ein Esel war in der damaligen Zeit kein Kriegsmittel, sondern ein praktisches Reittier im Alltag der Menschen. Die Exegetin Ina Willi-Plein beschreibt das hier verwendet Bild passend folgendermaßen: „Wenn zu einer Militärparade der Neuzeit ein General mit dem Fahrrad vorführe, würde man das wohl ebenso absonderlich finden wie in der ausgehenden Perserzeit einen ‚armseligen‘ König auf einem Esel.“ Der Grund dafür, dass der Text betont, dass es sich bei dem Esel um ein Fohlen einer Eselin handelt, ist nicht ganz verständlich. Der zugrundeliegende Text ist zudem verwirrend, der müsste eigentlich folgendermaßen übersetzt werden: „dem Fohlen von Eselinnen“. Vielleicht ist dies eine Anspielung darauf, dass es sich um einen reinrassigen Esel handelt, da im Alten Orient Tiere, die aus Kreuzungen hervorgegangen waren, wie zum Beispiel ein Maultier, für den zeremoniellen Gebrauch nicht gestattet waren.

Vers 10: Das an sich schon kontrastreiche Bild des Königs, der auf einem Esel reitet, wird dadurch noch zugespitzt, dass Gott alle Kriegspferde und Kriegswagen aus dem Land der Israeliten ausmerzen wird. Primär geht es darum, dass die Großmächte, hier konkret nun die Perser, die das Land besetzt halten, aus dem Land vertrieben werden. Die offene Formulierung lässt es jedoch auch zu, dass diese Kriegsmittel generell aus dem Land verbannt werden. Diese göttliche Maßnahme bietet die Grundlage für das neue Königtum. Der Auftrag an den König ist nicht der Krieg, sondern die Verkündigung des Friedens. Das hebräische Wort שָׁלוֹם (gesprochen: schalom) bezeichnet nicht nur eine temporäre Abwesenheit von Krieg, sondern einen geordneten, dauerhaften Zustand ohne jedwede kriegerische Gewalt – eine friedliche Grundordnung, die sich weit erstrecken wird. Die genannten Ausmaße finden sich wörtlich so auch in Psalm 72,8 im Kontext der Beschreibung des idealen Königs.

Auslegung

In einer Welt, in der das babylonische Reich, durch das Perserreich abgelöst worden war, worauf die Herrschaft erst der Griechen und dann der Römer folgte, war die Hoffnung auf eine Eigenstaatlichkeit unter einem israelitischen König eine utopische Idee. Und im Angesicht der verschiedenen Mächte erklingt in Sacharja 9,9-10 eine radikale Botschaft. Nicht nur, dass Gott die Welt befrieden wird, nein, er wird auch einen König einsetzen, der keine Ansprüche auf Macht und Einfluss erheben wird, ja, dies nicht einmal sein eigentlicher Auftrag sein wird. Es wird die Vision eines Herrschers entworfen, dessen Funktion es sein wird, den Frieden zu verkünden, den Gott seinem Volk und der Welt garantieren wird. Die menschliche Macht wird hier radikal und positiv als friedvolle Armseligkeit beschrieben. 

Kunst etc.

Es gibt in der Kunstgeschichte viele Darstellungen Jesu auf dem Esel, wie diesen „Palmesel“ von ca. 1480, der sich heute im Victoria-and-Albert-Museum in London befindet. Die statische Darstellung verbirgt dabei, wie holprig und wenig majestätisch ein Eselritt ist.

„Palmesel“, ca. 1480, entstanden in Ulm, ausgestellt im V&R-Museum in London, fotografiert von John Bod – Lizenz:  CC BY-SA 3.0.
„Palmesel“, ca. 1480, entstanden in Ulm, ausgestellt im V&R-Museum in London, fotografiert von John Bod – Lizenz: CC BY-SA 3.0.