Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 25,6-10a)

6Der HERR der Heerscharen wird auf diesem Berg / für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, / ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten, fetten Speisen, / mit erlesenen, reinen Weinen.

7Er verschlingt auf diesem Berg die Hülle, die alle Völker verhüllt, / und die Decke, die alle Nationen bedeckt. 8Er hat den Tod für immer verschlungen / und GOTT, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde, / denn der HERR hat gesprochen.

9An jenem Tag wird man sagen: / Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, / dass er uns rettet. Das ist der HERR, auf ihn haben wir gehofft. / Wir wollen jubeln und uns freuen über seine rettende Tat. 10Denn die Hand des HERRN ruht auf diesem Berg.

Überblick

Beim Festmahl ist der Tod verschlungen. Der Jubel wird erklingen.

 

1. Verortung im Buch

„… denn der HERR der Heerscharen ist König auf dem Berg Zion und in Jerusalem und seinen Ältesten gegenüber ist Herrlichkeit“ – der Prophet Jesaja, verkündigt, dass die Könige der Welt machtlos sein werden „an jenem Tag“, an dem die gewaltätigen Herrscher der Völkern weggeschlossen werden und Gott selbst zum König der Welt werden wird  (Jesaja 24,21-23). Diese Ankündigung ist der Ausgangspunkt für die Verse, die für diese Lesung ausgewählt wurden. Das beschriebene Mahl ist das Krönungsmahl Gottes und jener Tag, an dem Gott richten wird, ist der Tag, an dem das Danklied der Völker erklingen wird (Jesaja 25,9: „An jenem Tag wird man sagen: …“). Im Kontext des Jesaja-Buches vollzieht sich in diesem Festmahl vielleicht auch die bereits in Jesaja 2,1-5 angekündigte Völkerwallfahrt zum Zion. 

 

2. Aufbau

Der Prophet spricht Gottes Einladung zu einem Festmahl an die Völker aus (Verse 6-8). Und darauffolgend kündigt er den Lobpreis einer unbestimmten Gruppe an, die Gott nicht nur lobpreist, sondern ihn als ihren Gott anerkennt (Verse 9-10a). Zuerst werden somit die Völker herbeigerufen und am Ende steht ein „Wir“, dass als ein Einheit aus den Völkern und Israel verstanden werden kann: „Wir wollen jubeln …“. Dreifach wird in diesem Zusammen der Ort betont, an dem dies alles passieren wird, „auf diesem Berg“ (Verse 6.7.10).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 6: Das angekündigte Festmahl ist im Hebräischen ein מִשְׁתֶּה (gesprochen: mischte). Es handelt sich also nicht um ein kultisches Opfermahl, sondern um ein Festmahl, bei dem viel Wein gereicht wird – es ließe sich auch übersetzen „Trinkgelage“. Das Wort ist Synonym mit einem freudigen und bacchantischen Fest. Die Nachbarreligionen kennen vergleichbare göttliche Festmähler: zum Beispiel die Amtseinführung des Gottes Baals als König der Götter auf dem Berg Zaphon. Das vom Propheten Jesaja angekündigte Festmahl mit erlesenen Weinen und fettigen Speisen, an dem die Völker teilnehmen werden, ist die Umkehr der ebenso im Alten Testament zu findenden Unheilsankündigungen gegen die Völker; zum Beispiel: „Wenn sie in Gier brennen, bereite ich ihr Gelage und mache sie betrunken, dass sie lustig werden, in ewigen Schlaf sinken und nie mehr erwachen – Spruch des HERRN.“ (Jeremia 51,39).

Verse 7-8: „Hülle“ und „Decke“ sind Zeichen der Trauer – man verhüllt sich und bedeckt sich nach dem Tod eines Menschen (z.B. 2 Samuel 13,30). Dass Gott die Hülle und die Decke „verschlingt“, passt in den Kontext eines Festmahls. Das verwendet Verb (בלע) wird jedoch zudem häufig in Kontexten von Gottesurteilen verwendet: Gott lässt die Erde seine Widersacher „verschlingen“ (z.B. Exodus 15,12). Jedoch vollzieht Gott nun Urteil gegen Personen, sondern wie Vers 8 verdeutlich, gegen den Tod (siehe auch 1 Korinther 15,55). Tod (מָוֶת, gesprochen: mawet) bedeutet mehr das Lebensende, sondern im Hebräischen Denken bezeichnet es alles das, was das Leben beeinträchtigt. Der Tod ist die lebensbedrohende Macht, die den Menschen bereits im Leben beherrschen kann. Hier zeigt sich bereits die theologische Grundlage für den sich später entwickelnden Auferstehungsglauben: Gottes Königsherrschaft sind keine Grenzen gesetzt. 

Verse 9-10: Im vorherigen Vers wird Israel genannt. Dass Gott den Tod verschlingt, bedeutet Trost für Israel und die Aufhebung der Schande. Dies bedeutet jedoch keine Engführung, dass der Tod nur für Israel verschlungen sei. Hier singt die Festmahlgemeinschaft und dieser Lobpreis ist in einem zweifachen Sinn auf dem Berg Zion verortet. Dort wird er gesungen werden und dort wird der Grund für den Lobpreis erfahrbar sein. Die Hand Gottes ist ein Symbol für seine Stärke und Macht. Gottes Zorn zeigt sich in seiner „ausgestreckten Hand“: „Darum ist der Zorn des HERRN gegen sein Volk entbrannt; er hat seine Hand gegen es ausgestreckt und es geschlagen.“ (Jesaja 5,25) Diese Schmach ist nun aufgehoben, denn der Gott Israels lässt seine Hand nun schützend auf dem Berg Zion ruhen – für Israel und für alle Völker.

Auslegung

Friede, Freude, Eierkuchen – mit dieser Formel könnte man das zukünftige Verhältnis der Völker zum Gott Israels gemäß dem Buch Jesaja beschreiben. Am Anfang des Buches wird eine Völkerwallfahrt angekündigt, die zu einem endgültigen Weltfrieden führen wird: Alle Völker werden zum Tempel in Jerusalem auf dem Berg Zion pilgern, um Gottes Weisung für die Welt zu empfangen und danach zu leben.  Sie werden Geschenke nach Jerusalem bringen, um dem Gott Israels damit zu huldigen.  Jerusalem und der Tempel Gottes werden zum Nabel der Welt und Ort der Glückseligkeit. Für die Zukunft verheißt das Buch Jesaja ein großes Festmahl mit den besten Speisen und guten Weinen. Aber bei aller Harmonie hat die Festfreude auch ihren Preis. Das Festmahl ist ein Krönungsmahl. Der zur Macht gekommene König fordert Rechenschaft von den Mächtigen.  Erst nach dem Gericht kann ausgelassene Festfreude herrschen. Das Fest ist nur eine Freude für diejenigen, die Gottes Macht anerkennen.

Die Macht Gottes ist aber keine unterdrückende, gewalttätige Macht, sondern eine befreiende. Im Alten Testament ist der Tod ein lebensbedrohender und beeinträchtigender Faktor, der am Ende jedes Leben verschlingt. Die absolute Dunkelheit verleibt sich jeden Menschen ein. Doch Jesaja spendet in seiner Vision Trost: Der Tod wird den Menschen nicht mehr verschlingen, sondern er wird vernichtet werden. Man wird sich nicht mehr mit Trauerkleidung umhüllen müssen. Gott selbst wird den Menschen die Tränen aus den Augen wischen. Die mächtigste Gegebenheit im menschlichen Leben wird durch Gott entmachtet.

Für das Volk Israel, die die primären Adressaten des Buches Jesaja sind, bedeutet diese Machtentfaltung Gottes, die Anerkennung ihres Gottes als Allmächtiger. Der Gott, der seine Macht an Israel offenbart hat, ist der herrschende Gott aller Völker. In dieser Vorrangstellung Israels liegt die besondere Würde des Gottesvolkes. Wenn alle und jeder zu einem Festmahl eingeladen sind, verliert das Ereignis scheinbar seine Exklusivität. Aber in diesem Falle ist es für Israel die Bestätigung ihres Glaubens. Der allmächtige Gott handelte in der Geschichte Israels, wirkte in Jerusalem und wird dort alle Völker und Israel unter seiner Königsmacht in Freude und Jubel versammeln. Am Ende herrscht Friede, Freude und der allmächtige Gott, der den Tod vernichtet hat. Der vom Propheten hier zitierte Lobpreis kann ebenso in den Mund der Völker gelegt werden. 

Kunst etc.

Im Alten Orient gab es den Todes- und Unfruchtbarkeitsgott Mot, sein Name ist zugleich das Hebräische Wort für „Tod“. Darin wird vielleicht auch die persönliche Dimension deutlich, die in den Vorstellungen vieler heute noch mitschwingt. Der Tod entreißt den Menschen aus dem Leben. Der Tod verschlingt die Lebenden. Gott bestraft seine Widersacher, indem er die Erde sie verschlingen lässt. Diese Vorstellung ist sehr plastisch in der aus dem Mittelalter stammenden Laurentius-Kirche von Lohja (Finnland) dargestellt. Das Deckenfresko zeigt den Schlund der Hölle, der die Sünder verschlingt.

Fotografiert von J.Pitkä – Lizenz: CCO 3.0. https://en.wikipedia.org/wiki/File:Helvetlohja.jpg
Fotografiert von J.Pitkä – Lizenz: CCO 3.0. https://en.wikipedia.org/wiki/File:Helvetlohja.jpg