Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (2 Kor 13,11-13)

11Im Übrigen, Brüder und Schwestern, freut euch, kehrt zur Ordnung zurück, lasst euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden! Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.

12Grüßt einander mit dem heiligen Kuss! Es grüßen euch alle Heiligen.

13Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Überblick

Gnade, Liebe und Gemeinschaft – drei Hoffnungsbotschaften, die die Gemeinde von Korinth in einem schwierigen Prozess begleiten sollen.

 

1. Verortung im Brief
Mit dem Abschnitt befinden wir uns im sogenannten „Briefschluss“ des 2. Korintherbriefes (2 Kor).
Der Apostel Paulus folgt bei der Abfassung seiner Schreiben zumeist klar dem Aufbau antiker Briefe: Dort folgt auf das „Präskript“, mit Absender, Adressat und Gruß, das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet. Der Hauptteil, „Briefkorpus“, enthält Mitteilungen und Anliegen des Schreibens. Es folgt der „Briefschluss“ mit persönlichen Grüßen und Wünschen, dabei können markante Gedanken des Schreibens durch einzelne Begriffe noch einmal aufgenommen werden. So ist es auch in dem Abschnitt 2 Kor 13,11-13. Der 2 Kor ist geprägt durch eine Auseinandersetzung zwischen dem Apostel und der korinthischen Gemeinde, so dass der Brief an vielen Stellen sehr persönlich wird. Paulus wehrt sich im 2 Kor vor allem dagegen, dass ihm andere Verkündiger versuchen den Rang des prägenden Apostels für die Gemeinde streitig zu machen. So versucht Paulus mit verschiedenen rhetorischen Mitteln seinen Dienst für die Christen in Korinth zu umschreiben und in seiner Besonderheit darzustellen: Ein Dienst in Demut und Schwäche, stark durch Christus, der Paulus zu seinem Apostel macht.

 

2. Aufbau
Vers 11 ist geprägt durch abschließende Mahnungen und einen Zuspruch. Vers 12 spricht einen Wunsch für die Gemeinde und Grüße an sie aus. Vers 13 besteht aus einer trinitarischen Segensformel.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 11: Die einleitenden Worte „im Übrigen“ und die wiederholte Anrede der Adressaten weist darauf hin, dass der Abschluss des Briefes eingeleitet wird. Paulus gibt den Korinthern fünf knappe Mahnungen mit:

  • „Freut euch!“ erinnert daran, dass auch in den Auseinandersetzungen, die den Brief prägten, die Freude über die Gemeinschaft, die Christus zwischen den Korinthern und Paulus gestiftet hat, weiterhin Bestand hat (vgl. Philipperbrief 4,4).
  • „Kehrt zur Ordnung zurück!“ fasst die Auseinandersetzungen des Briefes noch einmal zusammen. Die Formulierung verweist vom griechischen Wortstamm her zurück auf 2 Kor 13,5-9. Dort ist von der „vollständigen Erneuerung“ der Korinther die Rede. Gemeint ist damit die Überprüfung und Neuausrichtung an Christus. Die Gemeinde soll sich selbst vergewissern, ob sie dem Vorbild Jesu entsprechend lebt und als Gemeinschaft unterwegs ist.
  • „Lasst euch ermahnen!“ bezieht sich zurück auf die Appelle des Paulus, der immer wieder versucht hatte, das gemeinsame Band der Verkündigung des Evangeliums in Erinnerung zu rufen.
  • „Seid eines Sinnes!“ nimmt im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Mahnungen den Zusammenhalt innerhalb der Gemeinde in den Blick. „Einmütigkeit“ wird in der Apostelgeschichte immer wieder als ein Merkmal der urchristlichen Gemeinde benannt (z.B. Apostelgeschichte 1,14 und 2,46).
  • „Haltet Frieden!“ dieser Aufruf gilt ebenfalls der Gemeinde in ihrem Umgang untereinander. Einmütigkeit und Friedfertigkeit entsprechen auch dem Bild von der Gemeinde als „Leib Christi“, wie sie Paulus im 1. Korintherbrief ins Bild gebracht hatte (1 Kor 12,12-20). Dass es in der korinthischen Gemeinde immer wieder Diskussionen und Parteiungen gab, war aus dem 1. Korintherbrief bereits herauszulesen (1 Kor 1,10-12) und setzt sich im 2. Korintherbrief fort (2 Kor 12,20)
  • Die Formulierung „Gott des Friedens“ wird von Paulus auch in anderen Briefabschlüssen verwendet (z.B. 1. Thessalonicherbrief 5,23), „Gott der Liebe“ hingegen im Neuen Testament nur hier.

 

Vers 12: Grüße sind fester Bestandteil am Ende eines Briefes. Der Gruß der Heiligen hat eine doppelte Funktion: Er erinnert die Korinther an die Gemeinschaft aller Christen und ruft in Erinnerung, dass auch sie „Heilige“ sind, indem sie sich durch Christus zu einer neuen lebendigen Gemeinschaft zusammenfinden und von ihm heiligen lassen. Der „Kuss“ ist Zeichen der Gemeinschaft und wird im Gottesdienst der frühen Gemeinden nach der Predigt und vor dem Herrenmahl ausgetauscht. Da die Briefe im Rahmen des Gottesdienstes verlesen wurden, nehmen die beiden Grußwünsche des Paulus die Realität der Gemeinde in den Blick.

 

Vers 13: Paulus verwendet nur hier die dreiteilige und auf Gott als Vater, Sohn und Geist verweisende Schlussformel. Dies könnte daher rühren, dass die dreiteilige Grußformel in der frühen Liturgie nach dem Friedenskuss den Übergang zum Herrenmahl markierte.

Auslegung

Die Gemeinde von Korinth befindet sich Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus und wenige Jahre nach ihrer Gründung in einer durchaus kniffligen Situation. Verschiedene, vor allem interne Herausforderungen prägen ihren Alltag. So gibt es untereinander Streitigkeiten über die Entfaltung der Geistesgaben in der Gemeinde (1 Kor 12). Es gibt Parteiungen, weil sich einige Gemeindemitglieder mehr über den Verkündiger des Glaubens mehr definieren als über die Botschaft (1 Kor 1,10-12). Die Frage nach der Auferstehung von den Toten gerät in Diskussion mit philosophischen Vorstellungen (1 Kor 15) und die Autorität der Gründerfigur Paulus wird durch andere Verkündiger angezweifelt (z.B. 2 Kor 10). All dies hat die Korrespondenz zwischen Paulus und den Korinthern geprägt. Nun endet der 2. Korintherbrief mit Mahnungen und einem erinnernden Segen. Ganz bewusst kombiniert Paulus in 2 Kor 13,11-13 den Appell an konstitutive Tugenden der Gemeinde wie Einmütigkeit, Freude, Frieden und Bereitschaft zu Erneuerung und Ermahnung mit einem Zuspruch, der so nur aus dem geteilten Glauben heraus formuliert werden kann. Es ist der Glaube an den EINEN Gott, der sich den Menschen in verschiedenen Weisen zuwendet. Paulus ist dabei noch weit entfernt von trinitarischen Lehrsätzen – er formuliert den Glauben an den drei-einen Gott über drei Erfahrungswelten. Die Korinther haben Gott als einen kennengelernt, der ihnen etwas schenkt (Gnade) ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Gott sendet seinen Sohn in die Welt, damit die Menschen in ihm Gott sichtbar und greifbar erleben. Er schenkt und ermöglicht damit einen Zugang zu sich selbst, wie es ihn zuvor nicht gab. Wer an Jesus als Sohn Gottes glaubt, der erkennt darin Gott als liebenden Vater, dessen Güte und Erbarmen jedes Verstehen übersteigt. Und wer Gott als Mensch in Jesus Christus und liebenden Vater zugleich erfahren und bekannt hat, der wird hineingenommen in die Gemeinschaft dieser beiden durch den Heiligen Geist. Dieser Geist der Gemeinschaft wird nicht nur erlebbar im Miteinander von Vater und Sohn, sondern auch im Miteinander derer, die an diesen Gott glauben.

Es sind diese Erfahrungen im Glauben, die Paulus den Korinthern zuspricht und ihnen damit auch in Erinnerung ruft: Der gemeinsame Glaube an einen Gott, der liebt, schenkt und Gemeinschaft stiftet.

Kunst etc.

Darstellung der Trinität auf Holz (17. Jahrhundert, Deutschland)