Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 18,21-35)

21Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?

22Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.

23Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.

24Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.

25Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.

26Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.

28Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!

29Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.

30Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

31Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.

32Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.

33Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?

34Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.

35Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Überblick

Vergebung ist, was du draus machst. Jesu Antwort auf eine „einfache“ Frage des Petrus wird zur Herausforderung.

1. Verortung im Evangelium
Die Erzählung vom Wirken und Verkündigen Jesu im Matthäusevangelium (Mt) stand zu Beginn ganz im Zeichen der verschiedenen Facetten der Sendung Jesu. So wurde Jesus in Mt 4,17-11,1 als Lehrer Israels und Messias gezeigt. Mit der Aussendung der Jünger in Mt 10,5-15 haben diese Anteil am Wirken Jesu. Der Abschnitt ab Mt 11,2 steht unter der Frage nach dem richtigen Verständnis der Person und des Handelns Jesu. Den Höhepunkt dieser Erzählungsreihe bildet die Frage Jesu an seine Jünger: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ und der Antwort des Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,13-20). 
Seit Mt 16,21 sind die Erzählungen des Evangeliums geprägt von der Perspektive des kommenden Leidens Jesu. Denn Jesus wandert mit den Jüngern südwärts und damit etappenweise auf Jerusalem und die Passion hin. Auf diesem letzten Wegabschnitt geht es für die Jünger einerseits darum, auch die kommenden Ereignisse als Teil der Sendung Jesu zu verstehen. Andererseits werden sie noch tiefer in die Botschaft vom Himmelreich eingeführt. Sie sollen verstehen lernen, welche Konsequenz der Glaube an Gottes Reich für das alltägliche Leben und den Umgang miteinander hat. Für die Leser des Evangeliums sind diese Erzählungen, Hinweise für ein gelingendes Leben als Gemeinde. Aufgrund der Bündelung dieses Themas in Kapitel 18 wird dieses auch als „Gemeinderede“ zu den fünf großen Reden Jesu im Matthäusevangelium gezählt.

Unmittelbar vor dem aktuellen Abschnitt hatte Jesus das Gleichnis vom verlorenen Schaf erzählt (Mt 18,12-14). Die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen und die Umkehr des Sünders steht im Mittelpunkt von Mt 18,15-20. Nun wird die Frage nach Schuldigwerden und dem Umgang damit von der anderen Seite her erzählt und die Perspektive der Vergebung aufgemacht.

 

2. Aufbau
Innerhalb des Kapitels 18 wird mit der Frage des Petrus in V 21 ein Einschnitt gesetzt. Zusammen mit Vers 22 bildet er den Einstieg in die Thematik der Sündenvergebung. In den Versen 23-35 illustriert Jesus seine eigene Antwort mit einem Gleichnis. Dieses kann in drei Abschnitte gegliedert werden: Verse 23-27 sind die Ausgangsszene eines Königs und eines Schuldners. Die Verse 28-30 zeigen nun eine neue Situation mit dem ehemaligen Schuldner als Geldeintreiber. In den Versen 31-35 wird die Szene in 28-30 vor den König gebracht, woraus sich eine weitere Aktion des Königs ergibt, die mit einem Kommentar Jesu auf die Jünger hin abgeschlossen wird.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 21-22: Die Ausgangssituation des vorangegangenen Abschnitts (Vers 15) „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt“, hatte das Thema Vergebung bereits angeschnitten. Die Frage des Petrus, der damit die Rede Jesu unterbricht, rückt „Vergebung“ in den Vordergrund. Petrus möchte erfahren, wo die Grenze der Vergebung bei persönlich erlittenem Unrecht liegt. In den Versen Mt 18,15-20 spielte die Schuld eines Einzelnen und die Frage, wie der Schuldige zur Einsicht kommt, die entscheidende Rolle, sie war aber verknüpft damit, dass dem Einsichtigen zu vergeben war. Nun geht es darum, wie weit diese Vergebung gehen kann und soll. Dass Vergebung eine Grenze hat, sieht Petrus bereits in seiner Frage als gegeben an. Sein „Angebot“, siebenmal zu vergeben, soll bereits eine Großzügigkeit andeuten. Es ist aber offenbar ein Verhandlungsangebot, denn er erwartet von Jesus eine klarere Antwort darauf, wie weit die Vergebungsbereitschaft für persönlich erlittenes Unrecht gehen muss.
Jesu Antwort „bis zu siebzigmal siebenmal“ ruft eine Stelle aus dem Buch Genesis in Erinnerung. Dort besteht Lamech ein Nachfahre Kains darauf, dass Vergeltung sich immer mehr steigert, bis ins siebenundsiebzigfache (Genesis 4,24). Das „Verhandlungsangebot“ des Petrus wird also mit der Forderung nach radikaler Vergebungsbereitschaft entgrenzt.

 

Verse 23-27: Mit einem „Himmelreichgleichnis“ verdeutlicht Jesus seine Antwort. Ein König fordert von seinen Knechten Schulden zurück. Die Höhe der Forderung bei einem Knecht ist mit 10.000 Talenten unfassbar hoch, auch mit dem angedachten Verkauf des Knechtes und seiner Familie wäre die Schuld nicht zu tilgen. Doch der König gibt nicht einfach der flehentlichen Bitte des Knechtes um Zahlungsaufschub statt, sondern erlässt ihm sogar die gesamte Schuld. Da das Gleichnis die Wirklichkeit des Himmelreichs wiederspiegelt, wird in ihm den Sündern die Fülle der Möglichkeiten eines Neuanfangs verdeutlicht.

 

Verse 28-30: Jesus führt das Gleichnis weiter, um die eigentliche Frage des Petrus zu beantworten. Die erste Szene wiederholt sich unter veränderten Vorzeichen. Nun ist der Knecht, dem alle Schuld in großer Barmherzigkeit durch den König erlassen wurde, derjenige, der von einem Mitknecht Schulden einfordert. Im Vergleich ist die Schuldensumme hier sehr klein, dennoch lässt der entschuldete Knecht nicht mit sich reden und wirft den anderen Knecht ins Gefängnis, um so die Schuld einzutreiben. Die parallelen Formulierungen der Szenen lassen den Fehler im Verhalten des ersten Knechts besonders deutlich hervortreten: Er handelt nicht der Barmherzigkeit entsprechend, die er selbst erfahren durfte.

 

Verse 31-35: Nun werden weitere Knechte aktiv. Sie haben von der Vergebung des Königs und der Hartherzigkeit des Mitknechtes gehört. Die Tatsache, dass sie „betrübt“ sind, zeigt, dass das Verhalten des Einzelnen sich wesentlich auf die Gemeinschaft auswirkt. Aufgrund des Berichts der Knechte nimmt der König seinen Schuldenerlass an dem ersten Knecht zurück. Der Zorn über die nicht erfolgte „Weitergabe“ der erfahrenden Vergebung führt dazu, dass dieser nun schmerzhaft die Konsequenzen seiner eigenen Vergebungsverweigerung erleben muss.
Der abschließende Kommentar Jesu ist eine klare Aufforderung und Mahnung an jeden einzelnen Jünger: Wer seinem Nächsten nicht ehrlich und ernsthaft vergibt, kann auch nicht auf die Vergebung Gottes zählen. Bereits in Mt 6,15 im Anschluss an die Vergebungsbitte des Vater unser hatte Jesus dies deutlich gemacht.

Auslegung

Die Reaktion des Königs, die auf Gottes Handeln verweist, ist im ersten Lesen erschütternd: Zorn und vermeintliche Vergeltung scheinen hier vorzuherrschen. Doch ist dies nur die Kehrseite der eigentlichen Pointe der Erzählung. Denn Jesus lässt Petrus – ganz im Sinne eines guten Lehrers – die Lösung auf seine Frage selbst finden statt sie vorzugeben. Dazu nimmt er Petrus quasi mit in das Gleichnis hinein und lässt so aus einer theoretisch-abstrakten Frage eine persönliche werden. Dies wird vor allem für die Leser des Evangeliums, die die ganze Geschichte des Petrus vor Augen (Verleugnung, Fundament der Kirche etc.) haben, zu einem Beispiel, das jeden Einzelnen herausfordern muss. Jesus verdeutlicht Petrus durch das Gleichnis, dass die Frage nach der selbst zu leistenden Vergebung sich einerseits nicht in einer messbaren Zahl ausdrücken lässt und andererseits durch die eigene Erfahrung bestimmt werden muss. Das Beispiel des ersten Knechts mit seiner riesigen Schuldensumme zeigt, dass Vergebung von Seiten Gottes grenzenlos ist. Das Erbarmen Gottes ist immer größer als der Wunsch nach Vergeltung, welche ohnehin eine menschliche Kategorie ist. Grenzenlos ist aber nicht gleichbedeutend mit „bedingungslos“. Denn es gibt einen falschen Umgang mit der eigenen Erfahrung der Vergebung, wie die zweite Szene zeigt. Der Umgang des ersten Knechts mit seinem Mitknecht entspricht der Frage des Petrus: Wie soll ich mit der Schuld eines Mitmenschen gegen mich umgehen? Wie oft muss ich ihm vergeben? Das Gleichnis illustriert, dass diese Frage nicht losgelöst von der Reflektion eigenen Fehlverhaltens und der erfahrenen Vergebung zu beantworten ist. Der erste Knecht handelt falsch, weil er nicht in der Lage ist, die Perspektive zu wechseln und sich erneut in die Situation des Schuldners hineinzuversetzen. Denn dann würde er sich daran erinnern, von welcher Last, die Vergebung seitens des Königs er befreit wurde (kein Gefängnis, kein Verkauf seiner Familie etc.). Die damit verbundene Erkenntnis einer Loslösung aus Schuldzusammenhängen, die existentielle Erfahrung von Vergebung müsste ihn in seinem eigenen Handeln leiten. Die abschließende Reaktion des Königs und die Verwerfung des Knechts gründet in der nicht gelungenen Übertragung des eigenen Schicksals auf das Leben des Nächsten. So zeigt sich, dass das Geschenk der Vergebung verbunden ist mit der Umsetzung des Geschenks im eigenen Handeln. Die Frage nach der „Bedingung“ der göttlichen Vergebung ist also nicht als ein Aufrechnen zu verstehen oder in einen zeitlichen Zusammenhang zu bringen. Vielmehr geht es darum, dass die Erfahrung der Vergebung von Gott her ihre Wirkung eigentlich erst entfaltet, wenn sie in einem selbst zur Handlungsmaxime wird. Die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes angesichts des eigenen Fehlverhaltens ist ein Geschenk. Sie befreit von der Last der Schuld und macht einen Neuanfang möglich. Aber sie ist auch Auftrag und Aufgabe und wird erst zu einer umfassenden Wirklichkeit, wenn sie ins Leben übersetzt wird. Erst wenn ich selbst bereit bin, Schuld zu vergeben und damit den Zusammenhang von Schuld und Vergeltung zu durchbrechen, gewinnt die Barmherzigkeit Gottes in meinem eigenen Leben an Realität. Es ist kein Zufall, dass diese Thematik auf der letzten Etappe Jesu, d.h. auf dem Weg nach Jerusalem hin, so bedeutsam wird. Das Kreuz und der schmachvolle Tod Jesu sind die Zeichen der Durchbrechung dieses Zusammenhangs. Besonders deutlich macht dies der Evangelist Lukas, der Jesus am Kreuz hängend beten lässt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lukasevangelium 23,34).

Interessant ist die Rolle der anderen Knechte im Gleichnis, die auf die Rolle der christlichen Gemeinschaft verweist. Vergebung ist nicht nur ein Geschehen zwischen Einzelnen, selbst wenn es um einen Vorfall zwischen zwei Personen geht. So wie die Gemeinde in Mt 18,15-20 einzubeziehen ist, um den Schuldigen zum Umdenken zu bewegen, so ist auch hier die Gemeinschaft betroffen. Die Betrübnis und Reaktion der Mitknechte über das Fehlverhalten des Knechts bringt zum Ausdruck, dass Christen einander darin unterstützen sollen, die erfahrene Vergebung in ihrem Leben in die Tat umzusetzen. Die Gemeinde ist hier keine Kontrollinstanz dem Sünder gegenüber, sondern demjenigen, der Vergebung leben sollte.

Kunst etc.

1

Die Taube mit dem Ölzweig aus der Erzählung von der Arche Noah als Symbol des Neuanfangs nach Sünden und Vergebung. Hier als Graffiti aus den Domitilla-Katakomben in Rom.