Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 45,1.4-6)

451So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus: / Ich habe ihn an seiner rechten Hand gefasst, um ihm Nationen zu unterwerfen; Könige entwaffne ich, / um ihm Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten:

[...]

5Ich bin der HERR und sonst niemand; / außer mir gibt es keinen Gott. Ich habe dir den Gürtel angelegt, / ohne dass du mich kanntest, 6damit man vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang erkennt, / dass es außer mir keinen Gott gibt. / Ich bin der HERR und sonst niemand.

Überblick

Ein Weltbeherrscher ist für Gott ein Werkzeug. Der Gesalbte ist ein Nicht-Israelit.

 

1. Verortung im Buch und in der Geschichte

Im Buch Jesaja erhält er viele Ehrentitel: Gott nennt ihn „mein Hirt“ (Jesaja 44,28) und sagt über ihn: „Der, den der HERR liebt, wird meinen Willen … vollstrecken“ (Jesaja 48,14);  der Prophet erkennt in ihm „den Mann für seinen [=Gottes] Plan“ (Jesaja 46,11). Der so beschriebene und gewürdigte ist kein Israelit, sondern der persische König Kyrus. 559 v. Chr. folgte er seinem Vater auf dem Thron von Anschan über ein kleines Gebiet im heutigen Iran. 550. v. Chr. befreite er sein Königreich nicht nur aus der Herrschaft der Meder, sondern wurde selbst zum König der Meder und Perser und begann die östliche Mittelmeerwelt zu erobern. 539 v. Chr. wird er dann König von Babel – wo Israel sich im Exil befindet -, nachdem die Stadt sich wehrlos seinen Truppen ergeben hat. Babylon, der Feind und Unterdrücker Israel, ist somit besiegt – und nicht nur das: gemäß dem sogenannten Kyrus-Edikt dürfen die exilierten Israeliten wieder nach Jerusalem zurückkehren und ihren zerstörten Tempel wiederaufbauen (siehe Esra 1). Bereits in Jesaja 44 sagt Gott zu oder über Kyros: „Mein Hirt - alles, was ich will, wird er vollenden!, der zu Jerusalem sagt: Es wird wieder aufgebaut! und der Tempel wird wieder gegründet.“ (Vers 28)

 

2. Aufbau

Die Worte Gottes zu Kyrus sind eingebettet in eine Rede an Israel, die bereits in Jesaja 44,24 beginnt. Die Worte an Israel erklären dem Volk, wer Gott im Verhältnis zu ihnen ist (Verse 24-28), bevor die weltpolitische Zukunft in den Worten an Kyrus entworfen wird (Jesaja 45,1-8). Nach der Ankündigung der Worte an Kyrus, folgt zuerst eine Rede über Kyros, bevor er ab Vers 2 direkt angesprochen wird. Die an ihn gerichteten Worte schreiten voran von dem Ziel, dass der neue Weltenherrscher, Gott erkennt (Vers 3) zu dem Ziel, dass die Welt durch Kyrus als göttliches Werkzeug zur Erkenntnis Gottes geführt wird (Vers 6). Der gesamte Abschnitt zielt auf dem Hintergrund der weltpolitischen Lage zu der Deutung, dass der Gott Israels, nicht nur der mächtigste Gott, sondern der alleinige Gott der Welt ist. Dies wird im Besonderen deutlich durch die Rahmung der Verse 5 und 6 durch die Feststellung Gottes: „Ich bin der HERR und sonst niemand(; außer mir gibt es keinen Gott).“

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Der Titel „Gesalbter“ gibt das hebräische Wort מָשִׁיחַ (gesprochen: Meschiach) wieder. Der auch im deutschen verwendete Begriff Messias bezeichnet in der Hebräischen Bibel noch nicht eine zukünftige Heilsgestalt, sondern ist ein Titel für Könige, Priester und Propheten, der anzeigt, dass die Person von Gott auserwählt wurde, ihm zu dienen. Dies wird auch hier deutlich. Kyrus ist nicht nur einfach ein Gesalbter, sondern „sein Gesalbter“, der Gesalbte Gottes. In der Zeit des Alten Testaments gehörte die Salbung fest zur Inthronisation des Königs und es ist auch nichts Ungewöhnliches, dass ein nicht-israelitischer König gesalbt wurde. In den Königebüchern wird berichtet, dass der Prophet Elija Hasael zum König über Aram salben soll (1 Könige 19,15). Kyrus ist das Werkzeug Gottes. Der Titel zeigt die Indienstnahme durch Gott an. Gott handelt für und durch ihn. So wird er sozusagen gleichzeitig bemächtigt und entmächtigt, um für Israel zu handeln, wie Vers 4 verdeutlicht: „Um meines Knechtes Jakob willen, um Israels, meines Erwählten, willen habe ich dich bei deinem Namen gerufen; ich habe dir einen Ehrennamen gegeben, ohne dass du mich kanntest.“ Dass gemäß Vers 1 Gott die Hand Kyrus ergreift, ist eine Beistandsaussage (siehe dazu auch die Rubrik „Kontext“) und verdeutlich, dass Gott Kyros als Werkzeug verwendet. Er führt nun Kyrus, wie er zuvor Israel geführt hat: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen.“ (Jesaja 41,14). Gottes Führung bedeutet kriegerische Gewalt, wörtlich geschieht sie, „um vor ihm Völker niederzutreten“, sie zu unterwerfen. Zugleich wird aber auch auf die schiere Macht hingewiesen, die damit einhergeht und alleine durch ihren Schrecken zum Sieg führt. Die Aussage, dass Gott – wörtlich – „die Hüften von Königen aufgürtet“ und sie somit ihrer Waffen von entledigt, um Stadttore ohne Gewalt zu öffnen, spielt wahrscheinlich auf die Einnahme Babels durch Kyros an. Die Stadt der tausend Tore ergab sich widerstandslos und öffnet seinem General die Tore.

Verse 5-6: Der Kontrast ist deutlich. Gott entmachtet, bzw. entgürtet die Könige der Welt (Vers 1), aber ermächtigt Kyrus. Und dies, obwohl Kyrus selbst nicht an den Gott Israels glaubt. In den Worten an Kyrus drückt sich auch die Hoffnung aus, dass er und dann die ganze Welt erkennen werden, dass in seinem Erfolg der Gott Israels sichtbar wird (Verse 3 und 6). Diese Erkenntnis basiert auf einer exklusiven Theologie. Alle Götter aus JHWH, dem Gott Israels, sind Nichtse.

Auslegung

Gott bedarf weder eines Gläubigen noch einer Religion, um in der Welt seinem Willen entsprechend zu handeln. Als das jüdische Volk seinen Tempel, Jerusalem und sein Land verloren hatte und machtlos im babylonischen Exil weilte, wird nicht ein davidischer König oder ein israelitischer Held als Retter in der Not angekündigt. Kyrus, der nicht an den Gott Israels glaubende König der Perser wird als Heiland verkündet. Obwohl Kyrus die Macht des Gottes Israels nicht anerkennt, befähigt ihn Gott das Babylonische Reich zu erobern und macht ihn zu einem machtvollen König. Doch trotz dieser Machtfülle ist der persische König doch nur ein Werkzeug Gottes, um Israel – Gottes Volk – aus dem Exil zu befreien. Gott befähigt Israel nicht dazu, sich aus eigener Macht heraus zu befreien. Israel hat keine politische Macht. Alle Macht liegt bei Gott und er bedient sich der Mächtigen der Welt als seine Vasallen, die seinen Willen durchsetzen sollen.

Gott verleiht Machtfülle unabhängig vom Glauben. Aber das Wirken Gottes dient der Erkenntnis, dass alle Macht am Ende doch nur ein Dienst ist. Der Erfolg führt zur Erkenntnis der eigenen Machtlosigkeit ohne Gott. Im Buch des Propheten Jesaja wird angekündigt, dass nicht nur Kyrus, sondern alle Welt im Verlauf der Weltgeschichte das Handeln Gottes erkennt. Dieses an Israel gerichtete Trostwort ist zugleich ein beeindruckendes und beängstigendes Gottesbild. Gott ist nämlich nicht nur für das Heil in der Welt, sondern auch für das Unheil verantwortlich. Wenn es neben Gott keine anderen Götter gibt, wenn er der Schöpfer der Welt und der Lenker der Weltgeschichte ist, dann ist er auch der Grund des Bösen. 

Gott kann jemanden, der weder Jude noch Christ ist, zu einem Heilsbringer machen. Wer an Gott als Allmächtigen glaubt, muss akzeptieren, dass dieser Gott sowohl ein Retter als auch ein Richter ist. Trost findet man in Gottes Treue: Alles was geschieht, geschieht um willen derjenigen, die an Gott glauben. Man muss immer damit rechnen, Gott in unerwarteten Situationen zu begegnen: sowohl auf der Seite der Mächtigen als auch auf der Seite der Schwachen, sowohl im Heil als auch im Unheil.   

Kunst etc.

Kyrus, eigentlich Kyrus II. oder Kyrus der Große, prägte mit seiner inklusiven Religionspolitik den östlichen Mittelmeerraum. Er regierte von 559 bis 530 v. Chr. Sein Grabmal in der Nähe der heutigen iranischen Stadt Schiras kann heute noch besichtigt werden. In einem Relief aus der ehemaligen altpersischen Residenzstadt Pasargadae, wo sich sein Grab befindet, wird er stehend mit den typischen Flügeln dargestellt. Eine Nachbildung dieses Reliefs steht im Olympiapark von Sydney.

Kyros II. im Olympia-Park von Sydney (Nachbildung des Originals vom Relief in Pasargadae), fotografiert von Siamax – Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Kyros II. im Olympia-Park von Sydney (Nachbildung des Originals vom Relief in Pasargadae), fotografiert von Siamax – Lizenz: CC BY-SA 3.0.