Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Kor 3,16-23)

16Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

17Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.

18Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden.

19Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List.

20Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig.

21Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch;

22Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch;

23ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.

Überblick

Alles gehört euch! Und doch nicht ganz! Paulus und die Parteiungen der Gemeinde in Korinth.

 

 

1. Verortung im Brief
Nach dem Anschreiben („Präskript“) des 1. Korintherbriefs (1 Kor) und der Vorrede („Proömium“) befinden wir uns im Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“). Paulus, der die Gemeinde von Korinth gegründet hat (50/51 n. Chr.), nimmt darin Bezug zur aktuellen Situation der Gemeinde, mit der er in einem regen Austausch steht. Bis zu einem neuerlichen Besuch, bleibt das Medium des Briefes ein wesentliches Mittel, um auf Fragen und Herausforderungen der jungen christlichen Gemeinde einzugehen. In dem in Ephesus verfassten Brief (ca. 54 n. Chr.) findet Paulus tröstende, ermahnende und klarstellende Worte und bringt sich selbst als Apostel und die Botschaft des Evangeliums in Erinnerung. Das erste Thema des Briefes sind Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde. Ihnen begegnet Paulus unter anderem mit dem Hinweis auf die einzigartige und allein aussagekräftige Botschaft des Kreuzes. Sie muss im Mittelpunkt der Gemeinde stehen und den Maßstab für alles Tun und Verkündigen bilden, insofern sie sich durch eine andere Form der „Weisheit“ auszeichnet. Mit der Weisheit der Welt und der Weisheit Gottes hatte sich Paulus bereits zuvor auseinandergesetzt (1 Kor 2,1-10). Der Abschnitt 1 Kor 3,16-23 nimmt sowohl die Gemeindethematik als auch die Weisheitsfrage wieder auf und verbindet beide.

 

 

2. Aufbau
Zwei unterschiedliche Schwerpunkte sind unterscheidbar: Zuerst richtet sich der Blick des Paulus auf die Gemeinde als „Tempel Gottes“ (Verse 16-17). Danach liegt der Fokus auf der Weisheit der Welt (Verse 18-23).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 16-17: Paulus vergleicht die Gemeinde von Korinth mit dem Tempel Gottes in Jerusalem. Das erhabene Bauwerk, das die meisten Gemeindemitglieder nur vom Hörensagen kennen, ist ihnen jedoch in ihrer Bedeutung bekannt. Der Tempel ist der Wohnort Gottes, er ist ein heiliger Ort und nur dem vorbehalten, was Gottes Willen entspricht. Die Begründung für die Bezeichnung der Gemeinde als Tempel Gottes liefert Paulus unscheinbar mit: Der Geist Gottes wohnt in ihnen. 
Der erste Teil von Vers 17 klingt wie ein Satz heiligen Rechts. Dem irdischen Handeln gegen den Tempel, den Wohnort Gottes, wird eine himmlische Bestrafung entgegengestellt. Entsprechend der Übertragung der Tempelwürde an die Gemeinde, wendet der zweite Teil von Vers 17 die Androhung auf diejenigen, die der Gemeinde schaden. Angesichts der schwelenden Streitigkeiten in Korinth, die auch hier mit zu bedenken sind, kommen einem die gegenläufigen Parteiungen als Handeln gegen den „Tempel“ der Gemeinde in den Sinn.

 

Verse 18-20: Die Worte über die Einheit der Gemeinde verbindet Paulus an dieser Stelle des Briefes eng mit der Frage nach der Weisheit. Dazu ruft Paulus zunächst in Erinnerung, was er bereits erläutert hatte (vgl. 1 Kor 2,6-10). Weil für Gott das Weise töricht ist und vor ihm das Törichte weise, soll sich niemand etwas auf seine Weisheit einbilden. Um dies zu untermauern, bindet Paulus zwei Schriftzitate ein – wenn auch auf seine Weise. Im Psalmzitat ersetzt der z.B. „Menschen“ durch „Weise“, um seine Pointe zu stärken.

 

Verse 21-23: Weil alle menschliche Weisheit vor Gott nicht besteht, macht es auch keinen Sinn, sich auf die Weisheit eines Menschen zu berufen oder sich seiner zu rühmen. Der Apostel festigt seine Begründungsstrategie mit einem Zuruf, der den Korinthern aus dem philosophischen Umfeld bekannt sein dürfte, wendet sie jedoch zu seinen Gunsten. „Alles gehört euch“ schreibt Paulus und nimmt damit Bezug auf den Satz „dem Weisen gehört die Welt“ philosophischer Wanderprediger. Die Gemeinde darf Paulus, Apollos und Kephas (Petrus), die großen Glaubenszeugen, als auf sie bezogen verstehen. Denn Petrus, Apollos und Paulus sind für die Gemeinde da, sie sind da, damit die Gemeinde Gemeinde sein kann. Wenn nun aber die Gemeinde sich aufspaltet und behauptet zu einem der Verkünder zu gehören, dann ist das eine irrige Annahme der Gemeinde. Der Begriff „gehören“ beschreibt eine Bindung und eine Freiheit zugleich. Die Gemeinde hat sich der Welt gegenüber, aber auch gegenüber Leben und Tod, Zukunft und Vergangenheit als losgelöst von vielen Nöten und Ängsten begreifen. Was ihr dazu verhilft und damit immer der Grund ihrer Freiheit ist, ist die Zugehörigkeit zu Christus und damit Gott selbst. Nachdem Paulus am Ende von Vers 22 den Zuruf „alles gehört euch“ noch einmal betont hatte, ordnet er ihn in Vers 23 ein in das größere Ganze. Zugleich enthüllt Vers 23 noch einmal, warum die Streitigkeiten und Parteiungen der Gemeinde völlig verfehlt sind. Es kann keine Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Verkündiger geben, denn die Zugehörigkeit besteht einzig und allein zu Christus und durch ihn zu Gott.

Auslegung

In zwei unterschiedlichen Gedankengängen versucht Paulus der Gemeinde von Korinth in diesem Abschnitt des 1. Korintherbriefes deutlich zu machen, dass ihre Identität als Gemeinde immer nur in Beziehung zu Gott existiert. Der erste Gedanke ist sehr klar und einfach formuliert: Die Gemeinde ist der Tempel Gottes und damit ein herausgehobener Ort, ein Raum der Heiligkeit, ein Ort, der auch für andere zum Heilsort werden kann. Aber: Sie ist es nicht aus sich selbst heraus, sondern weil Gottes Geist in ihr wohnt. Ist dieser Geist nicht mehr spürbar, dann schwindet auch die Heiligkeit der Gemeinde. Woran sich der Geist Gottes in der Gemeinschaft der Christen ausdrückt, wird Paulus später noch ausführlicher erklären (1 Kor 12,7), hier reißt er das Thema nur knapp an. 
Der zweite Gedanke ist komplizierter formuliert und hat als Ziel, die Parteiungen in der Gemeinde noch einmal in die Grundaussage einzubeziehen. Es ist ein Trugschluss, sich auf einzelne exponierte Gestalten zu berufen und sich als zu ihnen gehörig zu verstehen. Denn am Ende gehören alle – die Gemeindemitglieder, aber auch Paulus, Petrus und Apollos Gott. Er ist der Bezugsrahmen für die Gemeinde und nur auf ihn können sie sich als Gemeinde gründen. Gott ist es denn auch, der die Freiheit schenkt, sich frei gegenüber der Welt zu fühlen. Denn wenn Tod, Leben, Zukunft, Gegenwart und Welt der Gemeinde „gehört“, dann meint dies nichts anderes als das die Gemeinde sich nicht durch diese weltlichen Dinge eingeengt und beeinflusst fühlen muss. Sie steht als Gottes heiliger Ort unter seinem Schutz, er ist der Herr über die Zeit und die Schöpfung. Die Freiheit, sich selbstbewusst in Beziehung zu den Dingen und auch zu Personen zu setzen, gründet also in Gott. Die Beziehung zu ihm, die sich für die Gemeinde im Bekenntnis zu seinem Sohn und in der Nachfolge konkretisiert, ist das Fundament des Tempels und das Fundament allen Handelns für die Korinther. Wo dieses Fundament jedoch ins Wanken gerät, bekommt der Tempel Schieflage und verliert seine heilige Strahlkraft. Tempel Gottes ist die Gemeinde durch Gottes Geist, frei und von irdischen Weisheiten unbeeindruckt, weil sie weiß, dass sie zu Gott gehört und in seiner Hand liegt. Wenn sie die Beziehung zu Gott jedoch durch irdische Weisheiten und Sicherheiten aufs Spiel setzt oder jeder seine eigenen Fundamente legen will, ist das Haus Gottes einsturzgefährdet.