Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 14,22-33)

22Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.

23Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort.

24Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind.

25In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See.

26Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst.

27Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!

28Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!

29Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus.

30Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich!

31Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind.

33Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.

Überblick

Vom Zweifeln zum Bekennen. Wie die Jünger des Nachts auf dem See verstehen lernen.

1. Verortung im Evangelium
Im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt) hatte Jesus in einer großen Gleichnisrede zu der Volksmenge und den Jüngern gesprochen hat und so das Himmelreich versucht näher zu erläutern. Er umschreibt diesen Ort der Gegenwart Gottes mit Bildern in seiner unscheinbaren Gegenwart und seiner unaufhörlich-verändernden Kraft. Es zeigt sich jedoch auch, dass es für das Verständnis des Himmelreiches und damit des Kernstücks der Botschaft Jesu mehr braucht als ein bloßes Zuhören. Wichtig ist ein tiefergehendes Verständnis, das mit der Erkenntnis von Jesus als dem Sohn Gottes einhergeht, der das Himmelreich bereits jetzt in seinem Handeln unter den Menschen sichtbar und erlebbar macht. Mehrfach hatte der Evangelist Matthäus dieses besondere Verständnis betont und das Verstehen vom bloßen Hören der Botschaft abgehoben (z.B. Mt 13,17). Diese Unterscheidung hatte den Gegensatz zwischen den Jüngern, die die Verkündigung Jesu bis in die Tiefe verstehen und den Volksmengen, die zum Teil nur hören, aber nicht verstehen, noch einmal betont.

Im Anschluss an die Gleichnisrede tritt diese Differenz im Verstehen und den Reaktionen auf die Verkündigung Jesu deutlich hervor. Matthäus berichtet von der Ablehnung Jesu in seiner Heimat (Mt 13,54-58) und der Einschätzung des Herodes, in Jesus sei Johannes der Täufer von den Toten wiedergekommen, den Herodes selbst hatte umbringen lassen (Mt,14,1-12). Im Anschluss an diese Einschätzungen der Menschen schildert der Evangelist zwei besondere Zeichen der Vollmacht Jesu: Die Speisung der 5000 (Mt 14,13-21) und den Gang auf dem Wasser (Mt 14,22-33).

 

2. Aufbau
Die Verse 22-23 bilden eine Verknüpfung zur vorangegangenen Erzählung und leiten über zum Seewandel. Die Erzählung auf dem See lässt sich in zwei Teile gliedern, zum einen in den Seewandel Jesu (Verse 24-27) und dann in die Erzählung rund um Petrus (Verse 28-31). Die Verse 32-33 konstatieren das Wunder und münden in einem Bekenntnis der Jünger.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 22-23: Die zeitliche Verknüpfung („gleich darauf“) verbindet diese Erzählung mit der vorangehenden. Damit wird deutlich, dass sie zusammen zu lesen und zu verstehen sind. Dies wird betont durch die Wiederholung des Motivs vom Rückzug Jesu. Anders als bei der Speisung der 5000 versucht Jesus nicht an einen ruhigen Ort zu „entkommen“, sondern er schafft ihn sich zum Teil selbst, indem er zunächst die Jünger und dann die Volksmenge wegschickt. Dadurch kann er „für sich allein“ beten und Ruhe im Gespräch mit dem Vater finden. Die doppelte Formulierung „allein“ zeigt, dass es dem Evangelisten wichtig war, die Vollmachtserweise Jesu in Verbindung zu setzen mit seinem andauernden Kontakt mit dem himmlischen Vater. Nur aus der intensiven Verbindung zwischen Vater und Sohn entstehen die lebensfüllenden und rettenden Zeichen des Wirkens Jesu. Zugleich ist die Trennung von Jüngern und Jesus Voraussetzung für das kommende Geschehen.

 

Verse 24-27: Während Jesus sich allein zum Gebet zurückgezogen hat, sind die Jünger miteinander versammelt. Gemeinsam erleben sie die Not des aufziehenden Sturmes und die Verwirrung als ihnen am frühen Morgen (zwischen 3 und 6 Uhr) jemand auf dem Wasser entgegen geht. Die Schilderung der folgenden Ereignisse ähnelt denen in Mt 8,23-27, allerdings ist Jesus nun eben nicht bei den Jüngern an Bord.
Schreiten auf dem Wasser ist in der antiken Welt ein Motiv, das – vor allem im alttestamentlich-jüdischen Kontext – immer eine Eigenschaft Gottes beschreibt. Dieses Privileg grenzt Menschen von Gott oder mit göttlicher Vollmacht ausgestatteten Menschen ab. Im 2. Buch der Makkabäer wird gegen König Antiochus IV. polemisiert, indem man über ihn schreibt, er habe behauptet, das Meer begehbar machen zu können (2. Buch der Makkabäer 5,21). Die Reaktion der Jünger, ein Gespenst und damit nicht einen Menschen zu identifizieren, ist also verständlich. Am Ende wird sie im Bekenntnis ins Positive gewendet. Die Antwort Jesu auf das Erschrecken der Jünger bleibt ganz in dem Duktus und der Frage nach Gott oder Mensch drinnen. Im Stile großer alttestamentlicher Offenbarungen spricht Jesus den Jüngern Mut zu (z.B. Genesis 15,1) und gibt sich mit „Ich bin es“ (vgl. Exodus 3,14) einerseits als der zu erkennen, mit dem sie gewöhnlich unterwegs sind und andererseits als Gottessohn (vgl. Exodus 3,14).

 

Verse 28-31: Der Anklang an eine göttliche Selbstvorstellung setzt sich fort in der Antwort des Petrus („wenn du es bist“). Die Autorisierung der Selbstverstellung Jesu mit dem Gottes Zuspruch „Ich bin“ kann im Befehl erfolgen, dass auch Petrus nun übers Wasser gehen kann. Neben dem Aspekt der Verifizierung des Gesagten steht mit der Bitte des Petrus aber auch im Raum, dass er um seine eigene Unfähigkeit zu einer solchen Tat weiß. Indem Jesus Petrus bittet, zu ihm zu kommen, zeigt er, dass er sich mit Recht mit göttlicher Formel vorgestellt hat und daher auch in entsprechender Autorität handeln und Petrus zum Gang übers Wasser rufen kann. Erst als Petrus dem Sturm und damit der Bedrängnis mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Zuspruch durch Jesus, scheitert das Vorhaben. Petrus wird damit zum Sinnbild für die Furcht vor dem Untergehen und damit einem Glauben, der in der Not ins Wanken gerät. Die Bitte um Rettung erinnert in ihrer Art an Psalm 69,2 und betont damit die Gottes Vollmacht Jesu, an der Petrus in diesem Moment nicht zweifelt. Die göttliche Macht Jesu wird nun um den Aspekt der Rettung erweitert. Jesus handelt wie in Mt 8,23-27 souverän und rettet ihn, indem er seine Hand reicht.

 

Verse 32-33: Die Anwesenheit Jesu im Boot bringt den Sturm zur Stillung, sodass neben dem Gang auf dem Wasser und der Rettung an Petrus ein weiteres Vollmachtszeichen hinzutritt. Die folgende Reaktion der Jünger ist die logische Folge einer solchen Offenbarung göttlicher Macht. Das Motiv des Niederfallens (Proskynese) zieht sich seit Mt 2,11 fester Bestandteil der Erzählung des Matthäus. Und auch darüber hinaus, werden die Kernaussagen aus der Anfangsgeschichte des Evangeliums hier wieder aufgenommen: Jesus als der Immanuel, Gott mit uns, zeigt sein göttliches und rettendes Handeln (Mt 1,21-23).

Auslegung

Die Erzählung vom Seewandel Jesu und dem Gang des Petrus auf dem Wasser reiht sich hinter die Erzählung von der Speisung der 5000 am Ufer des Sees Gennesaret ein (zur Auslegung). Beiden Erzählungen ist gemeinsam, dass sie sich mit dem Verständnis der Vollmacht Jesu durch die Jünger beschäftigen. Das Besondere der Gegenwart Gottes in seinem Sohn Jesus Christus zeigte sich in der wunderbaren Brotvermehrung in der mit Jesu Gegenwart beginnenden Lebensfülle. Nun, in der Erzählung vom nächtlichen Seewandel, steht die rettende Kraft Jesu im Vordergrund. Die Jünger sind durch die Gleichnisrede Jesu bereits zum tieferen Verstehen des Himmelreichs gekommen sind (Mt 13,11). Jetzt werden sie anhand der Stillung des Sturms und der Auseinandersetzung mit dem Zweifeln des Petrus, das zugleich ihr eigenes ist, auch zu einem tieferen Verstehen der göttlichen Vollmacht Jesu geführt. Dazu dient einerseits das Motiv des Schreitens über Wasser, das Jesus als Gottessohn kennzeichnet. Wie schon bei der Aussendung als Botschafter des Himmelreichs und bei der Brotvermehrung wird den Jüngern auch hier beim Wandel auf dem See an dieser Vollmacht Anteil gegeben. Stellvertretend für den Kreis kann Petrus ebenfalls seinen Fuß auf das Wasser setzen und sich Jesus auf dem See nähern. Die Tatsache, dass er Jesus darum bittet, ihm diese Erfahrung zu ermöglichen, hebt sie aus der Reihe der anderen Ereignisse heraus. 
Die Vollmacht, das Himmelreich zu verkünden, erhalten die Jünger ganz aus der Logik des Schüler-Lehrer-Verhältnisses heraus. Sie haben die Verkündigung des Himmelreichs durch Jesus oftmals gehört und erlebt. Nun wird es angesichts der Not der Menschen Zeit, dass sie einen Teil dieser Aufgabe mitübernehmen. Bei der Speisung der 5000 haben die Jünger Anteil an der Vollmacht Jesu, indem sie sein göttliches Wirken unterstützen: Die Jünger nehmen selbst Not wahr, zeigen das Problem an, übernehmen praktische Aufgaben (vorhandene Gaben sammeln, Gaben nach der Vermehrung austeilen). Die Jünger selbst sind dabei nicht diejenigen, die Lebensfülle schenken. Sie lernen aber verstehen, dass dies mit zur Botschaft des Himmelreiches gehört. Und sie begreifen, dass sie mit dem richtigen Blick auf die Situation helfen können, Lebensfülle spürbar zu machen. Gleichzeitig erleben sie, dass wahre Fülle von Gott geschenkt wird und sie nur im Zusammenspiel mit Gottes Sohn daran mitwirken können. Dieses vertiefte Verstehen spiegelt sich in der Erzählung von Petrus auf dem Wasser wieder. Ihm ist bewusst, dass Gehen auf dem Wasser nur Gott vorbehalten ist. Er hat aber auch schon erlebt, wie Gott in Jesus Christus andere Anteil haben lässt an göttlicher Vollmacht. So bittet er, Jesus möge ihm ein vollmächtiges Wort zusprechen, so dass auch er auf dem Wasser gehen kann. Wenn Petrus das Vertrauen in das zugesprochene Wort inmitten des Sturmes ausgeht, so zeigt sich darin der Steigerungspunkt von der Aussendungsrede bis hin zum Seewandel. Denn in der Erzählung geht es nicht so sehr, um den Anteil der Jünger an der Vollmacht Jesu, sondern um das Verstehen der Größe der Vollmacht Jesu und das Vertrauen in das, was man verstanden hat. Kurz gesagt: Es geht um den Glauben der Jünger. Können sie den eigenen Erfahrungen mit der Vollmacht Jesu auch trauen, wenn es schwierig wird? Gelingt es ihnen, den Glauben an die lebensverändernde Kraft Jesu zu bewahren, wenn das eigene Leben in Gefahr ist? Können Sie glauben, dass sie auf ein Wort Jesu hin, die Grenzen des Menschenmöglichen überschreiten?
Die Antwort geben die Jünger ein erstes Mal am Schluss der Erzählung – vielleicht noch ohne alle Konsequenzen zu überblicken. Die Erfahrung des nächtlichen Gangs auf dem Wasser, der rettenden Tat an Petrus und der Sturmstillung lässt sie die Vollmacht Jesu in vollem Umfang erkennen und dieser Erkenntnis Ausdruck verleihen. Das Niederfallen vor dem Gottessohn und das Bekenntnis zu seiner göttlichen Herkunft und Macht sind der vorläufige Schlusspunkt einer Reihe eigener Erfahrungen und Taten Jesu. Die Episode mit Petrus deutet jedoch bereits an, dass die hier im Bekenntnis zum Ausdruck gebrachte Erkenntnis der Göttlichkeit Jesu sich immer wieder in den Herausforderungen des Alltags wird bewähren müssen.

Kunst etc.

Auf diesem Gemälde von Philipp Otto Runge aus dem Jahr 1806 wird die Dramatik der nächtlichen Situation durch die Dunkelheit des Bildes betont. Die Lichtführung hebt Jesus als den Retter des Petrus hervor, der sich nahezu an dessen Hand klammert.