Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 56,1.6-7)

561So spricht der HERR:

Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit, / denn bald kommt mein Heil / und meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren!

[...]

6Und die Fremden, die sich dem HERRN anschließen, / um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben,

um seine Knechte zu sein, / alle, die den Sabbat halten

und ihn nicht entweihen / und die an meinem Bund festhalten,

7sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen / und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets.

Ihre Brandopfer und Schlachtopfer werden Gefallen auf meinem Altar finden, / denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden.

Überblick

Im Haus des Gebetes für alle Völker können selbst Fremde zum Teil des Volkes Gottes werden – wenn sie Gottes Forderungen einhalten.

 

1. Verortung im Buch

Der dritte und somit letzte Teil des Buches Jesaja stellt Zions Zukunft in den Mittelpunkt (siehe Jesaja 60-20) – und behandelt an seinen Rändern die Frage, wer Anteil am göttlichen Heil haben wird. Bereits kurz zuvor wird verkündet, wie man das Heil und somit Gottes Gerechtigkeit zu verstehen hat: „1 Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch! 2 Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen! 3 Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben! Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: Die Erweise der Huld für David sind beständig.“ (Jesaja 55,1-3).

 

2. Aufbau

Die Gemeinde Gottes steht allen Menschen offen – diese radikale Aussage steht im Zentrum von Jesaja 56,1-8. Der Sabbat und das Bewahren Gottes Bundes sind die göttlichen Kriterien, die selbst dem Eunuchen und dem Fremden eine Zukunft im Volk Gottes geben: „Selig der Mensch, der dies tut, und jeder Einzelne, der daran festhält, den Sabbat zu halten und ihn nicht zu entweihen und seine Hand vor jeder bösen Tat zu bewahren.“ (Vers 2). Explizit werden die Bedenken gegen diese Annahme aus dem Weg geräumt: „Der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird er mich ausschließen aus seinem Volk.“ (Vers 3 und siehe als Antwort darauf Verse 6-7). Das in Vers 1 angekündigte Heil bedeutet nicht nur die Sammlung Israels aus dem Exil, sondern auch die Offenheit des Volkes für die Fremden: „Spruch GOTTES, des Herrn, der die Versprengten Israels sammelt: Noch mehr, als ich schon von ihnen gesammelt habe, will ich bei ihm sammeln.“ (Vers 8).

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Vers 1: Am Anfang steht eine Mahnung zum frommen Handeln: „Übt Gerechtigkeit … denn meine Gerechtigkeit kommt!“. Diese Forderung erhält ihre Dringlichkeit durch das bevorstehende Kommen Gottes, wie es bereits vergleichbar in Jesaja 46,13 verkündet wurde: „Ich habe meine Gerechtigkeit nahegebracht, sie ist nicht mehr fern und meine Rettung verzögert sich nicht. Ich schaffe Rettung in Zion und verleihe Israel meine strahlende Pracht.“

Vers 6: Die hier genannten Fremden sind Proselyten, die zum Volk Gottes übertreten wollen. Wie radikal die Aussage ist, erkennt man wenn man sie mit der Tendenz der klaren Unterscheidung zwischen Volk Israel und den Fremden im Buch Nehemia betrachtet: „Die, die ihrer Abstammung nach Israeliten waren, sonderten sich von allen Fremden ab; sie traten vor und bekannten ihre Sünden und die Vergehen ihrer Väter.“ (Nehemia 9,2 – siehe auch Nehemia 13,1-3). Auch sprachlich werden die Proselyten sehr eng an das Volk Israel herangeführt. Sie wollen Gott „dienen“ – so wie es eigentlich die Priester und Leviten tun. Sie lieben Gott, wie es eigentlich dem Volk Israel aufgetragen ist (siehe Deuteronomium 11,32). Auch der Verweis, dass sie als Knechtes Gottes zu sehen sind, beschreibt sie in ihrer Intention bereits als Teil des Volkes Gottes. Zu dem entscheidenden Kriterium, ob sie ein Teil des Volkes Gottes sein können siehe die Rubrik „Auslegung“.

Vers 7: Die Fremden werden vollständig als Teil der Kultgemeinde aufgenommen. Der heilige Berg ist der Ort des Tempels, der hier „Haus des Gebets für alle Völker“ genannt wird. Gebet und Opfer sind im Alten Testament kein Gegensatz, sondern die Gebete sind Teil des Opfervollzugs. Mit der Annahme der Opfer der Fremden sind diese im Endeffekt keine Fremden mehr.   

Auslegung

Wer ist ein glücklicher Mensch? Auf diese Frage antwortet Vers 2: „Selig der Mensch, der dies tut, und jeder Einzelne, der daran festhält, den Sabbat zu halten und ihn nicht zu entweihen und seine Hand vor jeder bösen Tat zu bewahren.“ Auch für den Nicht-Israeliten – die wir alle als Christen sind – gilt nach den Worten im Buch des Propheten Jesaja, dass sie zur Kultgemeinde Gottes gehören, wenn sie den Sabbat bewahren. Mit diesem Kriterium wird eine zentrale Forderung des Zehn Gebote aufgenommen, wie sie im Buch Deuteronomium formuliert ist: „Halte den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der HERR, dein Gott, geboten hat!“ (Deuteronomium 5,12). Diese Forderung wird allem vorgeordnet – selbst die Einhaltung des Bundes mit Gott kommt erst an zweiter Stelle. Damit wird ein Charakteristikum Israels zum Teil der Identität der „Fremden“: „Gedenke, dass du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der HERR, dein Gott mit starker Hand und ausgestreckten Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der HERR, dein Gott geboten, den Sabbat zu begehen.“ (Deuteronomium 5,15).

Der Sabbat ist im biblischen Israel ein Grundrecht, das sowohl Arbeitskräften als auch Arbeitstieren zusteht und keine Standesunterschiede kennt. Es handelt sich dabei nicht um eine Vertragsvereinbarung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Zum Beispiel in altbabylonischen Vertragstexten wird festgelegt, dass ein Arbeiter drei Ruhetage pro Monat erhält. In den alttestamentlichen Gesetzen ist der Ruhetag keine Vertragsvereinbarung und kein individuelles Recht, sondern ein gesellschaftlich festgelegter Lebensrhythmus zum Schutz der arbeitenden Menschen und Tiere – und ein essenzieller Bestandteil der Beziehung zu Gott.

Kunst etc.

Modelle des Ersten und Zweiten Tempels gibt es verschiedene, wie dieses, das in Jerusalem im Israel-Museum steht. Den Tempel vor Augen läuft man nicht Gefahr das „Haus des Gebets für alle Völker“ misszuverstehen. Es geht im Buch Jesaja um keinen abstrakten Ort, sondern das Heiligtum, in dem Israel gemäß den alttestamentlichen Gesetzen die vorgeschriebenen Opfer darzubringen sind. Die „Fremden“ halten wie Israel den Sabbat und bringen wie das Gottes Volk die Opfer dar.

Fotograftiert von Daniel Ventura,
Fotograftiert von Daniel Ventura, "Model of Jerusalem in the Late Second Temple Period" - Lizenz: CC BY-SA 4.0