Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Weish 12,13.16-19)

13Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; / daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast.

[...]

16Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit / und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen.

17Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, / und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung.

18Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde / und behandelst uns mit großer Schonung; / denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst.

19Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, / dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen und Töchtern die Hoffnung geschenkt, / dass du den Sündern die Umkehr gewährst.

Überblick

Wie vertragen sich Gottes Allmacht und seine Barmherzigkeit? Der Autor des Buches der Weisheit findet darauf eine Antwort in der Aussage „Gott straft“.

 

1.       Verortung im Buch

Das Buch der Weisheit wirbt für eine biblische Perspektive auf das Leben und eine daraus resultierende konkrete Lebensführung, indem es lehrt und mahnt. Dazu wird im dritten Teil des Buches (Weisheit 11,2-19,22) der Exodus erinnert und nacherzählt. Und darin gibt es in Weisheit 11,15-12,27 einen Exkurs über die Milde Gottes, aus dem die Verse für die Lesung stammen. Konkret wird gefragt: „Was bedeutet es, wenn Gott straft? Beispielhaft wird dies anhand der früheren Bewohner des Landes Kanaan, des verheißenen Landes, verhandelt: „Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und gabst Raum zur Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde.“ (Weisheit 12,9-10). Die theologische Grundlage  über die dann folgenden Überlegungen zu Gottes Macht, seiner Gerechtigkeit und seinem Willen zum Verschonen, wird in Vers 12 durch vier rhetorische Fragen gegeben, die die Souveränität Gottes betonen: „Denn wer darf sagen: Was hast du getan?/ Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte vor dich treten als Anwalt ungerechter Menschen?“

Im Endeffekt geht es um Gottes Allmacht, die die Grundlage für seine All-Barmherzigkeit ist, weil Gott alles aus Liebe erschaffen hat (siehe Weisheit 11,24-25). Dass diese Liebe auch zur Bestrafung führen kann, wird dabei nicht bestritten – aber selbst die grausamste Bestrafung hat für den Weisheitslehrer, der diese Zeilen verfasst hat, einen pädagogischen Sinn: „Während du uns erziehst, geißelst du unsere Feinde zehntausendfach, damit wir als Richter uns um deine Güte bemühen und auf Erbarmen hoffen, wenn wir selber vor dem Gericht stehen.“  (Weisheit 12,22).

 

2.       Aufbau

Verse 13-15 beantworten die rhetorischen Fragen aus Vers 12. In Vers 16 werden die entscheidenen Begriffe des gesamten Abschnittes genannt - Gerechtigkeit, Kraft, Schonung -, die in den Versen 17-18 erläutert werden (im Kontrast zu der Aussage der Frevler in Weisheit 2,11: „Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“). Vers 19 leitet bereits über zu der in den folgenden Versen behandelten „Menschenfreundlichkeit“, die als Lernziel der Erinnerung und Vergegenwärtigung Gottes Handelns und Strafens definiert wird.

 

3.       Erklärung einzelner Verse

Vers 13: Hier wird nicht nur auf den Ein-Gott-Glauben, das monotheistische Bekenntnis, verwiesen, sondern dieses wird auch direkt gefüllt mit dem Verweis auf diesen Gott als liebenden Schöpfergott (siehe Weisheit 11,24-25). In der Schöpfung liegt die Begründung für die Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Vers 16: Gottes Macht, seine Gerechtigkeit und seine Barmherzigkeit bedingen sich einander – weil er allmächtig ist kann er allbarmherzig sein.

Vers 17: Seine Stärke und somit seinen Willen zur Strafe zeigt er nur in zwei Fällen: (1.) wenn an Gottes Macht gezweifelt oder sie nicht gelaubt wird und (2.) wenn jemand versucht, sich ihr zu entziehen. Ein Beispiel hierfür ist das Verhalten des Pharaos im Buch Exodus, wie es im Buch der Weisheit geschildert wird – zuerst ignoriert der Pharao das Anliegen Moses und Aarons, die im Auftrag Gottes reden, und dann stellt er sich trotz der Plagen ihnen immer noch entgegen: „Daher hast du jene, die in Torheit und Unrecht dahinlebten, mit ihren eigenen Gräueln gepeinigt. Allzu weit waren sie in die Irre gegangen,/ als sie die allerhässlichsten und verachtetsten Tiere für Götter hielten und wie unverständige Kinder sich täuschen ließen. Darum hast du ihnen wie unvernünftigen Kindern eine Strafe gesandt, die sie zum Gespött machte. Die sich aber durch eine Strafe, die sie zum Gespött macht, nicht warnen ließen, die werden eine Strafe erleiden, die der Macht Gottes entspricht. In ihren Leiden wurden sie zornig über die Tiere, die sie für Götter hielten und mit denen sie jetzt gestraft wurden. So erfuhren sie jenen, von dem sie vorher nichts wissen wollten, und erkannten ihn als den wahren Gott; deshalb war ja auch die äußerste Strafe über sie gekommen.“ (Weisheit 12,23-27)

Vers 18: Nun wird das bisher mit Blick auf die Völker Kanaans verhandelte explizit auf die Israeliten thematisiert: „richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Schonung“. Gott herrscht sozusagen über seine Macht mit Milde und Schonung – und davon profitiert Israel.

Vers 19: Aus dem Blick auf das Schicksal der Kanaanäer wird nun ein zweifacher Schluss gezogen: (1.) Die Kanaaniter wurden bestraft, weil sie nicht menschenfreundlich gehandelt haben; siehe Verse 3-6: „Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten,/ Zauberkünste und unheilige Riten; sie waren erbarmungslose Kindermörder/ und verzehrten beim Kultmahl Menschenfleisch und Menschenblut; sie waren Teilnehmer an geheimen Kulten und sie waren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten“ – aus ihren Sünden sollen die Israeliten lernen, das Gegenteil zu tun. (2.) Selbst für den schlimmsten Sünder gibt es eine Hoffnung, denn Gott bietet die Möglichkeit zur Umkehr und somit zur Verschonung im Gericht; siehe dazu die Aussage über das Schicksal der Kanaaniter in den Versen 8-10: „Doch selbst jene hast du geschont, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Wespen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und gabst Raum zur Umkehr.“ 

Auslegung

Das Buch der Weisheit, das irgendwann zwischen 30 v. Chr. und 40 n. Chr entstanden ist, geht einen intensiven Dialog mit der hellenistischen Literatur der damaligen Zeit ein. Die Eigenschaften, die Gott hier zugeschrieben werden, vor allem seine Macht und seine Milde, finden sich so auch in Abhandlungen über hellenistische Herrscher. Wie so häufig zuvor in der Literaturgeschichte des Alten Testaments wird Gott als der alle Könige überragende Herrscher dargestellt – nun jedoch theologisch auf die Spitze getrieben, in dem seine Allmacht und seine Allbarmherzigkeit sich einander bedingen. Dass Macht und Barmherzigkeit sich einander bedingen überschreitet den oft menschlichen Blick auf Macht als eine Art Gewalt mit einer Tendenz zur Gewalttätigkeit. Der Autor des Buches der Weisheit hat zu Ende gedacht, was es bedeutet, wenn im Buch Exodus Gott als „langmütig zum Zorn“ beschrieben wird.  

Kunst etc.

In vielen Kirchen und Kappeln findet man in der Kuppeldecke ein Darstellung Gottes als der Allmächtige, wie hier von Antione Coypel im Schloss Versailles. Gott der Vater wird zentral, strahlend wie die Sonne dargestellt, an dem sich die gesamte Schöpfung ausrichtet. Das strahlende Licht, das ihn umgibt, erinnert daran, dass die Sonne sowohl Leben ermöglicht als auch vernichtet. Es ist dieses Spannungsfeld, in dem der Autor des Buches der Weisheit die Allmacht und die Allbarmherzigkeit Gottes verortet.

„Der allmächtige Gott Vater“, Antione Coypel, Schloss Versailles – Lizenz: gemeinfrei.
„Der allmächtige Gott Vater“, Antione Coypel, Schloss Versailles – Lizenz: gemeinfrei.