Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 26,14-27,66)

14Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.

16Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.

17Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?

18Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.

19Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.

20Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.

21Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.

22Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?

23Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.

24Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.

25Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

26Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib.

27Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet, gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus;

28das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

29Ich sage euch: Von jetzt an werde ich nicht mehr von dieser Frucht des Weinstocks trinken, bis zu dem Tag, an dem ich mit euch von Neuem davon trinke im Reich meines Vaters.

30Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.

31Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen.

32Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.

33Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen - ich werde niemals an dir Anstoß nehmen!

34Jesus sagte zu ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

35Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste - ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle Jünger.

36Darauf kam Jesus mit ihnen zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu den Jüngern: Setzt euch hier, während ich dorthin gehe und bete!

37Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Traurigkeit und Angst

38und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!

39Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf sein Gesicht und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.

40Und er ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend. Da sagte er zu Petrus: Konntet ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?

41Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet! Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.

42Wieder ging er weg, zum zweiten Mal, und betete: Mein Vater, wenn dieser Kelch an mir nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, geschehe dein Wille.

43Als er zurückkam, fand er sie wieder schlafend, denn die Augen waren ihnen zugefallen.

44Und er ließ sie, ging wieder weg und betete zum dritten Mal mit den gleichen Worten.

45Danach kehrte er zu den Jüngern zurück und sagte zu ihnen: Schlaft ihr immer noch und ruht euch aus? Siehe, die Stunde ist gekommen und der Menschensohn wird in die Hände von Sündern ausgeliefert.

46Steht auf, wir wollen gehen! Siehe, der mich ausliefert, ist da.

47Noch während er redete, siehe, da kam Judas, einer der Zwölf, mit einer großen Schar von Männern, die mit Schwertern und Knüppeln bewaffnet waren; sie waren von den Hohepriestern und den Ältesten des Volkes geschickt worden.

48Der ihn auslieferte, hatte mit ihnen ein Zeichen vereinbart und gesagt: Der, den ich küssen werde, der ist es; nehmt ihn fest!

49Sogleich ging er auf Jesus zu und sagte: Sei gegrüßt, Rabbi! Und er küsste ihn.

50Jesus erwiderte ihm: Freund, dazu bist du gekommen? Da gingen sie auf Jesus zu, ergriffen ihn und nahmen ihn fest.

51Und siehe, einer von den Begleitern Jesu streckte die Hand aus, zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.

52Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

53Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?

54Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?

55In jener Stunde sagte Jesus zu den Männern: Wie gegen einen Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im Tempel und lehrte und ihr habt mich nicht verhaftet.

56Das alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten in Erfüllung gehen. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

57Nach der Verhaftung führte man Jesus zum Hohepriester Kajaphas, bei dem sich die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt hatten.

58Petrus folgte Jesus von Weitem bis zum Hof des Hohepriesters; er ging in den Hof hinein und setzte sich zu den Dienern, um zu sehen, wie alles ausgehen würde.

59Die Hohepriester und der ganze Hohe Rat bemühten sich um falsche Zeugenaussagen gegen Jesus, um ihn zum Tod verurteilen zu können.

60Sie fanden aber nichts, obwohl viele falsche Zeugen auftraten. Zuletzt kamen zwei Männer

61und behaupteten: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen.

62Da stand der Hohepriester auf und fragte Jesus: Willst du nichts sagen zu dem, was diese Leute gegen dich vorbringen?

63Jesus aber schwieg. Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Christus, der Sohn Gottes?

64Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.

65Da zerriss der Hohepriester sein Gewand und rief: Er hat Gott gelästert! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört.

66Was ist eure Meinung? Sie antworteten: Er ist des Todes schuldig.

67Dann spuckten sie ihm ins Gesicht und schlugen ihn. Andere ohrfeigten ihn

68und riefen: Christus, du bist doch ein Prophet, sag uns: Wer hat dich geschlagen?

69Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd zu ihm und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.

70Doch er leugnete es vor allen und sagte: Ich weiß nicht, wovon du redest.

71Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen: Der war mit Jesus dem Nazoräer zusammen.

72Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.

73Wenig später kamen die Leute, die dort standen, und sagten zu Petrus: Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.

74Da fing er an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf krähte ein Hahn

75und Petrus erinnerte sich an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.

271Als es Morgen wurde, fassten die Hohepriester und die Ältesten des Volkes gemeinsam den Beschluss, Jesus hinrichten zu lassen.

2Sie ließen ihn fesseln und abführen und lieferten ihn dem Statthalter Pilatus aus.

3Als nun Judas, der ihn ausgeliefert hatte, sah, dass Jesus verurteilt war, reute ihn seine Tat. Er brachte den Hohepriestern und den Ältesten die dreißig Silberstücke zurück

4und sagte: Ich habe gesündigt, ich habe unschuldiges Blut ausgeliefert. Sie antworteten: Was geht das uns an? Das ist deine Sache.

5Da warf er die Silberstücke in den Tempel; dann ging er weg und erhängte sich.

6Die Hohepriester nahmen die Silberstücke und sagten: Man darf das Geld nicht in den Tempelschatz tun; denn es klebt Blut daran.

7Und sie beschlossen, von dem Geld den Töpferacker zu kaufen als Begräbnisplatz für die Fremden.

8Deshalb heißt dieser Acker bis heute Blutacker.

9So erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: Sie nahmen die dreißig Silberstücke - das ist der Preis, den er den Israeliten wert war -

10und kauften für das Geld den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hatte.

11Als Jesus vor dem Statthalter stand, fragte ihn dieser: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Du sagst es.

12Als aber die Hohepriester und die Ältesten ihn anklagten, gab er keine Antwort.

13Da sagte Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, was sie dir alles vorwerfen?

14Er aber antwortete ihm auf keine einzige Frage, sodass der Statthalter sehr verwundert war.

15Jeweils zum Fest pflegte der Statthalter einen Gefangenen freizulassen, den das Volk verlangte.

16Damals war gerade ein berüchtigter Mann namens Jesus Barabbas im Gefängnis.

17Pilatus fragte nun die Menge, die zusammengekommen war: Was wollt ihr? Wen soll ich freilassen, Jesus Barabbas oder Jesus, den man den Christus nennt?

18Er wusste nämlich, dass man Jesus nur aus Neid an ihn ausgeliefert hatte.

19Während Pilatus auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten! Ich habe heute seinetwegen im Traum viel gelitten.

20Inzwischen überredeten die Hohepriester und die Ältesten die Menge, die Freilassung des Barabbas zu fordern, Jesus aber hinrichten zu lassen.

21Der Statthalter fragte sie: Wen von beiden soll ich freilassen? Sie riefen: Barabbas!

22Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Christus nennt? Da antworteten sie alle: Ans Kreuz mit ihm!

23Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Sie aber schrien noch lauter: Ans Kreuz mit ihm!

24Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache!

25Da rief das ganze Volk: Sein Blut - über uns und unsere Kinder!

26Darauf ließ er Barabbas frei, Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung.

27Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium und versammelten die ganze Kohorte um ihn.

28Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um.

29Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Sei gegrüßt, König der Juden!

30Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen damit auf seinen Kopf.

31Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.

Dann führten sie Jesus hinaus, um ihn zu kreuzigen.

32Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Kyrene namens Simon; ihn zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.

33So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe.

34Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken.

35Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los über sie warfen.

36Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn dort.

37Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.

38Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links.

39Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf

40und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, rette dich selbst und steig herab vom Kreuz!

41Ebenso verhöhnten ihn auch die Hohepriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten und sagten:

42Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist doch der König von Israel! Er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.

43Er hat auf Gott vertraut, der soll ihn jetzt retten, wenn er an ihm Gefallen hat; er hat doch gesagt: Ich bin Gottes Sohn.

44Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die mit ihm zusammen gekreuzigt wurden.

45Von der sechsten Stunde an war Finsternis über dem ganzen Land bis zur neunten Stunde.

46Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

47Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija.

48Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab Jesus zu trinken.

49Die anderen aber sagten: Lass, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft.

50Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus.

51Und siehe, der Vorhang riss im Tempel von oben bis unten entzwei. Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich.

52Die Gräber öffneten sich und die Leiber vieler Heiligen, die entschlafen waren, wurden auferweckt.

53Nach der Auferstehung Jesu verließen sie ihre Gräber, kamen in die Heilige Stadt und erschienen vielen.

54Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn war dieser!

55Auch viele Frauen waren dort und sahen von Weitem zu; sie waren Jesus von Galiläa aus nachgefolgt und hatten ihm gedient.

56Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

57Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu.

58Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen.

59Josef nahm den Leichnam und hüllte ihn in ein reines Leinentuch.

60Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg.

61Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.

62Am nächsten Tag gingen die Hohepriester und die Pharisäer gemeinsam zu Pilatus; es war der Tag nach dem Rüsttag.

63Sie sagten: Herr, es fiel uns ein, dass dieser Betrüger, als er noch lebte, behauptet hat: Ich werde nach drei Tagen auferstehen.

64Gib also den Befehl, dass das Grab bis zum dritten Tag bewacht wird! Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden. Und dieser letzte Betrug wäre noch schlimmer als alles zuvor.

65Pilatus antwortete ihnen: Ihr sollt eine Wache haben. Geht und sichert das Grab, so gut ihr könnt!

66Darauf gingen sie, um das Grab zu sichern. Sie versiegelten den Eingang und ließen die Wache dort.

Überblick

Neid, Missgunst und politisches Kalkül. Der Tod des Gottessohnes am Kreuz steht unter den Vorzeichen menschlicher Begrenzungen.

1. Aufbau
Die Erzählungen von Leiden und Sterben Jesu in den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) weisen übereinstimmend folgende Abschnitte auf:

- Todesbeschluss, Salbung Jesu, Judas bei den jüdischen Autoritäten

- Vorbereitung zum Abendmahl, Abendmahl

- Gang zum Ölberg, Gebet in Getsemani, Verhaftung Jesu

- Verhör Jesu durch die jüdischen Autoritäten

- Verleugnung des Petrus und Überstellung Jesu an Pilatus

- Verhör durch Pilatus

- Kreuzigung Jesu

- Tod Jesu

- Grablegung Jesu

 

Der Evangelist Markus, der als erster ein Evangelium, also eine frohe Botschaft über Jesus von Nazareth, den Christus, schreibt, fand bei der Abfassung seines Evangeliums bereits eine „Passionserzählung“ vor. Diese bestand im Kern aus der Kreuzigungsszene und vermutlich der Grablegung durch Josef von Arimathäa, dem Verhör vor Pilatus, der Geißelung und Verspottung und der Kreuzesinschrift. Darüber hinaus gab es weitere Erzähltraditionen, wie z.B. den Bericht vom letzten Abendmahl oder der Salbung in Betanien, die der Kernerzählung zur Zeit der Abfassung des Markusevangeliums bereits hinzugefügt worden waren. Der Evangelist Markus greift auf diese Überlieferung zurück. Die Evangelisten Matthäus und Lukas orientieren sich am Markusevangelium, bringen aber weitere Erzähltraditionen und eigene Akzente hinein. 
Darüber hinaus ist auch die Passionserzählung des Evangelisten Johannes weitestgehend in Abfolge und oft sogar bis in den Wortlaut parallel lesbar.

Im Folgenden sollen wegen des Textumfangs nur diejenigen Szenen in den Blick genommen werden, die der Evangelist Matthäus in anderer Weise oder zusätzlich zu Markus und Lukas in sein Evangelium (Matthäusevangelium – Mt) übernimmt. Sie geben einen Einblick in seine Sicht und Deutung des Geschehens zwischen Todesbeschluss durch die jüdischen Autoritäten und dem Tod Jesu. In diesen Szenen lassen sich sowohl die großen Linien des Evangeliums weiterführen als auch ein Bezug zur aktuellen Situation der Gemeinde finden, für die Matthäus sein Evangelium verfasste.

 

Diese Abschnitte der Passionserzählung finden sich so nur bei Matthäus:

-          Der Tod des Judas: Mt 27,3-10,

-          Die Sicherung des Grabes: Mt 27,62-66

Darüber hinaus aber setzt Matthäus weitere Akzente, indem er von der „Vorlage“ aus dem Markusevangelium abweicht:

-          Die jüdischen Autoritäten z.B. Mt 26,1-5 und bei der Sicherung des Grabes

-          Ausgestaltung der Figur des Judas, vor allem durch die Erzählung von dessen Tod, aber auch in Mt 26,15 und 26,25

-          Jesus als Sohn Gottes im Gehorsam gegenüber dem Vater z.B. Mt 26,51-53, Mt 27,41-43

-          Pilatus und seine Frau Mt 27,17-25

 

3. Erklärung einzelner Passagen und Themen

 

Die jüdischen Autoritäten

Mt 26,1-5: Der Beginn der Passionsgeschichte im Matthäusevangelium ist von besonderer Bedeutung. Die Verse 1-2 hat Matthäus extra hinzugefügt. In ihnen macht er deutlich: „Alle“ Worte Jesu kommen nun zu einem Ende, das meint: Von nun an wird Jesus nicht wie zuvor im Evangelium den Jüngern und dem Volk weiter das Reich seines Vaters, das Königreich des Himmels, verkündigen. Die sogenannte Endzeitrede, die der Passionsgeschichte vorausgeht (Mt 24,3-25,46), war die letzte von insgesamt fünf großen Redeeinheiten im Evangelium. Nun ereignet sich die Verkündigung der Macht des Vaters nicht mehr in Worten, sondern im Schicksal, das Jesus widerfährt. Darauf bereitet er sie entsprechend vor und klärt sie auf, dass nun, also „in zwei Tagen“ der Zeitpunkt gekommen sein wird, auf den er schon mehrfach hingewiesen hat: Der Menschensohn wird ausgeliefert und gekreuzigt. Indem der Evangelist diese Aussage Jesu noch vor den Todesbeschluss der jüdischen Autoritäten setzt, wird deutlich: Auch wenn Jesus von nun an zum Spielball anderer Mächte wird, bleibt er doch derjenige, der den Dingen souverän gegenübersteht. Er bleibt der eigentlich Handelnde, obwohl man ihn festnehmen, verspotten und kreuzigen wird. Denn er bestimmt, in welcher Weise er dieses Schicksal erleidet und durchlebt. Und er weiß, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, den Menschen aufzuzeigen, dass er der vom himmlischen Vater gesandte Sohn ist.

Ebenfalls besonders an der matthäischen Einleitung ist die Skrupellosigkeit der jüdischen Autoritäten, die sich in Vers 3 zeigt. Die Ältesten und die Hohepriester „versammeln“ sich, das heißt, sie treffen sich gezielt, um einen Entschluss und Plan zu schmieden. Das erste Mal treten diese beiden Personengruppen in Mt 21,23, nach dem Einzug in Jerusalem, gemeinsam auf. Seitdem berichtet Matthäus wiederholt davon, dass seine Gegner ihn ergreifen wollen, es aus unterschiedlichen jedoch nicht gelingt (Mt 21,45-46; Mt 22,15).

 

Mt 27,62-66: Ausgerechnet an einem Sabbat werden die Pharisäer und Hohenpriester in der Passionsgeschichte ein letztes Mal aktiv. Nach dem Tod Jesu gehen sie zu Pilatus und bitten um die Bewachung des Grabes. Ihr Argument ist der Satz, dem sie eigentlich nur bedingt Glauben schenken: „Ich werde nach drei Tagen auferstehen“. Um allen Betrugsmöglichkeiten, das heißt einem Leichendiebstahl vorzubeugen, soll das Grab gesichert werden. Die Anweisung des Pilatus „so gut ihr könnt“ gibt schon einen ironischen Hinweis darauf, dass dieses Unterfangen nicht gelingen kann. Im Fortgang der Erzählung wird sich zeigen, dass gerade die zur Absicherung aufgestellten Wachen das leere Grab bezeugen können (Mt 28,4). Diejenigen, die einem Betrug vorbeugen wollen, werden am Ende selbst zu Betrügern, denn nach der Auferstehung müssen die Wachen vom Hohenrat bestochen werden, damit sie ein falsches Zeugnis ablegen und einen Betrug erfinden (Mt 28,11-15).
Mit allen Mitteln – so wird klar – möchten die jüdischen Autoritäten Jesus nicht nur von der Bildfläche verschwinden lassen, sondern sogar jeglichen Fortgang seiner „Geschichte“ verhindern. Mit der Bewachung des Grabes sollen er und seine Verkündigung ein für alle Mal im wahrsten Sinne des Wortes begraben werden.

 

 

Judas Iskariot

Mt 26,14-16: Die Notiz vom Verrat des Judas erweitert Matthäus um einen O-Ton des Verräters. Die voran gestellte Erinnerung, dass Judas einer aus dem Kreis der Zwölf ist, unterstreicht die Brisanz, dass Jesus von einem der engsten Vertrauten an die jüdischen Obrigkeiten übergeben wird. Die Frage des Judas nach der Gegenleistung für seine Auslieferung, soll den Verrat plausibel machen: Judas geht es ums Geld (vgl. Johannesevangelium 12,6).
Der Betrag von 30 Silberlingen spielt einerseits an auf den Lohn den, den der Prophet Sacharja erhält und dann dem Herrn zum Einschmelzen übergibt (Sacharja 11,12). Andererseits ist dies auch der Betrag, der im Buch Exodus als Entschädigungsbetrag angesetzt wird, wenn ein Sklave durch ein Rind ums Leben kommt (Exodus 21,32). Wenn die Autoritäten Jesus für den Preis von einem getöteten Sklaven ausliefern lassen, wird die durchgehende Geringschätzung deutlich.

 

Mt 26,25: Auch in der Abendmahlsszene wird Judas eine besondere Rolle zugesprochen. Denn obwohl die Ankündigung Jesu, einer der Zwölf werde ihn verraten, schon deutlich war, reagiert Judas darauf. Anders als die Jünger, die Jesus mit „Herr“ ansprechen, benutzt Judas die Anrede „Rabbi“, die sonst meist nur aus dem Mund der Gegner Jesu zu hören ist. Die Frage des Judas bewirkt, dass alle Jünger von nun an wissen, wer aus ihren Reihen, Jesus verraten wird.

 

Mt 27,3-10: Dieser Abschnitt ist von Matthäus eigens gestaltet, er nimmt dabei aber offensichtlich eine Überlieferung auf, die auch der Evangelist Lukas kennt, der vom Ende des Judas in der Apostelgeschichte berichtet (Apostelgeschichte 1,16-20), wobei die Gemeinsamkeiten gering sind.
Der Evangelist nimmt in gewisser Weise das „Wehewort“ aus Mt 26,24 auf und zeichnet das weitere Schicksal dessen, der den Menschensohn ausliefert nach. Sein Fokus liegt dabei jedoch zu gleichen Teilen bei den jüdischen Autoritäten und Judas. Der Abschnitt besteht aus zwei Teilen. In den Versen 3-5 wird der Versuch des Judas beschrieben, das Geschehene ungeschehen zu machen. Seine vermeintliche Reue angesichts der Ereignisse setzt eigentlich die schon erfolgte Verurteilung Jesu voraus – diese Vorwegnahme der Ereignisse schien für Matthäus jedoch kein Problem zu sein. Er bringt denen das Geld zurück, von denen er es erhalten hat und versucht deutlich zu machen: Ich möchte hiermit nichts zu tun haben, ich habe einen Fehler gemacht, ich habe einen Unschuldigen ans Messer geliefert. Die Reaktion der Hohepriester und Ältesten ist gnadenlos: „Das ist deine Sache.“ Es ist der Versuch, jede Beteiligung an der Auslieferung und dem Verrat zurückzuweisen; doch das gelingt nur bedingt, denn in V.6 müssen sie sich zu dem Geld verhalten. Der Selbstmord scheint angesichts der Schwere des begangenen Fehlers und der Tatsache, dass die jüdischen Autoritäten die Schuld allein auf ihn schieben, der einzig denkbare Ausweg für Judas. Sein Entschluss erinnert an Ahitofel, einen Berater von König David, der sich vom König losgesagt hatte und sich fortan gegen ihn wandte (2. Buch Samuel 17,23).

Nach dem Tod des Judas müssen die Obrigkeiten überlegen, was mit den 20 Silberstücken zu tun ist. Indem sie selbst von „Blutgeld“ sprechen, wird deutlich, dass sie selbst die Konsequenzen des Verrats sehr genau vor Augen haben und genau dies ihr Plan war. Wie bereits in Mt 27,1 (Auslieferung Jesu an Pilatus) fassen sie gemeinsam einen Beschluss und kaufen einen Acker als Begräbnisstätte für die Fremden davon.
Das abschließende Erfüllungszitat ist das letzte im Matthäusevangelium, das ganz bewusst die Bezüge zur Heiligen Schrift auf diese Weise kennzeichnet. Obwohl als ein Jeremia-Zitat gekennzeichnet, handelt es sich um ein Zitat aus dem Buch des Propheten Sacharja (Sacharja 11,12-13), das jedoch mit einem Zitat aus dem Buch Jeremia (Jeremia 32,8-9) frei kombiniert wird. Die Zielrichtung dieser Rückverweise auf die Schrift ist eindeutig: Die jüdischen Autoritäten, die einen Spottpreis für die Auslieferung Jesu durch Pilatus bezahlt haben, investieren in einen Acker. Im Buch Jeremia ist mit dem Ackerkauf eine Verheißung verbunden, hier ist der Ackerkauf Zeichen eines nicht wieder gutzumachenden Fehlers.

 

 

Jesus als Sohn Gottes

Schon die Ankündigung der Geburt Jesu verwies auf die göttliche Abstammung Jesu, in der Taufperikope wird es offensichtlich: Jesus ist der Sohn Gottes. Als dieser Sohn Gottes – so zeigt es der Evangelist Matthäus – ist es Jesu Sendung, das Himmelreich Gottes zu verkünden und den Menschen Gottes Wirklichkeit sichtbar und erfahrbar zu machen. Zur Sohnschaft gehört das Handeln aus dem Willen Gottes heraus, was nichts anderes bedeutet, als gerecht zu handeln, Gerechtigkeit zum Lebensprinzip zu machen. In der Versuchung durch den Teufel (Mt 4,1-11) hatte Jesus gezeigt, dass er wahrhaftig ganz aus dieser Sohnschaft heraus lebt. Er wird nichts tun, was dem Willen des Vaters entspricht. Das bedeutet, seine Vollmacht nie für sich, sondern nur für diejenigen einzusetzen, zu denen er gesandt ist. Denn Jesus ist der Immanuel (Mt 1,23), der Gott mit uns. Dieses Motiv der Gottessohnschaft Jesu entfaltet der Evangelist durch sein Evangelium hindurch. Da Jesus als Gottes Sohn, dessen Willen authentisch vertreten und auslegen kann, kommt es immer wieder zu Konflikten mit denjenigen aus dem Judentum, die auf ihre Interpretation des Willens Gottes beharren.
Die folgenden Stellen aus der Passionserzählung zeigen, wie Matthäus dieses Motiv der Gottessohnschaft bis hin zum Kreuzestod (und der Auferstehung) besonders betont.

 

Mt 26,29: In der Überlieferung der Abendmahlsszene formuliert Jesus bei Matthäus (anders als bei Markus und Lukas): „Von jetzt an werde ich nicht mehr von dieser Frucht trinken, bis zu dem Tag, an dem ich im mit euch von Neuem davon trinke im Reich meines Vaters.“ Sowohl den Gedanken des Immanuel, des mit den bei den Menschen seienden Gottes, als auch die explizite Erwähnung des Vaters hat Matthäus bewusst hier eingefügt.

 

Mt 26,51-53: Jesus handelt in der Situation der Gefangennahme so, wie er es den Jüngern in der Bergpredigt mit auf den Weg gegeben hatte: „Leistet dem, der euch etwas Böses tut, keinen Widerstand“ (Mt 5,39). Darüber hinaus macht er hier noch darauf aufmerksam, dass Gewalt zu Gegengewalt führt und damit ein Kreislauf der Gewalt losgetreten wird, dessen Ende nicht absehbar ist. Doch noch eine zweite Szene aus dem Beginn des Evangeliums wird hier in Erinnerung gerufen: In der Wüste hatte der Teufel Jesus dazu verführen wollen, die Schutzmächte Gottes für sich in Anspruch zu nehmen und sich vom Tempel zu stürzen (Mt 4,5-7). Hier nun lässt Jesus keinen Zweifel daran, dass ihm diese Schutzmächte zur Verfügung stünden. Doch er macht zugleich deutlich, dass dies nicht der Weg und Wille des Vaters ist, und damit auch nicht seiner.

 

Mt 27,41-43: Die Verspottung des Gekreuzigten durch die jüdischen Obrigkeiten erreicht ihren Höhepunkt, wenn sie ihm mit den Worten von Psalm 22,9 vorhalten, er hätte doch auf Gott vertraut, gesagt, er sei sein Sohn und könne sich nun doch selbst nicht retten. Diese Bezugnahme auf die Gottessohnschaft Jesu hat Matthäus gekonnt als Höhepunkt der Schmähungen eingefügt. Es zeigt, wie wenig die jüdischen Autoritäten den Kern der Sohnschaft Jesu verstanden haben.

 

Mt 27,51-53: Mit eindrücklichen Bildern zeichnet Matthäus eine „Antwort“ des Vaters auf die Zweifel, Schmähungen und den gewaltsamen Tod seines Sohnes. Das Zerreißen des Tempelvorhangs (vgl. Markus und Lukas) zeigt an, dass der Tempel als Ort der Begegnung mit Gott angesichts des gekreuzigten Gottessohnes, der sein Leben für die vielen hingegeben hat, seine Notwendigkeit verliert. Erdbeben gehören zu den Zeichen, die den Beginn der Endzeit einläuten (Joel 2,10), zugleich können sie Gotteserscheinungen begleiten (2. Buch Samuel 22,8). Matthäus spielt auf beide Lesarten an, wenn er unmittelbar nach dem Tode Jesu von einem Erdbeben spricht. Für ihn ist das Erdbeben vor allem Auslöser der Spaltung der Felsen, so dass die Gräber geöffnet werden (Ezechiel 37,7 und 12-13). Die Heiligen, die aus den Gräbern auferstehen, sind die Propheten und Gerechten. In Mt 23,29-35 hatte Jesus die Pharisäer und Schriftgelehrten angeklagt, weil diese die Gräber der Propheten ehren und Denkmäler errichten und für sich behaupten, sie könnten niemals das Blut solcher vergießen. Die Öffnung der Gräber der Heiligen ist ein schreiendes Zeichen gegen diejenigen, die Jesu Tod verantworten. Das Schicksal Jesu und das der Propheten wird bewusst miteinander verbunden (vgl. Mt 21,34-39). In Vorausschau auf die österlichen Ereignisse spricht Matthäus davon, dass sie nach der Auferstehung Jesu nach Jerusalem gehen und dort Zeugnis ablegen. Zeugnis dafür, dass Gott eben sehr wohl den Gerechten beisteht – auch wenn alle Spotter unter dem Kreuz anderes behaupten.

Einen Teil der Schmähenden aus dem Prozess Jesu nimmt Matthäus am Ende der Szene in den Blick. Er spricht von mehreren Soldaten, die angesichts der Ereignisse (auch wenn manche hier in der Vorausschau beschrieben werden) das Bekenntnis zu Jesus als dem Sohn Gottes ausrufen. Ihre Begegnung mit Gott in Jesus Christus als dem Gekreuzigten drückt sich auch im typischen Moment des Erschreckens aus, von dem Matthäus spricht.

 

 

Pilatus und seine Frau

Mt 27,17-25: In das Verhör Jesu vor Pilatus baut der Evangelist eine Zusatzszene ein. Nach der Feststellung, dass Pilatus die eigentlichen Beweggründe kennt, mit denen die jüdischen Obrigkeiten ihm Jesus ausgeliefert haben (Vers 18), ergreift die Frau des Pilatus das Wort, wenn auch, ohne in Erscheinung zu treten. Sie lässt ihrem Mann von einem Traum berichten und mahnt ihn, von dem „Gerechten“ die Finger zu lassen. Ihre Sorge gilt ihrem Mann nicht Jesus und dennoch bestärkt sie damit die eigene Einschätzung des Pilatus, denn die Bezeichnung „Gerechter“ spricht die Unschuld Jesu aus. Das Motiv der Träume ist dem Leser aus dem Anfang des Evangeliums bekannt. Immer wieder wurde Josef im Traum das richtige Handeln angezeigt und so das Kind vor und nach der Geburt beschützt. Nun könnte auch dieser Traum augenscheinlich Jesus vor dem drohenden Urteil schützen, doch die Macht der jüdischen Obrigkeiten ist zu groß. Sie überreden die Menge, für die Freilassung des Barabbas zu stimmen.
Pilatus knickt ein, trotz seiner eigenen Wahrnehmung und der Warnung seiner Frau liefert er den Juden Jesus aus. Die symbolhafte Handlung des Händewaschens vor aller Augen soll den Juden deutlich machen, dass er nichts mehr mit der Angelegenheit zu tun hat. Mit den gleichen Worten, mit denen zuvor die Obrigkeiten Judas die Schuld zugeschoben haben („das ist deine Sache“), zeigt er hier an, bei wem die Schuld gelagert ist: „Das ist eure Sache“. Das Waschen der Hände ruft Deuteronomium 21,1-9 in Erinnerung, wo beschrieben wird, wie man beim Auffinden eines Ermordeten handeln soll, aber auch andere Belege zu dieser Zeichenhandlung (Psalm 26,6).

Die Antwort der Juden erfolgt ebenfalls im Duktus biblischer Überlieferung (vgl. 2. Buch Samuel 1,16), Sie drückt aus, dass die Menge bereit ist, für die Richtigkeit des Geschehens mit dem eigenen Leben einzutreten. Die Tatsache, dass mit Jesu Tod unschuldiges Blut vergossen wird, lenkt den Blick auf das kommende Gericht für das Handeln.

Auslegung

Was den Ältesten und Hohepriestern zuvor nicht gelungen war, das wird mit Hilfe des Judas und des Pilatus möglich: Jesus wird ergriffen, ausgeliefert und zum Tode verurteilt. Der Evangelist Matthäus weist bei der Frage nach einer Verantwortungsübernahme für den Tod des Gottes Sohnes deutlich auf die religiösen Führer des Judentums hin. Es ist ihr Unvermögen, Jesu Vollmacht, die sich im Gehorsam gegenüber dem Vater zeigt, als göttliche Vollmacht anzuerkennen, die Matthäus immer wieder im Verlauf des Evangeliums kritisiert hatte. Die jüdischen Autoritäten schmieden Pläne und finden mit Judas einen Helfer, um diese auszuführen. Handeln die einen aus Missgunst und Neid und Angst, ihre eigene Autorität könnte noch weiter in Frage gestellt werden, handelt der andere aus vermeintlicher Gier. Und Pilatus? Er ist in der Darstellung des Matthäus ambivalent und ebenfalls eher Rad im Getriebe der missgünstigen Machenschaften. In der Darstellung des Evangelisten wird einerseits deutlich, dass er die Hintergründe des ihm angetragenen Prozesses durchschaut, andererseits gibt er aus politischem Kalkül, vielleicht sogar aus Angst den Massen nach. Seine Amtsgewalt nutzt er jedenfalls nicht, um den Gerechten aus dem Teufelskreis der Interessen zu befreien. Mit der eingefügten Szene der Händewaschung und der Reaktion der Menge wird die Macht des Hasses vonseiten der jüdischen Autoritäten noch einmal betont. Der Blick des Evangelisten ist dabei jenseits von historischen Verläufen geprägt durch das, was er und seine Gemeinde in jüngerer Vergangenheit selbst erlebt haben. Die junge christliche Gemeinde trennt sich von der Synagogengemeinde, mit der sie anfangs noch Gottesdienst feierte. Und diese Trennung wurde offenbar von jüdischer Seite mit harten Bandagen durchgefochten – aus Sicht der Gemeinde. Das Loslösen von den Geschwistern im Glauben, die in Jesus von Nazareth nicht den ersehnten Messias erkennen, es hat bei der christlichen Gemeinde Spuren hinterlassen und den Blick auf die religiös Führenden beeinträchtigt. Diesen Konflikt seiner eigenen Gemeinde spielt Matthäus ganz sicher in die Darstellung der Hohenpriester und Ältesten innerhalb der Passionsgeschichte besonders mit ein.

Neben dieser „persönlichen Färbung“ des Blicks auf die jüdischen Autoritäten ist der Konflikt zwischen ihnen und Jesus, der in der Passionsgeschichte gipfelt, jedoch in Jesu Sendung begründet. Als Sohn Gottes, der dem Vater näher ist als jeder andere, spricht er den Willen des Vaters aus und handelt nach ihm, ja weist auch anderen den Weg, wie sie in Gerechtigkeit leben können. Diese Deutungshoheit oblag zuvor nur den religiösen Führern, die durch Schriftstudium und Auslegung der Worte versuchten, den Willen Gottes in Gesetz und Propheten zu ergründen. Doch wie Jesus ihnen ein ums andere Mal vorhält, gerät dabei zu oft der Blick auf Gottes Wirklichkeit und sein Wesen aus dem Blick. Gott ist barmherzig, sie aber verurteilen die Sünder, Gott ist die Liebe, sie aber sind streng und unerbittlich, Gott sieht den Menschen, sie die Regeln – wie zum Beispiel bei Heilungen am Sabbat. Jesu Sendung besteht darin, den Menschen das Himmelreich schon auf Erden anfanghaft sichtbar zu machen. Ein Reich, in dem Gerechtigkeit zählt, Friede, Vergebung und die Sehnsucht nach Gott. Dieses Reich erhoffen auch die Hohepriester und Ältesten, die Art und Weise, wie Jesus es verkündigt aber ruft bei ihnen Gegenwehr, Neid und Angst hervor. Angst aber führt zu Gewalt wie die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu eindrücklich vor Augen führt. So alt und oft gehört diese Überlieferung ist, sie ruft auf, Hass, Missgunst und Angst ernst zu nehmen, um Gewalt den Riegel vorzuschieben.

Kunst etc.

Der ungarische Maler Mihály Munkácsy fängt mit seinem Gemälde „Christus vor Pilatus (1881) die Diskussion, die aufbrausenden Menschen und den seltsam unbeteiligten Pilatus ein.