Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 22,1-14)

221Jesus antwortete und erzählte ihnen ein anderes Gleichnis:

2Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.

3Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.

4Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Siehe, mein Mahl ist fertig, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!

5Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,

6wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um.

7Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.

8Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig.

9Geht also an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein!

10Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.

11Als der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte.

12Er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen? Der aber blieb stumm.

13Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

14Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.

Überblick

Festkleidung erbeten! Über den Dresscode bei himmlischen Feierlichkeiten

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) ist einerseits geprägt durch fünf große Reden Jesu, andererseits durch Themen, die auf den verschiedenen Wegetappen Jesu im Vordergrund stehen. Das Wirken Jesu beginnt mit der Verkündigung des Himmelreichs (Mt 4,17). Während der Wegetappe durch Galiläa (Mt 4,12-18,35) sind drei thematische Schwerpunkte auszumachen: 1) Das richtige Verständnis des Himmelreichs und der Gerechtigkeit als Handlungsmaxime (v.a. Mt 5,1-8,1, aber auch in diversen Gleichnissen), 2) Das richtige Verständnis Jesu geprägt durch die Frage: „Bist du der, der kommen soll?“ (Mt 11,2), 3) Die Integration des Leidens Jesu in seine Sendung (Mt 16,21). Seit der ersten Ankündigung seines Leidens bewegt sich Jesus im Matthäusevangelium unaufhörlich Jerusalem entgegen, wo er in Mt 21,10 eintrifft. Nach seinem Einzug dort treibt Jesus die Händler aus dem Tempel (Mt 21,12-17). Dies leitet über zu einer Reihe von Szenen, in denen Jesus auf Pharisäer und Schriftgelehrte und damit auf die religiösen Autoritäten des Judentums seiner Zeit trifft. In Mt 21,23 wird berichtet der Evangelist, dass Jesus im Tempel lehrt. Die Hohepriester und Ältesten kommen zu ihm und wollen wissen, mit welcher Vollmacht Jesus lehrt und handelt. Jesus lässt diese Frage offen bzw. beantwortet sie mit einer Gegenfrage: „Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen?“. Die Hohepriester und Ältesten weichen aus Angst, etwas Falsches zu sagen, der Antwort aus. Im direkten Anschluss an diese Szene erzählt Jesus das Gleichnis von den beiden Söhnen des Weinbergbesitzers (Mt 21,28-32), das dem Gleichnis von den Winzern vorausgeht (21,33-44). Die dritte Szene in dieser Folge ist das Gleichnis vom Hochzeitsmahl.

 

2. Aufbau
Nach der Situationseinleitung in Vers 1 folgt die szenische Einführung in das Gleichnis in den Versen 2-3: Ein König lädt zur Hochzeit seines Sohnes, aber keiner kommt. Die Verse 4-6 berichten von der zweiten Einladung des Königs und der folgenden ablehnenden Reaktion. In den Versen 7-10 werden die alternativen Maßnahmen des Königs beschrieben: Zorn und neue Gästegruppe. Die Verse 11-14 beschreiben eine Szene im Rahmen des Hochzeitsmahls und schildern die Reaktion des Königs auf die unangemessene Festkleidung eines Gastes.

 

3. Erklärung einzelner Verse
Vers 1: Nach dem Gleichnis von den Winzern wird in Mt 21,45-46 der Blick von Jesus weg auf die Reaktion der Hohepriester und Ältesten gelenkt. Entsprechend braucht es eine erneute Redeeinleitung, die Adressaten bleiben aber gegenüber den vorangegangenen Szenen identisch. Es sind die religiösen Führer des Judentums: Hohepriester und pharisäische Älteste.

 

Verse 2-3: Anders als die Gleichnisse von den beiden Söhnen und den Winzern wird dieses Gleichnis als Himmelreich-Gleichnis eingeführt. In der Bildrede ist der König des Gleichnisses deshalb mit Gott selbst zu identifizieren. Wie bereits im Gleichnis von den Winzern steht der Sohn für Jesus. Da hier vom Hochzeitsmahl des Sohnes gesprochen wird, geht es in diesem Gleichnis (anders als in dem von den Winzern) nicht um das irdische Wirken Jesu. Vielmehr geht es um den zum Vater erhöhten Sohn, der durch Leiden und Auferstehung bereits hindurchgegangen ist. Die Diener, die von dem Ereignis künden sollen und die damit für die Erhöhung des Gottessohnes Zeugnis ablegen, sind die Jünger Jesu. Sie tragen die Botschaft in die Welt hinein, dass Gott seinem Sohn bei sich in seinem Reich einen Ehrenplatz einräumt. Es ist also die Bestätigung der Sendung und Botschaft Jesu, die damit verbunden ist und zugleich die Aussicht, dass Jesus als Fürsprecher im Reich des Vaters auftritt.
Da die Einladung zur Feier vom König ausgesprochen wird, richtet sich die Ablehnung der Eingeladenen direkt gegen diesen und ist ein entsprechender Affront.
Aufgrund der direkten Gesprächssituation mit den jüdischen Autoritäten und der Logik des Gleichnisses, das es zunächst um explizit geladene Gäste geht und damit um solche, die sich selbst auch auf der Feier des Königs erwarten würden, stehen hinter den Angesprochenen in den Versen 3-6 die führenden jüdischen Kreise.

 

Verse 4-6: Die wiederholte Einladung zeigt das ehrliche Bemühen des Königs um die angedachten Gäste. Dass er ihnen von den Köstlichkeiten des Hochzeitsmahls vorschwärmen lässt, unterstreichen sein Zugehen. Die wiederholte Ablehnung der Eingeladenen grenzt an Ignoranz, wenn Alltagsbeschäftigungen, die aufschiebbar wären, der Einladung vorgezogen werden. Mit der Eskalation der Situation durch die Misshandlung und Tötung der Diener wird nicht nur eine Parallele zum Gleichnis von den Winzern hergestellt, sondern auch die Gutmütigkeit des Königs konterkariert.

 

Verse 7-10: Der Evangelist Matthäus zeichnet eine doppelte Reaktion des Königs: Zunächst straft er diejenigen ab, die seine Diener getötet haben. Aus Zorn über die Ignoranz und Boshaftigkeit nimmt er Rache an den Mördern. Die Tatsache, dass er deren Stadt in Schutt und Asche legen lässt, spricht dafür, dass er seinen Zorn nicht nur zielgerichtet auslebt, sondern auch andere in den Konflikt involviert werden. Danach berichtet Matthäus von einer erneuten Einladung des Königs. Anders als die erste richtet sie sich nicht an ausgewählte Personen, sondern richtet sich willkürlich an Gute und Böse, so dass der Festsaal voll wird.

 

Verse 11-14: Alles ist bereitet, der König betritt den Festsaal – vom Sohn wird außer in Vers 2 mit keinem Wort gesprochen. Nach der bereits dramatischen Situation um die Einladung zum Fest, folgt eine weitere dramatische Szene, so dass auch von der eigentlichen Feier nicht berichtet wird. Das scheinbar unvorbereitete Erscheinen eines Gastes (fehlendes Festgewand) lässt eine weitere Strafaktion des Königs folgen. Die Beschreibung des Schicksals des Gastes erinnert an andere Gerichtsszenarien (Mt 13,42 und 50). Heulen und Zähneknirschen sind geprägte Bilder für das endzeitliche Gericht Gottes.
Die abschließende Aussage richtet sich vornehmlich an den zweiten Einladungskreis, also alle, die die Einladung hören. Auch wenn hier Gute und Böse den Ruf zum Fest gleichermaßen hören, werden nur wenige dieser Einladung gerecht. Folgt man der Logik des Matthäusevangeliums, dann ist die „Erwählung“ nicht ein Akt von außen, der einen qualifiziert oder disqualifiziert, sondern vielmehr das eigene Verhalten, das Handeln nach Gottes Willen. Dies entspricht auch exakt der Situation des Gastes, der im falschen Gewand auftaucht.

Auslegung

Auf den ersten Blick ist das Verhalten des Königs im Gleichnis nicht leicht zu durchschauen: Da ist einerseits das eindringliche Werben – auch nach der ersten Ablehnung – die Hochzeit seines Sohnes mitzufeiern. Er wirbt mit leckeren Speisen um die Gäste auf der Gästeliste. Und als die eigentlich eingeplanten Gäste nicht kommen wollen, lädt er andere ein, ohne auf deren Disposition (gut und böse) zu achten. Nun sind alle, nicht nur erlesene Kreise, mögliche Gäste des Festes. Der König erscheint hier als jemand, der unbedingt in Feierlaune ist und sich das Fest nicht verderben lassen möchte. Er hat alles vorbereitet, nun soll Hochzeit gefeiert werden – wenn nicht mit den Erstgeladenen, dann eben mit den Ersatzgästen. Das Werben des Königs, das wiederholte Eingehen auf die Gäste und der dringende Wunsch mit anderen zu feiern, zeichnen den König aus.
Andererseits erweist sich der König als zornig, ja rachsüchtig, wenn er für einen Moment das Fest scheinbar in den Hintergrund rücken lässt und der Zorn über das Verhalten der geladenen Gäste zu einem Rachefeldzug gegen diejenigen unter ihnen führt, die das Mitfeiern nicht nur abgelehnt haben, sondern auch noch seine Diener getötet haben. Und gegenüber dem Gast, der unverhofft eingeladen, in der falschen Kleidung erscheint, verleiht er seiner Enttäuschung über dessen Auftreten nachdrücklich Luft, indem er ihn bis in die äußerste Finsternis hinauswerfen lässt. Die Gutmütigkeit und das Werben stehen dem Zorn und dem Ausschließen von der Festgemeinde gegenüber.

Erzählt Matthäus im Gleichnis also von einem unberechenbaren Gott, der mal mit Geduld wirbt und dann gnadenlos das Gericht anordnet? Der erst nur bestimmte Kreise einlädt und am Ende Äußerlichkeiten entscheiden lässt?

Für das Verständnis des Gleichnisses vom königlichen Hochzeitsmahl ist es wichtig, den Kontext nicht aus dem Blick zu verlieren. Seit Mt 21,23 befindet sich Jesus im direkten Dialog mit den Hohepriestern und Ältesten aus dem Kreise der Pharisäer. Bereits in zwei Gleichnissen hatte Jesus ihnen ihr Verhalten gegenüber Gottes Einladung ins Himmelreich vorgeworfen. Im Gleichnis von den beiden Söhnen stand dabei im Vordergrund, dass sie zwar das eine sagen, jedoch das andere tun. Anders als Zöllner und Dirnen, die sich zum Beispiel von der Umkehrbotschaft des Täufers haben motivieren lassen, haben gerade die jüdischen Autoritäten dieser Botschaft vom nahen Gottesreich nicht geglaubt und ihr Leben nicht auf den Prüfstand gestellt (Mt 21,31b-32). Im Gleichnis von den Winzern hatten sie selbst in der Deutung des Gleichnisses festgestellt, dass die Winzer, die den Sohn des Weinbergbesitzers töten, um selbst das Erbe zu erhalten, alles verlieren werden. Und Jesus hatte diese Einschätzung bestätigt, in dem er den Hohepriestern und Ältesten auf den Kopf zusagte, dass dieses Wort ihnen gilt (Mt 21,43). Insofern ist auch hier der erste Teil des Gleichnisses ganz konkret auf diese Gruppe hin gemünzt. Die religiösen Anführer des Judentums sind natürlich die Adressaten der Botschaft vom Himmelreich, wie sie Jesus und seine Jünger verkünden. Und immer wieder wird um sie geworben – nicht zuletzt indem Jesus sich die Zeit nimmt, ihnen in Gesprächen wie diesem die Bedeutung einer ablehnenden Haltung vor Augen zu führen. Hier zeigt sich deutlich, dass der Evangelist aus der nachösterlichen Perspektive schreibt und somit weiß, dass sowohl die Worte und Werbung Jesu als auch die seiner Jünger bei den jüdischen Anführern wenig Eindruck hinterlassen haben. Außerdem kann er am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus auch schon auf den Bedeutungsverlust blicken, den beide Gruppen mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 zu verkraften hatten. Die Hohepriester und Ältesten sind die, die sich als nicht würdig erwiesen haben (Vers 8). Insofern führt der erste Teil des Gleichnisses vom Hochzeitsmahl die Reihe der Abmahnungen an die jüdische Führungsschicht aus den beiden vorhergehenden Gleichnissen fort.

Der zweite Teil des Gleichnisses ist jedoch in eine andere Richtung adressiert. Hier rücken diejenigen in den Blick, die „unterwegs“ und zufällig auf die Botschaft von Gottes Reich und Jesus gestoßen sind. Es sind ganz unterschiedliche Adressaten der Verkündigung, Gute und Böse, die gerufen werden, sich auf die Sendung Jesu einzulassen. Sie erhalten die Einladung zur Gemeinschaft mit Gott und seinem Sohn durch die Jünger Jesu, die zu einem Leben nach dem Willen Gottes ermutigen. Wer es bis in den Festsaal geschafft hat, ist dieser Einladung zunächst einmal gefolgt. Das bedeutet, die Szene in den Versen 11-14 nimmt diejenigen in den Blick, die sich auf die Botschaft der Jünger eingelassen haben, vielleicht sogar Teil der christlichen Gemeinde geworden sind. Wenn nun auch ihnen gegenüber eine Mahnung ausgesprochen wird, zeigt dies, was auch für sie immer wieder auf dem Spiel steht. Christ zu sein, bedeutet nicht nur positiv auf die Einladung zur Gemeinschaft mit Gott zu reagieren. Es meint auch, sich dieser Einladung angemessen zu verhalten und das richtige Gewand, also die richtige Lebenshaltung anzuziehen. Wie im Gleichnis von den beiden Söhnen ist am Ende nicht entscheidend, was gesagt wird, sondern, wie gehandelt wird. Der Ausschluss des Mannes ohne Festgewand zeigt den Lesern des Evangeliums, dass es nicht nur auf eine innere Entschiedenheit zum Christsein und eine Innerlichkeit des Glaubens ankommt. Das Äußere ist das Entscheidendere, die Taten. Gott zu lieben und sein Reich anzustreben gewinnt Realität, indem nach Gottes Maßstäben gehandelt wird. Nur wenig später wird das Gleichnis von den Schafen und Böcken in Mt 25,31-36 deutlich machen, was dies genau bedeutet: Kranke zu besuchen, Hungrige zu speisen, Fremde aufzunehmen etc. Damit ist der zweite Teil des Gleichnisses nicht mehr an die jüdischen Autoritäten, sondern an die Jünger und die christlichen Leser gerichtet. Das Festgewand des Gleichnisses steht nicht für oberflächliche Äußerlichkeiten, wohl aber für das, was vom angenommenen Glauben auch nach außen eine Wirkung trägt. Wer „nur“ der Einladung folgt, hat zwar schon eine größere Reaktion auf die Einladung Gottes gezeigt als die Hohepriester und Ältesten. Ihre Gültigkeit behält die Einladung aber nur für die, die sich ihr gegenüber angemessen verhalten und sich in ihrem Leben durch ein Streben nach Gerechtigkeit jederzeit im Festgewand präsentieren, selbst, wenn man sie gerade zufällig auf der Straße trifft.

Kunst etc.

1

Fotografie eines Ölgemäldes in Burg Strechau, Österreich. Es zeigt das Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl und im Vordergrund pointiert die Ergreifung des Gastes ohne Festgewand.