Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Petr 2,4-9)

Eine königliche Priesterschaft: 2,4–10

4Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist!

5Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!

6Denn es heißt in der Schrift:

Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein,

einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.

7Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,

8zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt.

9Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Überblick

Ohne dass das Wort "Kirche" ausdrücklich fällt, spricht der heutige Abschnitt aus dem Ersten Petrusbrief von nichts anderem. Die gewählten Bilder überschlagen sich dabei geradezu. Sie wollen vor Augen führen, welches Potenzial im Leben einer Gemeinschaft steckt, die sich durch die Taufe an den Gott des Lebens gebunden weiß und sich hineingenommen glaubt in die Auferweckung Jesu von den Toten.

 

Einordnung in den Kontext

Hält man sich noch einmal den groben Aufbau des Ersten Petrusbriefs vor Augen, führt die heutige Lesung nach den letzten drei Sonntagen zurück in den ersten Hauptteil des Briefes:

  • Empfängeranrede (1 Petrus 1,1-2) ,
  • Gotteslob, eine sogenannten Eulogie (1 Petrus 1,3-4),
  • zweiteiliges Briefkorpus:
    • 1 Petrus 1,5 - 2,10: Stärkung zum missionarischen Zeugnis (1. Hauptteil)
    • 1 Petrus 2,11 -5,11: Stärkung zur Standhaftigkeit im Leiden (2. Hauptteil)
  • Schlussgruß (1 Petrus 5,12-14).

Warum die Leseordnung nicht in der Reihenfolge des Briefes selber geblieben ist, ist nicht erkennbar. Dafür ist eine Perikope ausgewählt, die zentrale Gedanken des Schreibens in wenigen Versen bündelt. Herausgestellt wird die eminente Bedeutung der Beziehung zu Christus, die aber nicht individualistisch enggeführt wird - Jesus und ich -, sondern als Wesensmerkmal aller dargestellt wird, die zusammen Kirche sind. Obwohl der Erste Petrusbrief immer wieder das Heil des Einzelnen vor Augen hat , nämlich den durch die Taufe "erworbenen" Anteil an Christi Auferweckung (vgl. die Lesungsabschnitte des 2. und 3. Sonntags der Osterzeit sowie 1 Petrus 2,2: "... damit ihr [d. h. jede/r einzelne] ... Rettung erlangt"), verliert er nicht die Gegenwart des irdischen Lebens aus dem Blick, das sich in Gemeinschaft vollzieht. Diese Glaubensgemeinschaft wird nun geradezu mit Ehrentiteln überschüttet (vgl. besonders Vers 9), die aus der Beziehung des Gottesvolkes Israels zu seinem Gott auf die Christusbeziehung der Christusgläubigen übertragen werden,

Nimmt man noch den von der Leseordnung ausgelassenen Vers 10 hinzu (er ergänzt die Titelreihe noch um die Anrede "mein Volk", die aus Hosea 2,3 übernommen wird), so schließt 1 Petrus 2,4-10 den ersten Hauptteil des Briefes, der vor allem Zuspruch sein will, mit großer Emphase ab. Vorangegangen sind wenige Verse mit eher mahnendem Charakter (1 Petr 2,1-3). Doch auch hier fehlt der Zuspruch nicht. Aufgrund des lautlichen Gleichklangs im Griechischen  kann man im Schluss von Vers 3 bei der "Güte des Herrn" auch mithören. "Christus ist der Herr".1 Auf ihn bezieht sich gleich die erste Einladung der heutigen Lesung.

 

Vers 4

Dabei hat es das erste Verb sofort in sich. Ohne dass man es ahnt, weist es schon auf das folgende Bild von der heiligen bzw. königlichen "Priesterschaft" voraus (Verse 5 und 9). Denn "hinzukommen", genauer: "hinzutreten" (griechisch: prosérchomai) ist die typische Vokabel für das Hinzutreten des Priesters zum Altar im Alten Testametn (Levitikus 9,7f., 21,17 u. ö.) bzw. für den durch die Priester vermittelten Zugang des Volkes zu Gott (Exodus 16,9; Levitikus 9,5). Doch über diese kultische Anspieluing hinaus meint das "Hinzutreten" viel grundsätzlicher die vertrauensvolle und zuversichtliche Hinwendung zu Christus, als Konsequenz und Antwort auf dessen Heilhandeln. Ähnlich gebraucht Hebräer 4,16 das Verb, allerdings als Selbstaufforderung:

"Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!"

Der "Ort" des Hinzutretens bzw. die "Person", an die es heranzutreten gilt, ist Christus, für den ein paradoxes Bild gewählt wird: "lebendiger Stein". Das Wort "Stein" bereitet sowohl das "Eckstein"-Motiv in Vers 6-7 als auch das Bild vom "Stein des Anstoßes" in Vers 8 vor. Das Stichwort "lebendig" bezieht sich auf das Handeln Gottes an diesem "Stein", also auf Christi Auferweckung von den Toten durch Gottes Macht (was nach 1 Petrus 1,3 bei den auf diesen Stein Setzenden zu einer "lebendigen Hoffnung" führt). Es verweist aber auch schon voraus auf die Adressaten, die  sich "als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen" lassen solen (Vers 5).

Das "Hinzukommen" - das im Griechischen nicht als Aufforderung formuliert ist, sondern als Feststellung: "Nachdem/Da  ihr hinzugekommen seid zu ihm ...", wahrscheinlich als weiteres Bild für die Taufe - steht den "verwerfenden" Menschen gegenüber. Zunächst sind wohl diejenigen gemeint, die Jesus ans Kreuz gebracht haben, während Gott ihn vom Tode erweckt hat. Das "Verwerfen" setzt sich aber fort in denjenigen,  die in Vers 7 als "nicht Glaubende" identifiziert werden. Damit wird schon von der ersten Zeile an deutlich, dass der Erste Petrusbrief an dieser Stelle mit einem sehr harten Schema von Abgrenzung operiert, das auch schon im 1. Kapitel beobachtbar war. Es ist sein Versuch, mit der schwierigen Situation des Christseins in der Diaspora und damit in der "Fremde" (1 Petrus 1,1.17; 2,11) umzugehen: Stärkung nach innen (Stichwort: "Erwählung""; vgl. bereits 1 Petr. 1,1: "... erwählten Fremden in der Diaspora"), Abgrenzung nach außen. Allerdings muss unbedingt hinzugefügt werden, dass dies nicht das einzige Konzept des Briefes ist, insofern er nicht etwa für Auswanderung plädiert (wie die Offenbarung des Johannes), sondern - wo es möglich ist - für Integration in die Fremde und für missionarisches Wirken durch vorbildliches Handeln, auch unter widrigen Umständen (vgl. weiter unten zu Vers 9).

Für das in diesem Lesungsabschnitt dominierende Konzept der Gegenüberstellung kombiniert der Verfasser zwei durch das "Stein"-Motiv verbundene Zitate aus dem Alten Testament:

"Ein Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden" (Psalm 118,22)

und

"Siehe, ich werde in die Fundamente Sions einen kostbaren, ausgewählten Stein einsetzen, einen wertvollen Eckstein in ihre Fundamente ..." (Jes 28,16).2

Der Psalm wird auf das Handeln von "(den) Menschen" bezogen - im Griechischen steht kein Artikel! -, das  Jesaja-Zitat auf das Handeln Gottes. Mit der Taufe haben sich die Adressaten des Ersten Petrusbriefs entschieden, nach welchem Maßstab sie in ihrer Beziehung zu Christus handeln wollen: nach dem der Menschen oder demjenigen Gottes.

 

Vers 5

Das "Stein"-Motiv erweist sich als glücklich gewählt, denn es ermöglicht, nicht nur von Christus als "Eckstein", sondern von der Gemeinde als Bauwerk ("Haus") zu sprechen. Schon Paulus verwendet dieses Bild in 1 Korinther 3,9-17:

"9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau. 10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. 17 ... Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr."

Mit Paulus teilt der Erste Petrusbrief die Grundidee, dass der "Bau" als Bild für die interaktive Gemeinde nicht die Selbstkonstitution eines religiösen Vereins ist, sondern sich dem Wirken Gottes verdankt ("Lasst euch aufbauen ...!"). Es geht um ein "geistiges", weil geistgewirktes Haus, in dem, besser: durch das "geistige Opfer" dargebracht werden. Hier klingt die Schlusszeile vom Paulus-Zitat, nämlich der "heilige Tempel" nach. Das "Haus" wird damit präzisiert, um zu verdeutlichen, um was es eigentlich in dieser Gemeinde gehen soll: Alle sind gleichermaßen "Priester". D. h. nicht: Alle stehen am Altar und opfern Stiere o. ä. Einen direkten Zusammenhang von Priester und Eucharistie kennt das Neue Testament noch nicht, so dass  auch nicht daran gedacht sein kann, das alle gleichermaßen der Eucharistie vorstehen. Dieses Wort "will vielmehr einprägen, daß die Zugehörigkeit zum Hause Gottes niemals stille Teilhabe, sondern immer aktiven Dienst bedeutet. Sie sind alle ermächtigt und verpflichtet, zu tun, was sonst [d. h. nach jüdischer Tradition; G. Fleischer] Priestern vorbehalten ist, nämlich Gott zu dienen, und zwar alle ganz, so wie sie als 'Bausteine' vorgefunden und 'lebendig' gemacht wurden, mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen" (Rudolf Pesch, Die Echtheit eures Glaubesn. Bbilsiche Orientierung: 1. Petrusbrief, Freiburg 1980, 44). Die "geistigen Opfer" werden im Weiteren präzisiert als "Verkündigung" der "großen Taten dessen ..., der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (Vers 9). Nach Papst Franziskus kann solche Verkündigung "auch in Worten" geschehen. Auf jeden Fall bedeutet sie immer ein Handeln, das die eigene Existenz einbezieht, aslo keine äußerliche Aktion. Daran hätte Gött nämlich kein "Gefallen".

Das wird schon im Alten Testament deutlich, wenn der Prophet Amos statt Opfern das Tun von "Recht und Gerechtigkeit" einfordert (vgl. Am 5,21-27),  wenn Psalm 51,18-19 bekennt: " 18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen." oder wenn Ps 141,2 unter "Opfer" "Gebet" versteht:: "Mein Bittgebet sei ein Räucheropfer vor deinem Angesicht, ein Abendopfer das Erheben meiner Hände."

Da der Erste Petrusbrief aber u. a. vor allem in der Paulus-Nachfolge steht, dürfte besonders Römer 12,1 im Hintergrund stehen:

"Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen - als euren geistigen Gottesdienst."

Natürlich ist hier nicht irgendeine Form der Selbsttötung oder des gesuchten Martyriums gemeint, sondern der leibhaftige Einsatz im Dienste Gottes und getrieben von seinem Geist. Und so dürfte auch der Erste Petrusbrief zu verstehen sein.

 

Vers 6

Das bisher Gesagte begründet der Briefschreiber mit dem Autoritäts-Argument des Schriftbeweises, das in sich ja immer mehrfach wirkt: Als Teil der Heiligen Schrift ist es Gott selbst, der hinter diesem Wort steht; dass sich dieses Wort der Vergangenheit mit der Gegenwart deckt, zeigt die Treue Gottes und die Wirkkraft seines Wortes gleichermaßen. Es zeigt aber auch über lange Zeitstrecken hinweg eine große Kontinuität auf; die Bibel denkt immer heilsgeschichtlich. Solche Kontinuität kann Vertrauen in den durch die Zeiten wirkenden Gott stiften.

Im konkreten Fall vermischt der Erste Petrusbrief verschiedene alttestamentliche Zitate:

Jesaja 28,16: "Darum - so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen harten und kostbaren Eckstein, ein fest gegründetes Fundament: Wer glaubt, treibt nicht zur Eile."

Jesaja 8,14: "Er wird zum Heiligtum werden, zum Stein des Anstoßes und zum Felsen, an dem man strauchelt, für die beiden Häuser Israels: zum Netz und zum Fallstrick für die Bewohner Jerusalems."

Ps 118,22: "Ein Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden."

Möglicherweise lag dem Schreiber des Briefs der gesammelte Bezug dieser Stellen auf Christus schon als fertiges "Arrangement" vor, denn die Anspielung auf die beiden Jesaja-Zitate finden sich schon in Römer 9,32-33; Lukas 20,18/Matthäus 21,44; und der Psalm wird auf die Passion Christi bezogen in Markus 12,10/Matthäus 21,42/Lukas 20,17 sowie in Apostelgeschichte 4,11.

 

Vers 7-8

Das Besondere ist nun, dass das Schriftzitat konkret auf die Gemeinde angewendet wird. Dieses stärkende und Mut zusprechende Verfahren findet sich im Ersten Petrusbrief öfters und begegnete am letzten Sonntag, wenn das Vierte Gottesknechtslied aus Jesaja 52,13 - 53,12 aus dem Zitat (dort ist von "wir" die Rede) in die direkte Anrede der Sklaven umschwenkt: "Durch seine Wunden seid ihr geheilt." (1 Petrus 2,24b).

Neben den positiven Zuspruch tritt nun in der Anwendung aber auch das Gerichtswort über die "Nicht-Glaubenden", das noch dadurch eine besonders schwierige Note erhält, dass der Brief das Geschick des "zu Fall Kommens" und des Scheiterns am "Eckstein" Christus als "vorherbestimmt" ansieht.

Die Härte der Formulierung mahnt in aller Dringlichkeit, sich seiner Beziehung zu Gott und Christus bewusst zu werden und sich ihr zu stellen. Zugleich mahnt sie aber auch, da der Missbrauch bereits vorprogrammiert ist - wenn alles vorherbestimmt ist, ist das Leben an sich sinnlos und ein Bemühen darin sowieso -, ein Einzelwort der Heiligen Schrift absolut zu setzen und daraus große Folgen zu ziehen. Viel Unterstützung findet die Aussage des Ersten Petrusbriefes im Blick auf das gesamte Neue Testament nicht.

 

Vers 9

Dieser Vers zeigt einmal mehr, dass es dem Ersten Petrusbrief - auch trotz einer Aussage wie Vers 8 - nicht vor allem um die "Verurteilung" der Anderen geht, sondern um die Stärkung nach innen.  Vier Kennzeichnungen des alttestamentlichen Gottesvolkes werden auf die Christengemeinde übertragen:

"auserwähltes Geschlecht" (vgl. Deuteronomium 7,6; 10,12; Jesaja 43,20: Erwählung und Verkündigungsdauftrag!),

"königliche Priesterschaft" (Exodus 19,6)

"heiliger Stamm",(vgl. Exodus 19,6)

"Volk" als "besonderes Eigentum" (Exodus 19,5; Deuteronomium 7,6; Maleachi 3,17).

Das ist ein wahres Feuerwerk an Wertschätzung, und mit jedem Begriff soll verdeutlicht werden, was es heißt, "erwählt" zu sein (vgl. noch 1 Petrus 1,1; 5,13). Es ist ein Begriff, der Hineinnahme in die engste Gemeinschaft mit Gott bedeutet, die ihr Maß an der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn, zwischen Gott Vater und Christus hat. Es gibt eine enge Korrespondenz zwischen Christus, dem "erwählten Stein" (Vers 6) und dem "auserwählten Geschlecht". Jedes der vier Bilder drückt größte Nähe zu Gott aus, bezieht sie aber nicht auf die Einzelperson, sondern auf die Gemeinschaft der Glaubenden. Die Nähe kommt zum Ausdruck in den Begriffen "auserwählt" (mitzuhören ist: von Gott auserwählt), "königlich" (ein König galt immer als von Gott selbst eingesetzt), "Priester" (sie hatten das Privileg, am Tempel als Stätte der Begegnung zwischen Gott und Menschen ihren Dienst zu tun), "heilig" (der Begriff grenzt den Bereich der Gottesnähe vom "profanen", strikt weltlichen Bereich ab, was etwa sichtbar wird bei Mose, der auf "heiligem" Boden seine Schuhe ablegen muss [Exodus 3,5]), "besonderes Eigentum" (der hebräische Hinergrundbegriff segulláh meint den "Kronschatz", an dem der König als Eigentümer besonders hängt und worauf sein Auge besonders ruht). "Geschlecht", "Priesterschaft", "Stamm" und "Volk" hingegen sind alles Gemeinschaftsbegriffe. Nicht um die Privilegierung Einzelner, sondern um eine Auszeichnung aller Zugehörigen geht es.

Was diese vor allem auszeichnet, ist, dass sie der Sphäre des Todes ("Finsternis"), zu der der Erste Petrusbrief besonders ihre heidnische Vergangenheit zählt,  entrissen sind in die Sphäre wirklichen Lebens, für das der auferweckte Christus steht. Diesmal orientiert sich die Sprache an einem Hymnus aus dem Kolosserbrief:

"12 Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. 13 Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. 14 Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden" (Kolosser 1,12-14).

 

 

 

 

 

1

Auslegung

Vierfache Auszeichnung der Getauften: Vers 9

Die enorme Wertschätzung, die die Gemeinschaft der Glaubenden als ganzes in Vers 9 erfährt, ist kein Sonderfall, der sich nur im Ersten Petrusbrief findet.

Bei der tiefen Verwurzelung im Alten Testament, die bei der Kommentierung eines jeden bisherigen Lesungsabschnitts deutlich wurde, überrascht es nicht, dass unter den Zeugen für die Privilegierung des ganzen Gottesvolkes zwei erstbundliche Belege sind:

Ex 19,3-6:

3 Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der HERR vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden: 4 Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und zu mir gebracht habe. 5 Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, 6 ihr aber sollt mir als ein Königreich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

Obwohl von "Königtum" und "Priestertum" die Rede ist, was zunächst einmal an einen Einzelnen (eben den König) oder an eine  Sondergruppe (die Priester) denken lässt, wird eine Aussage für das gesamte Gottesvolk getroffen. Gottesnähe ist kein Privileg des Amtes, sondern offensichtlich des Annehmens der Erwählung Gottes, die zunächst einmal einem jeden im Volk Gottes offenstand und im Laufe der Zeit auf alle ausgeweitet wurde, "die den Namen des HERRN anrufen" (vgl. Joel 3,5).

Jes 61,5-6

"5 Fremde stehen bereit und weiden eure Herden, Ausländer sind eure Bauern und Winzer. 6 Ihr aber werdet Priester des HERRN genannt, Diener unseres Gottes sagt man zu euch. Den Reichtum der Nationen werdet ihr genießen und euch mit ihrer Herrlichkeit brüsten."

Die Zeit der babylonischen Gefangenschaft ist überstanden. Aber die Folgen bleiben: Man lebt unter fremder Knute. In dieser Zeit der Misere taucht schon wieder das Bild von der "Priesterschaft" aller auf. Jetzt verbindet es zweierlei: große Nähe und Vertrautheit mit Gott bei gleichzeitiger Existenz ohne eigenen Grundbesitz, den die Priester in Israel nie hatten. Sie lebten von den Gaben des Volkes.

Vielleicht sind es Worte von vergleichbarer Kraft und Tragfähigkeit, die in diesen Corona-Zeiten notwendig wären.

Innerhalb des Neuen Testaments findet sich der doppelte Zuspruch von Königtum und Priestertum an alle in der Offenbarung des Johannes, die - trotz zeitlicher Unsicherheiten - auf jeden Fall in eine mit dem Ersten Petrusbrief vergleichbare Grundsituation der Bedrängnis in der Diaspora gehört. Offensichtlich ist der Gedanke hier so wichtig, dass er sogar zweimal im selben Buch begegnet:

Offenbarung 1,4-6

"4 ... Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron 5 und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde. Ihm, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut, 6 der uns zu einem Königreich gemacht hat und zu Priestern vor Gott, seinem Vater: Ihm sei die Herrlichkeit und die Macht in alle Ewigkeit. Amen."

 

Offenbarung 5,8-10

"8 Als es das Buch empfangen hatte, fielen die vier Lebewesen und die vierundzwanzig Ältesten vor dem Lamm nieder; alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk; das sind die Gebete der Heiligen. 9 Und sie sangen ein neues Lied und sprachen: Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen: denn du wurdest geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern 10 und du hast sie für unsern Gott zu einem Königreich und zu Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.

 

Sowohl in der Brieferöffnung (1. Zitat) wie auch am Beginn der Visionen des Sehers Johannes wird von der Priesterschaft und dem Königtum der Glaubenden im Modus der Festellung gesprochen. "Fait accompli" - "vollendete Tatsache" nennt dies der Franzose. In diesem zusammen mit dem Ersten Petrusbrief also fünfmal bezeugten Wort vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften steckt sicher noch sehr viel Entwicklungspotenzial!

 

Kunst etc.

CC BY-SA 3.0; Schlussstein im Brunnenhaus des Stiftes Klosterneuburg, Photo: Uoaei1, 31.7.2013
CC BY-SA 3.0; Schlussstein im Brunnenhaus des Stiftes Klosterneuburg, Photo: Uoaei1, 31.7.2013

Der "auserwählte Stein" (Vers 6)

Beim Bild vom "Eckstein" wird öfters gerätselt, welcher Stein an einem Bauwerk wirklich gemeint ist. Da auch das Bild des "Stolperns" damit verbunden ist, müsste es so etwas wie ein aus der Hauswand hervorschauender aus dem Boden ragender Grundstein an einer Gebäudeecke sein.  In Zeiten des steinernen Hausbaus mit Gewölbedächern spielten solche Steine eigentlich keine Rolle mehr. So wurde in der Kirchenarchitektonik, die die bilbische Bildsprache immer wieder in Baukunst umzusetzen versuchte, aus dem "Eckstein" der "Schlussstein", der am obersten Punkt eines Gewölbes dasselbe zusammenhält.

Das Stift Klosterneuburg zeigt in seinem Brunnenhaus aus dem 14. Jh. ein eindrucksvolles Exemplar. Ganz im Sinne des "erwählten Steins", der Jesus Christus selber ist, hat man ihm das Gesicht Christi aufgeprägt, der die Gemeinschaft der Glaubenden - zunächst einmal konkret die im Stift lebende Gemeinschaft von Ordensmännern - zusammenhält. Diese verstand sich offensichtlich als Gemeinschaft aus "lebendigen Steinen", auch dann, wenn es um so weltliche Tätigkeiten wie die Handreinigung unter fließendem Wasser vor den Mahlzeiten ging, für die das Brunnenhaus diente. Es war auch der Ort, wo wöchentlich die Tonsur (kreisförmige, teilweise Entfernung des Kopfhaars als Zeichen der Demut durch Verzicht auf die volle Haarpracht bei Ordensmännern und damit der Unterordnung unter Christus als den Herrn). Die Bestimmung als "königliche Priesterlicherschaft" bzw. als "geistiges Haus aus lebendigen Steinen" gilt immer!