Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Kor 1,10-13.17)

10Ich ermahne euch aber, Brüder und Schwestern, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!

11Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt.

12Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus.

13Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?

17Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.

Überblick

Verliert nicht den Blick auf das Wesentliche – so ließe sich die Mahnung des Paulus um Einheit in der Gemeinde übersetzen.

1. Verortung im Brief
Der 1. Korintherbrief (1 Kor) folgt dem Muster eines antiken Briefes. Dort folgt nach einem „Vorschreiben“ oder auch „Anschreiben“ (von der lateinischen Bezeichnung „Präskript“) mit Absender, Adressat und Gruß (1 Kor 1,1-3) das „Proömium“, das noch einmal eine Vorrede darstellt und zum Hauptteil überleitet (1 Kor 1,4-9).
Mit 1 Kor 1,10 beginnt der Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“). In ihm widmet sich der Apostel Paulus verschiedenen aktuellen Fragen der Gemeinde, aber auch Themen, die ihm selbst für die Gemeinde wichtig erscheinen. Dabei ist es bedeutsam, dass Paulus nach der Gründung der Gemeinde (50/51 n. Chr.) mit dieser über Briefe, aber auch mündliche Berichte von Mitarbeitern etc. in Kontakt bleibt. Der 1. Korintherbrief, den Paulus um das Jahr 54 n. Chr. aus Ephesus schreibt, gibt somit einen tiefen Einblick in die Fragen und Herausforderungen einer jungen christlichen Gemeinde.

 

 

2. Aufbau
Der Abschnitt lässt sich in zwei inhaltliche Teile gliedern. Die Verse 10-12 benennen zunächst den Ausgangspunkt für den gesamten 1. Teil des Briefkorpus (1 Kor 1,10-4,21). Die „Streitigkeiten“, von denen Paulus berichtet wurde, bilden das erste Problemfeld, dem sich Paulus widmet. Die Verse 13 und 17 entstammen einem ersten Antwortversuch des Paulus. Im Wesentlichen geht es dabei um das richtige Verständnis der Taufe, aber auch um den Auftrag des Paulus. Dies rückt in der Zusammenstellung des Lesungsabschnitts besonders in den Vordergrund, weil die zwischenliegenden Verse 14-16 ausgelassen sind.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 10: Paulus ermahnt die Gemeindemitglieder in Korinth mit deutlichen Worten. Dabei ist die Mahnung „im Namen unseres Herrn Jesus Christus“ aber nicht nur als autoritatives Element zu deuten. Vielmehr verweist die Bezugnahme auf den Herrn auch auf die durchgehende Fokussierung des Paulus auf Christus als Kristallisations- und Entscheidungspunkt christlichen Lebens.
Dass der Aufruf, eines Sinnes und einer Meinung zu sein, nicht als bloßes Harmoniebestreben zu lesen ist, wird durch den direkten Hinweis auf existierende Auseinandersetzungen deutlich.

 

Verse 11-12: Den Grund für die Ermahnung benennt Paulus offen. Anders als an anderen Stellen des Briefes, an denen er nicht namentlich preisgibt, woher seine Informationen zur Lage in Korinth stammen, nennt er hier die Quelle. Es sind die „Leute der Chloë“, die Paulus von den Streitigkeiten untereinander berichtet haben. Diese „Streitigkeiten“ werden im Näheren als die Bildung von Gruppierungen oder Parteiungen qualifiziert. Offensichtlich haben sich vier Lager herausgebildet, die sich jeweils als konkrete Anhängerschaften („ich halte zu“) darstellen.
Die erste Gruppe ist als eine Gruppe von Gemeindemitgliedern zu denken, für die Paulus als ihr Missionar und Apostel die maßgebliche Instanz für Fragen in der Gemeinde ist. Es dürfte sich um Männer und Frauen handeln, die Paulus bei seinem Gründungsaufenthalt persönlich kennengelernt haben und womöglich auch den Kontakt weiterhin suchen.
Die zweite Gruppe wird mit Apollos einem Judenchristen aus der Griechisch sprechenden Gemeinde von Alexandria verknüpft (Apostelgeschichte 18,25). Er war offensichtlich redegewandt, charismatisch und in der Heiligen Schrift und sicher auch verschiedenen Auslegungstechniken bewandert. Seine Art der Verkündigung kam in Korinth offensichtlich gut an. Ob Apollos selbst jedoch eine „Spaltung“ im Blick hatte, ist zu bezweifeln, denn Paulus selbst erwähnt am Ende des 1. Korintherbriefes das weiterhin gute Verhältnis zwischen ihm und Apollos (1 Kor 16,12).
Die dritte Gruppe „hält zu“ Petrus, dessen Aufenthalt in Korinth nirgendwo sicher verzeichnet ist. Es brauchte für die zentrale Figur der Urgemeinde aber nicht notwendig einen direkten persönlichen Bezug zur Gemeinde, um auch für sie bedeutsam zu sein. Dies dürfte vor allem für die Judenchristen der Gemeinde gelten, die sich mit den Gemeinden in Jerusalem und Galiläa und eng verbunden wissen wollten. Vielleicht stehen sie Paulus, als nachösterlichem Apostel, skeptischer gegenüber als den Aposteln der „ersten Stunde“. Womöglich war für sie aber auch entscheidend, dass auch in der Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen bestimmte „judenchristliche Standards“ wie das Verbot des Götzenopferfleisches (vgl. Diskussion in 1 Kor 10,14-11,1) klar durchgehalten werden.
Die vierte Gruppe ist die Christusgruppe und nicht so einfach zu definieren. Denkbar wäre, dass diese Gruppe versucht, sich ganz auf eine unmittelbare Christuserkenntnis zu berufen. Damit würde sie sich von einer Vermittlung des Glaubens in geschichtlichen Zusammenhängen und durch konkrete Personen lossagen.

Bei „den Leute der Chloë“, die Paulus von den Schwierigkeiten in Korinth berichten, dürfte es sich um Sklaven handeln. Ob diese aus Korinth stammen oder aus Ephesus, wo Paulus schreibt, und nur geschäftlich in Korinth zu tun haben, bleibt offen. Jedenfalls müssen sie engen Kontakt zur Gemeinde in Korinth gehabt haben. Ob Chloë selbst eine Christin war, ist unklar. Ihr Name deutet auf eine Freigelassene hin, die nun offensichtlich über eigene Sklaven verfügt.

 

Vers 13: Paulus formuliert drei rhetorische Gegenfragen an die Gemeinde, mit denen er ihnen das Problem der beschriebenen Parteiungen erklären will. Das Bild des unzerteilten Christus erinnert an die Vorstellung von der Gemeinde als einem Leib, wie Paulus sie später im Brief ausführen wird (1 Kor 12,12-31a). Dieser eine von Christus begründete Leib, kann nicht durch Streitigkeiten auseinandergerissen werden, dann würde er selbst aufhören zu existieren.
Die beiden weiteren Fragen sind auf Paulus als Person ausgelegt. Die heilbringende Wirkung des Kreuzestodes („für euch“) ist an die Person Jesus Christus, den Sohn Gottes, gebunden. Ebenso kann niemand auf den Namen des Paulus getauft werden. Die Taufe signalisiert die Verbindung zu Christus und den Entschluss, sich von ihm neues Leben schenken zu lassen.

 

Vers 17: Abschließend formuliert Paulus seinen eigenen Auftrag noch einmal transparent der Gemeinde gegenüber. Dabei sind zwei Dinge von Bedeutung: Für den Apostel besteht einerseits sein Auftrag ganz klar in der Verkündigung des Evangeliums. Andererseits steht im Vordergrund seiner Verkündigung nicht die eigene Person, die Art und Weise der Verkündigung oder die persönlichen Fähigkeiten. Vielmehr geht es um die zentrale Botschaft: Das Kreuz Jesu Christi als der Moment, in dem sich Gottes Liebe und Barmherzigkeit in letzter Konsequenz offenbart. Die „Kraft“ des Kreuzes ist die erlösende Wirkung, die mit dem Tod und der Auferstehung Jesu verbunden ist. Das Bekenntnis zu diesem heilsgeschichtlichen Ereignis ist und bleibt der entscheidende Schritt, um zu Christus zu gehören.
Die Frage nach der „Eloquenz“ des Verkündigers, hier mit „gewandten und klugen Worten“ umschrieben wird im weiteren Verlauf der Korrespondenz mit der Gemeinde immer wieder thematisiert werden (1. und 2. Korintherbrief).

Auslegung

Die Tatsache, dass Paulus den Hauptteil des Briefes mit einer Mahnung von quasi „höchster Stelle“ beginnt, zeigt die Dringlichkeit seiner Anliegen. Wenn er die Gemeinde „im Namen unseres Herrn Jesus Christus“ ermahnt, kommt zu dem autoritativen Moment ein zweites hinzu. Paulus und die Gemeinde sind über den gemeinsamen Herrn verbunden. Paulus sieht sich durch die Offenbarung vor Damaskus zur Weitergabe des Evangeliums verpflichtet. Die Frauen und Männer der Gemeinde von Korinth haben sich für ein Leben in der Nachfolge Jesu entschieden und dies durch die Taufe deutlich gemacht. Diese gemeinsame Basis zwischen Gemeinde und Apostel nimmt Paulus gekonnt in den Blick, wenn er zu seiner Mahnung ansetzt. Dabei geht es ihm nicht darum, die Gemeinde bloß auf Harmonie einzuschwören oder ihnen Diskussionen zu verbieten. Im Vordergrund seiner Eingangsbotschaft steht die Tatsache, dass die Gemeinde niemals das Wesentliche aus den Augen verlieren soll. Jesus Christus hat durch sein Leben und sein Leiden für sie die Tür in ein neues Leben geöffnet. Und das Bekenntnis zu Tod und Auferstehung sind der Schlüssel für eine Zugehörigkeit zu ihm. Wer nicht selbst Zeuge dieser Ereignisse war, der braucht Menschen, die ihm diese Botschaft authentisch verkünden. Für die Gemeinde in Korinth war Paulus einer der maßgeblichen, weil ersten Verkünder der frohen Botschaft. Auch diese ganz persönliche Verbundenheit zur Gemeinde streut der Apostel geschickt ein in die ersten Verse des Briefkorpus. Und eine weitere Beobachtung zur sorgfältig gewählten Sprache des Paulus drängt sich auf: Warnt er in Vers 10 vor „Spaltungen“ in der Gemeinde, spricht er in Vers 11 davon, dass ihm von „Streitigkeiten“ berichtet wurde. Er vermeidet es also, der Gemeinde zu unterstellen, dass sie die angemahnte Einmütigkeit schon verlassen hat. So ist seine Mahnung in Vers 10 ein Hinweis, aber keine direkte Zurechtweisung. Für den weiteren Dialog mit der Gemeinde können diese Nuancen der paulinischen Ausdrucksweise durchaus entscheidend sein.

Was Paulus umtreibt ist die offensichtliche Tendenz der Gemeinde, sich Lagern und Gruppierungen zuzuordnen und dabei das Gemeinsame zu vergessen. Wenn entscheidend wird, wer der maßgebliche Verkünder ist oder wessen Botschaft „besser“ zur Gemeinde passt und dabei Christus als Mitte der Gemeinde aus dem Blick gerät, dann droht die Gemeinde in Einzelteile zu zerfallen. Eine Gemeinde ist aber nur Gemeinde als ein Leib aus vielen Gliedern, so wird es Paulus der Gemeinde später bildlich erklären. Dass es in dieser Gemeinde dennoch Unterschiedlichkeiten gibt – verschiedene Geistesgaben und Aufgaben, nimmt von der Einheit des Leibes nichts weg. Gefährdet wird die Einheit aber durch die Streitigkeiten, die entstehen, wenn man sich auf eher zweitrangige Fragen konzentriert. Die Fokussierung auf die Kernbotschaft Jesu und die Abstraktion weg von den verschiedenen Verkündigungsfiguren oder theologischen Schwerpunkten ist das Ziel des Apostels. Entsprechend stellt er in Vers 17 auch sich selbst und seine Verkündigung unter die eigene Messlatte. Das Kreuz Christi darf nicht um seine Kraft gebracht werden, deshalb macht Paulus das, wozu er berufen ist: verkündigen und damit Menschen für Christus begeistern. Die Strahlkraft hat dabei das Kreuz und nicht die Form der Weitergabe der Botschaft.