Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Sir 24,1-2.8-12)

1 Die Weisheit lobt sich selbst und inmitten ihres Volkes rühmt sie sich. 2 In der Versammlung des Höchsten öffnet sie ihren Mund und in Gegenwart seiner Macht rühmt sie sich: 

[…]

8 Da gebot mir der Schöpfer des Alls, der mich schuf, ließ mein Zelt einen Ruheplatz finden. Er sagte: 

In Jakob schlag dein Zelt auf und in Israel sei dein Erbteil! 

9 Vor der Ewigkeit, von Anfang an, hat er mich erschaffen und bis in Ewigkeit vergehe ich nicht. 10 Im heiligen Zelt diente ich vor ihm, so wurde ich auf dem Zion fest eingesetzt. 11 In der Stadt, die er ebenso geliebt hat, ließ er mich Ruhe finden, in Jerusalem ist mein Machtbereich, 12 ich schlug Wurzeln in einem ruhmreichen Volk, im Anteil des Herrn, seines Erbteils.

Überblick

Die Weisheit ist für Jesus Sirach eine fast göttliche Person, die doch mitten unter seinem Volk lebt, in Raum und Zeit, und exakt, ja greifbar, definiert werden kann.

 

1. Verortung im Buch

Die am Anfang der Welt und der Schöpfung stehende Weisheit ist, stammt von Gott und sie ist die Wurzel der Gottesfurcht, wie der Weisheitlehrer Jesus Sirach am Anfang seines Buches betont (Sirach 1). Sie ist für ihn die Handlungsmaxime und die Suche nach ihr ist der Weg in die Zukunft (Sirach 51). Im Suchen nach ihr behandelt er in seinem Buch im ersten Teil die allgemein menschlichen Verhaltensweisen im persönlichen, sozialen Umfeld (Sirach 2-23). Im zweiten Teil treten stärker die Gedanken über das gesellschaftliche Miteinander des Gottesvolkes in den Vordergrund (Sirach 25-50). Und in der Mitte dieser beiden Teile, in Sirach 24 kommt die Weisheit selbst zu Wort: Sie lobt sich selbst und ihr Wesen wird kundgetan.

 

2. Aufbau

Nach ihrer Selbstvorstellung (Verse 1-2), erzählt sie von ihrem Ursprung und ihrer Suche nach einer Heimat (Verse 3-7), die sie von Gott in Jerusalem inmitten seines Volkes zugewiesen bekommen hat (Verse 8-11). Dort hat sie ihre Wurzeln geschlagen und von dort breitet sie sich aus (Verse 12-18). Und sie lädt alle ein die Früchte ihres Wachstum zu genießen (Verse 19-22).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Die Weisheit hat sich im alttestamentlichen Denken zu einer weiblichen Person entwickelt, die an der Seite Gottes zu finden ist. Sie ist wie sie in Vers 3 betont, so wie die gesamte Schöpfung aus dem Wort Gottes entstanden (vgl. Gen 1). Und sie hat, das wird direkt in ihrem ersten Satz ausgesagt, eine besondere Beziehung zu Israel, dass als „ihr Volk“ benannt wird (siehe Verse 8-11). Sie ist somit für Israel, aber ihr Selbstlob erklingt nicht nur vor dem Gottesvolk, sondern auch im Himmel vor den himmlischen Wesen (vgl. Ps 82,1).

Verse 8-9: Die Weisheit erklärt in Vers 7, dass sie über alle Völker Macht habe, aber nirgends einen Ort gefunden hat, um sich niederzulassen. Gott weist ihr dann einen Ruheplatz in Jerusalem, der Stadt, die er liebt (Vers 11), zu, an dem sie, die am Anfang der Ewigkeit geschaffen wurde, ewiglich verweilen wird. 

Verse 10-11: Die Geschichte Israels wird eng an die Weisheit gebunden. Sie wandert mit Israel bereits vom Sinai bis ins verheißene Land. Das „heilige Zelt“ ist das wandernde Bundesheiligtum, dass Gott Mose befahl am Berg Sinai zu bauen und auf dem Weg durch die Wüste mitzunehmen (Exodus 25,8-9). Im Buch Exodus ist dies der Wohnort Gottes inmitten seines Volkes, hier nun wohnt dort die Weisheit und dient Gott. Aus dem Zelt mit der Bundeslade wurde dann in Jerusalem der Tempel. Dort herrscht nun die Weisheit, hat ihren „Machtbereich“. Dort findet sie ihre Ruhe, wie Israel gemäß Deuteronomium 12,8-12 im verheißenen Land beim Tempel Ruhe finden wird (siehe auch 1 Könige 8,56).

Vers 12: Und aus dem Selbstlob der Weisheit wird ein Lob Israel, dem „ruhmreichen Volk“. Dieser Ruhm besteht jedoch in Gott, dessen Erbteil das Volk ist (siehe Deuteronomium 32,9).

Auslegung

Der Begriff „Weisheit“ ist sehr abstrakt und ihre Personifizierung erscheint innerhalb eines Ein-Gott-Glaubens obskur. Der Text lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass sie Gott untergeordnet ist und ihm dient: „Im heiligen Zelt diente ich vor ihm …“ (Vers 10). Sie ist aber anders als der heute verbreitete Begriff von Weisheit zwar ein allgemeines Phänomen, doch in ihrem Loblied wird deutlich, wo sie zu finden ist. Sie ist auf das Engste mit dem Volk Gottes verbunden, das „ihr Volk“ ist, weil dieses „ruhmreiche Volk“, Gottes Erbteil ist – das von ihm auserwählte Volk. So wird die Weisheit deutlich in Raum und Zeit verortet.

Der Begriff der „Weisheit“ ist für Jesus Sirach nämlich keineswegs abstrakt, wie er nach dem Selbstlob der Weisheit selbst feststellt: 

Dies alles ist das Buch des Bundes des höchsten Gottes, das Gesetz, das uns Mose aufgetragen hat, Erbteil für die Gemeinden Jakobs.“ (Jesus Sirach 24,23)

Kunst etc.

In der Bibliothek des Kongresses der USA hängt ein Gemälde, das eine junge Frau zeigt, die ein überdimensioniertes Buch hält. Der Künstler Robert Lewis Reid (1826-1929) hat dieses Bild „Knowledge“ genannt – das könnte man auf Deutsch mit „Wissen“ oder „Erkenntnis“ übersetzen. Unter dieser Darstellung steht: „Unwissenheit ist der Fluch Gottes, Erkenntnis/Wissen ist der Flügel, mit dem wir zum Himmel fliegen." So wie Wissen nichts Abstraktes ist, so ist auch Weisheit kein leerer Begriff. Die personifizierte Darstellung verdeckt den eigentlichen Inhalt, der sich im Gemälde im verschlossenen Buch befindet. Auch Jesus Sirach personifiziert die Weisheit, doch anders als eine Person ist sie für die Menschen verfügbar, greifbar – ohne Gewalt – in den Gesetzen Gottes gegeben.

“Knowledge”, Robert Lewis Reid. Im Besitz der Library of Congress, Prints & Photographs Division, LC-DIG-highsm-02214 – Lizenz: gemeinfrei.
“Knowledge”, Robert Lewis Reid. Im Besitz der Library of Congress, Prints & Photographs Division, LC-DIG-highsm-02214 – Lizenz: gemeinfrei.