Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,28-30)

28Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind;

29denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei.

30Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Überblick

Einordnung der LEsung in ihren Zusammenhang

Aus der größeren, zusammenhängenden Passage Römer 8,18-30, die sich folgendermaßen aufbaut:

Vers 18: Ausgangsthese von der Bedeutungslosig des gegenwärtigen Leids                                gegenüber der zu erwartenden Herrlichkeit

Verse 19-22: Erläuterung auf die außermenschliche Kreatur hin

Verse 23-25: Erläuterung auf die menschliche Erfahrung im Glauben hin

Verse 26-27: Erläuterung auf die Erfahrung im Gebetsleben hin

Verse 28-30: Schlussargument: Gottes Vorausbestimmung der ihn Liebenden                                    zur Verherrlichung,

 

wird am heutigen Sonntag der Schlussteil vorgelesen.

Paulus befindet sich also immer noch im Rahmen seiner Argumentationen zu seiner Ausgangsthese in Vers 18:

"Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll."

Nachdem er in der ersten und zweiten Erläuterung auf die Solidarität von Natur und Mensch im Seufzen über ihr Leid angesichts eigener Vergänglicheit und Unerlöstheit eingegangen ist, das aber ein Seufzen mit Hoffnungsperspektive ist (15. Sonntag im Jahreskreis), hat die dritte Erläuterung sich dem Wirken des Geistes zugewendet. Er garantiert, dass alles Seufzen seinen Weg zu Gott findet und niemand braucht sich Sorgen zu machen, eventuell nicht die richtigen Worte zu finden oder Gott mit einem unangemessenen Anliegen zu behelligen (16. Sonntag).

Den Schluss- und Höhepunkt seiner Argumentation stellen nun die Verse 28-30 dar, die vor allem auf die Gewissheit der immer wieder vor Augen gestellten Hoffnung bzw. die Gewissheit ihrer Erfüllung  zielen.

 

Aufbau und Kurzauslegung der Lesung

Hier formuliert bereits der erste Vers einschlägig: "Wir wissen ..." (Vers 28).

Der Inhalt dieses Wisses wird auf der Basis der Paulus bekannten Heiligen Schrift, also des Alten Testaments zitiert ("denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Guten"). Mit anderen Worten: Gott selbst bürgt für die Gewissheit der Hoffnung, insofern die Heilige Schrift als Gottes Wort gilt.

Vers 29 erläutert, was die zitierte Formulierung "zum Guten gereichen" bedeutet, nämlich: "an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben". Gemeint ist der auferweckte und zu Gott Vater in den Himmel erhöhte Jesus Christus. Seine Auferweckung ist kein exklusives Privileg, sondern Vorbereitung der Auferweckung aller zu ihm Gehörenden. Diesen Gedanken kleidet Paulus in das Bild vom "Erstgeborenen unter vielen Brüdern [man darf ergänzen: und Schwestern]".

Vers 30 schließlich bringt einen sogenannten "Kettenschluss", in dem ein Wort das nächste Stichwort auslöst, das widerholt wird und zum nächsten Stichwort führt. Ausgangspunkt ist das Stichwort "vorausbestimmen", das bereits in Vers 29 eingeführt wurde, Zilepunkt ist das Stichwort "verherrlichen", womit Paulus genau wieder bei dem Zentralwort seiner Ausgangsthese in Vers 18 angekommen ist: "Herrlichkeit".

Man könnte also sagen: Paulus schließt in guter rhetorischer Manier mit dem Satz: Am Ende steht die alles übersteigende "Herrlichkeit", die alles Leiden klein erscheinen lässt - quod erat demonstrandum - was aufzuzeigen/zu beweisen war (s. Vers 18)..

 

 

 

Auslegung

Vers 28a: Eine steile These

Das "Wissen", mit dem Paulus so markant einsteigt, ruft Glaubenswissen auf. Dabei hat der Apostel wohl vor allem den Anteil der Christen der römischen Gemeinde mit jüdischem Hintergrund vor Augen, nicht den "heidnischen" Anteil mit nichjüdischen Wurzeln. Denn das "Wissen", von dem Paulus spricht, verbirgt sich im Alten Testament. Drei Verse können angeführt werden: Psalm 73,1; Psalm 145,9 und Ps 145 20.

 

Psalm 73,1.28:

1 Fürwahr, Gott ist gut für Israel,

für alle, die reinen Herzens sind. ...

 

Ps 145,9.20:

9 Der HERR ist gut zu allen,

sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.

 

20 Der HERR behütet alle, die ihn lieben,

doch alle Frevler vernichtet er.

 

Die Formulierung des Paulus in Vers 28 "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht" entspricht keiner der alttestamentlichen Verse wortwörtlich. Vielmehr bedient er sich der aus der Zusammenschau der Verse gewonnenen Grundaussage "Gott ist gut für alle, die ihn lieben" und wandelt sie für seine Zwecke ab. Denn er will ja seine These von der größeren Herrlichkeit gegenüber dem dahinter zurückstehenden Leid begründen (Vers 18). Deshalb ändert er das "Gott ist gut" ab in "er lässt alles zum Guten gereichen". Auch wenn die exakte Übersetzung des griechischen Textes in der Forschung etwas umstritten ist, spricht doch mehr für die Wiedergabe: "dass denen, die Gott lieben, er alles zum Guten mitwirkt" (Gott ist also der Verursacher des guten Ausgangs) als für die andere Möglichkeit: "dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten mitwirkt". Aber selbst im zweiten Fall zweifelt  kein Exeget daran, dass Gott der Letztverursacher des "zum Guten gereichen" ist..

Allerdings ist die Aussage schon alttestamentlich nicht unumstritten. Der größte Skeptiker, Kohelet, schreibt:

"13 Freilich kenne ich das Wort: Denen, die Gott fürchten, wird es gut gehen, weil sie sich vor ihm fürchten; dem, der das Gesetz übertritt, wird es nicht gut gehen und er wird kein langes Leben haben, gleich dem Schatten, weil er sich nicht vor Gott fürchtet. - 14 Doch es gibt etwas, das auf der Erde getan wurde und Windhauch ist: Es gibt gesetzestreue Menschen, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzesbrecher gehandelt; und es gibt Gesetzesbrecher, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzestreue gehandelt. Ich schloss daraus, dass auch dies Windhauch ist" (Kohelet 8,13-14).

Und auch der oben zitierte Vers aus Ps 73,1 ist zunächst einmal der Auftakt zur Widerlegung der Grundaussage von der Güte Gottes gegenüber denen, "die reinen Herzens sind". Es braucht eine ganze Weile, bis der Beter ganz am Ende (s. Psalm 73,28) mit der Wiederaufnahme des Wortes "gut" sich doch zur Richtigkeit der Ausgangsthese bekennt. (Der vollständige Text ds Psalms mit kleiner Auslegung findet sich unter "Kontext").

Es ist kaum anzunehmen, dass der in der jüdischen Schriftauslegung bewanderte Paulus die Einwände gegen die These nicht kannte. Ihm geht es aber gar nicht um einzelne Gegenerfahrungen in diesem Leben, mit denen man beweisen kann, dass Gottesliebe natürlich nicht vor schlechtem Ergehen bewahrt. Paulus denkt viel grundsätzlicher: Nicht das Ergehen im Diesseits zählt letztlich, sondern der Ausgang  in der Ewigkeit, den er mit "Herrlichkeit" umschreibt. An diesem guten Ausgang kann kein Leid dieser Welt etwas ändern. Die entscheidende Begründung liefert Paulus erst mit dem nächsten Vers. 

 

Vers 28b: Eine erste Begründung

Zuvor wählt er aber zunächst eine indirekte Weise der Argumentation, indem er diejenigen, "die Gott lieben", näher bestimmt als solche, "die gemäß [Gottes] Vorsatz Erben sind" (so die wörtliche Übersetzung der Worte, die im Lesungstext lauten: "die gemäß seinem Ratschluss berufen sind").

Die wörtliche Übersetzung lässt deutlicher erkennen, dass es nicht um eine die Willensfreiheit des Menschen ausschaltende Vorherbestimmung geht und auch nicht um die Auswahl eines vorherbestimmten Kreises gegenüber all denen, für die "alles nicht zum Guten gereicht". Der Schwerpunkt der Aussage liegt eindeutig auf der Gewissheit des guten Ausgangs derer, die Gott trauen, weil dieser gute Ausgang bei Gott ein Ewigkeitsbeschluss ist. Von jeher will Gott das endgültige Heil des Menschen, sein ewiges Leben.

In diesem Sinne hat auch der Verfasser des nachpaulinischen Epheserbriefes Paulus verstanden, wenn er am Anfang schreibt:

"4 Denn in ihm hat er [Gott] uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. 5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, 6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn" (Epheser 1,4-6).

 

Vers 29: Der alles entscheidende Grund

Das entscheidende und unverzichtbare Argument in der Beweisführung dafür, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, also auch die unvermeidlichen Negativerfahrungen des Lebens, ist Jesus Christus. In ihm verbindet sich die Leiderfahrung schlechthin, der brutale Hinrichtungstod am Kreuz, mit dem guten Ausgang der Auferweckung, an der weder das Leiden selbst noch ein römischer Machthaber oder Soldat etwas ändern konnten. Ohne die absolute Glaubensgewissheit bezüglich der Auferweckung des Gekreuzigten würde für Paulus alles zusammenbrechen; dann wären "wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen" (1 Korinther 15,19). 

Die Triftigkeit des Glaubensbekenntnisses aber vorausgesetzt, ist das engültige Ergehen Jesu der Hoffnungsanker schlechthin für die Glaubenden. Denn Tod und Auferweckung Jesu stellen keinen Einzelfall dar, sondern sind das "Urbild", dem die Menschen als "Ebenbilder" von Gott her nachgestaltet sind und werden (der griechische Text lautet wörtlich: "die er im voraus erkannt hat, hat er auch vorausbestimmt als Gleichgestaltige des Bildes seines Sohnes"). Auch für sie gilt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und dass das, was danach kommt, alles dem Tod Vorangehende in den Schatten stellt.

Dieser Heilszusammenhang ist aber einer, ohne den Gott selbst überhaupt nicht zu denken ist. Deshalb spricht Paulus von einem "im Voraus Erkennen" und "im Voraus bestimmen". Im Sohn, also Jesus,  denkt Gott immer schon einen jeden Menschen als Tochter und Sohn mit. In seinem Plan, das Leid nicht siegen und den Sohn nicht im Tod zu lassen, ist schon der Sieg des Lebens für jeden Menschen mitgeplant. Insofern ist Jesus als Gestorbener und Auferweckter "der Erstgeborene unter vielen Brüdern" ["Brüder" im Sinne von Geschwistern, also Frauen wie Männer unterschiedslos einschließend]. Die "Vielen" verweisen darauf, dass sich der Mensch selbst diesem Heilsplan Gottes auch entziehen kann. Darüber zu streiten, wer am Ende zur Differenz zwischen "Allen" und "Vielen" gehört, ist fruchtlos und zeugt eher von dem anmaßenden Versuch, den Jüngsten Tag und Gottes erbarmungsvolles, aber auch souveränes Gericht in diesem Leben vorwegnehmen zu wollen.

 

Vers 30: Vom Plan zum Ziel

Als Finale setzt Paulus einen Kettenschluss, der von der "Vorausbestimmung" (Aufgreifen des Verbs aus Vers 29) ausgeht, also von der von Gott seit Ewigkeit gesetzten Bestimmung des Menschen zum Heil, und der beim Erreichen der "Ziellinie", der "Verherrlichung (= Auferweckung zur ewigen Lebensgemeinschaft mit Gott) endet.

Paulus ist so sehr von der Gewissheit dieses Heilsplans Gottes überzeugt, dass er von der ja noch ausstehenden Erfüllung der Hoffnung in der Form der Vergangenheit sprechen kann. Diese Gewissheit dürfen  Christen aber nicht mit einer Sicherheit verwechseln, die ihr Verantwortungsbewusstsein einschläfern oder gar zu einem elitären Erwählungsbewusstsein führen würde.

Zwisdchen den beiden Eckpfeilern "vorausbestimmen" und "verherrlichen" stehen die Verben "berufen" und "gerechtmachen".

"Berufung"  geschieht dort, wo der Heilsplan Gotts den einzelnen Menschen tatsächlich erfasst, wo er verspürt: "Ich bin gemeint. Die frohe Botschaft des Evangeliums gilt auch mir". Das bezieht sich auf die Hoffnung stiftende Botschaft und Wahrheit der Gemeinschaft mit Gott, die ihren Ausgangspunkt in der Gemeinschaft Jesu mit seinem Vater nimmt; das bezieht sich ebenso auf die Gemeinschaft mit dem auferweckten Jesus Christus, schon jetzt; das bezieht sich aber auch auf das Vernehmen und Annehmen des Rufs zu einer Gestaltung des Lebens aus diesem Glauben heraus und auch zu einer konkreten Aufgabe im Dienste des Evangeliums (vgl. Römer 12,7-8: "7 ... hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; 8 wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig."). Paulus selbst sieht sich als "berufener Apostel" (Römer 1,1), die römischen Christen als "berufene Heilige" (Römer 1,7).

Wo Gottes Heilswunsch und des Menschen Verlass darauf zusammenkommen, darf der Mensch sich als ein von Gott ins Recht Gesetzter glauben. Was immer an Störung im Verhältnis zwischen Mensch und Gott stehen mag, von Gottes Seite gilt ein unverrückbares und nicht enden wollendes Ja zu seinem Geschöpf (vgl. 2 Kor 1,19b: "... in ihm [Gottes Sohn Jesus Chreistus] ist das Ja verwirklicht." Dieses in die letzte Faser seiner Existenz reichende "Ja" kann der Mensch sich nicht selber sagen, da er immer nur Geschöpf und nie sein eigener Schöpfer ist. Er kann es, jedenfalls wenn er sich nicht selbst übernehmen will, nur sagen lassen. Diesen Zuspruch - durchaus auch im Sinne eines positiven Urteilsspruchs -  durch Gott selbst vernimmt Paulus aus dem Christusgeschehen und nennt ihn "gerechtmachen".

 

Kunst etc.

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar: Auferstehung (1512)/Public Domain
Matthias Grünewald, Isenheimer Altar: Auferstehung (1512)/Public Domain

Die Licht-Corona, die den Auferstandenen auf dem Isenheimer Altar umgibt, den man heutzutage im Museum Unterlinden in Colmar aufgestellt findet, setzte der Maler Matthias Grünewald im Jahr 1512 einem "Corona-Virus" seiner Zeit entgegen: der Mutterkornvergiftung. Durch Pilzbefall vergiftetes Getreide schnürte den nach Verzehr Erkrankten die Glieder durch Gefäßverengung ab. Sie brannten höllisch und starben ab. Diagnose: Unheilbar! Der Orden der Antoniter kümmerte sich um sie. Für ihre Spitalkapelle malte der große Meister seinen Altar.

Über der Darstellung der von Schmerzen Gepeinigten (auf dem Photo nicht zu sehen) lässt Grünewald die "Herrlichkeit" des auferweckten Christus aufleuchten. Die durch Vergiftung Entstellten dürfen hoffen, "an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei" (Römer 8,29). 

Was Paulus mit Worten versucht, gelingt MAtthias Grünewald im überwältigenden Strahlglanz seines Altarbildes.