Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Gen 2,7-9. 3,1-7)

7 Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. 

8 Dann pflanzte Gott, der HERR, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. 9 Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, 

in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

[…]

1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: 

Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen? 

2 Die Frau entgegnete der Schlange: 

Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; 3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: 

Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben. 

4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: 

Nein, ihr werdet nicht sterben. 5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. 

6 Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß. 

7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.

Überblick

Was ist erstrebenswerter: das ewige Leben, die Vernunft oder kindliche Naivität? Bereits die zweite Erzählung in der Bibel gibt darauf eine grundlegende Antwort und erklärt die Lebenswirklichkeit. 

 

1. Verortung im Buch

Am Anfang der Bibel wird die Welt zweimal – sehr unterschiedlich – erzählt, wie die Welt entstanden ist. In der ersten Schöpfungserzählung taucht sie, durch Gottes Wort, sozusagen aus einer überschwemmten Ebene hervor und „alles ist gut“ (Genesis 1,1-2,3). Und am Ende der zweiten Schöpfungserzählung, nachdem die zuvor ausgetrocknete Steppe fruchtbar wurde, jagt Gott die von ihm geschaffenen Menschen aus dem Paradies und scheinbar nichts ist mehr „gut“ (Gen 2,4-3,24). Der Mensch kann nun zwischen gut und böse unterscheiden, doch direkt entscheidet sich ein Mensch zum Brudermord (Genesis 4,7-8). Und Gott kommt zu der Erkenntnis, das der Mensch nach dem Schlechten und Bösen trachtet, anstatt nach dem Guten: „Der HERR sah, dass auf der Erde die Bosheit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.“ (Genesis 6,5).

 

2. Aufbau

Zu Beginn steht die Schöpfung des Menschen und seine Versorgung im Mittelpunkt. Der Mensch wird erschaffen (Genesis 2,7) und in dem für ihn angelegten Garten wird die Frau hervorgebracht (Gen 2,21-22), wodurch der Mensch erst „komplett“, die Menschenschöpfung abgeschlossen ist (siehe Genesis 2,18). Mit dem unvermittelten Auftritt der Schlange in Genesis 3,1 beginnt der zweite Teil. Dieser endet mit der Verfluchung des Ackerbodens um des Menschen willen. Am Ende erfolgt die harte Erkenntnis der Realität: der Mensch wird ein hartes Leben führen, um sich vom Ackerboden ernähren zu können – und dann selbst zu Staub und Erde zu zerfallen (Genesis 3,19 und 23).

Im Zentrum stehen weder der zuerst geschaffene Mensch noch Gott, sondern die Schlange und die Frau – und ihr Dialog über die Erkenntnis, an dessen Ende, der sogenannten Sündenfall steht.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 7: Der Mensch, schrieb Martin Luther, ist ein „Erdenkloß“. Im Hebräischen ist die ausgesagte Verbindung zwischen dem Menschen (אָדָם, gesprochen: adam) und dem Ackerboden (אֲדָמָה, gesprochen: adama). Doch, während die Tiere eben aus dem fruchtbaren Ackerboden geschaffen werden (Genesis 2,19), stammt der Mensch nur aus dem die Vergänglichkeit symbolisierenden Staub, der lose auf dem Erdboden liegt. Dass der Mensch aus Staub besteht, war in der damaligen Zeit eine konkrete Anschauung: Tote wurden in zugänglichen, mehrfach benutzbaren Grabkammern bestattet und der Zerfall des Körpers zu Staub war somit sichtbar. Aus diesem wertlosen Material schafft Gott, wie das verwendete Verb aussagt, wie ein Töpfer kunstfertig den Menschen, den er demselben Lebensodem verleiht wie den Tieren (siehe Genesis 7,22) – und dieser erste Mensch ist nicht geschlechterneutral. Erst wird der Mensch als Mann geschaffen und nach der Erschaffung der Frau heißt es im Hebräischen sozusagen: „der Erdenkloß und seine Frau“ (Genesis 2,25).

Verse 8-9: Gärten, insofern sie keine Nutzgärten waren, stellten im Alten Orient ein Privileg hochgestellter Persönlichkeiten, vor allem von Königen, dar (siehe Kohelet 2,5-6). Mit diesem Garten übernimmt Gott die Verantwortung für die Ernährung des Menschen – doch auch in diesem Garten Eden ist der Mensch nicht Herr, sondern Arbeiter: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“ (Genesis 2,15). „Garten in Eden“ ist ein konkreter und zugleich mythischer Ort. Verorten lässt er sich aufgrund des Namens konkret am mittleren Euphrat in Syrien und dem Irak. Doch entscheidend ist die Wortbedeutung: Mit dem gemeinsemitischen Wort „Eden“ sind Üppigkeit und Wohlleben verbunden. Es ist ein Garten der Wonnen mit begehrenswerten und köstlichen Obstbäumen. Zwei Bäume werden namentlich erwähnt und sie stehen für zwei Charakteristika die Götter auszeichnen: Die Fähigkeit gut und böse zu erkennen und das ewige Leben. Ihre Früchte verheißen beides. In der folgenden Erzählung rückt der Baum der Erkenntnis von gut und böse in den Fokus. Diese Erkenntnis beschreibt im Alten Testament die Fähigkeit eigenverantwortlich zwischen dem, was dem Leben förderlich ist und dem was dem Leben abträglich ist – entsprechend der Weisheit – zu unterscheiden. Diese Urteilsfähigkeit ist ein Charakteristikum des mündigen, erwachsenen Menschen, das Kinder noch nicht besitzen (vgl. Deuteronomium 1,39-40).

Verse 1-3: Die Schlange, oder wie man entsprechend dem Hebräischen, in dem das Wort ein maskulines ist, sagen müsste, „der Schlange“, ist eines der von Gott geschaffenen Tiere (siehe Genesis 2,19). Schlangen symbolisieren im Alten Orient Weisheit, Macht, Leben und Tod.  Für sein Auftreten wird keine Motivation angeführt – im Endeffekt führt er die Menschen aus ihrer Unmündigkeit heraus. Listig stellt er die zuvor von Gott gemachte Aussage auf den Kopf; Gott sprach: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“ (Genesis 2,16-17). Das führt dazu, dass die Frau nun in die Situation gerät, ein Verbot zu erklären, dass nicht begründet ist. Und dabei verändert sie es, bzw. formuliert es noch grundlegender. Selbst das Berühren des Baumes sei ein Tabu.

Verse 4-5: Wie der Fortgang der Erzählung zeigen wird, lügt die Schlange nicht. Zwar hatte Gott mit der Todesstrafe gedroht, doch er wird die Menschen wegen ihrer Tat nicht umbringen. Die Schlange unterstellt Gott gar, dass dieser das Wissen um die Erkenntnis von Gut und Böse den Menschen aus Missgunst vorenthält. Dieser Vorwurf bleibt unkommentiert im Raum stehen – auch weil Gott sein Verbot nicht begründet hat; siehe auch Genesis 3,22: „Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben.“ Das entscheidende Argument der Schlange ist nicht, dass sein wie Gott – sozusagen die Hybris -, sondern das „Öffnen der Augen“. Es bedeutet das Gewinnen einer tiefen Einsicht. In seinen Worten definiert die Schlange den Menschen als ein nach Erkenntnis suchendes Wesen.

Verse 6-7: Die Motivation der Frau wird klar benannt: „um klug zu werden“. Es geht primär nicht darum, „wie Gott zu sein“ – wie es die Schlange andeutet. Sie strebt wie König Salomo nach Weisheit (1 Könige 3,5-14) und das ist eigentlich keine Hybris. Hier lohnt sich auch ein Blick zurück in Vers 5: Es geht nicht darum wie JHWH zu sein, sondern wie „Gott“. Der hebräische Ausdruck  אֱלֹהִים (gesprochen: elohim) ist vielschichtig und kann auch einfach ein „göttliches Wesen“ benennen. So wird zum Beispiel König Davids Erkenntnis von Gut und Böse ganz unverfänglich mit der eines Engels verglichen: „Das Wort meines Herrn, des Königs, wird mich beruhigen; denn mein Herr, der König, ist geradeso wie der Engel Gottes: Er hört Gutes und Böses.“ (2 Samuel 14,17). Für die Menschen ist der Beginn der Erkenntnis von Gut und Böse – das Öffnen der Augen – die Feststellung, dass sie nackt sind. Sie verlassen die kindliche Naivität. Dazu gehört, wie im Leben, das Gefühl der Scham sowie das schlechte Gewissen (Genesis 3,8-13).

Auslegung

Am Anfang der Bibel steht keine Erzählung vom Sündenfall. Denn „Adams Fall“ gründet nicht in „Evas Schuld“ – genaugenommen gibt es nicht einmal eine Sünde. „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.“ (Genesis 2,16-17) Dies ist zwar ein klares und unmissverständliches Gebot. Doch es bedarf der Mündigkeit des Täters, damit die Übertretung eine Sünde ist. Der Mann und seine Frau hingegen erlangen die Urteilsfähigkeit darüber, was gut und was schlecht ist, erst durch die Gebotsübertretung. Indem sie von dem Baum essen werden sie zu vernunftbegabten Wesen – sie entgehen ihrer eigenen Unmündigkeit. So verabschieden sie sich aus der Naivität und damit der kindlichen Nähe zu Gott. Der von Gott aus dem Staub erschaffene Menschen kann sich nun bewusst für oder gegen Gott entscheiden. Und Gott entlässt die Menschen in diese harte Freiheit – und tötet sie nicht, wie er ihnen angedroht hatte. Diese menschliche Existenz bleibt aber ambivalent. Die Vernunft ist gewonnen, der Mensch sozusagen aufgeklärt. Aber der Preis, den sie dafür zahlen ist hoch. Der Baum des Lebens war ihnen frei zugänglich; doch nun ist der Weg zu ihm versperrt. Der vernunftbegabte Mensch, der aus dem Staub gekommen ist, wird zum Staub zurückkehren – und auf dem Weg kann er sich nun frei für oder gegen Gott entscheiden.

Kunst etc.

Auch in Julius Schnorr von Carolsfelds Buch "Die Bibel in Bildern" aus dem Jahr 1860 durfte natürlich kein Holzschnitt zum sogenannten Sündenfall fehlen. Und er wählte eine klassische Darstellungsweise: Sowohl der Mann als auch seine Frau befinden sich direkt unter dem Baum. Es wirkt als flüstere die Schlange der Frau ihre Tat ein. Sie ist die Protagonistin. Sie steht, ist aktiv und gibt dem Mann die Frucht. Er ist passiv, sitzt und blickt ganz vertrauensvoll zu ihr. Die Schuld der Frau wird noch dadurch dramatisiert, dass sie nicht nur nach der Frucht greift, sondern den Baum an seinen Ästen berührt, obwohl sie kurz zuvor doch zur Schlange gesagt hatte, dass selbst das Berühren ein Tabu sei. Doch die Passivität des Mannes darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass „auch er aß“ – ohne dass ihn seine Frau dazu überredete. Vor Gott versucht sich der Mann zwar zu verteidigen: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.“ (Genesis 3,12). Doch dies entlastet ihn in den Augen Gottes nicht. Entscheidend ist für ihn das Faktum der Tat und auch er muss geradestehen für seine Tat.

Holzschnitt aus Julius Schnorr von Carolsfelds
Holzschnitt aus Julius Schnorr von Carolsfelds "Die Bibel in Bildern" (1860) – Lizenz: gemeinfrei.