Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 5,13-16)

13Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.

14Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.

15Man zündet auch nicht eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus.

16So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Überblick

SMARTe-Ziele für die Jünger Jesu. Wie Jesus seinen Jüngern erklärt, dass ihre Aufgabe im Sichtbarsein für und in der Welt besteht.

1. Verortung im Evangelium
Das Matthäusevangelium (Mt) setzt ein mit dem Stammbaum Jesu (Mt 1,1-17) und endet mit dem Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums und der Zusicherung Jesu, alle Tage da zu sein (Mt 28,16-20). Im Spannungsfeld zwischen Herkunft aus dem Volk Israel und Sendung zu allen Völkern verkündet Jesus die Botschaft vom Reich Gottes. Dabei wird die Jesusgeschichte des Matthäusevangeliums durch fünf große Redeeinheiten gegliedert. Die erste Rede und zugleich die erste inhaltliche Entfaltung der Botschaft vom Reich Gottes ist die sogenannte „Bergpredigt“. Diese beginnt mit den Seligpreisungen (Mt 5,3-12), in denen bestimmten „Personengruppen“ aufgrund ihres Verhaltens das Himmelreich zugesprochen wird. Der vorliegende Evangeliumsabschnitt schließt unmittelbar an die Seligpreisungen an und ist als Ermutigung und Aufruf zugleich zu lesen. Adressaten der Bergpredigt sind sowohl die Jünger, die Jesus kurz zuvor berufen hat (Mt 4,17-22), als auch die Scharen von Menschen, die ihm folgen, weil sie seine Taten gesehen und seine Worte gehört haben (Mt 4,23-25). Die Worte Jesu richten sich also an Jünger und solche, die es noch werden (wollen) und zunächst aus Interesse Jesus hinterhergehen. Für die in die Nachfolge gerufenen Jünger sind die Worte Jesu das „Rüstzeug“ für ihr eigenes Verkündigen, zu dem die Zwölf dann in Mt 10,5-15 ausgesendet werden (vgl. Mt 28,16-20).

 

 

2. Aufbau
Der Evangelist formuliert zwei Bilder, anhand derer er insbesondere den Jüngern ihre Aufgabe in der Welt verdeutlicht: Das Wort vom Salz (Vers 13) und das Wort vom Licht (Verse 14-16).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 13: Die betonte Anrede „ihr“ ist auffällig und zeigt, dass Jesus seine Worte hier auf eine bestimmte Gruppe hin formuliert. Aufgrund des bereits erfolgten Wechsels der Anrede in der letzten Seligpreisung (Mt 5,11), liegt es nahe, dass dort wie hier dieselbe Personengruppe (Jünger) im Blick ist.
Das Bild des Salzes eröffnet unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten. Salz wurde sowohl zum Würzen als auch zum Haltbarmachen oder Reinigen genutzt, war also vielfältig im Alltag der Menschen vorhanden und daraus nicht wegzudenken. Dieser Fakt ist für das Bildwort wesentlicher als der genaue Vergleich mit einer Nutzungsweise. Es geht um die grundlegend positive Funktion der Jünger auf der Erde, die sie unersetzlich macht. Fade gewordenes Salz ist durch nichts wieder salzig zu machen, es wird unnütz und wird entsorgt. Das Wegschütten und Zertreten verdeutlicht die Konsequenz eines Nicht-Erfüllens der Salzfunktion. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus den Jüngern hier also auch vor Augen führen, was passiert, wenn sie ihre positive Rolle als Salz der Erde ausüben: Sie werden für die Erde nutzlos!

 

Verse 14-16: Nach der erneut vorangestellten Anrede folgt das zweite Bildwort. Die Jünger sind nicht nur Salz der Erde, sondern auch Licht der Welt. Die Lichtmetapher war bereits zuvor im Evangelium verwendet worden. In Mt 4,16 hatte Matthäus dem Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu ein programmatisches Zitat aus dem Buch Jesaja zugesprochen. Jesus ist das „helle Licht“, das dem Volk im Dunkeln erscheint. Wenn Matthäus nun auch die Jünger Anteil haben lässt an der Lichtmetapher, dann weil sie in der Nachfolge Jesu ebenfalls die Fähigkeit haben, die Welt heller zu machen.
Anders als beim Bild des Salzes wird hier keine negative Konsequenz aufgezeigt, um den Jüngern ihre Aufgabe einzuschärfen. Die Beispiele von der Stadt auf dem Berg und dem Licht auf dem Leuchter sollen vielmehr die Unmöglichkeit illustrieren, die zugesprochene Fähigkeit nicht für die Welt auszuüben. Die Beispiele machen deutlich, dass es absurd wäre, nicht zu leuchten, wenn man doch Licht sein kann. Dass das Licht „allen“ leuchtet, verstärkt die bereits durch „Erde“ und „Welt“ universale Perspektive des Auftrags der Jünger. Es geht nicht um einen begrenzten Wirkungsradius, sondern um ein Präsentsein mitten in der Welt und für die ganze Welt.
Daran anschließend formuliert Matthäus noch einmal deutlich die Aufgabe der Jünger. Ihr Zeugnis (Licht sein) soll eine missionarische-verkündigende Wirkung haben, damit die Menschen aus dem Handeln die Größe Gottes ablesen können. Der Lobpreis der Menschen erwächst aus den Taten, also aus dem sichtbaren Handeln der Jünger als Licht der Welt und Salz der Erde.
Zum ersten Mal verwendet der Evangelist hier die für ihn wichtige Wendung „Vater im Himmel“ als Gottesbezeichnung.

Auslegung

Für das Verständnis des Abschnittes ist es nicht unerheblich, dass die Anrede („ihr“) betont vorangestellt ist und damit den Bogen zur letzten Seligpreisung (Mt 5,11) schlägt. Denn bereits dort wird der Kreis der direkt Angesprochenen unter den Zuhörern spezifiziert. „Selig“ sind dort die, die um Jesu willen geschmäht, verfolgt und verleumdet werden. Es werden die Folgen eines klaren Bekenntnisses zu Jesus beschrieben, das charakteristisch ist für die Jünger Jesu. Für die Menschen also, die sich als Christen, d.h. zu Christus Gehörige, verstehen und bezeichnen. Für die Menschen, die sagen, dass sie an Christus glauben und sein Leben zum Maßstab ihres Lebens machen wollen. Genau diese Personengruppe, die sich von den „Interessierten“ und damit dem zweiten Zuhörerkreis der Bergpredigt unterscheidet, wird in den Versen 13-16 genauer in den Blick genommen. Was sie sind, was den Kern ihres Jünger Seins ausmacht, formuliert Jesus in den beiden Bildworten. Die Eingängigkeit der Beispiele darf dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass Jesus seinen Jüngern sehr deutlich mit auf den Weg gibt, woran sich festmachen lässt, ob sie wirklich als seine Jünger leben.

In gewisser Weise formuliert Jesus seinen Jünger eine Variante „SMARTer“ Ziele oder Aufgaben des Jünger Seins. Hinter dem Begriff „SMART“ verbergen sich im modernen Projektmanagement fünf Kriterien, die helfen Ziele und Aufgaben zu definieren. Demnach sollen sie: Spezifisch (=präzise), Messbar, Attraktiv, Realistisch und Terminiert (=mit klarem Zeitplan versehen) sein.
Auch wenn Jesus (zum Glück) ohne solche Formen eines Qualitätsmanagements auskommt, sind seine Anforderungen an die Jünger von einer Klarheit und Überprüfbarkeit geprägt, die durch die „schönen Bilder“ allzu leicht aus dem Blick geraten. Jesus schärft den Jüngern eindringlich ein, welcher Auftrag mit dem „Menschenfischer Sein“ (Mt 4,19) und ihrer Berufung verbunden ist. Jünger sind sie für die Welt, für die ganze Erde und nicht nur für einen begrenzten Raum, in der sie sich wohlfühlen. Licht der Welt und Salz der Erde zu sein bedeutet wirklich zu allen Menschen zu gehen und ihnen von Gott zu künden. Das Bildwort spannt damit einen Bogen zum Ende des Evangeliums und dem Auftrag des Auferstandenen, „allen Völkern“ (Mt 28,19) von Gott zu künden. Jüngersein ist kein Selbstzweck, es ist immer ein Wirken in die Welt hinein, in jeden Winkel und auf alle Menschen hin. Und „Wirken“ ist im heutigen Evangelium klar definiert, denn Matthäus spricht von „euren guten Taten“. Das wirkliche und reale Tun steht im Vordergrund – das ist sichtbar, wie das Licht, das man auf den Leuchter stellt. Aus der Tatsache, dass andere Menschen, sich von diesem Tun anstecken lassen und Gott preisen, das bedeutet ihrerseits zu Gott kommen, lässt sich die reale Wirksamkeit des Handelns der Jünger ableiten. Die Ausdehnung des Kreises, den die guten Taten der Jünger ziehen sollen, schließt aus, dass die Jünger um sich selbst kreisen oder sich selbst als geschlossenen und elitären Kreis verstehen. Nur wenn das Tun missionarisch-verkündigend in die Welt hinein ausstrahlt und der Welt Würze verleiht, werden die Jünger ihrem Ruf und ihrer Berufung gerecht. Alles andere wäre so absurd, wie das Anzünden eines Lichtes, um es dann unter den Schefel zu stellen! In diese Richtung weisen auch die aufgezeigten Konsequenzen aus dem Vergleich mit dem Salz. Die Welt braucht keine geschmacklosen Jünger, solche, die nirgendwo für Würze sorgen. Wenn die Welt, nicht mehr wahrnehmen kann, was die Jünger in der Welt verändern, werden sie sich von ihnen trennen, ihnen den Rücken kehren, sie aus ihren Lebenswirklichkeiten verbannen. Diese ernsthafte Folge eines Nicht-Wirksamwerdens wird den Jüngern Jesu genauso klar in Aussicht gestellt, wie der Zuspruch, dass sie für die Welt unverzichtbar sind. Salz und Licht sind in ihren Bildern aber auch immer „Dosierungsmetaphern“ – zu viel Salz macht Essen ungenießbar, dauerndes Beleuchten ist eine Foltermethode. Matthäus erwähnt es nicht gesondert, es wird vielmehr immer wieder im Evangelium deutlich. Die „guten Taten“ sind keine Zwangsmethode, sie sind ein klares und eindeutiges Zeichen in die Welt hinein, um die Welt für Gott zu begeistern. Doch dort, wo die guten Taten keine Chance haben, gesehen zu werden und ihre Wirkung zu entfalten, dort ist es sinnvoll sich abzuwenden und nicht mit falscher Kraft zu agieren. Entsprechend wird den Jüngern in der Aussendungsrede empfohlen, sich nicht weiter mit den Orten zu beschäftigen, die sie nicht aufnehmen (Mt 10,14). Es gilt dann Gott das weitere Wirken zu überlassen. Die Aussendungsrede ist auch insofern ein wichtiger Bezugspunkt, weil die Jünger Jesu aktuell noch „lernen“, was es bedeutet, Anteil zu haben an dem Auftrag, das Evangelium zu verkünden und Licht für das Volk im Dunkeln zu sein. Jesus erscheint den Menschen als Licht, indem er Kranke heilt und das Evangelium verkündet (Mt 4,23-25), genau dazu werden auch die Jünger ausgesendet (Mt 10,5-15).

Als Salz der Erde und Licht der Welt wird den Jüngern eine besondere Stellung und Aufgabe zugesprochen im heutigen Evangelium. Wie sie diese Aufgabe ausfüllen sollen und woran sie sich messen lassen müssen, das wird ihnen anhand negativer Konsequenzen und positiven Wirkungen vor Augen geführt. Jesus lässt sie nicht im Unklaren darüber, was mit ihrer Berufung einhergeht. Das Potential, das er in ihnen sieht, spricht er ihnen zu: Sie sind Salz der Erde und Licht der Welt! Ob sie ihre Aufgabe erfüllen lässt sich am „Geschmack“ der Welt und an ihrer „Helligkeit“ ablesen.

Kunst etc.

Rudolf Yelin d. Ä. (1864–1940) [Public domain]
Rudolf Yelin d. Ä. (1864–1940) [Public domain]

Das Gemälde „Bergpredigt im Schwarzwald“ von Rudolf Yelin dem Älteren entstand um 1912 für eine evangelische Kirche im Schwarzwald. Beinahe andächtig lauschen hier Menschen jeden Alters und aus verschiedenen sozialen Gruppen den Worten Jesu. Manche hängen gebannt an seinen Lippen, andere schauen fast scheu zu Boden angesichts der Botschaft. Der Maler hat die Szene in seine Zeit und Umgebung versetzt und damit der Gemeinde, die dieses Bild in ihrer Kirche beim Gottesdienst betrachten konnte, den Kern des heutigen Evangeliums als Aufruf hinterlassen. Alle Jünger Jesu, ob alt oder jung, Mann oder Frau sollen in ihrer jeweiligen Welt sichtbar und erfahrbar sein.