Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Petr 2,20b-25)

20Wenn ihr [aber] recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.

21Dazu seid ihr berufen worden;

denn auch Christus hat für euch gelitten

und euch ein Beispiel gegeben,

damit ihr seinen Spuren folgt.

22Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit.

23Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht;

als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.

24Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen,

damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit.

Durch seine Wunden seid ihr geheilt.

25Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.

Überblick

Die Sonntagslesung wendet sich diesmal speziell an Sklaven. An ihnen lässt sich für den Ersten Petrusbrief das gewünschte Ideal christlicher Existenz besonders gut veranschaulichen: die Balance zwischen Kompromiss mit der Gesellschaft und kompromisslosem No-Go.  Als das schwächste Glied der Gesellschaft brauchen sie zugleich die meiste Zuwendung und Stärkung.

 

Einordnung in den Kontext

Nachdem der Erste Petrusbrief bis einschließlich 2,10 vor allem herausgestellt hat, in welchem besonderen Stand die Christen als "Erwählte in der Fremde" (1 Petrus 1,1) leben, die sich also gegenüber der nichtchristlichen Umwelt tortz aller Verachtung oder Bedrängnis, auf die sie treffen mögen, nicht zu schämen brauchen, geht es ab 1 Petrus 2,11 um die Bewährung der auf diese Weise moralisch Gestärkten innerhalb der heidnischen Gesellschaft. Diese Bewährung bedeutet einerseits Standhaftigkeit gegenüber allen Versuchungen, den Glauben an den einen Gott und seinen Sohn Jesus Christus, der in der Taufe übernommen wurde, preiszugeben. Sie bedeutet aber andererseits  auch, in der Gesellschaft als leuchtendes Beispiel zu leben; also Werte, die für die heidnsche Gesellschaft wichtig sind und dem Christentum nicht wirklich widersprechen, vorbildlich zu leben und sogar den einen oder anderen "Heiden" für die christliche Gemeinde zu gewinnen.

Diese Gratwanderung zwischen Aushalten von Leid und vorbildlichem Leben wird in 1 Petrus 1,18-25 mit besonderem Blick auf die Sklaven durchbuchstabiert. Da die ausgewählte Lesungsperikope erst mit Vers 20b beginnt, wird der eindeutige Bezug und Zusammenhang leider nicht erkennbar. Deshalb seien die ausgelassenen und eigentlich unverzichtbaren Verse hier zunächst zitiert, ehe dann die Lesung selbst ausgelegt wird:

"18 Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Ehrfurcht euren Herren unter, nicht nur den guten und freundlichen, sondern auch den launenhaften! 19 Denn es ist eine Gnade, wenn jemand deswegen Kränkungen erträgt und zu Unrecht leidet, weil er sich in seinem Gewissen nach Gott richtet. 20 Ist es vielleicht etwas Besonderes, wenn ihr wegen einer Verfehlung Schläge erduldet?" (1 Petrus 2,18-20a).

 

Vers 20b

Die Lesung beginnt mit einem Satz, der eigentlich als Gegensatz formuliert ist. Denn im Zusammenhang mit dem ausgelassenen Vers 20a ist gemeint: Ein christlicher Sklave, der seine Arbeit nicht ordentlich macht und dafür Schläge bekommt, wird allerhöchstens alle Vorurteile der heidnischen Gesellschaft gegen das Christentum bestätigen. Ganz anders ist es, wenn ein Sklave zu Unrecht geschlagen wird und dennoch nicht gegen seinen Herr rebelliert, sondern das erlittene Unrecht aushält. Der Widerstand gegen die Versuchung zum Ungehorsam gegenüber dem Sklavenhalter birgt in sich die Chance, in einer Situation äußerer Ohnmacht (gegen die Gewalttätigkeit des Herrn) zu einem beeindruckenden Zeugen für den christlichen GLauben zu werden und damit missionarisch zu wirken. Im Grunde bietet die Maßgabe des Ersten Petrusbrief - ohne direkte Bezugnahme auf das Evangelium - eine Veranschaulichung zu Jesu so schwer zu lebender Forderung, auch die andere Wange hinzuhalten, wenn man auf eine geschlagen wird (vgl. Matthäus 5,39). Man könnte von der suberversiven Kraft der Gewaltlosigkeit und des ordentlichen (Sklaven-)Lebens sprechen. Entscheidend ist dabei: Sie erwächst nicht aus einer aus stoischer Weltüberlegenheit gewonnenen Unempfänglichkeit für Schmerz und Leid, sondern aus dem tiefen Glauben an einen gerechten Gott, der in dieser Situation des Aushaltens auch die notwendige Kraft gibt. Insofern ist die Stunde ungerechten Leidens "Gnade" in den Augen Gottes. Anders als sonst im Ersten Petrusbrief meint "Gnade" hier nicht das am Ende zu erwartende Heil, also das ewige Leben. Vielmehr bezeichnet "Gnade" hier das Wohlgefallen Gottes an dem sich so bewährenden "Sklaven", dem er deshalb auch die"behütende Kraft" zum Bestehen schenkt, von der 1 Petrus 1,5 spricht. Vor allem aber besteht die "Gnade" darin, dass dem leidenden Sklaven Gelegenheit gegeben wird, Jesus Christus als seinen eigentlichen Herrn nachzuahmen.

 

Vers 21

Darin besteht für den Schreiber des Ersten Petrusbriefes die "Berufung" des Christen: Christus nachzuahmen. Dabei gilt es eine wichtige Unterscheidung zu beachten: Diese Nachahmung des Beispiels Jesu bezieht sich auf seine Haltung, ungerechtfertigtes Leiden bzw. durch das Festhalten an Gott entstandenes Leiden auszuhalten. Die Nachahmung bezieht sich eindeutig nicht auf das erlösende Handeln Jesu, von dem in Vers 24 die Rede ist. Auch wenn im Griechischen jeweils andere Begriffe verwendet werden, trifft der Petrusbrief hier durch das Wort "Beispiel" (griechisch: hypogrammós) dieselbe Unterscheidung, die in den Evangelien getroffen wird, wenn einerseits von der "Lebenshingabe für die vielen" gesprochen wird (vgl. Markus 10,45), die nur und einzig von ihm im Sinne einer Erlösungstat für andere ausgesagt werden kann, und wenn andererseits das Johannesevangelium in 13,15 die Fußwaschung als ein "Beispiel" (hypódeigma) anführt, das auf Nachahmung zielt.

Das Stichwort "Berufung" ("Dazu seid ihr berufen worden": eklḗthḗte) greift mindestens lautlich zurück auf den ausgelassenen Vers 20a. Was in der Einheitsübersetzung "Ist es vielleicht etwas Besonderes ...?" lautet, heißt wörtlich: "Denn was für ein Ruf/Ruhm (griechisch: kléos) ist das ...?" Dieses Wort kléos kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor und scheint fast bewusst auf Vers 21 hiun ausgewählt zu sein. Man kann für einen schlechten "Ruf" sorgen oder seiner "Berufung" gerecht werden.

 

Vers 22-23

Ab diesem Vers bezieht sich der Erste Petrusbrief auf das Vierte sogenannte Gottesknechtslied (Jesaja 52,13 - 53,12), das an jedem Karfreitag als Lesung vorgetragen wird. Unabhängig von der Frage, wer in diesem "Lied" aus dem Buch Jesaja mit dem Gottesknecht wirklich gemeint ist, das sicher nicht dem Propheten Jesaja zuzuschreiben ist (8. Jh. v. Chr.), sondern in die ausgehende Exilszeit oder später gehört (also 2. Hälfte des 6. Jh. v. Chr.),  wird erkennbar: Hier geht es um eine Gestalt, die - ohne Schuld auf sich geladen zu haben - für die Schuld der Anderen stirbt. Diese "Gestalt" - ein einzelner Mensch, vielleicht aber auch  ein Symbol für die aus Babylon zurückkehrenden Juden -  wird in seinem geduldigen Ertragen des Leides und seiner Wehrlosigkeit einerseits mit einem "Lamm" verglichen, das "vor seinem Scherer verstummt" Jesaja 53.7), ist aber auch als Mensch erkennbar, der "kein Unrecht getan hat" und in dessen Mund "kein trügerisches Wort ... war" (Jesaja 53,15). Genau auf diesen Vers bezieht sich Vers 22 der Lesung, wobei der Begriff "Unrecht" aus Jesaja im Petrusbrief durch "Sünde" ersetzt wird. Einmal mehr geht es dem Schreiber um die gerade gemachte Unterscheidung: Das in Vers 21 genannte "Leiden" Jesu und das Vermeiden von "Falschheit" beschreibt die nachzuahmende Seite Jesu; die "Sündlosigkeit" hingegen - die vom Menschen vielleicht anzustreben, ihm aber unmöglich ist - verweist voraus auf das "Unnachahmliche", einzig als Geschenk von Jesus Anzunehmende, das in Vers 24 so umschrieben wird: "Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen". Das war eben nur dem möglich, der selbst sündenlos war. Ansonsten wäre er vor allem damit "beschäftigt" gewesen, für die Vergebung seiner eigenen Sünden zu handeln.1

Vers 23 spielt wohl - wenn auch keineswegs wörtlich - weiterhin auf das Vierte Gottesknechtslied an, hat aber jetzt vor allem die Adressaten, die leidenden und zur zur Standhaftigkeit ermutigten Sklaven vor Augen. Um ihretwillen heißt es von Christus: Er "überließ seine Sache dem gerechten Richter". Dieser "gerechte Richter" ist kein anderer als Gott selbst, auf den auch die Sklaven - letztlich natürlich alle (bedrängten) Christen - vertrauen sollen. Hier kann der Blick auf den Gottesknecht helfen, der in seinem Vertrauen auf Gott bis hin  zur eigenen Lebenshingabe - ohne dass hier das Wort "Richter" fiele - von eben diesem Gott belohnt worden ist: "Doch der HERR hat Gefallen an dem von Krankheit Zermalmten. Wenn du, Gott, sein Leben als Schuldopfer einsetzt, wird er Nachkommen sehen und lange leben. Was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen" (Jes 53,10).

 

Vers 24

Vers 24 benennt den eigentlichen Grund für die Hoffnung der Christen, für die die Sklaven ja nur eine Beispielgruppe darstellen. Im Grunde werden Aussagen aus der Lesung vom letzten Sonntag in anderen Worten wiederholt. Dort hieß es:

"18 Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, 19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel" (1 Petr 1,18-19).

Jetzt tritt an die Stelle des alttestamentlichen "Blut"-Bildes (s. die Kommentierung am vorigen Sonntag) eine Sprache, die von Paulus entliehen ist. Er schreibt z. B. in Römer 6,6:

"Wir wissen doch: Unser alter Mensch wurde mitgekreuzigt, damit der von der Sünde beherrschte Leib vernichtet werde, sodass wir nicht mehr Sklaven der Sünde sind."

Wenn Taufe bedeutet, mitgekreuzigt zu werden, dann liegt im Glauben an den heilbringenden Tod Jesu am Kreuz und seine Auferweckung Grund und Kraft zugleich, von der "von den Vätern ererbten Lebensweise" (1 Petrus 1,18) abzulassen und dieselbe Gerechtigkeit als Maßstab für das eigene Handeln anzulegen, die auch den "gerechten Richter" auszeichnet. Wo diese Grundorientierung gegeben ist, da darf der "Sünder" (Vers 24: "unsere Sünden") - also der Mensch, der in seiner Schwachheit hinter dem Maßstab zurückbleibt - darauf vertrauen, dass alles Versagen im Heilstod Jesu bereits aufgehoben und von Gott "zurecht gerückt" (paulinisch: "gerechtfertigt") ist. Damit ist Vers 24 Mahnung und Zuspruch in einem.

Dabei wird der Zuspruch durch die Anwendung eines erneuten Zitats aus dem Vierten Gottesknechtslied auf die Leserschaft besonders herausgestellt:

"Durch seine Wunden seid ihr geheilt" (vgl. Jesaja 53,5b: "... durch seine Wunden sind wir geheilt.").

 

Vers 25

1 Petrus 1,9 - der letzte Vers der Zweiten Lesung am 2. Sonntag der Osterzeit - nannte als letztes Ziel des Glaubens: "die Rettung eurer Seelen" (so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortlauts). Völlig zutreffend hat die Einheitsübersetzung sich auf die Wiedergabe "eure Rettung" beschränkt, weil nach biblischem Sprachgebrauch "Seele" für den Menschen in seiner Ganzheit, für seine Personenhaftigkeit steht und nicht für irgendeinen Teil von ihm. "Meine Seele" meint ganz einfach: "Ich" in meinem ganzen Sein.

Nicht ganz konsequent heißt es heute in der Übersetzung von Vers 25: "Hirte und Hüter eurer Seelen" statt "euer Hirte und Hüter". Immerhin wird aber durch den Vergleich erkennbar: Vers 25 nimmt Rückbezug auf 1 Petrus 1,9. Das ist insoweit wichtig, weil unklar ist, wer genau der "Hirte und Hüter" ist. Da Vers 9 sehr stark Christus in den Mittelpunkt rückt, scheint eher er gemeint zu sein als Gott Vater, wie manche meinen. Dafür spricht auch, dass von "seinen (d. h. Jesu) Spuren" in Vers 21 die Rede ist. Der erste Petrusbrief scheint das alttestamentliche Bild von Gott als "Hirte" (vgl. nur Psalm 23: "Der HERR ist mein Hirte ...") ganz im Sinne des Johannesevangeliums von Christus her zu füllen. Dort sagt Jesus von sich: "Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe" (Johannes 10,11; vgl. auch 1 Petr 5,4: Dieser Vers bezeichnet eindeutig Christus als den "obersten Hirten").

Ungewöhnlich und eigenständig ist die Kombination des Hirtenbildes mir dem Bild des "Hüters". Denn hier steht im Griechischen "epískopos", was "Aufseher" zu übersetzen wäre. Während der Begriff im weltlichen Bereich ein Versorgungsamt bezeichnet, wird er bei den Christen zum "Amt" für diejenigen, die das Leben einer Hausgemeinde organisieren, schließlich aber vor allem zur die "gesunde Lehre" absichernden "Aufseher" über mehrere christliche Gemeinden (vgl. 1 Timotheus 3,1-7 sowie 2 Timotheus 4,3). Es ist der Vorläufer des "Bischofs", wobei von liturgischen Aufgaben im Neuen Testament noch nichts erklennbar ist. Wird hier bereits auf diesen "epískopos" angespielt? 1 Petrus nennt aber das entsprechende Amt an keiner Stelle und spricht nur von den "Ältesten" (1 Petrus 5,1.5). 

Von daher könnte das Wort in der sehr viel allgemeineren Bedeutung "Aufseher" gemeint sein. Eine Parallele dazu wäre Weisheit 1,6:

"Die Weisheit ist ein menschenfreundlicher Geist, doch lässt sie die Reden des Lästerers nicht straflos; denn Gott ist Zeuge seiner heimlichen Gedanken, untrüglich durchschaut er sein Herz und hört seine Worte."

Der griechische Texgt spricht hier von Gott als "Aufseher" (epískopos) über das Herz des Menschen. Dann ist Jesus derjenige, der auf den Menschen Acht gibt ("Aufseher"), aber zugleich auch vor den Folgen dess Irrlaufens bewahrt ("Hirt").

Ds Bild des "Verirrens", das sich wieder auf die frühere Zeit des heidnischen Daseins der Sklaven bezieht, stammt ein letztes Mal aus dem Vierten Gottesknechtslied:

"Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg" (Jesaja 53,6).

 

 

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Auslegung

"Ihr Sklaven ..." - Die ursprünglichen Adressaten der Lesung

"Ihr Sklaven ..." - mit dieser Anrede beginnt der Abschnitt des Ersten Petrusbriefes, aus dem die Lesung genommen ist (1 Petrus 2,18). Der Einstieg mit Vers 20 lässt dies leider nicht erkennen. Das ändert aber nichts daran, dass alle Aussagen aus 1 Petrus 2,18-25 sich an genau diese besondere Gruppe richten - wenn sicherlich auch nur beispielhaft. Doch warum werden gerade die Sklaven als besonders erwähnenswerte Gruppe stellvertretend für alle übrigen Christen der angeschriebenen Gemeinden herausgestellt?

Es war gerade das Kennzeichen zahlreicher christlicher Gemeinden, dass sie sich nur zu einem geringeren Teil aus begüterten Christinnen und Christen zusammensetzten, während die Mehrheit vermutlich eher den ärmeren Schichten und eben auch den Sklaven zugehörte. In der Position, das gesellschaftlich tief verankerte und selbstverständliche Sklaventum aufzugeben, waren die Christen als absolute Minderheit im römischen Staat nicht. Um so mehr zeichneten sich die Gemeinden dadurch aus, dass sie die Sklavinnen und Sklaven in ihren Versammlungen als gleichrangig betrachteten. Zumindest war das das Ideal, für das bereits Paulus stritt. Im Galaterbrief legt er das entsprechende Grundsatzprogramm fest und liefert zugleich auch die letzte Begründung für die Gleichstellung der Sklaven mit:

"27Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. 28 Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus" (Galater 3,27).

Es ist die allen unterschiedslose gemeinsame Taufe und Christusbezogenheit, die Christinnen und Christen schichtenübergreifend eint. Das ist die christologische Vertiefung eines Denkens, das schon das alttestamentliche Israel auszeichnet und von seiner Umwelt unterscheidet. Der allen Israeliten gemeinsame Glaube, allein aufgrund der Erwählung durch Gott überhaupt als Volk zu existieren, macht sie alle gleichermaßen zu Schwestern und Brüder, und dies soll unterschiedslos zumindest in den Festzeiten und im Gottesdienst sichtbar werden: Am Sabbat ruht auch die Arbeit der Sklaven (vgl. Deuteronomium/5. Buch Mose 5,14: "An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter und dein Sklave und deine Sklavin ..."). Und an der Freude der Festtage sollen sie genau so teilhaben wie die anderen auch: "Dort sollt ihr vor dem HERRN, eurem Gott, fröhlich sein, ihr, eure Söhne und Töchter, eure Sklaven und Sklavinnen" (Dtn 12,12) - diese Zukunft wird den Israeliten vor der Inbesitznahme des verheißenen Landes in Aussicht gestellt.

Während dieses gegenüber den umliegenden Staaten revolutionäre Konzept in einem eigenen Land wie Israel durchaus praktizierbar war, waren die Christen als absolute Randgruppe im römischen Staat mit ihrem Glauben und Ethos ganz anderen Schwierigkeiten ausgesetzt. Und das galt für die sozial schwächste Gruppe, die Sklavinnen und Sklaven, ganz besonders. Denn sie waren der Macht wie Laune ihres Herrn oder ihrer Herrin besonders ausgeliefert. Als Ohnmächtige bedürfen sie daher ganz besonders der Ermutigung und eigenen Zuspruchs. Zugleich lässt sich für den Verfasser des Petrusbriefs an ihnen besonders gut die geforderte Gratwanderung aufzeigen, sich durch gute und gehorsame Arbeitsleistung auszuzeichnen, aber Widerstand zu leisten und die eventuellen Strafkonsequenzen zu erdulden, wenn ein Handeln gefordert wird, das christlichem Glauben widerspräche. Man könnte dabei an die Aufforderung zu unsittlichen Aktionen (z. B. Betrug) ebenso denken wie an die Aufforderung, Glaubensgeschwister zu verraten oder an die Nichtbeachtung des  Verbots, am Herrenmahl teilzunehmen. Bis heute stellt sich immer wieder die Frage: Wo liegt die Grenze des Kompromisses, den ich eingehen darf?

 

Aushalten des Leidens (Vers 20)

Auch mit der Forderung, Leiden auszuhalten und dies als "Gnade in den Augen Gottes" anzusehen, kann der Erste Petrusbrief sowohl an die Frömmigkeit des Judentums als auch an Paulus anknüpfen.

Für das Alte Testament ist ganz besonders auf die letzten beide Jahrhunderte vor Christus zu verweisen. Ehe ab 40 v. Chr. die Römer das Ruder übernahmen, herrschten in Israel seit Alexander d. Gr. die Griechen, die 333 v. Chr. und 323. v. Chr. die persische Vorherrschaft niederschlagen konnten. Dabei wurden besonders die seit 198 v. Chr. in der Provinz Juda herrschenden sogenannten Seleukiden (ein Herrschergeschlecht) zur Qual für die Juden, da sie massivst Repressalien gegen die Ausübung der jüdischen Religion ausübten (vorher ging es eher um wirtschaftlichen Druck). Dagegen erhob sich jüdischer Widerstand durch die sogenannten Makkabäer, eine jüdische Großfamilie, die nach anfänglichem Guerillakampf die griechische Besatzung aufheben konnte und für einige Generationen autonome Herrscher stellen konnte. Von der Zeit der Unterdrückung und der Makkabäer zeugen die beiden Makkabäerbücher im Alten Testament. Im Zweiten Makkabäerbuch (2 Makkabäer 7,1-42) wird in einem furchtbaren Szenario, das durchaus an heutige Filme erinnert, die die Kamera auch auf brutale Gewalt lenken, eine Foltersequenz geschildert: Eine Mutter muss mit ansehen, wie vor ihren Augen ihre sieben Söhne brutalst gequält und schließlich hingerichtet werden - nicht wegen eines Verbrechens im weltlichen Sinn, sondern weil sie nicht bereit sind, von ihrem Glauben abzulassen und stattdessen den politischen Herrscher als Gott anzuerkennen.

Alle halten Folter und Unrecht aus, weil sie überzeugt sind: "Gott, der Herr, sieht und gewiss hat er Erbarmen mit uns" (2 Makkabäer 7,6). Bei der Hinrichtung des Jüngsten bekennt dieser u. a. vor dem Herrscher: "35 ... noch bist du dem Gericht des allmächtigen Gottes, der alles sieht, nicht entronnen. 36 Unsere Brüder sind jetzt nach kurzem Leiden mit der göttlichen Zusicherung ewigen Lebens für den Bund Gottes gestorben; du jedoch wirst beim Gericht Gottes die gerechte Strafe für deinen Übermut zahlen" (2 Makkabäer 7,35-36).

In diesem Bauen auf das Aushalten des Leidens angesichts des gerechten Gerichts Gottes formuliert auch der Erste Petrusbrief seine Ermutigung an die Sklaven, nur dass er konkret Jesus zum Vorbild nimmt als den eigentlichen "Herrn" der Christen (vgl. 1 Petrus 2,13: "um des Herrn willen"), der auch "seine Sache dem gerechten Richter" überließ (Vers 23).

Und wiederum dürfte Paulus  dem Verfasser des Ersten Petrusbriefs als Zeuge seines Glaubens vorschweben. In Römer 8,34-39 etwa heißt es sehr grundsätzlich:

"34 ... Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein. 35 Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie 'Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat' [vgl. Psalm 44,23]. 37 Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, 39 weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn."

Im Blick auf sich selbst und in Anlehnung an Jesaja 49,8 ("Zeit der Gnade") schreibt Paulus in 2 Korinther 6,2b-12:

"6 ... Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung. 3 Niemandem geben wir auch nur den geringsten Anstoß, damit unser Dienst nicht verhöhnt werden kann. 4 In allem empfehlen wir uns als Gottes Diener: durch große Standhaftigkeit, in Bedrängnis, in Not, in Angst, 5 unter Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, unter der Last der Arbeit, in durchwachten Nächten, durch Fasten, 6 durch lautere Gesinnung, durch Erkenntnis, durch Langmut, durch Güte, durch den Heiligen Geist, durch ungeheuchelte Liebe, 7 durch das Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit in der Rechten und in der Linken, 8 bei Ehrung und Schmähung, bei übler Nachrede und bei Lob. Wir gelten als Betrüger und sind doch wahrhaftig; 9 wir werden verkannt und doch anerkannt; wir sind wie Sterbende und siehe, wir leben; wir werden gezüchtigt und doch nicht getötet; 10 uns wird Leid zugefügt und doch sind wir jederzeit fröhlich; wir sind arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles."

Was für den "Sklaven Jesu Christi" par excellence, nämlich Paulus gilt (vgl. seine Selbstbezeichnung in Römer 1,1: "Paulus, Knecht [wörtlich: Sklave] Christi Jesu ..."), gilt nach 1 Petrus in gleicher Weise auch für die christlichen Sklaven im Allgemeinen, aber auch für jede und jeden, der sich auf Jesus Christus hat taufen lassen.

 

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Kunst etc.

CC 3.0, Michelangelo: Heroischer Sklave (Photo: Jörg Bittner/Unna)
CC 3.0, Michelangelo: Heroischer Sklave (Photo: Jörg Bittner/Unna)

Wer immer dem großen Michelangelo hier vor Augen stand, dieser Sklave als ungebrochene und widerständige Gestalt, der sich andererseits aber auch sicherlich für keine "anständige", von seinem Herr befohlene Arbeit zu schade ist, bringt den Typos ins Bild, der 1 Petrus 2,18-28 vorschwebt. Die Fesselung steht dann für eine der möglichen Strafen, die ein solcher im Glauben widerstehender Sklave zu erwarten hatte.

Wenn die Kunsthistoriker Recht haben, die meinen, die Sklavenfigur - die heutzutage im Louvre zu bewundern ist - sei ursprünglich für das Grabmal Papst Julius II. (1503 - 1513) im Petersdom gedacht gedacht gewesen,  habe aber im Laufe zahlreicher Neuentwürfe zwischen 1505 und 1545 ihren angedachten Platz verloren, dann könnte sie von Michelangelo als Symbol des christlichen Siegs über den Tod gedacht gewesen sein. Sein ästhetisches Ideal war dabei die von den römischen Kaisern so bewunderte und in Statuen zur Geltung gebrachte Geste des Triumphes, die der Künstler hier mit christlichem Denken verschmilzt.