Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Sir 15,15-20)

15 Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren und die Treue, um wohlgefällig zu handeln. 

16 Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, was immer du erstrebst, danach wirst du deine Hand ausstrecken.17 Vor den Menschen liegen Leben und Tod, was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben. 

18 Denn groß ist die Weisheit des Herrn, stark an Kraft ist er und sieht alles.19 Seine Augen sind auf denen, die ihn fürchten, und er kennt jede Tat des Menschen. 

20 Keinem befahl er, gottlos zu sein, und er erlaubte keinem zu sündigen.

Überblick

Gott hat die Welt nicht erschaffen, damit der Mensch sündigt, sondern um eine andere Freiheit zu verwirklichen.

 

1. Verortung im Buch

Ausführlich beschäftigt sich der Weisheitslehrer Jesus Sirach im 2. Jahrhundert vor Christi mit der Frage nach der Freiheit des Menschen im Angesicht der Sünde und Gottes Vergeltung (Sirach 15,11-16,14). Der Ausgangspunkt für seine Überlegungen ist ein fatalistischer „Glaubenssatz“, den er widerlegt: „Sag nicht: Wegen des Herrn bin ich abtrünnig geworden! Denn, was er hasst, wird er nicht tun.“ (Vers 11). Die Idee, dass Gott der Urheber der Sünde sein könnte, ist im Alten Testament, nicht unbekannt (siehe zum Beispiel Deuteronomium 2,30 und 2 Samuel 24,1).

 

2. Aufbau

Seine theologische Antwort blickt auf zwei Aspekte: 1.) Wie ist die Schöpfung angelegt? (Verse 15-17). 2.) Welches Gottesbild liegt dieser Vorstellung zugrunde? (Verse 18-20). Der letzte Vers fasst die dem Abschnitt vorausgehenden Verse zusammen. In den Versen 11-14 steht: 

11 Sag nicht: Wegen des Herrn bin ich abtrünnig geworden! Denn, was er hasst, wird er nicht tun. 12 Sag nicht: Er hat mich in die Irre geführt! Denn er hat keinen Nutzen von einem sündigen Mann. 13 Jeden Gräuel hasst der Herr, und wer den Herrn fürchtet, kann den Gräuel nicht lieben. 14 Er selbst hat am Anfang den Menschen gemacht und hat ihn der Macht seiner Entscheidung überlassen.“ (Sirach 15,11-14).

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 15-17: Jesus Sirachs Überlegungen müssen auf dem Hintergrund der beiden Schöpfungsgeschichte in Gen 1-3 gesehen werden: der Mensch ist als ein freihandelndes Subjekt erschaffen worden – das gilt auch gegenüber dem Gesetz und somit dem Willen Gottes (vgl. den Abschnitt „Kontexte“). Dass er hier die Lesenden direkt anredet, „wenn du willst“ ist auch als eine Ermunterung zu verstehen, sich dazu zu entscheiden, den Willen Gottes zu erfüllen. Die Verse 16-17 motivieren dazu und illustrieren zugleich die Wahlfreiheit. Sie stellt sich als fundamentale Frage, beziehungsweise als eine zu treffende Entscheidung mit existenziellen Folgen. 

Verse 18-20: Wie direkt in den ersten Versen des Buches betont Jesus Sirach, dass die vollkommene Weisheit bei Gott liegt. Die Wahlfreiheit des Menschen ist in gewissem Maße in der Allwissenheit und Allmächtigkeit Gottes grundgelegt und durch diese umfangen.

Auslegung

Das Denken und Handeln des Menschen ist von einer Zweiseitigkeit geprägt, von einem Für und Wider. In dem dem Abschnitt vorausgehenden Vers 14 sagt Jesus Sirach deutlich, dass Gott den Menschen seine eigene Zukunft gestalten lässt durch die menschliche Entscheidungsfähigkeit. Der Mensch ist nicht getrieben, von unkontrollierten Trieben, sondern verfügt über einen freien Willen (siehe auch Sirach 17,6 und 44,4). Doch wo ist dann in der Schöpfung die Sünde zu verorten? Gott hat die Möglichkeit zur Sünde erschaffen, indem er dem Menschen die Wahlfreiheit geschenkt hat – dass der Mensch sündigt entspricht aber nicht dem Willen Gottes. So muss der Mensch, wenn er sich gegen den Willen Gottes stellt, dafür die Konsequenzen tragen.

Kunst etc.

Jesus Sirachs Gedanken verdecken nicht, dass der Mensch vielfach in der Bibel durch Gott versucht wird. Gott will nicht die Sünde der Menschen, aber er wird doch auch nicht freigesprochen davon, dass er die Treue des Menschen sozusagen testet. Im Paradies ist es noch die Schlange, die scheinbar unabhängig von Gott handelt. Im Buch Ijob dann ist es der Satan, der die Erlaubnis zur Versuchung erhält und im Vater Unser beten wir nun: „Führe uns nicht in Versuchung“. Der britische Maler William Blake hat in seiner Darstellung der Versuchungsszene im Garten Eden diese beiden Seiten angezeigt. Die Schlange wickelt sich sozusagen anfänglich um Eva, doch sie streckt zugleich freiwillig ihre Hand aus.

“Eve Tempted by the Serpent”, William Blake, ca. 1799-1800, Victoria and Albert Museum in London – Lizenz: gemeinfrei.
“Eve Tempted by the Serpent”, William Blake, ca. 1799-1800, Victoria and Albert Museum in London – Lizenz: gemeinfrei.