Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Sir 27,30-28,7)

30Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel / und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.

281Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn / seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.

2Vergib deinem Nächsten das Unrecht, / dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!

3Ein Mensch verharrt gegen einen Menschen im Zorn, / beim Herrn aber sucht er Heilung? 4Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, / aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung? 5Er selbst - ein Wesen aus Fleisch, verharrt im Groll. / Wer wird seine Sünden vergeben?

6Denk an das Ende, lass ab von der Feindschaft, / denk an Untergang und Tod und bleib den Geboten treu! 7Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht, / denk an den Bund des Höchsten und übersieh die Fehler!

Überblick

Eine radikale theologische Aussage, die all unser zwischenmenschliches Verhalten ändert: Der zornige Mensch ist ein Sünder.

 

1. Verortung im Buch

Der Blick des Weisheitslehrers geht in seinem Buch immer wieder auf die Frage der rechten Lebensführung ein – so auch im direkten Kontext der Lesung. Er schreibt über Bosheit (Sirach 27,22-27), Zorn und Rache (27,28-28,1), Vergebung (28,2-7), Streit (28,8-11) und Leid, das man mit Worten verursacht (28,12-26).

 

2. Aufbau

Jesus Sirach ist davon überzeugt, dass alles Böse, das man tut, auf einen zurückfällt: Wie man tut, so ergeht es einem. „Wer Böses tut, auf den rollt es zurück und er weiß nicht, woher es ihm kommt. Spott und Schimpf treffen den Hochmütigen, wie ein Löwe lauert die Rache auf ihn“, schreibt er in Sirach 27,27-28). Dieser Grundgedanke strukturiert auch die für die Lesung ausgewählten Verse, in denen der menschliche Zorn und die Vergebung gegenübergestellt werden. Vers 30 ist grundlegende Aburteilung: „Groll und Zorn, auch diese sind Gräuel und ein sündiger Mann hält an ihnen fest.“ Gott wird als Verfüger des Tun-Ergehens-Zusammenhangs benannt und der thematische Rahmen der „Rache“, der sich um Sirach 27,28-28,1 legt, geschlossen, um den Kontrast zur Vergebung aufzeigen zu können: „Wer sich rächt, erfährt Rache vom Herrn seine Sünden behält er gewiss im Gedächtnis.“ (Sirach 28,1). Abgeschlossen werden die Ausführungen zur Vergebung durch einen wiederholten Imperativ: „Denk!“ – eigentlich besser mit „erinne!“ oder „gedenke!“ zu übersetzen. Dies ist die Mahnung, dass alles zwischenmenschliche Verhalten von Gott gerichtet wird (siehe Sirach 11,26-28) – und ihm sind, wie Sirach 27,30 betont, menschlicher Groll und menschlicher Zorn ein Gräuel.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 30: „Groll“ ist ein innerer, unversöhnlicher Zorn. Dem Menschen steht es nicht zu zornig zu sein – Gott hingegen schon (Sirach 16,11). Denn der Mensch lässt sich von seinem Zorn beherrschen, Gott nicht. Der Mensch, der sich von Gott abwendet, kann sich auch nicht von seinem Groll und Zorn abwenden.

Vers 1: Während zum Beispiel die Blutrache im Buch Levitikus rechtens ist (Levitikus 19,18), wird nun jegliche eigenständige Vergeltung erfahrenen Unrechts abgelehnt. Gott wird als der Richter benannt, der keine Sünde ungestraft lässt und der Gerechtigkeit herstellt; vgl. Sirach 5,3: „Sag nicht: Wer wird Macht über mich haben? Denn der Herr wird gewiss Vergeltung üben“

Vers 2: Was zuvor im negativen Sinne über die Rache ausgesagt wurde, wird nun ins positive gewendet. Zwischenmenschliche Vergebung führt zur göttlichen Vergebung; vgl. auch „Beschäm nicht einen Menschen, der sich von der Sünde abwendet! Denk daran, dass wir alle in Schuld stehen!“ (Sirach 8,5)

Verse 3-5: Gemäß dem vorigen Vers 30 ist ein zorniger Mensch ein Sünder, deshalb kann er keine Vergebung erlangen. Es bedarf der zwischenmenschlichen Vergebung, um das Heil Gottes zu erlangen. Heilung bedeutet in diesem Kontext sowohl das Gegenteil von Erkrankung – da Krankheit häufig als Folge einer Sünde gedeutet wurde – als auch die Vergebung der Sünden. Der Verweis auf den Menschen als Wesen aus Fleisch, verweist auf die Gebrechlichkeit und Sündhaftigkeit des Menschen.

Verse 6-7: Der Verweis auf die letzten Tage, die man nicht aus dem Blick verlieren soll, basiert auf dem Vertrauen darauf, dass Gott im Diesseits, in den letzten Tagen des Menschen, Gerechtigkeit schaffen werde: „Gegenwärtiges Leiden lässt Wohlleben vergessen und das Ende des Menschen macht seine Taten offenbar. Preise niemanden glücklich vor seinem Ende und an seinen Kindern wird ein Mann erkannt!“ (Sirach 11,27-28). Dieser Gedanke soll das Handeln des Menschen führen, der sein Leben an den Gesetzt und an dem Bund zwischen Israel und seinem Gott ausrichten soll. Besonders hervorgehoben wird das Gebot der Nächstenliebe, dass hier negativ formuliert verwendet wird; vgl. Levitikus 19,18b: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.“

Auslegung

Warum soll ich meinen Nächsten lieben? Auf diese Frage hat der Weisheitslehrer Jesus Sirach eine grundlegende und radikale Antwort: Wer selbst nicht fähig ist, jemandem zu vergeben, dem wird Gott nicht vergeben. Nur Gott steht es zu, dauerhaft zornig zu sein. Groll, das heißt unversöhnlicher Zorn, ist in den Augen Gottes abscheulich und somit unverzeihlich. Eine solche Art des Zorns kann sich leicht zu Rachegelüsten und deren Umsetzung steigern. Aber Gott beansprucht für sich das alleinige Anrecht auf den Racheakt: „Die Rache ist mein!“ – so spricht Gott im Buch Deuteronomium 32,35. Dieses Ideal vertritt auch Jesus Sirach. Das Prinzip der Rache ist eine Gewaltspirale – diese Kettenreaktion endet, wenn das Recht auf Rache aus dem menschlichen Verfügungsbereich entfernt wird. 

Jesus Sirach lehrt, dass ein zorniger Mensch ein Sünder ist. Aber Zorn ist eine zutiefst menschliche Reaktion auf Unrecht. Wenn mir Unrecht widerfährt, habe ich dann kein Anrecht auf Vergeltung? Ja und Nein. Zorn birgt die Gefahr des Egoismus, der das Wohl der Anderen und den Willen Gottes aus den Augen verliert. Wenn man Böses nicht mit Bösem zurückzahlt und nicht nachtragend ist, wandelt man sich zu einer Person, die Böses vergibt und dem Anderen mit Gutem begegnet. Diesem Prinzip liegt ein egoistisches Denken zugrunde, nun jedoch positiv gewendet. Wenn ein Mensch seinem Nächsten nicht vergeben kann, wie kann er dann von Gott Vergebung erwarten? Wie kann ein Mensch, Gott um Vergebung bitten, aber selbst unbarmherzig gegenüber seinem Nächsten sein?

Für Jesus Sirach steht im Zentrum der Gebote Gottes das Gebot der Nächstenliebe: „Denk an die Gebote und grolle dem Nächsten nicht“, mahnt er. Gerechtigkeit kann durch Menschen nicht erzwungen werden. Man findet Gerechtigkeit weder in Zorn noch in Rache, sondern im Willen Gottes, der sich in den Geboten Gottes ausdrückt. Sie sind der Maßstab, an dem sich der Mensch ausrichten muss und anhand dessen Gott als Richter den Menschen beurteilt. Vielleicht ist Nächstenliebe die einzige Möglichkeit des Menschen in dieser Welt die Gerechtigkeit Gottes zu erfahren.

Kunst etc.

Die Alltags-Kommunikation wird zunehmend durch Emojis, GIFs und Icons geprägt, wobei bestimmte Symbole oft Mehrdeutigkeit besitzt. Zwei aneinandergedrückte Hände werden von den einen als Gebetsgestus gedeutet, während andere zwei sich abklatschende Hände sehen. Nithinan Tatah hat auf der Seite des Noun Project mit eben diese Emoji ein Icon kreiert, das er „Forgiving“ nennt und damit zugleich die zwischenmenschliche Dimension der Gebetsbitte, die auf Vergebung basiert, visualisiert.

Forgiving von Nithinan Tatah, The Noun Project
Forgiving von Nithinan Tatah, The Noun Project