Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (2 Tim 1,8b-10)

8bLeide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft:

9Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde;

10jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium,

Überblick


Jetzt aber! Gottes heilbringende Gegenwart in Jesus Christus bleibt lebendig, wo das Evangelium verkündet wird.

 

 

1. Verortung im Brief
Der 2. Timotheusbrief gehört zur Gruppe der sog. Pastoralbriefe, die vermutlich erst im 2. Viertel des 2. Jahrhunderts in Kleinasien (der westlichen Türkei) entstanden sind. Zu diesem Zeitpunkt sind der Verfasser des Briefes, Paulus, und der Adressat des Briefes, sein Schüler Timotheus, längst gestorben. Der von einem unbekannten Verfasser stammende Brief lässt dennoch die Stimme des Paulus neu erklingen, als spräche er zu seinem Schüler und durch ihn zu einer Gemeinde, die sich längst weiterentwickelt hat und in deren Mitte sich feste Ämter und Strukturen herauszubilden beginnen.

Grundthema des 2. Timotheusbriefes ist die Frage nach einer verlässlichen Weitergabe des Evangeliums angesichts vielfältiger Herausforderungen. Die Verse 8b-10 entstammen dem ersten inhaltlichen Abschnitt des 2. Briefs an Timotheus (2 Tim 1,6-14). In ihm geht es um die aktuelle Situation des Gemeindeleiters Timotheus. Der Verfasser des Briefes, ruft Timotheus in Erinnerung, was ihm von Gott geschenkt wurde. „Der Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit“, den Timotheus empfangen hat (2 Tim 1,7), ist eine Gabe, die größer ist als die Verzagtheit und vielleicht auch Angst, das Evangelium gegen Widerstände weiter zu verkündigen. Paulus selbst soll dem Timotheus als Beispiel und Ermutigung dienen.

 

 

2. Erklärung einzelner Verse

Vers 8b: Im Hintergrund der Aufforderung des Verfassers, steht das Schicksal des Paulus. Dieser ist in Gefangenschaft (1 Tim 2,9), weil er das Evangelium unablässig verkündete. Doch die Weitergabe der Botschaft trotz Gefahren ist das, was das Apostelamt des Paulus ausmacht und diese Berufung zur Verkündigung steckt auch in Timotheus. Auf dieser Grundlage fordert Paulus ihn auf, mit ihm für die gemeinsame Botschaft von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu leiden. Die erfahrenen Anfeindungen und die Auseinandersetzung mit Irrlehrern sollen sich nicht in Verzagtheit, das Evangelium zu verkünden niederschlagen. Die Erinnerung an Paulus, den „Lehrer“ des Timotheus appelliert an deren enge, fast familiäre Verbindung. In 2 Tim 2,1 nennt ihn der Verfasser, der sich selbst als Paulus bezeichnet sogar „Kind“. So wie Timotheus der Glaube durch seine leibliche Familie (2 Tim 1,5) vermittelt wurde, so auch durch Paulus, der mit seinem Lebens- und Leidenszeugnis ein Beispiel ist für die unerschrockene Verkündigung des Evangeliums. Die notwendige Kraft für ein solches Zeugnis kann selbstverständlich nur von Gott selbst kommen, in dessen Dienst Paulus und Timotheus stehen.

 

Verse 9-10: Woher genau die in Vers 8 benannte Kraft kommt, wird nun begründet. Dabei scheint sich der Verfasser überlieferter Formulierungen zu bedienen, deren Herkunft aber nicht weiter nachzuvollziehen ist. Mit feierlichem Unterton sprechen sie von der bereits erfolgten Rettung und der Berufung zum Heil. Diese sind – so wird kontrastierend gegenübergestellt – nicht abhängig von menschlichem Vermögen oder Handeln, sondern allein von Gottes erwählendem Handeln. Der Verfasser spricht dabei von einem einst und einem heute („jetzt aber“), um die verschiedenen Etappen des Heilshandelns Gottes zu verdeutlichen.
Das Geschenk der Gnade ist bereits „vor ewigen Zeiten“ ergangen, aber dieser Heilswunsch für alle Menschen, er ist zunächst offenbar verborgen. „Jetzt aber“ ist er durch das Zeugnis Jesu in Leben und, Tod und Auferstehung sichtbar geworden. Nur hier wird im Neuen Testament die Wendung von der „Erscheinung“ (Epiphanie) des Retters Jesus Christus auf sein Leben bezogen. In allen anderen Fällen wird der Begriff „Epiphanie“ auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten bezogen. Nachvollziehbar und greifbar wird diese Offenbarung in der Auferstehung, die zugleich die „Vernichtung des Todes“ bedeutet. Diese Unheilsmacht hat Jesus als „den letzten Feind entmachtet“, wie es im 1. Korintherbrief heißt (1 Kor 15,26). Dem Tod, der mit Dunkelheit in Verbindung gebracht wird, steht das „Licht des unvergänglichen Lebens“ gegenüber, das nun verheißen ist. Die Formulierung „durch das Evangelium“ macht Timotheus, dem Gemeindeleiter und damit Verkünder der frohen Botschaft, deutlich, das Medium deutlich, in dem die rettende Erscheinung Jesu Christi gegenwärtig bleibt.

Auslegung

Was könnte einem Gemeindeleiter, der gegen Irrlehrer kämpft, der erlebt, dass sein Vorbild im Gefängnis landet und der deshalb unsicher ist, wie er den Herausforderungen und Anfeindungen standhalten soll, was könnte einem solchen Gemeindeleiter mehr Mut machen als die Worte des vermeintlichen Paulus? Denn dem Verfasser des 2. Timotheusbriefes gelingt es in den wenigen Worten der Verse 8b-10 zweierlei deutlich zu machen. Zum einen ruft er Timotheus in Erinnerung, dass Gottes Kraft ihn in allem Tun begleiten wird – auch dort, wo er um der Verkündigung des Evangeliums Willen leiden muss. Zum anderen macht er deutlich, dass die Weitergabe des Evangeliums die Gegenwart Gottes für die Menschen lebendig hält. Denn das Evangelium erzählt nicht eine Geschichte aus vergangenen Tagen, sondern lässt die Offenbarung des Heils immer und immer wieder Realität werden. Wer das Evangelium verkündet, hält das Erscheinen des Retters präsent und hilft so, die Offenbarung des Heilswillen Gottes aus „ewigen Zeiten“ auch im Hier und Jetzt sichtbar zu machen. Die Weitergabe des Evangeliums ist im Verständnis des 2. Timotheusbriefes nicht nur Medium zur Erinnerung an eine einmalig ergangene Einladung Gottes. Vielmehr spricht die Verkündigung diese Einladung immer und immer wieder aus. Wenn der Verkünder des Evangeliums dazu beiträgt, die Hoffnung und Verheißung auf das unvergängliche Leben, das mit dem Erscheinen des Retters verkündet wurde, lebendig zu halten, dann ist einleuchtend, warum er in seinem Tun nicht aufgeben darf. Und warum es sich lohnt, für diese Botschaft notfalls auch zu leiden!