Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 22,19-23)

[15So spricht der Herr, der GOTT der Heerscharen: Auf, geh zu diesem Verwalter, zu Schebna, dem Palastvorsteher!...]

19Ich werde dich von deinem Posten stoßen und er wird dich aus deiner Stellung reißen.

20An jenem Tag werde ich meinen Knecht Eljakim, den Sohn Hilkijas, berufen. 21Ich werde ihn mit deinem Gewand bekleiden und ihm deine Schärpe fest umbinden. Deine Herrschaft gebe ich in seine Hand und er wird zum Vater für die Einwohner Jerusalems und für das Haus Juda.

22Ich werde ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter legen. Er wird öffnen und niemand ist da, der schließt; er wird schließen und niemand ist da, der öffnet. 23Ich werde ihn als Pflock an einer festen Stelle einschlagen und er wird zum Thron der Ehre für sein Vaterhaus.

Überblick

Gott verleiht die Schlüsselgewalt – aber auch hier gilt: Der Mensch kann scheitern.

 

1. Verortung im Buch

Mitten innerhalb von zehn Fremdvölkersprüchen spricht der Prophet plötzlich auch über Jerusalem – und das mit harten Worten der Anklage und der Verurteilung: „Diese Schuld wird euch nicht vergeben, bis ihr sterbt, spricht der Herr, der GOTT der Heerscharen.“ (Jesaja 22,14). Die zuvor beschriebene Kriegssituation lässt nicht direkt erkennen, um welche „Schuld“ es sich handelt – um sie deuten zu können, muss man den Beginn des Buches Jesaja kennen: „Wehe der sündigen Nation, dem schuldbeladenen Volk, der Brut von Übeltätern, den Söhnen, die Verderben bringen! Sie haben den HERRN verlassen, den Heiligen Israels verschmäht und ihm den Rücken zugekehrt.“ (Jesaja 1,4). Somit vergibt Gott seinem Volk und seiner Stadt deren ungerechtes Handeln nicht. Sie hätten einsehen müssen, dass ihre Sicherheit nicht im politischen Handeln grundgelegt ist, sondern im Vertrauen auf Gottes Willen. 

Bereits in der Verurteilung Jerusalems wird der Stadtelite besondere Schuld zugesprochen: „Alle deine Wortführer sind gemeinsam geflohen, ohne einen Bogenschuss wurden sie gefangen; alle, die man von dir noch fand, wurden miteinander gefangen, wenn sie auch noch so weit flohen.“ (Vers 3). In Jesaja 22,15-25 richtet der Prophet dann sein Wort explizit gegen einen Entscheidungsträger und erteilt der Elite eine doppelte Lehre.

 

2. Aufbau

Mit harten Worten verurteilt der Prophet den Haushofmeister des Königs. Diesem - Schebna ist sein Name – wird seine Selbsterhöhung und Prunksucht vorgehalten, aufgrund der er sein Amt verliert: „Ich werde dich von deinem Posten stoßen und er wird dich aus deiner Stellung reißen.“ (Vers 19). An seiner Stelle tritt Eljakim, der als ein Beispiel für Dienstbarkeit angeführt wird. Doch der Hochgelobte (Verse 20-23) wird am Ende auch scheitern (Verse 24-25).

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Vers 19: Das Amt des Palastvorsteher - auch Haushofmeister genannt, ist die höchste Position im Staat nach dem König. Schebna fällt somit tief. Er verliert sowohl sein Amt als auch seine Stellung und somit sein Ansehen. Diese Degradierung wird im Gotteswort mit zwei Begriffen beschrieben, „wegstoßen“ und „herunterreißen“ die normalweise tätliche Gewalt beschreiben. 

Vers 20: Der Tag des Falls Schebnas ist der Moment des Aufstiegs Eljakims. Es ist ein steiler Aufstieg, denn Gott bezeichnet ihn direkt als „meinen Knecht“. Dieses Ehrentitel tragen zum Beispiel Abraham, Isaak, Jakob, Mose, Josua, die Könige David und Hiskija sowie die Propheten Elija und Jesaja. Ein solch hoher Minister des Königs ist eigentlich der „Knecht des Königs“. Durch das Gotteswort erhält Eljakim eine dem König vergleichbare Stellung – er untersteht unmittelbar Gott. 

Vers 21: Schebna Gewand und Schärpe trägt fortan Eljakim. Beide Kleidungsstücke sind auch Bestandteil der priesterlichen Amtskleidung und deuten somit auf die hohe Stellung des Trägers hin. Dass ihm „Herrschaft“ zugesprochen wird, zeigt seine politische Macht – die eigentlich ansonsten nur Königen zukommt. Auch der Titel „Vater“ ist besonders – ihn tragen sowohl Könige als auch hohe Beamten. In Gen 45,8 steht über Josef, der zum Wesir am Hof des Pharaos aufstieg: „Er [d.i. Gott] hat mich zum Vater für den Pharao gemacht, zum Herrn für sein ganzes Haus und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.“ 

Vers 22: Auch in Ägypten war der Wesir derjenige, der über den Zugang zum König verfügte. Er hatte sowie die Eljakim die Schlüsselgewalt. Der Titel „Palastvorsteher“ ist im Hebräischen eine Umschreibung, die genau diesen Sachverhalt ausdrückt: „derjenige, der über dem Haus ist“ (Vers 15). Radikal bedeutet dies, das niemandem Zugang zum König gewährt wird, außer Eljakim lässt dies zu. 

Vers 23: Ein Pflock bietet Festigkeit. In Jesaja 33,20 wird Israel mit Zelt verglichen, „das man nicht abbricht, dessen Pflöcke man niemals mehr verrückt, dessen Stricke nicht zerrissen werden“. Wird er ein solcher, Stabilität gewährender Pflock für das Königshaus oder nur für seine Familie? Ihm wird auch verheißen, dass er ein Ehrenthron für sein Vaterhaus werde. Da Ämter in der damaligen Zeit vererbt wurden, bietet dieses Gotteswort auch eine Verheißung für ihn und seine Nachfahren – und diese Verheißung ist bemerkenswert. Wörtlich wird ihm verheißen, dass er ein „Thron der Herrlichkeit“ werde, auf dem sich seine Nachfahren niederlassen können. Eine beständige „Herrlichkeit“ ist im Buch Jesaja nur Gott, Zion und dem Wurzelstock Isais zugesagt – die Herrlichkeit derjenigen, die sich auf menschliche Ehre stützen hingegen, kommt zu Fall. Im den Folgenden Versen wenden sich die Bilder „Pflock“ und „Thron der Herrlichkeit“ jedoch ins Gegenteil: „Dann wird sich an ihn das ganze Gewicht seines Vaterhauses hängen: die Sprösslinge und die Schösslinge, alles Kleingeschirr, von Schalen bis hin zu allen möglichen Krügen. An jenem Tag - Spruch des HERRN der Heerscharen - weicht der Pflock, eingeschlagen an fester Stelle. Er wird herausbrechen, herunterfallen und die Last, die an ihm hängt, wird zerschlagen. Ja, der HERR hat gesprochen.“ (Verse 24-25) Aus der Würde des Vaterhauses wird sozusagen eine Bürde. Vetternwirtschaft wird für den Hochgelobten zum tiefen Fall. Der fest eingeschlagene Pflock löst sich dann doch.

Auslegung

Schebna und Eljakim waren wohl konkrete Personen, die im Buch Jesaja und parallel in den Büchern der Könige nochmals genannt werden: „Der Palastvorsteher Eljakim, der Sohn Hilkijas, der Staatsschreiber Schebna und der Sprecher des Königs Joach, der Sohn Asafs, gingen zu ihm hinaus.“ (Jesaja 36,2). Sie treten dem Gesandten des neuassyrischen Königs Sanherib gegenüber, der Jerusalem belagert. Hier nun ist, ganz entsprechen der Prophetie nicht mehr Schebna, sondern Eljakim der Palastvorsteher. Vielleicht ist diese Belagerung im Jahre 701 v.Chr. auch der geschichtliche Kontext der Prophetie in Jesaja 22,1-25. Jedenfalls spricht der Prophet in einer solchen Krise seine Worte stellt in seinen Worten zwei gegensätzliche Typen der Machtausübung einander gegenüber. Eljakim ist der Knecht Gottes, er dient – Schebna dient sich selbst. Doch Eljakim dient auch seiner Familie und verliert dadurch anscheinend den Blick auf Gott. So steht am Ende dieser Prophetie eine grundlegende Kritik an jeder Form menschlicher Herrschaft – und diese Aussage zielt bereits auf das Ende des Buches Jesaja an dem Gott alle irdische Herrschaft ablöst und als König des Himmels und der Erde herrscht (Jesaja 66).

Kunst etc.

In vielen Darstellungen ist der heilige Apostel Petrus mit einem Schlüssel zu sehen, den er fest in der Hand hält – denn Jesus sprach zu ihm: „Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Matthäus 16,19). Petrus ist somit der Haushofmeister des himmlischen Palastes. Die parallele zu Eljakim liegt auf der Hand – und auch die dadurch zugrundliegende Warnung. Möge er Gott dienen und niemandem anderen. Anders als Eljakim dient der Schlüssel jedoch nicht zum Öffnen und Schließen, sondern zum Lösen und Binden. Was ist damit gemeint? In der jüdischen Tradition hatten die Schriftgelehrten die Gewalt ein Gebot für verbindlich oder unverbindlich zu erklären.

Bild von Ewa Klejnot auf Pixabay
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