Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 3,16-18)

16Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

17Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.

18Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.

Überblick

Auf die Antwort kommt es an. Jesus und Nikodemus kommen des Nachts ins Gespräch.

 

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangelium (Joh) beginnt mit einem Loblied auf Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters (Joh 1,1-18). Er ist in die Welt gesandt, um die Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen und den Menschen den Weg zum Vater zu eröffnen. Diese Sendung Jesu ist als Grundthema in allen Erzählungen zu finden, so auch in dem vorliegenden Abschnitt. Dieser entstammt einem Gespräch, das Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus während seines ersten Jerusalemaufenthalts führt (Joh 3,1-21). Nikodemus kommt nachts zu Jesus und beginnt das Gespräch mit dem Satz: „Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.“ Daraufhin entspinnt sich ein Dialog über den wahren Charakter der Sendung Jesu und seinen Auftrag.

 

2. Aufbau
Vers 16 stellt die Grundannahme der Sendung Jesu vor. Von dieser Annahme her lässt sich der Auftrag Jesu negativ wie positiv bestimmen (Vers 17). Vers 18 benennt die Kehr- oder Antwortseite zum Auftrag Jesu: Das Verhalten der Menschen auf seine Sendung.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 16: Ausgangspunkt der Sendung Jesu ist die Liebe Gottes zur Welt und damit auch zu allen Menschen. Die Größe der Liebe zeigt sich in der Bereitschaft den einen Sohn hinzugeben, das heißt ganz in die Logik und die Machenschaften dieser Welt hineinzusenden. Das Senden des Sohnes in die Welt ist ein umfassendes Ereignis, denn es schließt die Möglichkeit und Realität seiner Ablehnung ein und damit auch das Kreuz. Das Kreuz ist der Ort, an dem sich die ganze Hingabe des Sohnes zeigt und damit auch die ganze Liebe Gottes des Vaters. Für den Evangelisten Johannes ist das Kreuz auch der Ort, an dem sich die Sendung Jesu vollendet. Denn im Tod kehrt Jesus zum Vater zurück und damit zurück in dessen Herrlichkeit (Joh 17,1-5). Und das Kreuz und die sich darin ausdrückende Liebe Gottes sind der Punkt der Entscheidung: Haben die Menschen in Jesus wirklich Gott gesehen und erkannt und glauben sie an ihn? Oder ist der Tod Jesu nur der Tod eines Menschen, der von Gott erzählte? 
Wer den Worten Jesu Glauben schenkt und ihn ihm Gott erkennt, dem eröffnet sich in Jesus der Zugang zu Gottes Wirklichkeit und zum ewigen Leben (Joh 14,6 und 10,10b).

 

Verse 17-18: Was in Vers 16 schon anklang wird nun ausdifferenziert. Die Sendung Jesu besteht nicht im Bringen des Gerichts („verloren Sein“), sondern in der Eröffnung des Heils („Rettung“). Rettung wird möglich, in dem man an Jesus als den Sohn Gottes glaubt, der als „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14,6) die „Tür“ ist, durch die man eintritt in die Wirklichkeit Gottes (Joh 10,9). Der Glaube und damit die Antwort des Menschen auf das Sichtbarwerden Gottes in Jesus Christus ist das entscheidende Kriterium. Wer nicht an ihn glaubt, der glaubt nicht an das ewige Leben, das Gott schenkt, und rutscht damit ins „verloren Sein“.

Auslegung

Es ist der Glaube an die Sendung Jesu und den sich darin offenbarenden, liebenden Gott, der für den Evangelisten Johannes die Entscheidung zwischen ewigem Leben und verloren Sein ausmacht. Denn seine Theologie und damit auch sein persönlicher Glaube, den er im Evangelium ins Wort fasst, beruht auf dem, was Vers 16 formuliert. Gott liebt diese Welt, umfassend und bedingungslos. Und er möchte der Welt von seiner Liebe künden – dazu sendet er seinen Sohn. Er, der vor aller Zeit in der Herrlichkeit des Vaters lebt, kommt in die Welt, damit wir die Herrlichkeit Gottes schauen können - dieses Grundthema hatte der Evangelist bereits im Loblied des Anfangs formuliert (Joh 1,1-18). Die umfassende Liebe zu den Menschen erweist sich dann am Kreuz, wenn Jesus für die Seinen das Leben hingibt (Joh 15,13). Wer bereit ist, diese Hingabe, das Leid am Kreuz und den Sinn dahinter zu erkennen, der glaubt. Der glaubt, dass Gott neues Leben ermöglicht, jenseits des sichtbaren Lebens. Der glaubt, dass in Jesus wirklich etwas von Gottes Wesen und Wirklichkeit erkennbar ist. Und der wird erkennen, dass die Liebe Ausgangspunkt und Antwort im Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist. Denn an Jesus zu glauben und die Rettung zu bejahen, die er schenkt, bedeutet auch, seine Botschaft weiterzutragen. Glauben ist nicht ein einmaliger Antwortakt. Vielmehr handelt es sich um ein aktives und vom Wort in die Tat übergehendes Geschehen. Bejahen der Botschaft Jesu geht nur durch überzeugende Weitergabe. Das Beispiel dazu liefert Jesus selbst in der Fußwaschung: Einander in Liebe zu dienen und so zu lieben, wie Gott die Menschen liebt (Joh 15,9-12).

Kunst etc.

Das Gemälde „Christus unterrichtet Nikodemus“ von Crijn Hendricksz Volmarijn zeigt Nikodemus, den Pharisäer, und Jesus als Lehrer, der seine Sendung aus der Schrift heraus zu erklären versucht.

Crijn Hendricksz Volmarijn, Christus unterrichtet Nikodemus (zwischen 1616-1645), gemeinfrei
Crijn Hendricksz Volmarijn, Christus unterrichtet Nikodemus (zwischen 1616-1645), gemeinfrei