Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (1 Sam 16,1b.6-7.10-13b)

1 Der HERR sagte zu Samuel: 

[… ] Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen.

[…]

 6 Als sie kamen und er den Eliab sah, dachte er: 

Gewiss steht nun vor dem HERRN sein Gesalbter. 

7 Der HERR aber sagte zu Samuel: 

Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz.

[…]

10 So ließ Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai: 

Diese hat der HERR nicht erwählt. 

11 Und er fragte Isai: 

Sind das alle jungen Männer? 

Er antwortete: 

Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe. 

Samuel sagte zu Isai: 

Schick jemand hin und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist. 

12 Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. David war rötlich, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt. 

Da sagte der HERR: 

Auf, salbe ihn! Denn er ist es.

13 Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN war über David von diesem Tag an. Samuel aber brach auf und kehrte nach Rama zurück.

Überblick

Weder Stärke noch Männlichkeit sind entscheidend – der Blick Gottes reicht bis ins Herz und erwählt den Unscheinbaren.

 

1. Verortung im Buch

Es ist einer der entscheidenden Wendepunkte in den Samuelbüchern: Mit einer Art Putsch in aller Heimlichkeit beginnt der Niedergang König Sauls und der Aufstieg eines Hirtenjungen zum bedeutendsten König Israels an seiner Statt. Saul war von Gott auserwählt worden (1 Samuel 9-10), errang große militärische Siege mit Gottes Hilfe (1 Samuel 11 und 13-14) doch wird von Gott verworfen (1 Samuel 13,7-14 und auch 1 Samuel 15,1-11). In aller Heimlichkeit erwählt Gott David und lässt ihn durch seinen Propheten Samuel salben. Ohne dass er es weiß, wird König Saul, denjenigen der ihn ersetzen wird, dann als ihm wohltuenden Musiker und mächtigen Kämpfer an seinen Hof und damit in seine direkte Nähe holen (siehe 1 Samuel 16,14-23 und 17,1-18,5).

 

2. Aufbau

Für die Lesung wurden aus der Erzählung 1 Samuel 16,1-13 einzelne Verse und Abschnitte ausgewählt. Der gesamte Text besticht durch seine simple Erzählweise, deren Höhepunkt in der Salbung Davids erreicht ist (Vers 13a). In diesem Vers wird erstmals im hebräischen Text der Name Davids genannt. Die Nennung Davids in Vers 12, wie sie in der revidierten Einheitsübersetzung steht, dient der Verdeutlichung und basiert auf der antiken, griechischen Übersetzung). Gerahmt ist die Erzählung durch das Motiv des Horns mit Öl, das Samuel mitnehmen soll (Vers 1) und womit er David salbt (Vers 13). 

Der Kontext der für die Lesung ausgewählten Verse in diesem Kapitel ist für ihr Verständnis nicht unbedeutend. Bereits der Anfang des ersten Verses verdeutlicht, dass nun der entscheidende Wendepunkt vom verworfenen, ehemaligen Auserwählten zum neuen, zukünftigen König erzählt wird: „Der HERR sagte zu Samuel: Wie lange willst du noch um Saul trauern? Ich habe ihn doch verworfen; er soll nicht mehr als König über Israel herrschen.“ (Vers 1a) Und in die Trauer Samuel mischt sich zugleich seine Furcht vor Saul, die das subversive Element Gottes Handelns aufzeigt. Samuel fürchtet sich vor den Konsequenzen, wenn er den neuen Auftrag Gottes ausführen wird: „Samuel erwiderte: Wie kann ich da hingehen? Saul wird es erfahren und mich umbringen. Der HERR sagte: Nimm ein junges Rind mit und sag: Ich bin gekommen, um dem HERRN ein Schlachtopfer darzubringen. 3 Lade Isai zum Opfer ein! Ich selbst werde dich dann erkennen lassen, was du tun sollst: Du sollst mir nur den salben, den ich dir nennen werde.“ (Verse 2-3) Und dann schreitet die Erzählung von Samuels Trauer und Angst zur Auserwählung Davids voran.

  

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1b: Der Auftrag Gottes an Samuel ist vergleichbar mit einem Putsch, denn Saul ist zu diesem Zeitpunkt der amtierende König. Auch er war durch Samuel gesalbt worden, aber bereits hier wird nun ein deutlicher Kontrast in der Wortwahl deutlich. Saul wurde zum „Beamten“ Gottes gesalbt (1 Samuel 10,1). Der hebräische Titel נָגִיד (gesprochen: nagid) betont die Verfügungsmacht Gottes gegenüber dem so Titulierten. Der Königstitel hingegen (מֶלֶךְ, gesprochen: melech) betont hingegen die Macht des so Bezeichneten. Hier schon deutet sich die Überlegenheit Davids gegenüber Saul an, die in der folgenden Erzählung bereits entfaltet wird. Und dies nimmt an einem unerwarteten Ort seinen Ausgang. Isai, dessen Name „Mann Gottes“ bedeutet und der später durch Jes 11,1 besondere, messianische Berühmtheit erlangt („Baumstumpf Isais“), wird hier erstmals in der Bibel genannt, ohne das bekannt ist, wer er ist. Er ist ein bis dahin, unbedeutender Familienvater in Betlehem – einem bis dahin ebenso unbedeutenden Ort.

Verse 6-7: Eliab ist der Älteste Sohn Isais. Ihm steht das sogenannte Recht des Erstgeborenen zu – ein besonderer Vorzug, wie man ihn auch heute noch in Monarchien kennt. Aber dies steht hier nicht im Fokus der Erzählung, sondern Samuel fehlgeleitetes Urteil aufgrund der äußeren Erscheinung Eliabs. Seine Schönheit legt Samuel als Anzeichen seiner Stellung aus: Menschen, denen Ehrfurcht und sozialer Respekt gelten, werden als schön gepriesen; vgl. die Worte des Psalmisten über den König: „Du bist der Schönste von allen Menschen,/ Anmut ist ausgegossen über deine Lippen; darum hat Gott dich für immer gesegnet.“ (Psalm 45,3). Auch Saul galt als „schön“ und ebenso hochgewachsen wie Eliab (1 Samuel 9,2). Vielleicht liegt hier eine bewusste Anspielung auf Saul vor, denn das Urteil über diesen Sohn Isais wirkt drastisch: Gott sagt, dieser sei „verworfen“ – ebenso wie Saul. Die Verwerfung Eliabs dient dazu sein Prinzip der Auserwählung offen zu legen. Hatte er Saul noch auserwählt und ihm „sein Herz verwandelte“ (1 Samuel 9,9) ist der Blick ins Herz – dem nach biblischen Denken Sitz der Vernunft und des Verstande - nun für Gott das entscheidende, für den Menschen nicht einsehbare Kriterium. Eliab wird später dem nach Gottes Urteil „gut-herzigen“ David „Schlechtigkeit des Herzens“ vorwerfen (1 Samuel 17,38).

Verse 10-11: Die Zahl sieben steht sowohl im Alten Testament als auch im Alten Orient für Fülle und Vollkommenheit – zum Beispiel schuf Gott die Welt in sieben Tagen (Genesis 1,1-2,4). Und sieben Söhne galten als eine erfüllte, gesegnete Vaterschaft (siehe 1 Samuel 2,5). Diese Fülle wird nun durch den unscheinbaren achten Sohn noch übertroffen. Der Erzähler erklärt jedoch nicht, warum David nicht vom Anfang an zu Samuel gebracht wurde: Wurde er absichtlich „vergessen“? Wurde er für zu gering erachtet? Oder war es einfach der Pragmatik geschuldet – wie der Text es nahelegt – jemand die Herde hüten musste? Das Hüten von Herden war eine Alltagsarbeit – oft von niedrigstehenden Angestellten erledigt. Doch gerade weil Hirten ein Alltagsbild im Alten Orient waren entwickelte sich daraus ein Bild für das Königtum. Im Alten Orient bezeichnete Könige oft als Hirten, die sich um ihr Volk wie um eine Herde sorgen und es beschützen. Darin wird auch die Beziehung zu dem jeweiligen Gott deutlich, der als eigentlicher Besitzer „seine Herde“ dem Hirten anvertraut.

Vers 12: Nun wird das gute Aussehen Davids hervorgehoben, obwohl diese äußere Eigenschaft im Falle Eliabs zuvor als fehlleitend verworfen wurde. Doch man darf dies nicht als Ausschlusskriterium missverstehen. Gott entscheidet aufgrund Davids Herzen, aber zudem zeigt sich in seinem Äußeren sozusagen noch seine innerliche Qualität. Seine Schönheit wird aber überraschend anders beschrieben. Es geht nicht um ein männlich-muskulöses Schönheitsideal. Der Exeget Walter Dietrich schreibt: „Dieser David ist eher klein und zierlich, hübsch und gefällig, fast möchte man(n) sagen: weiblich-schön.“

Vers 13: Auch im Bezug auf den Geist Gottes steht die Salbung Davids im Kontrast zur Salbung Sauls. Saul erhält den Geist Gottes erst, nachdem Gott ihm das Herz verwandelet (1 Samuel 9,2). Auf David hingegen ruht der Geist JHWHs direkt nach der Salbung und er verweilt dauerhaft bei ihm. Kurz vor seinem Tod kann David noch beten: „Der Geist des HERRN sprach durch mich, sein Wort war auf meiner Zunge.“ (2 Samuel 23,2)

Auslegung

Das erste Auftreten Davids geschieht fast unscheinbar – und doch wird in dieser Erzählung die Hauptfigur eingeführt, die die Samuelbücher bis zu ihrem Ende bestimmen wird: dem größten König Israels, an den das Volk später einen Hauptstrang seiner messianischen Hoffnung knüpfte. Seine Geschichte führt von Unbedeutsamkeit ins Zentrum der Beziehung Gottes zu seinem Volk. Sein Vater ist in der biblischen Geschichte unbekannt – er ist nur der Vater Davids. Und sein Heimatort, Betlehem, ist in der damaligen Zeit nicht mehr als ein Dorf. Doch die Salbung Davids bestätigt einen roten Faden, der sich durch die gesamte Bibel hindurchzieht und das Gotteswort bewahrheitet: „Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht.“ (Vers 7).

Entscheiden ist nicht das Erstgeburtsrecht – keine menschlichen Gesellschaftskonventionen – und Gott lässt sich auch nicht durch Äußeres wie Menschen blenden. Gott bevorzug Jakob gegenüber seinem älteren Zwilling Esau. Der zweitjüngste Sohn Jakobs Josef führt seine Brüder am Ende an, obwohl er ihnen zuerst unterlegen ist. Ja, Mose selbst schreibt dem Volk Israel in sein Stammbuch, dass es eigentlich nach menschlichen Kriterien kein eindrucksvolles Volk ist: „Denn du bist ein Volk, das dem HERRN, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der HERR, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört. Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der HERR ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,6-7). Gott bedarf nicht der Mächtigen, um zu wirken. 

Kunst etc.

Der niederländische Maler Cornelis Brouwer schaffte im 17. Jahrhundert eine fast intime Darstellung der Salbung Davids. Im Bild sind nicht Davids Vater Isai und auch nicht seine sieben Brüder und auch nicht die in Vers 4 genannten „Ältesten der Stadt“. Die Erzählung setzt deutlich voraus, dass die Salbung in einer gewissen Öffentlichkeit geschah – daher wundert es ein wenig, dass später diese Salbung sozusagen ein Geheimnis ist, bzw. König Saul davon nichts weiß.

„Die Salbung Davids“, Cornelis Brouwer – Lizenz: gemeinfrei.
„Die Salbung Davids“, Cornelis Brouwer – Lizenz: gemeinfrei.