Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 55,1-3)

551Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! / Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld / und ohne Bezahlung Wein und Milch!

2Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, / und mit dem Lohn eurer Mühen, / was euch nicht satt macht?

Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen / und könnt euch laben an fetten Speisen! 3Neigt euer Ohr und kommt zu mir, / hört und ihr werdet aufleben!

Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: / Die Erweise der Huld für David sind beständig.

Überblick

Fast wie ein Marktschreier, so verkündet der Prophet Gottes Segen.

 

1. Verortung im Buch

Bisher war es die Verheißung der Rettung aus dem babylonischen Exil und die Heimkehr ins verheißene Land, dass die Worte des Propheten Jesaja bestimmte. Nun schlägt er einen anderen Ton an und verheißt die Fülle des Lebens. Die Heimkehr ist nämlich kein Endpunkt, sondern die Worte in Jesaja 55,1-3 knüpfen damit direkt an die Verheißung für Israel im Sklavenhaus Ägypten an: „Der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne sein Leid. 8 Ich bin herabgestiegen, um es der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, […]“ (Exodus 3,7-8)

 

2. Aufbau

Vergleichbar mit einem Marktschreier ruft der Prophet dem Volk Hoffnung zu: „kommt!“, „kauft!“, „esst““, „hört!“, „neigt!“, „kommt!“. Diese Aufforderungen rahmen die herausfordernde Frage, die das Bild des Marktschreiers auf den Kopf stellt: „Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht?“ (Vers 2). Und dieses Paradox wird am Ende von Vers 3 aufgeklärt.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 1: Bereits das erste Wort zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Es könnte auch als Wehe-Ruf oder Einleitung einer Klage gelesen werden. Doch hier ist es ein Aufruf, dass die Leidenden sich Gott zuwenden sollen. Der sich scheinbar wiederholende Rhythmus dieses Verses ist doch eine Steigerung. Die, die durstig nach Wasser sind, werden, ohne dafür bezahlen zu müssen, sogar Wein und Milch erhalten. Hier wird kein spezifisches Ereignis angekündigt, sondern ein Heilszustand verkündet.

Vers 2: Die rhetorische Frage scheint die zuvor sehr konkrete Zusage auf die Ebene eines Bildwortes zu heben – und ein Verständnis im Sinne von Deuteronomium 8,3 liegt nahe: “Gott wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht.” Doch die Verheißung Gottes ist konkret und knüpft im Endeffekt direkt an den Auszug aus dem Sklavenhaus Ägypten “in ein Land, in dem Milch und Honig fließen” an.

Vers 3: Die Verheißung ist sehr konkret! Es geht nicht nur um ein “Aufleben”, sondern um ein “Leben in Fülle”, das hier verheißen wird. Die Grundlage hierfür ist ein neuer Bund, der auf Dauer angelegt sein wird. Der Bund, dessen Zerbrechen durch das Exil angezeigt ist, wird erneuert. Das Königshaus Davids ist untergegangen, doch die Gnade, die ihm erwiesen wurde (siehe 2 Samuel 7,1-16) besteht weiterhin. Die Verheißung an David hat eine konkrete Bedeutung für das Volk Israel: „Ich werde meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher.“ (2 Samuel 7,10). 

Auslegung

Es sind keine marktkonformen Sätze, die der Prophet hier in die Welt hineinruft. Kann man kaufen, ja gar satt werden ohne Geld? Bei Gott gilt jedoch: gratia gratis data – sie ist „kostenlos geschenkte Gnade“. Einer reinen spirituellen Auslegung dieser Zusage verwehrt sich der Prophet jedoch direkt, da diese Gnade auch den Magen füllt. Er wird konkret: „Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen!“ Die Rettung durch Gott aus dem Exil führt hinein in seine Segensfülle. Die Botschaft lautet: Die Fülle wartet auf diejenigen, die den Heilsworten Gottes folgt. Er lässt die Durstigen und Hungrigen in einem Land leben, in dem Milch und Honig fließen.

Kunst etc.

Nicht ohne Grund ist ein theologischer Ankerpunkt des Christentums neben Jesu Tod und Auferstehung sein letztes Abendmahl, das er zu seinem Gedenken eingesetzt hat. Christen und Christinnen begegnen Jesus Christus somit in Brot und Wein. In diesem Kontext gewinnen die Worte des Propheten, die primär an Israel gerichtet sind, eine weitere Dimension. Auch wenn der Prophet Jesaja seine Worte nicht direkt an Christinnen und Christen richtet, so bekommen sie eine besondere Tiefe, wenn man aus christlicher Perspektive – mit einem Bild des letzten Abendmahls, wie diesem von Juan de Juanes, vor Augen – sie liest und die spirituelle und die konkrete Dimension bedenkt.

Juan de Juanes, „Das letzte Abendmahl“, 1562 – Lizenz: gemeinfrei.
Juan de Juanes, „Das letzte Abendmahl“, 1562 – Lizenz: gemeinfrei.