Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 3,13-17)

13Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen.

14Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?

15Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.

16Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen.

17Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.

Überblick

Die Taufe Jesu. Wie Jesus sich in die Volksmenge einreiht und doch aus ihr heraussticht.

1. Verortung im Evangelium
Zum ersten Mal wird Jesus im Matthäusevangelium (Mt) selbst aktiv. Nach dem Stammbaum (Mt 1,1-17) und der Erzählung von der Geburt (Mt 1,18-25) prägten die Ereignisse rund um die Geburt (Huldigung der Sterndeuter, Flucht nach Ägypten, Kindermord in Bethlehem und Rückkehr aus Ägypten) das 2. Kapitel des Evangeliums. Mit Mt 3,1 wechselt die Perspektive und Johannes der Täufer als Vorläufer Jesu steht im Fokus (Mt 3,1-12, vgl. Auslegung zum 2. Adventssonntag). In der Erzählung von der Taufe Jesu wird das Wirken des Täufers mit dem Wirken bzw. ersten Auftreten Jesu verbunden, der dann ab Mt 4,1 (Versuchung) ganz zur Hauptfigur des Evangeliums wird.

 

 

2. Aufbau
Vers 13 bildet eine szenische Einleitung und verbindet die Johanneserzählung mit der Jesuserzählung. Der Dialog zwischen den beiden in den Verse 14 und 15 führt weiter in die Geschichte ein und begründet zugleich die Taufe Jesu durch Johannes. Die Verse 16 und 17 schildern das Taufgeschehen und die audiovisuelle Bestätigung seiner Gottessohnschaft, die Jesus dabei zuteilwird.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 13: Die zeitliche Angabe „zu dieser Zeit“ verbindet die Erzählung von der Taufe eng mit der vorangegangenen über das Wirken des Täufers (Mt 3,1-12), dies ist vor allem für die Deutung (Verse 14-15) wichtig. Denn so geschieht die Taufe Jesu nicht als ein gesondertes Ereignis, sondern sie findet statt in „dieser Zeit“, in der die „Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend“ zu Johannes in die Wüste ziehen (Mt 3,5). Auch der Evangelist Lukas betont diese Gleichzeitigkeit der Volksbewegung und der Taufe Jesu, jedoch deutlich expliziter (Lukasevangelium 3,21).
Zugleich wird Jesu Absicht, sich von Johannes taufen zu lassen, explizit erwähnt. Was wir als Hörer und Leser des Evangeliums wie selbstverständlich hinnehmen, scheint für das Verständnis der matthäischen Gemeinde nicht so selbstverständlich, wie der folgende Dialog zwischen Johannes und Jesus zeigt. Auf ihn lenkt die Absichtserklärung in Vers 13 hin.

 

Verse 14-15: Diese Szene zwischen Johannes und Jesus findet sich nur im Matthäusevangelium, in den anderen Evangelien, die von der Taufe berichten (Lukas und Markus), kommt Jesus einfach unkommentiert zur Taufe durch Johannes. Der Evangelist Matthäus hatte nur wenige Verse zuvor (Mt 3,11) den Täufer jedoch auf den kommenden Größeren verweisen lassen. Dies ist seine Aufgabe als Rufer in der Wüste, der dem Herrn den Weg bereitet (Mt 3,3). Wenn nun Johannes kurz darauf diesen Größeren tauft, so scheint dies für den Evangelisten gegenüber seinen Lesern erklärungsbedürftig. Daher lässt er den Täufer zunächst fragend bis abweisend auf den Wunsch Jesu reagieren. Die Taufe ist für die herbeiströmenden Volksmassen ein sichtbares Zeichen ihrer Umkehr, für Johannes scheint das bei Jesus nicht angebracht. Mit der Erläuterung Jesu „so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen“ lenkt Matthäus den Blick jedoch auf einen anderen zentralen Gedanken seiner Jesuserzählung: die Gerechtigkeit. Für Matthäus verbirgt sich hinter dem Begriff, der zum einen mit Johannes dem Täufer verbunden ist (Mt 21,32), zum anderen aber in der Bergpredigt im Fokus steht, ein menschliches Verhalten. „Gerechtigkeit“ beschreibt das menschliche Handeln, das Antwort gibt auf Gottes Angebot der Liebe und Barmherzigkeit. Für Matthäus ist Gerechtigkeit ein Begriff der Ethik und daher findet er sich zentral in der Bergpredigt, in der Jesus Wege eröffnet, gerecht in dieser Welt zu leben. Dort formuliert Jesus einerseits den Anspruch auch dann, wenn man gehasst, verfolgt oder auf die eine Wange geschlagen wird (Mt 5,39), die von Gott geschenkte Barmherzigkeit und Liebe selbst zu leben. Andererseits verweist Jesus auf Orientierungspunkte wie ein solches Leben in Gerechtigkeit gelingen kann. Die Gesetze, die Gott seinem Volk offenbart hat, und die Weisungen der Propheten sind wichtige Bestandteile auf dem Weg der Gerechtigkeit. Deshalb löst Jesus diese auch nicht auf, sondern er erfüllt sie (Mt 5,17) und hilft sie besser zu verstehen oder in richtiger Weise zu interpretieren. Zum Beispiel dann, wenn ein starres Ausführen der Gesetze, den Weg der Barmherzigkeit behindert wie in Auseinandersetzungen um den Sabbat (vgl. Mt 12,1-14).

Der Evangelist Matthäus nimmt mit der Äußerung Jesu in Vers 15 jedoch noch einen weiteren Gedanken in den Blick: Jesus ist der Sohn Gottes. Dies ist schon in der Geburtserzählung betont worden und wird in den Versen 16-17 noch einmal deutlich ausgesprochen. Zur Gottessohnschaft Jesu gehört eine große Vollmacht, wie sie sich im Verkündigen der Gerechtigkeit (Bergpredigt) und im wundermächtigen Wirken zeigt. Jesus handelt als Sohn Gottes mit der Macht Gottes, er vertreibt Dämonen, vergibt Sünden, macht Gottes Barmherzigkeit unter den Menschen sichtbar. Als Gottes Sohn ist Jesus aber zugleich auch dem Vater verbunden und dessen Heilsplan „verpflichtet“. Matthäus bringt dies mit dem „Gehorsam“ Jesu zum Ausdruck, der besonders deutlich in der Getsemani-Erzählung deutlich wird (Mt 26,39). Jesus handelt dort nicht nach eigenem Ermessen, sondern vertraut auf die Wege des Vaters und ist ihnen gegenüber treu. Zum Gehorsam dem Vater gegenüber gehört ebenfalls, die eigene Machtstellung nicht auszunutzen oder sich selbstherrlich zu präsentieren. So befreit sich Jesus nicht mit all seiner Macht aus der Gefangenschaft (Mt 26,53), sondern geht den Weg durch Leiden und Tod. In diesem Sinne zeigt Jesus auch am Jordan nicht, dass er der Größere ist, den Johannes in ihm sehen will, sondern handelt wie alle anderen Israeliten, die Gottes Wegen folgen: Er lässt sich mit dem Volk taufen, geht den Weg der Gerechtigkeit und zeigt seine eigene Herrlichkeit nicht.

 

Verse 16-17: Was zuvor vermieden werden sollte, das wird nun noch einmal veranschaulicht. Dieser Jesus ist der „geliebte Sohn“ Gottes. Der Evangelist Matthäus lässt seine Leser hier teilhaben an einem Moment, der sich nur zwischen Vater und Sohn abspielt. Nur Jesus, so macht Matthäus deutlich, „sieht“ aus dem offenen Himmel den Geist Gottes herabkommen und hört die Stimme sprechen („er sah“!). Für Jesus selbst ist also die audiovisuelle Bestätigung seiner Sohnschaft gedacht und für die himmlischen Heerscharen, wenn man sich dies so vorstellen mag. Johannes und das umstehende Volk jedoch bemerken nichts von diesem Moment, in dem sich der Himmel öffnet. Die Proklamation Jesu als Gottessohn spielt auf verschiedene alttestamentliche Texte an (Psalm 2,7, Jesaja 11,1-5), am Wichtigsten ist jedoch Jesaja 42,1, weil hier im Bild des Gottesknechts die Erwählung verbunden ist mit dem Auftrag, Recht zu den Nationen zu bringen. Dieses Recht wird im weiteren Verlauf der Jesaja-Stelle als Gerechtigkeit und Barmherzigkeit umschrieben (Jesaja 42,1-9). Zugleich wird dort auch das Handeln des Gottesknechts im Gehorsam Gott gegenüber geschildert; die gedankliche Nähe zu Mt 3,15-17 wird also umfassend deutlich.

Auslegung

Was Jesus selbst nicht zeigt und daher auch den Außenstehenden verborgen bleibt, das sollen die Leser des Evangeliums von Anfang an verinnerlichen. Dieser Jesus von Nazareth, geboren von Maria und aufgewachsen unter der Obhut des gerechten Josef, er ist der Sohn Gottes. Und für die Leser des Evangeliums könnte es befremdlich wirken, dass dieser Sohn Gottes sich einreiht in die Schar derjenigen aus dem Volk Israel, die sich zu ihren Sünden bekennen. Insofern hält der Evangelist es für durchaus erklärungsbedürftig, warum sich auch Jesus von Johannes taufen lassen will. Doch die Taufe im Jordan ist für das Volk weit mehr als ein Bekenntnis der eigenen Schuldhaftigkeit. Vielmehr ist die Taufe das sichtbare Zeichen, sich nun noch einmal neu auf Gott und seine Liebe und Barmherzigkeit einzulassen. Und wer sich von Johannes taufen lässt, der macht außerdem deutlich: Ich möchte aus dieser geschenkten Liebe heraus, neu nach Wegen suchen, gerecht zu sein, d.h. die Gerechtigkeit zu leben. Wer sich taufen lässt, setzt ein Zeichen für ein Leben, das sich um Gerechtigkeit bemüht. Und wer sich taufen lässt, der zeigt auch, dass er das nicht alleine schafft, sondern immer wieder das Geschenk der Liebe und Barmherzigkeit braucht. Die Volksmassen, die zum Jordan ziehen, werden von Matthäus bewusst als solche umkehrbereiten und auf Gott vertrauenden Menschen dargestellt. Ganz im Gegensatz zu den Pharisäern und Sadduzäern, die beispielhaft für diejenigen stehen, die meinen, durch das Befolgen von Gesetzen alles richtig zu machen. Indem sich Jesus einreiht in die Schlange des einfachen Volkes, gerät er zugleich in Distanz zu den führenden religiösen Kreisen Israels, mit denen er immer wieder in Auseinandersetzungen geraten wird über die Frage nach gelebter Gerechtigkeit/Barmherzigkeit (vgl. z.B. Mt 12,9-14). Wenn Jesus sich also wie die anderen auf den Weg macht, um sich zu taufen, dann möchte Matthäus damit zeigen, dass eben auch Jesus ganz aus der Liebe und Barmherzigkeit Gottes heraus leben will und dies im Zeichen der Taufe nach außen hin sichtbar macht.

Doch der Evangelist setzt noch einen zweiten Akzent in die Erzählung hinein. Denn so sehr wie sich Jesus als einer aus dem Volk zeigt, so sehr hebt er sich auch von ihm ab. Allerdings nicht öffentlich, sondern durch das, was Matthäus uns als Lesern an Einblick gewährt. Im Moment der Taufe zeigt sich, dass Jesus eben nicht nur ein Zeichen setzt für ein Leben in Gerechtigkeit. Weil Jesus der Sohn Gottes ist, setzt er nicht nur ein Zeichen, dass er sich mühen will, sein Leben als Antwort auf Gottes Liebe und Nähe zu führen. Er ist das Zeichen, dass so ein Leben gelingen kann und möglich ist. Als Sohn Gottes lebt Jesus die Gerechtigkeit, er macht sie sichtbar und er zeigt anderen Wege auf, um in Gerechtigkeit zu leben. Und dieses Sichtbarmachen der Lebe und Barmherzigkeit Gottes geschieht in einer Weise, wie keiner vor oder nach ihm es leisten kann. Insofern ist die Beschreibung des Johannes zutreffend: „Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen.“ (Mt 3,11) Doch die Stärke und die Vollmacht, mit der Jesus als Sohn Gottes von der Gerechtigkeit kündet, sie ist behutsam und kommt auf leisen Sohlen und mit einladenden Worten daher. Nicht durch Kampfansagen, durch das Demonstrieren der eigenen Macht und Größe zeigt Jesus, dass er der Sohn Gottes ist. Er zeigt es durch das eigene Leben. Er zeigt es, indem er wie andere ein Zeichen setzt für ein Leben im Vertrauen auf Gott und er zeigt dies, indem er selbst zum Zeichen für andere wird, indem er vergibt, heilt, Tränen trocknet und das Leiden und den Hass auf sich nimmt. 
Zum Plan Gottes gehört es, dass sein Sohn den Menschen seine Liebe in unüberbietbarer Weise sichtbar macht. Die Erzählung von der Taufe Jesu im Matthäusevangelium möchte uns auf die Spur bringen, wie das gelingen kann. So beginnt mit der Taufe am Jordan und dem ersten öffentlichen Auftreten und den ersten Worten Jesu ein Weg, der ganz anders von der Macht und Größe kündet, die Jesus gegeben ist. Es ist ein Weg von Demut und Gehorsam, vom sich Hineingeben in die Welt und ihre Geschehnisse. Ein Weg, der wegweisend ist, wie ein Leben in Gerechtigkeit möglich ist: im Vertrauen auf Gott, den Vater. Den Menschen, denen Jesus im weiteren Verlauf des Evangeliums begegnet, wird sich dieser Weg und die dahinterstehende Vollmacht Jesu erst langsam erschließen. Denn es braucht Worte und Zeichen, um diesen Jesus als Gottessohn zu identifizieren. Wer sich jedoch auf das einlässt, was auf dem Weg geschieht, der wird im Handeln Jesu die Barmherzigkeit Gottes aufscheinen sehen (vgl. Mt 11,2-5).

Kunst etc.

Dieses Gemälde von Wolf Traut (1517) „Die Taufe Christi mit Stifterbild eines knienden Zisterziensermönchs“ zeigt das Ereignis am Jordan als ein himmlisches Fest. Damit kommt es der Vorstellung des Matthäusevangeliums einerseits nahe, denn die himmlische Stimme ist nur für Jesus selbst zu hören. Andererseits wird sich der Evangelist den Akt des Gehorsams bzw. des Ausfüllens der Gerechtigkeit wohl kaum mit so einer pompösen himmlischen Szenerie ausgemalt haben. Dennoch: Der Maler zeigt, was sich hier in der Erzählung abspielt. Der Himmel öffnet sich und die Verbindung zwischen Himmel und Erde wird in Jesus Christus erfahrbar. 

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/1517_Traut_Taufe_Christi_anagoria.JPG
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/1517_Traut_Taufe_Christi_anagoria.JPG