Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Ez 33,7-9)

7Du aber, Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben;

wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen.

8Wenn ich zum Schuldigen sage: Schuldiger, du musst sterben! und wenn du nicht redest, um den Schuldigen vor seinem Weg zu warnen, dann wird dieser Schuldige seiner Sünde wegen sterben; sein Blut aber fordere ich aus deiner Hand zurück.

9Du aber, wenn du einen Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und er sich nicht abkehrt von seinem Weg, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.

Überblick

Gott setzt gegen und für sich einen Wächter ein.

 

1. Verortung im Buch

Die Nachricht über den Untergang Jerusalem dringt zu den Exilierten: „Und es geschah im zwölften Jahr, am fünften Tag des zehnten Monats nach unserer Verschleppung, da kam ein Entronnener aus Jerusalem zu mir und sagte: Die Stadt ist gefallen.“ (Vers 21). Dies scheint der Sargnagel für das Volk Israel zu sein. Bereits die Exilierung hatte ihnen die Schwere ihrer Sünde vor Augen geführt und sie klagten: „Fürwahr, unsere Vergehen und unsere Sünden lasten auf uns, in ihnen siechen wir dahin. Wie sollen wir da am Leben bleiben?“ (Vers 10). Lange zuvor hatte Ezechiel bereits versucht, das Volk zur Umkehr von den Sünden zu führen: jede Generation ist moralisch für die eigenen Sünden verantwortlich und während des Lebens ist es möglich das eigene Verhalten zu korrigieren (siehe Ezechiel 18). Doch Ezechiel vermochte es nicht, das Volk zur Umkehr zu führen – so bleibt ihm nur die Hoffnung auf eine Herzenserneuerung der Sünder durch Gott (siehe Ezechiel 36).

Bereits am Anfang des Buches dient das Bild des Wächters, bzw. Spähers dazu, Ezechiel Berufung als Propheten zu definieren. Sein Auftrag ist es zu warnen – aber er ist nicht verantwortlich für die Wirkung seiner Worte. Die Angesprochenen müssen umkehren und er kann sie dazu nicht zwingen (Ezechiel 33,17-21). Nun wird das Bild des Wächters in Ezechiel 33 nochmals verwendet. Doch diesmal wird stärker betont, dass der das Unheil ankündende Wächter ein Segen ist – wenn seine Warnung befolgt wird.

 

2. Aufbau

Ezechiel 33 besteht aus zwei Teilen: (1.) Eine Rede über den Propheten als von Gott eingesetzten Späher) und (2.) einer dreifachen Zusage, dass der Mensch nach seinem gegenwärtigen, ethischen Verhalten beurteilt wird und somit eine Umkehr möglich ist. In den Versen 7-9 ist ein Paradox zugrunde gelegt: Gott setzt den Propheten als Wächter vor einer Bedrohung ein (Vers 7) und diese Bedrohung ist Gott selbst (Vers 8-9). Und dem Propheten werden in seinem Auftrag zwei Alternativen aufgezeigt: Wenn er das warnenden Wort Gottes nicht übermittelt, stirbt nicht nur der Sünder, sondern auch der ungehörige Prophet (Vers 8). Wenn der Prophet jedoch das Wort Gottes verkündet, aber der Sünder nicht umkehrt, so stirbt zwar der Sünder, aber der Prophet wird nicht bestraft (Vers 9).

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Vers 7: Im Alten Orient waren Stadtwächter oft auf den hohen Dächern der Torbauten positioniert, sodass sie in die Ferne spähen konnten. Dieses Bild ist der Vergleichspunkt für die Nähe des Propheten zu Gott. Doch in diesem Fall droht keine Gefahr von Außen, sondern von Innen. Der Prophet soll das Volk vor der Gefahr, die von Gott ausgeht, warnen.

Verse 8-9: Der Grund für die Gefahr, die von Gott ausgeht, ist der unheilvolle Lebenswandel des Sünders. Es ist die Aufgabe des Propheten, dem Frevler das Todesurteil – dass dieser sonst nicht hören könnte - zu verkünden: „Du sollst sterben!“. Die Verkündigung des Todesurteils hat die Funktion einer Ermahnung, die die Möglichkeit zur Umkehr bietet.

Auslegung

Ein Späher sieht die Gefahr schon von Weitem kommen. Er sieht in die Ferne und zugleich bewacht er diejenigen, die in seiner Obhut sind. Wenn in der Zeit des Alten Testaments der Späher auf der Stadtmauer sich einfach abwandte und sich aus der Verantwortung stahl, überließ er diejenigen, die er beschützen sollte, der Gefahr eines tödlichen Angriffes. Gott selbst stellt für sein Volk, wenn es sündigt, eine solche tödliche Gefahr dar, vor der gewarnt werden muss. Dazu bestellt Gott den Propheten Ezechiel als Wächter, Späher und Warner. Die Hauptaufgabe des Propheten ist es, das Wort Gottes zu verkünden und das Todesurteil gegen den einzelnen Schuldigen zu überbringen. Der Richterspruch Gottes ist letzteren Fall jedoch nicht endgültig. Der Verurteilte kann keinen Widerspruch einlegen, aber es gibt dennoch Rettung für ihn. Ezechiel kann ihn zur Buße, Reue und Umkehr aufrufen – und der Verurteile kann dieser Aufforderung nachkommen und sich von seiner Schuld befreien.

Nicht nur für den Schuldigen, sondern auch für Ezechiel geht es dabei um Leben und Tod. Wenn der Prophet seinem Auftrag nicht nachkommt, wenn er nicht vor der Gefahr des Gottesurteils warnt, dann ist er mitschuldig an der Vollstreckung des Todesspruches. Gott wird das Blut des Schuldigen aus der Hand des Propheten fordern. Der Prophet verfällt in diesem Falle selbst dem Todesurteil. In der Form eines klar formulierten Gesetzes nimmt Gott den Propheten mit seinem Leben in die Verantwortung. Sein Leben hängt nicht davon ab, ob der Verurteilte doch noch zu Gott umkehrt und sein vorheriges Tun bereut. Die Entscheidungsfreiheit des Menschen kann weder durch einen Propheten noch durch Gott selbst zunichtegemacht werden. Das Leben Ezechiels hängt davon ab, ob er seinem Auftrag nachkommt: vor dem Urteil Gottes zu warnen und auf seine Barmherzigkeit hinzuweisen. 

Ezechiel wird nicht nur zum Späher und Warner eingesetzt, sondern er wird zum Seelsorger berufen. Selbst dem vom Gott Berufenen ist es nicht möglich Glauben und richtiges Handeln zu erzwingen. Aber er muss sein eigenes Leben einsetzen, um die Beziehung der Menschen zu Gott wiederherzustellen und den gerechten Gott zu verkünden, der von sich selbst sagt: „So wahr ich lebe […], ich habe kein Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass ein Schuldiger sich abkehrt von seinem Weg und am Leben bleibt!“ (Ezechiel 33,11). Glaube kann nicht erzwungen werden, aber für den Glaubenden ist die Verkündigung des liebenden und strafenden Gottes ein Auftrag, der über Leben und Tod entscheidet.

Kunst etc.

In Tel Hazor, einer Ausgrabungsstätte im Norden Israels, steht neben den Ruinen eine metallene Späherfigur, die mit Speer und Schild in ihren Händen ihren Blick ins Tal richtet. Wenn Gott Ezechiel als einen Wächter einsetzt, dann tut er, was üblicherweise die Bewohner der Stadt tun, um beschützt zu sein. Es ist die Aufgabe des Propheten das Volk Israel zu schützen – vor der Strafe Gottes.

Bildrechte: Till Magnus Steiner
Bildrechte: Till Magnus Steiner