Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jer 20,7-9)

7Du hast mich betört, o HERR, und ich ließ mich betören; du hast mich gepackt und überwältigt.

Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag, / ein jeder verhöhnt mich.

8Ja, sooft ich rede, muss ich schreien, / Gewalt und Unterdrückung! muss ich rufen.

Denn das Wort des HERRN bringt mir / den ganzen Tag nur Hohn und Spott.

9Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken / und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so brannte in meinem Herzen ein Feuer, / eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es auszuhalten, / vermochte es aber nicht.

Überblick

Der Prophet fühlt sich von Gott missbraucht – es gibt für ihn keinen Ausweg.

 

1. Verortung im Buch

Der Prophet Jeremia ist innerlich zerrissen. Er klagt Gott an und zugleich vertraut er ihm. Er scheint an seiner Sendung zu zerbrechen und doch ruft er zum Gotteslob auf. Die Botschaft die Jeremia im Namen Gottes gegen Jerusalem auszusprechen hat, ist radikal: „Hört das Wort des HERRN, ihr Könige Judas und ihr Einwohner Jerusalems! So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich bringe Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen werden.“ (Jeremia 19,3). Und um das Unheil zu visualisieren, zerbricht einen Tonkrug vor aller Augen: „So spricht der HERR der Heerscharen: Ebenso zerbreche ich dieses Volk und diese Stadt, wie man Töpfergeschirr zerbricht, sodass es nicht wiederhergestellt werden kann.“ (Jeremia 19,11). Dass er Unheil zu verkünden hat, wird für ihn selbst zum lebensbestimmenden Unheil durch die Reaktion der von Gott Verurteilten. So wird er zum Beispiel von einem der Priester, dem Oberaufseher im Tempel, misshandelt (Jeremia 20,1-3). Sein Leid legt er vor Gott mit ungeschönten Worten. Er klagt Gott an. Und aus seinen Worten spricht die Enttäuschung über die inneren und äußeren Nöte, die ihm seine Berufung verursacht haben.: „Denn das Wort des HERRN bringt mir den ganzen Tag nur Hohn und Spott.“ (Vers 8). Und auch wenn er zuversichtlich ist, dass Gott ihn aus seiner Not retten werde (Verse 11-13), so steht für ihn doch fest, dass er es vorzieht, lieber tot zu sein, als so – als Gottes bedrängter Unheilsprophet – leben zu müssen: „Warum denn kam ich hervor aus dem Mutterschoß? Nur, um Mühsal und Kummer zu erleben und meine Tage in Schande zu beenden?“ (Vers 18).

 

2. Aufbau

In seinen Worten klagt der Prophet Jeremia nicht nur, sondern er macht Gott Vorwürfe. Er klagt Gott der Täuschung an (Vers 7) und beklagt die Ausweglosigkeit seines Leids (Verse 8-9). Die Klage setzt sich noch in Vers 10 fort: „Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.“ – und schwingt dann in die Gewissheit seiner Berufung um.

 

3. Erklärung einzelner Verse 

Vers 7: Der Prophet ist von Gott und von sich selbst enttäuscht – und wählt, um dies zu verbalisieren, drastische Worte. Das hebräische Wort פתה (gesprochen: pata), das hier mit „betören“ übersetzt wird, steht für eine (sexuelle) Verführung (siehe Exodus 22,15), deren Grundlage eine Täuschung ist (siehe dazu auch die Rubrik „Kontext“). Ein Ausleger übersetzt das Wort gar mit „vergewaltigen“, da der Prophet im Folgende mit Kriegsterminologie spricht, dass Gott ihn gewalttätig überwundern hat und er Gott unterlegen war.  Er fühlt sich von seinem Gott missbraucht, was in den Augen seiner Feinde zu Spott und Herabsetzung führte. Er fühlt sich sozusagen wie ein gedemütigter Feind.

Vers 8: Das Schreien des Propheten ist ein verzweifeltes Flehen – fast non-verbal. Das, was er ruft, wird dann erst im Folgenden benannt: „Gewalt und Unterdrückung!“. Mit eben diesen Worten klagte er in Jeremia 6,7 die Stadt Jerusalem an: „Von Gewalttat und Unrecht hört man in ihr; ständig sind mir vor Augen Leid und Misshandlung.“ Seine dauernde Anklage des Volkes wird nun auch zu einer Beschreibung dessen, was ihm widerfährt. Das Prophetenamt führt für ihn nur zu Schande und Spott.

Vers 9: Es folgt ein Gedankenexperiment. Was, wenn er sich seiner Berufung nicht erinnern und seine Aufgabe aufgeben würde? Sein Bemühen wäre doch nur Ohnmacht. Das Wort Gottes brennt in ihm und muss verkündet werden. Vergleichbar bekannte er bereits in Jeremia 6,11: „Darum bin ich erfüllt vom Zorn des HERRN, bin es müde, ihn länger zurückzuhalten.“

Auslegung

Der Weg des Propheten ist ein Schmerzensweg. Wenn er Gottes Wort verkündet, treffen ihn nicht nur Hohn und Spott, sondern er leidet auch unter physischer Gewalt (Vers 8). Widersetzt er sich jedoch dem Willen Gottes, entstehen im innere, unaushaltbare Schmerzen – das Wort Gottes sucht dann gewaltsam seinen Weg raus (Vers 9). Seiner Berufung kann der Prophet nicht entfliehen – er muss sich damit abfinden, dass das Leid ein Bestandteil seines Prophetenseins ist. Für ihn gibt es nur einen Ausweg: Mit schonungsloser Offenheit trägt er sein Leid Gott, dem Grund seiner Not, vor. Er muss eingestehen, dass es für ihn keine Freiheit von Gott gibt. Doch zumindest gibt es in der Klage einen Ort, an dem er Gott entgegentreten kann – sei es auch nur, um in ihr den Weg zum Lob wiederzufinden. 

Kunst etc.

Im Buch Jeremia gibt es in den Kapiteln 11-20 eine Reihe von Texten, die als „Konfessionen des Jeremia“ bezeichnet werden, in denen der Prophet über sein eigenes Geschick als Gottes Beauftragter klagt.  Die berühmteste Darstellung Jeremias in der Kunst ist ein Gemälde von Rembrandt, dass den Propheten eigentlich in seiner Klage über die Zerstörung Jerusalems zeigt. Aber das Bild zeigt zugleich auch passend die innere Verzweiflung des Propheten aufgrund seiner Berufung.

Rembrandt, „Jeremiah Lamenting the Destruction of Jerusalem“ (1630), Rijksmuseum Amsterdam – Lizenz: gemeinfrei.
Rembrandt, „Jeremiah Lamenting the Destruction of Jerusalem“ (1630), Rijksmuseum Amsterdam – Lizenz: gemeinfrei.