Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 16,21-27)

21Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden.

22Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!

23Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

24Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

25Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.

26Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?

27Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.

Überblick

„Tritt hinter mich!“ Die Aufforderung zur Nachfolge und die Einladung einer gemeinsamen Perspektive.

1. Verortung im Evangelium
Von Kapitel 11 des Matthäusevangeliums (Mt) an stand das Wirken Jesu maßgeblich unter der Frage nach dem richtigen Verständnis seiner Person und seines Handelns. des Wirkens Jesu. Den Höhepunkt dieser Erzählungsreihe bildet die Frage Jesu an seine Jünger: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ und der Antwort des Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,13-20) Trotz des klaren Bekenntnisses der Jünger durch Petrus, wird diese Frage auch die folgenden Erzählungen weiter durchziehen. Von Mt 16,21 an stehen die Erzählungen des Evangeliums jedoch unter einer anderen Perspektive. Hatte Jesus mit Cäsare Philippi den nördlichsten Punkt seines Weges erreicht (Mt 16,13), zieht er ab Mt 16, 21 südwärts und damit etappenweise auf Jerusalem und die Passion hin. Dies verdeutlicht der vorliegende Erzählabschnitt im Besonderen, da er sowohl die erste Ankündigung des Leidens Jesu beinhaltet als auch noch einmal anknüpft an die Frage nach dem richtigen Verständnis der Sendung und des Wirkens Jesu.

 

2. Aufbau
Vers 21 leitet zu einem großen Erzählabschnitt (Mt 16,21-20,34) über und bildet zudem die erste Leidensankündigung ab. Die Verse 22-23 zeigen die direkte Reaktion des Petrus auf die Worte Jesu sowohl dessen Zurechtweisung an Petrus. Die Verse 24-27 ergänzen die Antwort Jesu an Petrus um eine allgemeine Erklärung zur Nachfolge an alle Jünger.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 21: Wie in Mt 4,17 beginnt Matthäus den neuen Erzählbogen „hin nach Jerusalem“ (Mt 16,21-20,34) mit der Formulierung „von da an“. Sie weist auf einen Einschnitt zwischen dem bisherigen und dem kommenden hin und lenkt damit den Blick auf die zukünftigen Ereignisse. Was Jesus am Zielort des neuen Wegabschnitts und seiner Sendung insgesamt bevorsteht, wird in der ersten von drei Leidensankündigungen (vgl. Mt 17,22-23; 20,17-19) als Zusammenfassung präsentiert. Anders als in den beiden anderen Ankündigungen spricht Jesus nicht selbst, sondern der Evangelist benennt die markanten Eckpunkte der „Erklärung“ Jesu an die Jünger. Diese umfassen den Ort (Jerusalem), die treibenden Kräfte (Älteste, Hohepriester, Schriftgelehrte) und die Art und Weise der kommenden Ereignisse (leiden, getötet werden, auferweckt werden).

 

Verse 22-23: Die Reaktion des Petrus zeigt, dass die von Matthäus auf die Kernpunkte kondensierte Ankündigung seines zukünftigen Schicksals, bei den Jüngern für Unruhe bis Entsetzen sorgt. So wie Petrus beim Bekenntnis in Mt 16,16 als Sprecher der Jünger agiert, so wird die hier zum Ausdruck gebrachte Sorge ebenfalls für alle Jünger sprechen. Indem der Evangelist die Worte des Petrus mit wörtlicher Rede wiedergibt, misst er ihnen zusätzliche Bedeutung zu. Für Petrus und die anderen Jünger ist das von Jesus vorgezeichnete Schicksal nicht mit dem Bekenntnis Jesus sei „der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ vereinbar. „Das soll Gott verhüten“ ist der Wunsch des Petrus, Gott möge dieses Schicksal wenden. Die Aussage „das darf nicht“ bringt die für die Jünger dahinterliegende Unvereinbarkeit von Gottessohnschaft und Leiden zum Ausdruck.

Die Reaktion Jesu hat zwei Teile: Zunächst fährt Jesus den Petrus scharf an und bezeichnet ihn als „Satan“. Der Evangelist nutzt hier dieselbe Formulierung wie bei der Versuchung Jesu (https://www.in-principio.de/sonntags-lesungen/lesung/Evangelium-Mt-41-11/). Dort weist Jesus nach der dritten Versuchung den Satan, der ihn dazu verführen will, seine Macht als Gottessohn für sich selbst einzusetzen, mit eben diesen Worten zurück (vgl. Mt 4,10 im Griechischen). Diese Parallele ist alles andere als zufällig und macht auf den Fehler des Petrus aufmerksam: Wie der Satan in der Wüste erscheint Petrus hier wie der, der versucht, Jesus von dem Weg abzubringen, den der Vater für ihn bestimmt hat. Selbstverständlich ist das nicht die eigentliche Absicht des Petrus, dies wird durch die weitere Zurechtweisung deutlich. Denn dort zeigt Jesus Petrus auf, dass sein eigentliches Fehlverhalten darin besteht, das zukünftige Leiden des Gottessohnes nur unter menschlicher Perspektive zu betrachten. Obwohl Jesus Petrus in Mt 16,17 noch seligpreist, weil dieser die Erkenntnis von der Gottessohnschaft Jesu nicht aus sich selbst heraus, sondern durch das Wahrnehmen der Zeichen Gottes erlangt hat, tadelt er hier die Art und Weise des Verstehens des Apostels. Denn das Problem des Petrus wie der anderen Jünger ist das nicht konsequente Weiterdenken ihrer Erkenntnis. Das Bekenntnis zur Gottessohnschaft Jesu bringt die Folge mit sich, dass nichts geschehen kann, ohne das Gott in das Geschehen aktiv involviert ist. Dies bedeutet auf die konkrete Ankündigung des Leidens hin: Jesus wird in Jerusalem den Weg des Leidens gehen, aber es tritt darin nicht seine Ohnmacht gegenüber den menschlichen Ränkeschmiedern hervor, sondern seine Macht, diesen Weg zur Erlösung der Welt zu wählen. Petrus „will“ in seiner menschlichen Denkweise, dass Jesus am Ende den feindlichen Mächten so Einhalt gebietet, wie er den Sturm mit göttlicher Vollmacht stillte und das Brot vermehrte. Das Verständnis, das Gott seine Wege außerhalb der menschlichen Denkmuster gehen kann, ist sein Fehler im Weiterdenken des eigenen Bekenntnisses.
Mit seinen Worten weist Jesus Petrus deutlich den Platz zu, den er – wie alle Jünger – bis hin zur Beauftragung des Auferstandenen einnehmen soll: Petrus soll ihm nachfolgen, er soll hinter ihn treten, ihm auf seinem Weg folgen, aber sich Jesus weder in den Weg stellen, noch in irgendeiner Weise vorausgehen. Wenn man die Darstellung der Szene im Evangelium genau betrachtet, wird Petrus damit nicht zurückgestuft, sondern auf dem „Platz“ bestätigt, den er bereits einnimmt. Denn wenn sich Jesus zu Beginn von Vers 23 „umwenden“ muss, um mit Petrus zu sprechen, dann steht Petrus „hinter“ ihm und damit in der ihm zugedachten, nachfolgenden Position. Es ist der Ort, den Petrus seit Jesu Ruf in die Nachfolge in Mt 4,19 eingenommen hat.

 

Verse 24-27: Wie genau „Nachfolge“ zu verstehen ist, erläutert Jesus im Folgenden. Dass er hierbei alle Jünger anspricht, bestätigt den Eindruck, dass Petrus nicht der Einzige ist, der hier im Verstehen noch Nachholbedarf hat. Bisher hat sich die Nachfolge der Jünger darin ausgedrückt, das Verkünden und Wirken Jesu in unmittelbarer Nähe mitzuerleben und sich zu einem solchen Handeln aussenden zu lassen (Mt 10,5-15). Doch jetzt, wo sich Jesus selbst auf dem Weg nach Jerusalem befindet und dem Kreuz entgegengeht, muss für die Jünger auch dieser Aspekt der Nachfolge stärker ins Bewusstsein treten. Mit dem Sohn Gottes unterwegs zu sein und Anteil zu haben an seinem vollmächtigen Wirken fordert von den Jüngern eine klare und umfassende Bereitschaft ein, auch an anderen Aspekten des Lebens Jesu teilzuhaben: Sie müssen bereit sein, auch ihr eigenes Kreuz und Leid auf sich zu nehmen – darauf hatte Jesus auch in der Aussendungsrede schon hingewiesen (Mt 10,16-39). Und sie müssen in der Lage sein, auch in der Gefahr mit Wort und Tat zur Botschaft Jesu zu stehen. Auch wenn dies heißt, die grundlegenden eigenen Interessen hintenan zu stellen. In diesem Sinne ist der sperrige Begriff der Selbstverleugnung zu verstehen. Die Jünger sollen am Ende bereit sein, eher ihr Leben zu verlieren als die Zugehörigkeit zu Jesus zu verleugnen.
Die Begründung für diese Einschärfung der radikalen Konsequenzen der Nachfolge liefert Jesus in den Versen 25-27, indem er einen Blick in die Zukunft wirft. Wenn er selbst als Menschensohn am Ende der Zeit wiederkommt, um Gericht zu halten, dann werden die Taten entscheidend sein. Und dann gilt: Wer hat versucht, sein irdisches Leben um jeden Preis zu bewahren, und wer war bereit, sein irdisches Leben mit Blick auf das ewige Leben nicht an die erste Stelle zu setzen. Bereits in Mt 10,39 im Kontext der Aussendungsrede hatte Jesus den Jüngern diese Abwägung nahe gelegt. Hier betont er noch einmal stärker die Unverfügbarkeit der Jünger über das eigene Leben und die Zusage eines Lebens bei und mit Gott als Verheißung.

Auslegung

„Von da an“ – mit diesen Worten leitet der Evangelist Matthäus sowohl die Verkündigung des Himmelreichs ein wie auch Jesu konkreten Weg nach Jerusalem. Nicht umsonst sind diese beiden großen „Auftakte“ parallel gestaltet. Denn sie markieren im Hinblick auf die Jünger und damit auch auf die Gemeinde des Matthäus die jeweiligen Startpunkte zu zwei Verstehensmomenten, die untrennbar miteinander verknüpft sind. Gleich nach dem ersten „von da an“ beginnt nicht nur Jesu eigene Verkündigung des Himmelreichs, sondern auch seine Sendung, Menschen für diese Botschaft zu begeistern und sie in die Nachfolge zu rufen. Petrus gehört mit seinem Bruder Andreas und Johannes und Jakobus zu den ersten, die dem Ruf Jesu folgen und beginnen mit ihm durch Galiläa zu ziehen. Dem Modell jüdischer Lehrer und Schüler folgend, gehen die Jünger hinter Jesus her oder begleiten ihn, um so zu sehen und zu erleben, wie dieser handelt und spricht. Dieses direkte Erleben des Handelns Jesu qualifiziert sie, ab Mt 10,5-15 im Auftrag Jesu die Botschaft vom Himmelreich auf selbst zu verkünden – und die „Schattenseiten“ dieses Auftrags wahrzunehmen. In der Nachfolge und dem Mit-Unterwegssein erleben die Jünger auch, dass Jesus über eine Vollmacht verfügt, die nicht menschlich, sondern göttlichen Ursprungs ist. So identifiziert ihn Petrus stellvertretend für alle als „Christus, Sohn des lebendigen Gottes“. Es scheint, als hätten die Jünger damit ein Verstehensmuster für Jesus gefunden: Jesus ist Gottes Sohn. Für sie scheint es nun klar, was erwartbar ist: Mitten unter ihnen ist einer, der über jede Macht verfügt! Diesen allgemeinen Fehlschluss repräsentiert in der vorliegenden Erzählung Petrus, indem er der Ankündigung des Leidens versucht zu widersprechen.

Und so beginnt zeitgleich ein weiterer Verstehensmoment, der wieder mit „von da an“ eingeleitet wird. Er fängt nicht bei Null an, sondern setzt auf dem Bekenntnis des Petrus auf. Es geht darum, die Erkenntnis „Jesus ist der Sohn des lebendigen Gottes“ in ihrer Tiefe zu durchdringen. Dazu gehört für Petrus und die andere Jünger die schmerzliche Erkenntnis, dass die Wege Gottes und die Wege der Menschen durchaus verschieden sind, wie es z.B. im Buch Jesaja heißt (Jesaja 55,8). „Von da an“, d.h. von Mt 16,21 an müssen die Jünger lernen, dass ihre Perspektive auf die Gottessohnschaft Jesu allzu leicht in menschliche Kategorien und Erwartungen verfällt. Und zu diesem menschlich-irdischen Verstehen von Gottessohnschaft scheinen Gehorsam, Leiden und erlebte Machtlosigkeit nicht dazuzugehören – was durchaus verständlich ist. Genau diese Kategorien der Identität Jesu werden sie aber von Mt 16,21 an kennenlernen. Sie werden erleben, dass Jesus einer anderen Welt angehört (Verklärung in Mt 17,1-9) und sich dennoch von den Machthabern dieser Welt gefangen nehmen lässt (Mt 27,47-56). Sie werden erleben, dass er, der Leben heil machen, Mut zusprechen und Gefangene befreien kann, sein Leben als Gefangener am Balken eines Kreuzes auf elende Weise ausschreit (Mt 27,50). Sie müssen mit ansehen, wie jemand, der in ihren Kategorien alle bisherigen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen kann, sich in diese Kategorien hineinbegibt. Die Jünger werden aber auch lernen, dass Gott genau in diesem Hineingehen Jesu in alle weltliche Not, Schmach und Aggression diese Kategorien verändern wird und den Tod mit dem Leben besiegt. In der Auferstehung und der anschließenden erneuten Aussendung und Bevollmächtigung werden die Jünger erkennen können, dass sich die Größe des Gottessohnes in anderen Kategorien zeigt, als sie es erwartet haben. Sie werden erleben, dass Jesus alle Kategorien des Denkbaren noch einmal sprengt, indem er vom Tode aufersteht. Der Weg durch das Leiden hindurch ist jedoch der einzige Weg, um die volle Sprengkraft der Botschaft Jesu und seiner Sendung zu verstehen. Der Weg hin nach Jerusalem ist der einzige Weg, um zu erkennen, dass sich Macht nicht nur im Ausüben, sondern auch im Geschehenlassen ausdrückt.

Um all das auf dem Weg nach Jerusalem wirklich erkennen zu können, müssen die Jünger aus den Kategorien ihres Denkens heraustreten und sich auf die Wege Gottes einlassen. Und dies geschieht, indem sie sich wieder als Lernende hinter ihm einreihen und so seine Perspektive auf den kommenden Weg teilen. Indem die Jünger hinter Jesus gehen, nehmen sie auch für den Weg hin zum Leiden seinen Blickwinkel ein, erleben das Machtbestreben vieler Menschen, die Ränkeschmiede, das Ausgrenzen etc. Jesus fordert Petrus und die Jünger auf, ihm nachzufolgen und weiter auf ihn zu schauen und mit ihm die Welt mit all ihren Realitäten wahrzunehmen. Indem sie mit ihm auf die Sehnsüchte und Abgründe der Menschen schauen – so hofft Jesus – werden sie merken, dass der Kreislauf des Strebens nach Macht, Ausgrenzung und Unterdrückung nicht durch ein weiteres Machtzeichen in den weltlichen Kategorien durchbrochen werden kann, sondern nur durch ein anderes, unerwartetes Zeichen: Indem der Sohn Gottes sich in die Hände der Machthaber ausliefern lässt, dem Hass mit Liebe begegnet und den Tod ein für alle Mal überwindet. Genau in diese Perspektive lädt Jesus Petrus und die anderen Jünger ein – diese Wirklichkeit und Notwendigkeit seiner Sendung zu entdecken. Und sich dann von diesem Weg weiter anstecken zu lassen, um ihn später auch mit aller Konsequenz bis zu Ende gehen zu können.