Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 13,24-43)

24Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.

26Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.

30Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!

31Er legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte.

32Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

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33Er sagte ihnen ein weiteres Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.

34Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge in Gleichnissen und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen,

35damit sich erfülle, was durch den Propheten gesagt worden ist:

Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, / ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.

36Dann verließ er die Menge und ging in das Haus. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker!

37Er antwortete: Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn;

38der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen;

39der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel.

40Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch bei dem Ende der Welt sein:

41Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses getan haben,

42und werden sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

43Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!

Überblick

Das Himmelreich. Am Ende durchsetzungsstark, immer wieder angegriffen und zunächst unscheinbar.

 

1. Verortung im Evangelium
Nach der Bergpredigt und der Aussendungsrede ist die Gleichnisrede (Mt 13,1-52) die dritte von insgesamt fünf großen Reden Jesu im Matthäusevangelium (Mt). In diesen Reden, die kunstvoll in den Gesamtzusammenhang eingeflochten sind, lässt der Evangelist Matthäus Jesus seine Botschaft vom Himmelreich thematisch bündeln.
In den vorangehenden Kapiteln 11 und 12 lag das Augenmerk der Erzählung auf den unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten der Menschen gegenüber dem Wirken Jesu. Nun stellt der Evangelist in den Gleichniserzählungen die zentrale Vorstellung vom „Wie“ des Himmelreiches in den Mittelpunkt. Die Gleichnisrede (Mt 13,1-52) lässt sich in zwei große Teile gliedern. Die Verse 1-23 gehören zum ersten Hauptteil (1-35), indem Jesus weitestgehend zur Volksmenge spricht (außer in den Versen 10-23). Im zweiten Hauptteil (36-52) sind nur noch die Jünger Adressaten der Gleichnisse. Nach der Erzählung des ersten Gleichnisses (Sämann) vor der Menge (Mt 13,1-9), einer Auslegung des Gleichnisses und einer Erläuterung zum Sinn der Gleichnisrede an die Jünger (Mt 13,10-23) folgen nun drei weitere Gleichnisse und eine Auslegung (Mt 13,24-43). Im Unterschied zum Gleichnis vom Sämann werden die Gleichnisse vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn und Sauerteig als „Gleichnisse vom Himmelreich“ eingeführt.

Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen findet sich nur im Matthäusevangelium. Aufgrund der überschneidenden Elemente (Aussäen, Schlaf, Wachstum, Ernte) ist es als erzählerische Variante zum Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (Markusevangelium 4,26-29) zu sehen, welches der Evangelist Matthäus nicht übernimmt. Das Gleichnis vom Senfkorn findet sich bei den Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas. Das Gleichnis vom Sauerteig erzählen nur Matthäus und Lukas, die es von der gemeinsam verwendeten „Spruchquelle“ (Q) her kennen.

 

2. Aufbau
Die Verse 24-30 bilden das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, das aus einem erzählerisch-einleitenden (Verse 24-26) und einem dialogischen Teil (Verse 27-30) besteht. Im Anschluss folgt die beiden kurzen Gleichnisse vom Senfkorn (31-32) und Sauerteig (33). Die Verse 34-35 schließen den öffentlichen Teil der Gleichnisrede ab. In den Versen 36-43 spricht Jesus zu den Jüngern und deutet ihnen das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen; dabei bildet Vers 36 die Einleitung, die Verse 37-43 erklären die einzelnen Gleichniselemente mit dem Schwerpunkt auf der Ernte.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 24-30: Die Schilderung der Ausgangssituation in den Versen 24-26 ist kurz und knapp gehalten. Das Himmelreich ist zu vergleichen mit jemandem, der guten Samen sät. Die Betonung der „Qualität“ oder Beschaffenheit des Samens wird notwendig im Vorgriff auf das Unkraut, das eben nicht vom Hausherrn angebaut wird. Während der Ruhephase (Schlaf) kommt „der Feind“ und torpediert das Werk des Hausherrn durch die Aussaat von „Unkraut“ mitten in den guten Samen hinein. Der „Taumellolch“, von dem im griechischen Text die Rede ist, ist eine giftige Pflanze, die auch als „Schwindelweizen“ bezeichnet wird und im Mittelmeer beheimatet war. Erst beim Aufgehen des Saatguts wird die „Mischkultur“ aus Unkraut und gutem Samen sichtbar.

Mit dem Sichtbarwerden des Unkrauts beginnt der dialogische Teil des Gleichnisses (Verse 27-30). Die Knechte gehen zu dem Mann, der ausgesät hat und nun als Gutsherr bezeichnet wird. Die Rückvergewisserung, dass der Gutsherr nur guten Samen ausgesät hat, ist eigentlich überflüssig; sie bietet aber die Gelegenheit das Wissen des Gutsherrn um die feindliche Aktion einzuflechten. Der Vorschlag, das Unkraut auszureißen, erscheint dem Herrn zu riskant, könnte doch auch die Ernte des guten Samens dadurch gefährdet werden. Der Verweis auf die Erntezeit und die dann erfolgende Trennung zwischen Unkraut und Weizen durch die Schnitter, also die Erntehelfer, gibt den Knechten den Auftrag, erst einmal das Wachstum beider Pflanzen zuzulassen bzw. abzuwarten.

 

Verse 31-33: Aufgrund ihrer Kürze und inhaltlichen Verknüpfung werden die Gleichnisse vom Senfkorn und Sauerteig auch als Doppelgleichnis bezeichnet. Dabei schließt das Senfkorngleichnis (Verse 31-32) durch das Motiv der Aussaat an das vorangegangene Gleichnis an. Entscheidend ist hier das Größenverhältnis vom kleinen („kleinsten“) Samenkorn zum großen Strauch bzw. Baum, der Nistplatz für die Vögel des Himmels ist. Der Vergleich „größer als die anderen Gewächse“ bezeichnet eher den Unterschied zu anderen Gewürzpflanzen als zu anderen Bäumen insgesamt, denn mit 2-3 Metern Höhe überragt der Senfstrauch zwar andere Sträucher, aber nicht alle Baumarten der Mittelmeerregion.
Die Differenz zwischen Ausgangspunkt und Ergebnis wird dann im Gleichnis vom Sauerteig (Vers 33) fortgeführt. Hier wird die Pointe jedoch verschoben vom reinen Größenvergleich hin zur Unaufhaltsamkeit des Vorgangs, bei dem eine große Menge Mehl (ca. 40 Liter) von einer Portion Sauerteigansatz durchsäuert wird.

 

Verse 34-35: Der Evangelist Matthäus bestätigt noch einmal den Adressatenkreis der Gleichniserzählungen bis hier hin. Sie galten der Volksmenge, die bisher ganz unterschiedlich auf das Wirken Jesu reagiert hatte (Ablehnung, Interesse, skeptische Zurückhaltung). Aus der abschließenden Notiz des öffentlichen Teils wird aber auch deutlich, dass Jesus der Menge gegenüber diese bildhafte Form der Rede vom Himmelreich wählt, während er den Jüngern die Bedeutung der Gleichnisse zu entschlüsseln hilft. Damit setzt sich fort, was bereits in Mt 13,1-23 offensichtlich wurde: Die Gleichnisrede ist nicht dazu da, die bisher Unverständigen zur Erkenntnis zu führen, sondern die Differenz zwischen aufmerksamen Wahrnehmen und Verstehen der Botschaft Jesu durch die Jünger und dem Nicht-Verstehen durch das Volk deutlich zu machen. Verstehen der Botschaft äußert sich für den Evangelisten Matthäus in der Nachfolge Jesu und „Übersetzung“ der Botschaft ins eigene Leben. 
In Vers 35b wird Psalm 78,2 leicht abgewandelt zitiert. Auf diese Weise verdeutlicht Matthäus, dass die Verkündigung des Himmelreichs in Gleichnissen die Wirklichkeit Gottes in seiner Schöpfung (der Welt) offenbaren will. Der Sendungsauftrag Jesu, die Nähe des Himmelreichs zu verkünden, wird so noch einmal aufgenommen (Mt 4,17).

 

Vers 36: Der Ortswechsel in „das Haus“ macht den Schritt von der öffentlichen Verkündigung (im Boot auf dem See, Mt 13,2) zu der Belehrung den Jüngern gegenüber offenkundig. Im kleinen Kreis bitten diese nun um die Entschlüsselung der Gleichnisse. Das Motiv des Hinzutretens verwendet Matthäus häufiger, zuletzt in Mt 13,10.

 

Verse 37-43: Jesus bietet den Jüngern eine Verstehenshilfe des Gleichnisses, indem er ihnen die einzelnen Elemente in ihrer übertragenen Bedeutung erklärt. Der Aussäende, ist der Menschensohn. Diese Bezeichnung für Jesus verwendet Matthäus immer dort, wo das Leben und Wirken Jesu in seiner gesamten zeitlichen Dimension (Geburt bis Wiederkunft) im Blick ist. Der Titel des „Menschensohn“ ist durch die alttestamentliche Überlieferung geprägt und der Gemeinde des Matthäus bekannt. Der Begriff „Menschensohn“ meint zunächst einmal so viel wie Mensch oder Menschenkind. Im Buch Ezechiel wird der Prophet selbst immer wieder mit diesem Begriff angesprochen (vgl. Ezechiel 6,2). In der jüdisch-apokalyptischen Literatur, also den Schriften, die sich mit der Endzeit und ihren Ereignissen auseinandersetzen, verändert sich die Bedeutung. Nun ist mit dem Begriff „Menschensohn“ die Hoffnung auf eine menschenähnliche und von Gott herkommende Gestalt verbunden, die in den Ereignissen der Endzeit eine wichtige Funktion einnimmt (z.B. Daniel 7,13). In der Verwendung „Menschensohn“ auf Jesus hin, ruft Matthäus die Hoffnung auf eine heilbringende, aber auch richtende Gestalt in Erinnerung und verbindet sie mit der Erfahrung des Wirkens Jesu. So wird Jesus selbst hier zu demjenigen, der den guten Samen aussät, so wie auch im Gleichnis vom Sämann, wo diese Identifizierung aber nicht explizit vorgenommen wird.
Der Acker im Gleichnis ist die Erde, auf der Jesus lebt, handelt und verkündigt. In sie hinein sendet er als guten Samen diejenigen, die sich auf seine Botschaft von der Liebe und Nähe Gottes einlassen. Weil sie der Verkündigung des Himmelreiches Glauben schenken, sind sie die Söhne des Reiches. Ihnen gegenüber steht das Unkraut oder auch die Kinder des Bösen, die vom Teufel ausgesandt wurden. Sowohl die Kinder des Bösen wie auch die Söhne des Reiches sind einerseits zu betrachten als die „Ergebnisse“ des Wirkens des Menschensohns und des Teufels. Andererseits sind sie zu betrachten als diejenigen, durch die Menschensohn und Teufel in der Welt etwas bewirken. Im Gleichnis vom Sämann waren die Jünger bereits genau in dieser Doppelrolle in den Blick genommen worden. Hier ist es ebenso und wird analog für die Kinder des Bösen verwendet. In die Situation des Matthäusevangeliums hineingesprochen verbergen sich hinter den „Gehilfen“ und „Ergebnissen“ des Bösen diejenigen, die sich dem Wirken Jesu und der Verkündigung der Botschaft vom Himmelreich durch ihn und seine Jünger widersetzen. Es sind diejenige, die Jesus in der Aussendungsrede als „Wölfe“ bezeichnet und in deren Mitte er die Jünger sendet (Mt 10,16). Und gemeint sind jene, die als Reaktion auf die Lehre Jesu und dessen vollmächtiges Handeln beschließen, ihn zu töten (Mt 12,14) oder ihm eine Falle zu stellen (Mt 16,1-4). Da die ganze Welt als Acker Schauplatz des gemeinsamen Wachsens der Söhne des Reiches und der Kinder des Bösen beschrieben wird, will das Gleichnis die Situation der Jünger inmitten der Welt thematisieren, wie sie (spätestens) durch die nachösterliche Sendung zu allen Völkern auftritt. 
Dieses Miteinander hält sich im Sinne des Gleichnisses bis zum Tag der Ernte, also dem Tag des Gerichts, wenn die Engel (Schnitter) im Auftrag des Menschensohnes die Unterscheidung zwischen gutem Samen und Unkraut vornehmen, zwischen denen, die das Reich des Himmels verkünden und voranbringen und denen, die sich ihm entgegenstellen. Das Widerständige dem Himmelreich gegenüber wird in der Deutung des Gleichnisses gleichgestellt mit der Verführung anderer und gesetzlosen Handlungen. All jene, die sich in dieser Form dem Wachsen des Himmelreichs entgegengestellt haben, werden dem Gericht anheimfallen. Matthäus umschreibt dies hier mit dem Bild des Heulens und Zähneknirschens, das er häufig verwendet (Mt 8,12) und dem Feuerofen, der an die Erzählung im Buch Daniel erinnert. Dort werden durch König Nebukadnezzar drei Gerechte in den Feuerofen geworfen und durch Gottes Hand bewahrt (Daniel 3,93-95), während die Ungerechten in der Bewahrung der drei Männer ihre eigene Sünde gegen den bewahrenden Gott erkennen.
Die Söhne des Reiches hingegen, die nun auch als Gerechte benannt werden, gehen in die Herrlichkeit des himmlischen Vaters ein. Die Lichtmetapher steht für die himmlische Welt, in die sie aufgenommen werden. Mit einem Weckruf (vgl. Mt 13,9) erinnert Jesus am Ende der Auslegung des Gleichnisses daran, dass es darauf ankommt, die Bedeutung des Bildes nicht nur wahrzunehmen, sondern auch entsprechend zu leben.

Auslegung

Die Tatsache, dass Jesus vom Himmelreich in Gleichnissen spricht und sich darin bildhaft der Wirklichkeit Gottes annähert, zeigt die Herausforderung etwas Verborgenes und zugleich Sichtbares adäquat in Worte zu fassen. Im Vergleich mit alltäglichen Erfahrungen oder beispielhaften Situationen umschreibt er die Fülle, die Herrlichkeit, die Kraft des Himmelreichs und zeigt doch auch, dass Gottes Welt nur schwer mit menschlichen Kategorien beschreibbar ist. Wie sich das Himmelreich anfühlt, woran man die Nähe des Himmelreichs spüren kann und welche Grundsätze dort Raum greifen, versucht Jesus den Menschen vor allem in seinem eigenen Handeln begreifbar zu machen. Es ist ein Raum der Zuwendung, der Liebe, die jedem bedingungslos geschenkt wird. Ein Leben in Fülle, ohne Fesseln, ohne Trauer, ohne Hass und Not jeder Art. Eine Form des Miteinanders, in der Menschen nicht aufgrund ihres Standes, Aussehens, ihrer Herkunft kategorisiert werden, in der Sünder und Zöllner willkommen sind. Die Menschen, die Jesus hinterherziehen und seine Worte hören und seine Taten sehen wollen, sie haben in seinem Wirken einen Ausblick, eine Ahnung auf diese Wirklichkeit Gottes gewonnen. Sie suchen seine Nähe, weil sie wahrnehmen, dass hier nicht nur eine Vision verkündet wird, sondern dass sich durch die Taten des Jesus von Nazareth auch etwas verändert. Menschen, die von langer Krankheit befreit, ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Männer und Frauen, die sich in ihrem eigenen Handeln nicht mehr nur fragen, was ihnen selbst dient, sondern bereit sind, sich hinten an zu stellen. Menschen, die mit einem Mal versuchen Gerechtigkeit und Frieden zu stiften und auch „die andere Wange hinhalten“, wenn sie ungerecht behandelt werden. 
Die Jünger Jesu haben solche Veränderungen nicht nur bei anderen beobachtet, sie haben sie selbst durchlebt. Und sie haben verstanden, dass diese Botschaft vom Himmelreich in Jesu Leben so real ist, weil er nicht nur etwas Visionäres verkündet, sondern selbst in und aus dieser Wirklichkeit heraus lebt. Das Himmelreich ist für Jesus nichts Angeeignetes oder Erlerntes, sondern sein Innerstes, sein Wesen. Er kann nicht anders als den Himmel auf Erden sichtbar und greifbar zu machen. Deshalb kann und will er andere ganz hineinnehmen in dieses Himmelreich und Menschen beauftragen, die Botschaft mit zu verbreiten. Auch das haben die Jünger am eigenen Leib erlebt, als Jesus sie aussandte, damit sie Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige rein machen und Dämonen austreiben, um die Nähe des Himmelreichs sichtbar zu machen (Mt 10,7-8). Doch sie machen auch andere Erfahrungen, sie erleben Anfeindungen gegen sich und ihren Herrn. Sie müssen feststellen, dass sich die Realität um sie herum trotz des eigenen Einsatzes nicht schlagartig verändert.

In dieser Situation führt Jesus seine Jünger einen Verstehensschritt weiter. So wie sie an seinem Leben, die Inhalte des Himmelreichs haben ablesen können, so sollen ihnen nun durch die Gleichnisse die Eigenschaften des Himmelreichs erschlossen werden. Die Gleichnisse vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn und vom Sauerteig haben dabei eine große gemeinsame Botschaft und setzen doch jeweils eigene Akzente. Gemeinsam ist ihnen die Gewissheit des Wachstums und der Durchsetzungskraft des Himmelreichs. Die Aussaat des Himmelreichs und die Durchsäuerung der Welt haben mit der Verkündigung Jesu begonnen und diese Prozesse sind unaufhaltsam, beschleunigen lassen sie sich jedoch nicht. Sowohl das Bild des aufgehenden Samens wie das des gärenden Teiges sind klar darauf angelegt, dass der Zeitpunkt der Ernte und Reifung durch die Art des Prozesses selbst bestimmt ist. Später im Evangelium wird Matthäus Jesus über diesen Zeitpunkt wiederum in Gleichnissen sprechen lassen (z.B. Mt 24,43-44). Im vorliegenden Abschnitt liegt der Schwerpunkt darauf, dass bis zum Zeitpunkt der Ernte die Ambivalenz zwischen dem angebrochenen Himmelreich und der herausfordernden irdischen Realität ausgehalten und gestaltet werden muss. Die Jünger sind in besonderer Weise gerufen, die „Zwischenzeit“ durch ihr Mittun zu prägen: Sie sollen durch ihre Verkündigung, die Wachsamkeit und Offenheit der Menschen für das Himmelreich stärken und sie einladen, bereits jetzt und hier etwas davon zu erleben und selbst zu verwirklichen. Die Zugehörigkeit zu Jesus und damit zum Himmel macht sie zu „Söhnen des Himmels“, die Frucht und Samen zugleich sind. Die Aussendung der Jünger durch den Auferstandenen zu allen Völkern nimmt das Bild von der ganzen Welt als Acker aus Vers 38 auf. Trotz der Ausbreitung der Botschaft vom Himmelreich durch Jesus und die Jünger wird es bis zur Ernte aber eine Phase der Koexistenz geben zwischen denen, die das Himmelreich ersehnen und verkünden und denen, die es leugnen oder für sich vereinnahmen. Bis zu dem Tag, an dem Jesus als auferstandener und zum Vater erhöhter Herr wiederkommt, werden die Jünger Jesu erleben, dass sie die Botschaft in einer Welt verkünden, in der das Himmelreich ausgesät, aber noch nicht vollends gewachsen ist. Und sie selbst werden auf einen Acker säen, der neben gutem Samen auch Unkraut hervorbringt und der auch von Menschen genutzt wird, die Gottes Wirklichkeit leugnen oder sich selbst zum Mittelpunkt der Wirklichkeit machen wollen. Mit dieser Ambivalenz zu leben, ist die Herausforderung der Jünger und Jesu Worte sind darauf angelegt, sie für diese Zeit zu wappnen und zu ermutigen.
Die unbekannte Dauer bis zum Zeitpunkt der Ernte und das Bild des gemeinsamen Wachsens von Unkraut und Weizen verweisen aber auch noch auf einen weiteren Aspekt, der in anderen Gleichnissen vertieft wird: Noch ist nicht Gericht gehalten und die Möglichkeit, sich für das Himmelreich zu entscheiden, steht denen offen, die mit ihren Ohren hören und mit ihrem Herzen verstehen.

Kunst etc.

Der auch „Schwindelweizen“ genannte Taumellolch wird oft von einem Pilz befallen, der dem Mutterkornpilz ähnelt und dazu führt, dass nach dem Verzehr der Pflanze Vergiftungserscheinungen wie Schwindel oder Sehstörungen auftreten.

Gleichnis vom Senfkorn, Stich von Jan Luyken aus der Bowyer Bible, einer Bibelausgabe des 19. Jahrhunderts mit über 7000 Stichen nach Kunstwerken verschiedener Epochen.