Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 1,1-7)

11Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden,

2das er durch seine Propheten im Voraus verheißen hat in heiligen Schriften:

3das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids,

4der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn.

5Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um unter allen Heiden Glaubensgehorsam aufzurichten um seines Namens willen;

6unter ihnen lebt auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid.

7An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Überblick

"Wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über." Man hat fast den Eindruck, dieses Sprichwort habe Paulus im Kopf gehabt, als er sich an die Abfassung seines Briefes an die Gemeinde von Rom machte. Bereits der Anfang dieses Schreibens, der die heutige Lesung bildet, sprudelt nur so über von gewichtigen Aussagen.

 

Einordnung der Lesung in den Gesamtbrief

Eine Grußadresse, die es in sich hat - so kann man sagen. Formal fängt der Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom an, wie eben ein Brief anfängt:

mit der Nennung

des Absenders (Vers 1: "Paulus ...."),

des Adressaten (Vers 7: "an alle in Rom")

und

mit einem "klassischen" Einstiegsgruß, der natülich eine deutlich christliche Handschrift trägt: "Gnade sei mit euch und Friede ...".

Dieser an sich unauffällige Beginn könnte ja so kurz sein, wenn nicht fast jedes Wort zum Auslöser einer ganzen Wortkette würde, deren Inhalt sich nun keineswegs auf die Elemente Absender, Adressat und Gruß engführen lassen. Eher wird der Einstieg in den Brief schon als eine Art Einstiegspredigt genutzt. Man hat den Eindruck, Paulus will gleich am Beginn bereits soviel wie möglich der christlichen Gemeinde von Rom mitteilen, die er bislang noch nicht persönlich kennengelernt hat. Er beabsichtigt vielmehr, sie demnächst zu besuchen, wenn er aus Korinth zurückgekommen sein wird, um in Jerusalem die eingesammelten Kollektengelder abzugeben und dann über Rom ins nächste "Missionsland" Spanien zu reisen. Dieses Stichwort "Spanien" hebt sich Paulus allerdings bis zum Schlusskapitel auf (Römer 15,24). Einerseits will er die römische Christengemeinde wohl nicht gleich vor den Kopf stoßen, sie seien nur "Zwischen-" oder "Durchgangsstation". Zum anderen hat die Hintanstellung der Reisepläne aber auch einen sehr gewichtigen inhaltlichen Grund: Paulus beginnt mit dem, was ihm wirklich wichtig ist und am Herzen liegt: dem Evangelium von Jesus Christus. Und so fällt er ohne jede vorangehende "Charmeoffensive" direkt "mit der Tür ins Haus".

 

Vers 1: Selbstvorstellung

Mit dem Titel "Knecht"/"Diener"/"Sklave" reiht sich Paulus in die Gruppe Propheten ein, die sich als Sprachrohr Gottes und ganz im Dienst ihres göttlichen Auftraggebers stehend. verstanden (vgl. z. B. Amos 3,7: "Nichts tut GOTT, der Herr, ohne dass er seinen Knechten, den Propheten, zuvor seinen Ratschluss offenbart hat."). Dieses "Hörigkeitsverhältnis" bezieht Paulus nun noch strenger auf Jesus Christus. Allerdings beschreibt "Knecht Jesu Christi" bei ihm nicht nur seine Beauftragung von Christus her, die er einst in einer persönlichen Offenbarungserlebnis vernommen hat. Vielmehr beschreibt der Ausdruck die grundsätzliche Herrschaftsstellung, die Jesus Christus als absolut das Leben bestimmende Gestalt einehmen soll - für jede, und jeden, die bzw. der an Jesus Christus glaubt.

Der Entsprechungsbegriff zu "Knecht Jesu Christi" ist daher "Herr Jesus Christus" (Vers 7), der passenderweise das letzte Wort der heutigen Lesung darstellt und sich dabei auf alle Angesprochenen bezieht:  A l l e  sollen Jesus als ihren Herrn anerkennen.

"Berufen zum Apostel" leitet einerseits über zur Aufgabe, zu der Paulus sich als "Knecht Jesu Christi" beauftragt sieht. Er ist ein zu den Menschen "Gesandter" (griechisch: apóstolos). Zugleich klärt Paulus mit der Feststellung einen Legitimationsstreit. Denn es gibt in seinen Gemeinden durchaus Menschen, die ihm den Apostel-Titel nicht zuerkennen wollen. Tatsächlich war Paulus ja kein Weggefährte Jesu und kein direkter Zeuge von Tod und Auferstehung Jesu. Seine "Behauptung", ihm sei aber der Aufersandene im Nachhinein erschienen, als letztem einer großen Kette von Zeugen (vgl. dazu 1 Kor 15,6-7), hat offensichtlich nicht allen genügt. Dennoch sieht Paulus sich selbst einer, der glaubwürdig Zeugnis vom auferweckten Gekreuzigten geben kann und hält in diesem Sinn am Anspruch fest, Apostel zu sein. In solcher Autorität schreibt er an die Gemeinde von Rom.

Die dritte Ausführung leitet über zur inhaltlichen Füllung des Aposteldienstes: "das Evangelium Gottes zu verkünden" (zum dahinter stehenden "Evangelium"-Begriff s. unter "Auslegung").

 

Vers 2: Die große Spur Gottes

Vers 2 präzisiert ordnet das "Evangelium Gottes" ein in die Linie der Verheißungen Gottes, die im Alten Testametn festgehalten sind. Innerhalb des Römerbriefs wird Paulus diesen Gedanken im 4. Kapitel am Beispiel Abrahams konkretisieren. Die Argumentation, Christus aus der alttestamentlichen Heilsgeschichte Gottes zu verstehen - da es immer um ein und denselben Gott geht -, ist für Paulus absolut üblich und findet sich z. B. auch sehr ausführlich in seinem Brief an die Gemeinde von Galatien (vgl. Galater 3,6-18: wieder am Beispiel Abrahams; Galater 4,21-31: am Beispiel von Abrahams und Saras Sohn Isaak).

 

Vers 3-4: Ein Miniatur-Credo, das es in sich hat

Erst jetzt kommt Paulus zum eigentlichen Inhalt des "Evangeliums Gottes". Erkennbar ist dieser Inhalt die Verkündigung von Jesus Christus, die in einer Art Miniatur-Credo zusammengefasst ist. Der Wortlaut dürfte im Grundbestand weniger auf Paulus selbst zurückgehen als vielmehr aus einer bereits bestehenden judenchristlichen Tradition übernommen sein.

Das übergeordnete Bekenntnis lautet: Jesus ist der "Sohn Gottes". In der jüdischen Tradition ordnet sich dieser Begriff ein in die Erwartung eines künftigen Heilsbringers, den man sich wohl eher menschlich vorstellte, mit dem sich Gott aber absolut identifiiziert. Dies drückt sich aus in dem Zuspruch: "Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt" (Psalm 2,7). Hier geht es nicht um Biologie, sondern gemäß altorientalischen Vorstellungen eher um Adoption.

Diese Heilsbringergestalt, die u. a. mit der Erwartung eines Friedensbringers verbunden war, aber auch mit der Schaffung sozialer Gerechtigkeit, erwartete man aus dem Stammbaum des Königs Davids. Genau in diese Linie wird Jesu nun im ersten Bekenntnissatz (wörtlich: "geworden aus dem Samen Davids dem Fleische nach") eingeordnet. Es ist derselbe Gedanke, den Matthäus in die Form des Stammbaums Jesu gießt, der von Abraham über David bis zu Jesus reicht (Matthäus 1,1-17). Über das Geheimnis der jungfäulichen Empfängnis durch den Heiligen Geist denkt - im Gegensatz zu Matthäus - Röm 1,3-4 noch nicht nach. Vielmehr wird die Rede vom Heiligen Geist (in gut hebräisch gedachter und damit eben als judenchristlich erkennabrer Formulierung: "Geist der Heiligkeit") auf den zweiten Teil des Glaubesnbekenntnisses bezogen.

Die Einordnung in die Verheißungslinie des Königs David reicht nicht aus, um das Geheimnis der "Gottessohnschaft" Jesu zu erfassen. Denn mit Kreuzestod und Auferweckung kommt etwas hinzu, was in der jüdischen Messias-Erwartung überhaupt nicht enthalten war: die Überwindung des Todes. Genau das aber ist die Perspektive, in welcher der Mensch Jesus Gottessohn ist: als vom Vater gesandter Todüberwinder.

Aber selbst das reicht noch nicht als Kennzeichnung des spezifisch christlichen Glaubens. Die Einsetzung zum Sohn Gottes "in Macht" (griechisch: en dynámei) - wohl eine Einfügung von Paulus - verweist auf die universale, kosmische Herrschaft Jesu Christi, in dei Gott seinen von den Toten erweckten und zu sich aufgenommenen Sohn eingesetzt hat. Aus diesem "Herrschaftsanspruch" kann Paulus auch sein Missionswerk ableiten, nicht nur unter Juden, sondern unter allen Völkern, bei den sogenannten "Heiden", Jesus Christus zu verkündigen. Auch diese Dimension ist in der eher innerjüisich ausgerichteten Messiaserwartung zur Zeit Jesu nicht enthalten gewesen.

So legt Paulus theologisch mit zwei Versen dar, warum es im Sinne des "Evangeliums Gottes" ist, dass es überhaupt eine aus Judenchristen und Heidenchristen bestehende Gemeinde im heidnischen Rom geben kann.

 

Verse 5-6: Was von Paulus gilt, gilt auch von den römischen Christinnen und Christen

Die nächsten beiden Verse ergeben sich aus allem bisher Gesagten. Brieflich gesehen nimmt Paulus nun die Kurve und lenkt endlich zu denen über, die er ansprechen will: die Christinnen und Christen der römischen Gemeinde, bei denen er sich ja mit seinem Brief einführen will. Wenn alles am "Herrn Jesus Christus"  hängt und Paulus sich selbst als dessen "Knecht" sieht, kann auch die Haltung der Glaubenden nur "Gehorsam" im Glauben sein. Es ist derselbe Gehorsam gegenüber Christus, den auch Paulus zu leben versucht. Hier gilt allen im Grundsatz dieselbe "Berufung" (Wiederholung des Stichwortes aus Vers 1), die sich dann in unterschiedlichen Tätigkeiten entfaltet. Paulus ist eben "ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden" (Vers 1) und damit permanent "auf Achse" zu sein. Die Christen von Rom haben ihre Aufgaben eher vor Ort. Sie leigen in der Alltagsgestaltung, von der Römerbrief später (besonders ab Kapitel 13) sprechen wird.

 

Vers 7

Am Ende der Lesung steht der in den Briefen der damaligen Zeit übliche Heilswunsch, hier in Form eines Segenswunsches, der mit den letzten Worten zu Vers 1 zurückführt (s. o. zu Vers 1).

 

Auslegung

Der Begriff "Evangelium"

"Evangelium" im Sinne der vier "Evangelien"

Heutzutage verwendet man den Begriff Evangelium - zumindest im kirchlichen Zusammenhang - am ehesten mit den vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Damit bezeichnet der Begriff eine bestimmte literarische Gattung (so wie es Romane, Novellen oder Dramen oder im Alten Testament z. B. Psalmen gibt). In dieser speziellen Verwendung kommt der Begriff innbiblisch überhaupt nicht vor. Er ist erstmals nachbiblisch bezeugt bei dem Theolgen Justin (gestorben 165 n. Chr.), der einmal schreibt:

"Denn die Apostel haben in den von ihnen stammenden Denkwürdigkeiten (apomnemoneúmata), welche Evangelien (euangélia) heißen, überliefert ..." (Apologia I 66,3).

Vereinfacht kann man definieren: In diesem Sinne sind "Evangelien" Verkündigungstexte im Gewand einer Biographie. D. h. die Verkündigung von Jesus Christus verläuft äußerlich in der Abfolge einer Biographie. Dabei geht es aber nicht um Biographie im heutigen Sinn, denn dazu gäbe es in den Texgten viel zu viele Auslassungen. Markus und Johannes berichten über Geburt, Kindheit und das Wirken Jesu bis zu seiner Taufe von Johannes dem Täufer gar nichts, Matthäus und Lukas ergänzen im Wesentliche nur Verkündigung und Geburt. Das bedeutet: Leitfaden des Evangeliums ist nicht Information und eine möglichst vollständige Wiedergabe des Lebens Jesu. Vielmehr wird eine Auswahl von "Begebenheiten" und Reden Jesu getroffen, die einzig und allein von ihrer Beudeutung für die konkrete Verkündigungsabsicht des Evangelisten bestimmt ist.

 

Das älteste Evangelium und das Evangelium Jesu: "Gott ist König"

Nun wurde aber der Begriff "Evangelium" nicht von Justin erfunden, sondern findet sich tatsächlich auch schon innerbiblisch. Zum ersten Mal trifft man auf ihn in der griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testaments, der sogenannten Septuaginta aus dem 3.- 1. Jh. v. Chr. Sie war wohl die Fassung, mit der die Christen am meisten zu tun hatten. Zumindest beziehen sich die alttestamentlichen Zitate im griechisch geschriebenen Neuen Testament selten auf den hebräischen Text.

In dieser Septuaginta heißt es nun bei Jesaja 52,7:

Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt (euangelizómenos) und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König. 

"Evangelium meint also ursprünglich die Botschaft, dass Gott "König ist", d. h. wirksam handelt zum Wohle seiner Schöpfung und besonders der Menschen mit einem beonderen Augenmerk auf die sozial SChwachen und Hungrigen."

Daran knüpft Jesus an, wenn er sein Evangelium zusammenfasst mit den Worten:

"Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15)

Jetzt meint "Evangelium" die mündliche Botschaft Jesu, mit der er selbst unterwegs war. Darin verkündete er die "Königsherrschaft Gottes" (s. Jes 52,7), deren Anbruch in seiner Person ansichtig wird. Dies wird nicht nur in seinen Worten, sondern auch in seinen Taten (Heilungen, Dämonenaustreibungen, Speisungswundern) deutlich.

 

Der nächste Schritt: Das Evangelium als Botschaft ü b e r  Jesus

In der nächsten Stufe wird nun die Verkündigung über diesen Jesus von Nazareth durch Andere in den Begriff "Evangelium" gefasst. Dabei steht ganz besonders der Zusammenhang von Leben, Tod und Auferweckung im Vordergrund. In diesem Sinne gebraucht nun Paulus den Begriff Evangelium im Römerbrief:

"... 3 das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn" (Römer 1,3-4).

Es ist das Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, das er verkündet. Die später "Evangelien" genannten Schreiben von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes (s. o.) existierten zu dieser Zeit noch gar nicht. Alle vier greifen erst nach dem Tod des Paulus zur Feder.

Als erster schreibt Markus sein Werk, über das er als Überschrift setzt: "Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, Gottes Sohn". Der Begriff "Anfang" meint dabei eher "Grundlegung" als irgendeine zeitliche Bestimmung. Immer noch ist wohl nicht die literarische Gattung "Evangelium" gemeint, sondern die Verkündigung vom gekreuzigten und auferweckten Christus, zu der allerdings auch die Verkündigung seines irdischen Lebens gehört, das ebenfalls Teil der Frohen Botschaft (so die "klassische" Übersetzung des griechischen Wortes euangélion) ist. 

Das gilt für Paulus weniger. Das irdische Leben Jesu und seine Verkündigung spielen bei ihm mehr oder weniger keine Rolle. Menschwerdung, Kreuzestod und Auferweckung sind für Paulus die entscheidenden Marken seiner "Frohen Botschaft", seines "Evangeliums von Jesus Christus", das zugleich das "Evangelium Gottes" (s. Vers 1 der Lesung) ist. ER ist und bleibt der eigentlich handelnde "König" (s. o. zu Jesaja 57,7)

 

Die "berufenen Heiligen" (Vers 7)

Auch der Begriff "Heilige" hat bei Paulus eine andere Bedeutung, als sie heute am ehesten verbreitet ist. Es geht nicht um besonders heiligmäßig lebende Menschen, um ausgewählte Vorbilder oder gar Idealfiguren, an die kaum einer heranzureichen vermag. Es geht auch nicht um diejenigen, die in einem eigenen kirchlichen Heiligsprechungsprozess zu "Heiligen" erklärt worden sind (als erster übrigens der hl. Ulrich von Augsburg um die erste Jahrtausendwende). Auch die Martyrer sind nicht gemeint.

Paulus hat vielmehr alle Gemeindemitglieder im Bick, konkreter: alle Getauften (vgl. z. B. Römer 12,13: "Nehmt Anteil an den Nöten der Heiligen; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!". Sie sind als Getaufte Empfänger des Heiligen Geistes, der in die Gemeinschaft mit Gott selbst hinein hineinführt. Dieser Geist als Gabe Gottes und des auferweckten Herrn Jesus Christus ist es, der "heilig macht" (vgl. Römer 15,16: "... denn die Heiden sollen eine Opfergabe werden, die Gott wohlgefällig ist, geheiligt im Heiligen Geist.").

Der Begriff meint also eine Aussonderung aus der Welt, insoweit sie sich nicht auf Gott einlassen möchte (vgl. 1 Korinther 6,1-2a: "1 Wagt es einer von euch, der mit einem anderen einen Rechtsstreit hat, vor das Gericht der Ungerechten zu gehen, statt zu den Heiligen? 2 Wisst ihr denn nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? ...").

Oder positiv und weniger ausgrenzend gesprochen: "Heilig" ist ein Beziehungswort. Dabei lebt die gemeinte Beziehung aus dem gegenseitigen Wechsel von  dem, was Gott gibt, und dem, was der Mensch als Antwort darauf lebensgestaltend und glaubend Gott zu geben vermag. Diese Antwort vollzieht sich im Gebet (z. B. Dank oder Lob) direkt zwischen Mensch und Gott, in der Tat hingegen über den "Umweg" der Menschenzugewandtheit bzw. Nächstenliebe.

Der/die Heilige strebt nach einem Leben gemäß dem Gesetz Gottes, das sich zusammenfassen lässt im Gebot der Nächstenliebe (vgl. Röm 13,10: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes."). Deshalb gilt bei Paulus auch das Gesetz als der Wille Gottes als "heilig": "Deshalb ist das Gesetz heilig und das Gebot ist heilig, gerecht und gut" (Röm 7,12).

Kunst etc.

 	Luther Römerbriefvorlesung Mitschrift Reichenbach (1515), Wikimedia Commons
Luther Römerbriefvorlesung Mitschrift Reichenbach (1515), Wikimedia Commons

Ein Briefanfang, der es in sich hat. Das sollte bereits aus den Ausführungen zu Römer 1,1-7 unter der Rubrik "Überblick" deutlich werden.

Als graphischer Beleg für diese These kann Sigismund Reichenbachs (Lebensdaten unbekannt) Mitschrift der Vorlesungen Martin Luthers (1483 - 1546)zum Römerbrief aus dem Jahr 1515 gelten. Der gedruckte Text enthält in den ersten drei eng gesetzten Zeilen Luthers Inhaltsangabe (Casus summarius) des ersten Kapitels des Römerbriefs sowie anschließend den lateinischen Bibeltext genau in dem Umfang, den auch die heutige Lesung hat. Der Platz für alles, was Luther zu sagen hatte, scheint kaum auszureichen. Er hat offensichtlich gespürt, wie sehr Paulus in diesen Briefanfang sein ganzes Feuer gelegt hat.