Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 12,1-2)

121Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen - als euren geistigen Gottesdienst.

2Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!

Überblick

Glaube ist für Paulus in erster Linie nicht eine Frage des Wissens oder des Gefühls, sondern der Lebenspraxis. Das, was die bzw. der auf den Namen Jeus Christi Getaufte glaubt, drängt zur "Verleiblichung" (Vers 1: "eure Leiber"), also zur Umsetzung in Taten in allen weltlichen Bezügen, in denen der Mensch mit seinem "Leib" unterwegs ist. In diesem Sinne hätte Paulus den von Luther so beargwöhnten Satz des Jakobusbriefes "Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot" (Jakobus 2,26) mit Sicherheit unterschrieben.

 

Einordnung in den Zusammenhang

Mit Kapitel 12 beginnt im Römerbrief der zweite große Teil der inhaltlichen Ausführungen. Während nach den eröffnenden Versen Paulus in Römer 1,18 - 11,36 seine Theologie darlegt und entfaltet, die begründet, dass und inwiefern Gottes Heil allen - Heiden wie Juden - gilt, folgt in Römer 12,1 - 15,13 ein großer Abschnitt zur Praxis des Evangeliums. Anders und sehr poinitert formuliert: Auf die Rechtfertigungslehre folgen ethische Weisungen; auf die Darlegungen über die Bedeutung des Kreuzestodes Jesu und seiner Auferweckung aus dem Tode folgen Maßgaben für das Handeln derer, die sich durch die Taufe auf diesen Jesus Christus und den in ihm wirkenden Gott eingelassen haben.

Wie so oft, stellt Paulus an den Anfang eines neuen thematischen Absatzes eine knappe, sehr grundsätzliche Ausgangsformulierung. Besonders deutlich war dieses Verfahren in den Lesungen vom 15.  - 17. Sonntag im Jahreskreis zu sehen, die sich allesamt als Ausführung der Grundsatzthese Römer 5,18 von der alles Leid überbietenden Herrlichkeit,die die Glaubenden erhoffen, erwiesen haben.

Da es ab Kapitel 12 nicht mehr um theologische Darlegungen geht, steht diesmal am Anfang auch keine Grundsatzthese, sondern eine Grundsatzforderung, als deren Entfaltung Römer 12,3 - 15,36 gelesen werden kann.

 

Vers 1: Ermahnung und Ermutigung in einem

Gleich der Einstieg ("Ich ermahne euch") zeigt, wie ernst es dem Paulus ist, wenn er der Christengemeinde von Rom, die er weder gegründet noch je zuvor besucht hat, im Ankündigungsschreiben seines Besuchs mit ethischen Weisungen kommt. Dabei schillert das griechische Wort parakalō allerdings zwischen einem strengen "ermahnen"und einem aufbauend-zutrauenden "ermutigen". Sogar "trösten" kann es bedeuten, was an dieser Stelle allerdings wohl weniger eine Rolle spielt. 

Die Mischung aus "Ermahnung" und "Ermutigung" - für die es im Deutschen kein zusammenfasendes Wort gibt- ist durchaus beabsichtigt und hat einen sachlichen Grund: Denn Paulus spricht im Folgenden nicht einfach nur in eigener, apostolischer Autorität. Der eigentlich Sprechende in ihm ist die "Barmherzigkeit Gottes", also genau die innere Haltung und nach außen (in Jesus) sich zeigende Zuwendung Gottes, die prinzipiell Allen gilt (vgl. dazu die Grundsatzthese in Römer 5,18: "Wie es also durch die Übertretung eines Einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so kommt es auch durch die gerechte Tat eines Einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung, die Leben schenkt."). Paulus spricht aus dieser "Barmherzigkeit Gottes" heraus, auf die er nach seinem festen Glauben genauso selber angewiesen ist wie die Menschen, an die er sich wendet - unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Stand. 

Das Wissen um diese Barmherzigkeit Gottes ist Ermutigung und Auftrag zugleich - und zwar nicht zu Opfergottesdiensten, welcher Art auch immer, sondern zu Taten des "Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen" (Vers 2). Obwohl Paulus hier in der Formulierung eher allgemein bleibt, sich aber zugleich begrifflich  an der Ethik der Popularphilosophie seiner Zeit orientiert, geht es um das Tun dessen, was in sich gut ist und nicht nur "gut für mich" ist. Paulus fordert zu einem "Glauben, der durch die Liebe wirkt" (Galater 5,6). Ein solcher Gottesdienst kann der Vernunft nicht widersprechen. Dies ist wohl der eigentliche Sinn der Rede vom "geistigen Gottesdienst". Vom Griechischen her ist nämlich von einem "logischen", also der Vernunft entsprechendem Gottesdienst die Rede (logikè latreía). Im Gesamthorizont des Neuen Testaments kann man auch an einen dem Logos ("Wort") entsprechenden Gottesdienst denken, der gemäß den Eröffnungsversen des Johannesevangeliums Christus selbst ist: "Im Anfang war das Wort (griechisch: hò lógos)" (Johannes 1,1). Auch wenn Paulus diesen konkreten Gedanken noch nicht gedacht haben dürfte, entspricht die Christusgemäßheit der Forderung zu Taten des "Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen" ganz sicher seiner Absicht.

 

Vers 2

Vernunftgemäßheit bedeutet für Paulus nicht Ableitbarkeit aus dem, was "man" in der Welt so tut. Paulus ist zutiefst überzeugt, dass die "Einverleibung in Christus", die mit der Taufe geschieht ("mit Christus begraben und auferweckt werden", "Christus anziehen" sind Bilder, die Paulus in Römer 6,4 bzw. Galater 3,27 für die Taufe wählt), den Menschen von innen heraus erneuert. Anderes wird für ihn wichtig und bestimmend als es ohne Christusbezug der Fall ist. An die Stelle der Selbstbezüglichkeit tritt im Sinne der Christusnachfolge der Gedanke der "Hingabe" (genau das verbirgt sich hinter dem aus der Welt der Opfer übernommenen Sprachbild der "Darbringung eurer Leiber": sich hingebender Ganzeinsatz für Andere). Die Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit war wohl auch Paulus bewusst. Dennoch ist nach Paulus allein aus diesem von Christus her bestimmten Denken die Frage zu klären, was "gut, wohlgefällig und vollkommen" ist. Von daher ist die Grundhaltung des Christen für Paulus nicht Anpassung und Mitläufertum, aber auch nicht die Weltabgekehrtheit, sondern das "Prüfen", das Übernehmen des die Prüfung bestehenden "Guten" und die kritische Distanz gegenüber dem, was der Prüfung nicht standhält vgl.. bereits im ältesten überlieferten Brief des Apostels, 1 Thessalonicher 5,21: "Prüft alles und behaltet das Gute!"). Diese Prüfung ist eine Mischung aus Nutzung der eigenen Kräfte, zu denen Vernunft und auch Gewissen sowie der eigene Glaube gehören, und des Austauschs mit den anderen, die im selben Glauben unterwegs sind.  In diesem Zusammenhang hat Paulus ein sehr großes Zutrauen in die Wirksamkeit des Geistes Gottes - ein größeres, als manch einer heute hat, die bzw. der eher von Angst und daraus abgeleitetem Absicherungswahn erfüllt ist.

 

Auslegung

"... lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer" (Vers 1)

Die Aufforderung zum "Opfer eurer Leiber" mutet schon merkwürdig an in einem Zusammenhang, der eindeutig nicht von kultischer Zusammenkunft und Opferdarbringungen, wie man sie aus dem Jerusalemer Tempel  oder auch aus den Tempeln des römischen Kults kannte, spricht. Damit ist auch wenig wahrscheinlich, dass Paulus hier eine Spitze gegen den jüdischen Opferkult formuliert. Ebensowenig ist aus seinen Briefen erkennbar, dass er die Feier des Herrenmahls, die er selbst auf ein Wort Jesu zurückführt, relativiert. 

Die eigentliche Sinnspitze seiner Forderung wird vielmehr erkennbar in den drei Zusatzbestimmungen des Opfers: "lebendig, heilig, Gott wohlgefällig" sowie in der Aufforderung zum Selbstopfer ("Darbringung eurer Leiber"). Damit wird für die römischen Chrsitinnen und Christen einerseits eine vertraute Bildwelt - die Opfervorstellung - aufgegriffen, aber andererseits deutlich verändert. In der "klassischen" Begrifflichkeit sind Opfer zwar "heilig", nämlich aus dem profanen Bereich herausgenommen und für den göttlichen Bereich reserviert (vgl. z. B. Exodus/2. Buch Mose 29,37b: "... alles, was den Altar berührt, wird heilig."); die "Gottwohlgefälligkeit" ist natürlich eine ganz entscheidende Voraussetzung im Rahmen einer Opferdarbringung. Gleich am Beginn des das Opferwesen regulierenden Buches Levitikus/3.Buch Mose heißt es z. B.: "Ist seine Opfergabe ein Brandopfer vom Rind, so bringe er ein männliches Tier ohne Fehler dar; er soll es an den Eingang des Offenbarungszeltes bringen, damit er vor dem HERRN Wohlgefallen findet" (Levitikus 1,3). Aber "lebendig" ist ein Opfer nie. Die Darbirngung (bei Tieropfern) besteht ja gerade in der Tötung des Tieres und bestimmter darbingender Umgangsweisen mit dem Blut, den Fett- und den Fleischanteilen.

Auf dieser Folie wird deutlich: Paulus spricht von "lebendigen" Menschen - allerdings nicht im Gegensatz zu Verstorbenen. Gemeint sind die Menschen, die in der Taufe ihr neues Leben von Gott her erhalten haben (hier verzahnt sich der ethische Teil des Römerbriefs mit den Ausführungen zur Tauftheologie in Kapitel 6; dazu vgl. die Ausführungen zur Römerbrief-Lesung in der Osternacht): "So begreift auch ihr euch als Menschen, die ... für Gott leben in Christus Jesus" (Röm 6,11). Als solche sind sie ganz unter dem Anruf Gottes Stehende und werden von Paulus "heilig" genannt. Auch unter diesem Stichwort verbinden sich erster (theologischer) und zweiter (ethisch weisender) Hauptteil des Römerbriefs: "Wegen eures schwachen Fleisches rede ich nach Menschenweise: Wie ihr eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt, sodass ihr gesetzlos wurdet, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit, sodass ihr heilig werdet!" (Römer 6,19). Dass das Tun der Gerechtigkeit (oder nach Römer 12,2: "des Guten, Wohlgefälligen und Vollkommenen") Gott wohlgefällig ist, hat Paulus indirekt bereits in Römer 8,8 (also wieder im ersten Hauptteil) anklingen lassen: "Wer aber vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen." Gerade auf dem Hintergrund dieses Satzes wird deutlich, dass der Gegensatz zum "vernüntig-geistigen Gottesdienst" der am Fleisch orientierte "Selbstkult" wäre.

Paulus setzt aber nicht auf die Kräfte des Selbst, sondern auf die Kraft des von Gott und Christus her wirksamen Geistes, der nicht nur bei der Taufe einmalig handelt, sondern den, der auf diesen Gott setzt, täglich zu "erneuern" vermag. Auf diesem Hintergrund kann er einmal von sich selbst schreiben:

"Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert" (2 Korinther 4,16).

Dieses sich selbst nicht schonende Aufreiben für das Evangelium Gottes und aus der Kraft dieses Evangeliums heraus hat Paulus gelebt und ermutigt dazu - eben weil er dem Geist Gottes soviel Energie zutraut - auch die römischen Christen. Das ist der "geistige Gottesdienst", den er meint, und von dem er auch schon einmal in etwas anderen Worten im Philipperbrief gesprochen hat:

"Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, freue ich mich und freue mich mit euch allen" (Philipper 2,17).

Kunst etc.

CC BY-SA 4.0, User:Frinck, Erneuerung Türme St. Nikolaus/Eupen
CC BY-SA 4.0, User:Frinck, Erneuerung Türme St. Nikolaus/Eupen

"Erneuerung" (Römer 12,2)

Kirchturmerneuerung, wie sie auf dem Photo am Beispiel der Türme von St. Nikolaus in Eupen gezeigt wird, ist durchaus eine notwendige Maßnahme. Und dennoch meint Paulus etwas ganz anderes, wenn er von "Erneuerung" spricht. Dabei liegt der entscheidende Unterschied nicht darin, dass Paulus noch gar keine Kirchen als Gebäude im Blick haben konnte. Nein, es geht um den grundsätzlichen Gehalt des Wortes "Erneuerung". Ist beim Kirchturmdach eher an die Wiederherstellung eines die ursprünglichen Funktionen (z. B. Nässeschutz, Dichtigkeit, Einsturzsicherheit) sichernden Zustandes gemeint, zielt der paulinische Erneurungsbegriff auf einen radikalen Wechsel. "Alter Adam" und getaufter Christ sind für Paulus, obwohl in derselben Fleischeshülle steckend, in ihrer Grundorientierung absolut verschieden. Dabei ist auch der "neue Mensch", der dem Taufbad entsteigt, für Paulus nicht einer, der durch einen einmaligen Ritus "fertig" ist. Sondern es gilt, die von Gott her bewirkte Erneuerung, die in der Taufe zugesprochen wird ("Du bist meine geliebte Tochter"/"Du bist mein geliebter Sohn"), immer wieder neu in sich wirksam werden zu lassen, das festgefahrene Denken aufbrechen und "sich verwandeln zu lassen" (griechisch: metamorphóomai). Diese geistgewirkte Metamorphose endet erst, wenn die trennende Hülle zwischen irdischem Menschen und seinem Gott weggenommen wird.