Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,35.37-39)

35Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?


37Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat.

38Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten,

39weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Überblick

Als Höhepunkt des 8. Römerbriefkapitels schwenkt Paulus vom argumentativen Tonfall der Verse 18-30 in einen geradezu hymnischen Ton um. Aus der Ausgangsthese "Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll." (Vers 18) wird eine grundsätzliche Relativierung und Entmachtung all dessen und derer, die "die Leiden der gegenwärtigen Zeit" verursachen könnten. Provokativ und gewissermassen auch triumphierend stellt Paulus die rhetorische Frage in den Raum:

"Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?" (Vers 31).

 

Einordnung der Lesung in den Zusammenhang

Man möchte fast sagen: Schon mit dem Vers 31 vorangehenden Vers 30 des achten Kapitels hat sich Paulus im Römerbrief geradezu in Extase geredet.  Die These von der jeweils größeren "Herrlichkeit" gegenüber konkreter möglicher oder tatsächlicher Leiderfahrung ist ihm so unwiderlegbar, dass er von der "Verherrlichung", also der Überwindung allen Leidens und der durch nichts betrübten Begegnung mit Gott selbst so sprechen kann, als seien sie bereits erfolgt:

"die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht"

Die in der Leseordnung ausgelassenen Verse 31-34 nennen erstmals ausdrücklich den Grund dieser unerschütterlichen Hoffnung und verdeutlichen den in Vers 30 nur angedeuteten Zusammenhang. Auf sie muss kurz geblickt werden, um die mit Vers 35 einsetzende Lesung des heutigen Sonntag verstehen zu können:

Zur Erläuterung der Formulierung "die er aber gerecht gemacht hat" aus Vers 30 schreibt Paulus in Vers 32:

"Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben".

In der Theologie des Paulus bedeutet dies: Gott hat den Menschen nicht den Folgen seiner Sündhaftigkeit überlassen, nämlich sich defintiv von ihm losgesagt, sondern im Gegenteil: Lieber hat er den eigenen Sohn - Jesus - der schlimmst möglichen Folge menschlichen Sündenhandelns, nämlich der Tötung, überlassen, um deren negative Sogkraft zu überwinden: das ist die Aufweckung. Im Tod des unschuldigen Sohnes wird der Tötungsmechanismus ad absurdum geführt und zugleich erfährt der Mensch, dass Gottes Wille bezüglich des Menschen ein anderer ist. Auf dem Hintergrund des Gotteswortes aus Ezechiel 18,23:

"Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen - Spruch GOTTES, des Herrn - und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? "

kann man nach Paulus sagen: Gott hat dem Menschen auch noch die Umkehr abgenommen und selbst die Initiative ergriffen. Gott ist nicht Ankläger, der auf das Todesurteil des Menschen aus ist. Ganz im Gegenteil: Sein Richtspruch über den Menschen lautet: "Lebe - in Gemeinschaft mit mir, deinem Schöpfer - auf ewig!"

Diesen im Blick auf Jesus recht passivisch, also rein erduldend formulierten Gedanken ergänzt Paulus um einen zweiten: Jesus ist nicht nur nicht vom Tod verschont, dann aber auferweckt worden, sondern als Auferweckter tritt er nun beständig beim Vater für die Menschen ein:

"Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein" (Vers 34).

Das Motiv wird im ersten Vers der heutigen Lesung geliefert: die "Liebe Christi". Von ihr spricht Paulus vergleichbar nur noch in Galater 2,20 ("... im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat."). Dennoch ist der Gedanke entscheidend: Jesus ist eben nicht nur ein Dulder, sondern er hat seinen Weg wissend und aus Liebe "für uns alle" (Vers 32), d. h. "uns allen zugute" auf sich genommen. Zwischen Gottes und des Sohnes Willen passt kein Blatt.

 

Vers 35: Die entscheidende Frage

Deshalb kann Paulus nun - nach Vers 31 - zur zweiten großen rhetorischen Frage vollmundg ausholen:

"Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?"

Man ahnt schon, dass sie nur eine mögliche Antwort zulässt: "Gar nichts!"

Die insgesamt sieben und damit nach biblischer Symbolik auf Vollständigkeit in der Aufzählung zielenden Gefahren umfassen zwei Bereiche denkbaren Leids: die Verfolgung aus Glaubensgründen, die Paulus allesamt auch am eigenen Leib erfahren hat und schließlich wohl mit der eigenen Hinrichtung durchleiden musste, und die Strapazen der langen Missionswege in Zeiten, die von Reisekomfort mit angenehmen Transportmitteln und bequemen Unterkünften noch nichts wussten.

Der ausgelassene Vers 36 betont einmal mehr, dass es um Bedrohungen geht, die "um deinetwillen" (Zitat aus Psalm 44,23, das Paulus auf Jesus hin deutet), also um Christi willen erfolgen. Genau das verbindet Glaubensverfolgung und Missionsstrapazen.

 

Vers 37: Die "Geliebten" sind die "Sieger"

Dieser Vers benennt die Auswirkung der beschriebenen Situation der Glaubenden, nämlich Gott in seiner lebensrettenden Macht und Christus in seiner alles übersteigenden Liebe auf ihrer Seite zu wissen: Gegenüber jeglicher Bedrohung und Einschüchterung sind sie "Sieger". Das griechische Verb müsste man wörtlich mit "über-siegen" (griechisch hypernikáō) übersetzen. Die schon etwas übertreibende Wortwahl (man nennt eine solche Stilfigur Hyperbel) erklärt sich vor allem aus der Fortsetzung:

 

Vers 38: Die Machtlosigkeit der "Mächte"

Einmal mehr gibt sich Paulus als in der Apokalyptik verwurzelt zu erkennen, also in jener religösen Strömung, die in neuer Sprache und mit neuen Bildern auf die Unterdrückungsszenarien erst der Griechen, dann der Römer reagiert und einen breiten Strom von Literatur hervorgebracht hat. Hierher erklärt sich die zweite Siebenerreihe von Bedrohungen, die sich nicht - wie Vers 35 - auf reale Alltagserfahrungen beziehen, sondern auf "Mächte" der sichtbaren, vor allem aber unsichbaren Welt. Auch sie vermögen nichts angesichts der "Liebe Christi".

 

Vers 39: Raum und Kreatur

Nachdem Vers 38 mit dem Gegensatzpaar "Gegenwärtiges - Zukünftiges" die Dimension der Zeit angesprochen hat, füllt der letzte Vers die Dimensionen der Wirklichkeit, die die Grundbedingung von Leiderfahrung sind, um die Räumlichkeit ("Höhe - Tiefe") und um die Geschaffenheit ("Kreatur") auf. Letztere steht natürlich für das grundsätzliche Spannungsgefüge von Leben und Tod, insofern die Geschöpflichkeit prinzipiell mit Vergänglichkeit verbunden ist. Aber auch diese irdisch geltende, für Viele so schwer auszuhaltende Grundsatzbegrenzung trennt eben nicht von der Liebe Christi als dem Aufweckten, die wiederum identisch ist mit der Liebe Gottes selbst. 

Als Schlusswort des hymnischen Ausklangs von Kapitel 8 erhält der von Paulus immer wieder verwendete Christustitel "Herr" eine besondere Bedeutung: ER - also Christus - der sich als Herr über den Tod und alle denkbaren Mächste erwiesen hat - er ist zugleich "unser Herr". Deshalb und nur deshalb gilt, was Paulus als These an den Anfang seiner Ausführungen (Lesung vom 15.Sonntag) stellte:

"Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Röm 8,18).

Auslegung

Darf man so reden?

Der hymnische Tonfall des Paulus am Ende des achten Kapitels im Römerbrief mag manchen in heutiger Zeit befremden. Das gilt für diejenigen, die aufgrund ihres Wesens eher eine nüchterne Sprache bevorzugen, aber auch für diejenigen, die angesichts der Auswirkung starker rhetorischer Mittel in den Medien Sorge vor einer solchen Sprache haben.

Nun wird man Paulus ein gewisses Eiferertum in Sachen Glauben nicht absprechen können.  Das hat keiner deutlicher gesehen als der vielleicht schon bei diesem Bild, auf jeden Fall in der Folgezeit vom Schlaganfall gezeichnete und dennoch mit aller Kraft gegen seine körperlichen Beeinträchtigungen anmalende Maler Lovis Corinth in seiner Darstellung des Apostels von 1911 (s. unter "Kunst"). 

Andererseits: Paulus ist kein Scharfmacher. Er ruft nicht auf zum Kampf gegen Andere; er betreibt keine Mobilmachung. Vielmehr möchte er eine Minderheitengruppe, welche dir Christen zu seiner Zeit im römisch-griechisch-kleinasiatischen Kultruraum noch sind, davon abhalten, aufgrund von Nachteilen, Einschüchterungen oder auch tatsächlicher Lebensgefahr von dem Glauben abzulassen, den Paulus oder auch andere Missionare gebracht haben und von dessen Wahrheit er zutiefst überzeugt ist. Es geht ihm ja um ein Evangelium, dessen er sich "nicht schämt", wie er am Beginn des Römerbriefs schreibt (Römer 1,16) und dessen sich auch niemand schämen muss: Denn es kündet von der alles übersteigenden Liebe Gottes zum Menschen und fordert seinerseits zu selbstloser Liebe auf (vgl. Römer 13,10: "Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes."). Im Kapitel 8 des Römerbriefs fügt Paulus dieser Grundbotschaft nun noch hinzu, dass der, der sich auf dieses Evangelium einlässt, am Ende - trotz aller (glaubensbedingten) Leiderfahrungen in dieser Welt - am Ende nicht der Dumme ist, sondern auf der "Gewinnerseite" des Lebens stehen wird (s. Vers 37: "Doch in alldem tragen wir einen glänzenden Sieg davon durch den, der uns geliebt hat."). Paulus richtet sich mit seiner - wenn auch sehr euphorisch - formulierten Rede nicht gegen Andere, sondern will nach innen einen Schutzschirm gegen die von außen eindringenden Parolen derer aufbauen, für die das Christentum fremd oder gar der Bekämpfung wert erscheint.

 

"... weder Engel noch Mächte" (Vers 38)

Der Überblick verwies bereits auf die apokalyptische Vorstellungswelt, in der Paulus zumindest auch verwurzelt zu sein scheint. Dabei ist das achte Römerbriefkapitel keine Ausnahme. Möglicherweise denkt Paulus bei der auffallenden Rede von "Engel und Mächten" an den großen Hymnus von der Selbsterniedrigung Christi Jesu, den er einige Jahre zuvor im Philipperbrief anführt. Das Begriffspaar selbst fällt zwar nicht, dürfte aber bei "alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde" mit gemeint sein:

"9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters" (Philipper 2,9-11).

Und auch an 1 Korinther 15,24-27  ist zu denken, wenn Paulus im Blick auf die Hoffnung auf die Auferweckung am Ende der Zeiten eine Reihenfolge entwirft:

"24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 27 Denn: Alles hat er seinen Füßen unterworfen. Wenn es aber heißt, alles sei unterworfen, ist offenbar der ausgenommen, der ihm alles unterwirft."

In solcher Perspektive kann es keine wie auch immer denkbaren Mächte geben, die von der Liebe Christi trennen können, denn sie alle erweisen sich letztlich als dem Herrn Jesus Christus unter- und zugeordnet.

Nach Paulus wird übrigens in Kolosser 1,16 und Epheser 6,12 mit der Rede von den "Mächten und Gewalten" auf diese Texte zurückgegriffen. Die apokalyptische Sprache bleibt eine prägende bis hin zu den jüngsten Schriften des Neuen Testaments wie die Offenbarung des Johannes zeigt, die nicht zufällig auch unter dem Begriff "Apokalypse" bekannt ist.

Kunst etc.

Lovis Corinth, Der Apostel Paulus (1911), © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de
Lovis Corinth, Der Apostel Paulus (1911), © Bildarchiv Foto Marburg, www.fotomarburg.de

Aus allen Portraits des Apostels Paulus fällt das ikonenhaft empfundene Gemälde des vom Impressionisten zum Expressionisten sich wandelnden Lovis Corinth (1858 - 1925) aus dem Jahr 1911 am meisten auf. Einerseits ist Paulus mit den klassischen Details wie der hohen Denkerstirn und dem Werkzeug seines Martyriums (Schwert) dargestellt. Andererseits sieht man diesem Mann  die Strapazen seiner Missionsarbeit an, die an seinem Leib gezehrt haben. Vor allem aber gibt Corinth ihm geradezu fanatische Gesichtszüge. Dieser Paulus hat etwas Beschwörendes und Eindringliches. Obwohl sein Blick nach vorne gerichtet ist, schaut er den Betrachter nicht an, sondern durchbohrt ihn eher und blickt in eine andere Welt. Er ist ein Überzeugter, der für seine Überzeugung schon Vieles durchlitten hat und sich dennoch seiner Sache ganz sicher ist. Denn es ist die Sache Gottes. Für diese steht das Buch als Symbol der Heiligen Schrift, auf die Paulus sich immer wieder bezieht (Altes Testament) und in die er selbst mit seinen Briefen eingehen wird (Neues Testament).

Die Ausdruckskraft diese Bildes passt zu dem gewaltigen Schlusshymnus Römer 8,35-39, mit dem das achte Kapitel des Römerbriefs schließt, um sich in der großen Komposition Kapitel 9 - 11 einem neuen Thema zuzuwenden.

Man hört dem geöffneten Mund geradezu die beiden Fragen entfließen:

"Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?" (Vers 31)

und

"Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?" (Vers 35).