Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,18-23)

18Ich bin [nämlich] überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.

19Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes.

20Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin:

21Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.

22Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.

23Aber nicht nur das, sondern auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, auch wir seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden.

Überblick

Mit dem 15. Sonntag im Jahreskreis beginnt der Lektürezyklus eines insgesamt vierstrophigen Abschnitts aus dem Römerbrief (Römer 8,18-30), der am 17. Sonntag im Jahreskreis endet.

 

Einordnung der Lesung in ihren Zusammenhang

Nachdem Paulus bereits im 5. Kapitel des Römerbriefs mit der Gegenüberstellung von Christus und Adam eine Theologie der Hoffnung entwickelt hat (vgl. die Römerbrieflesungen am 11. und 12. Sonntag im Jahreskreis), nimmt er nun im 8. Kapitel einen zweiten Anlauf, der das Hoffnungspanorama auf den ganzen Kosmos hin erweitert.

Die entsprechenden Verse weisen eine klare Gliederung auf:

Vers 18: Ausgangsthese von der Bedeutungslosig des gegenwärtigen Leids                                gegenüber der zu erwartenden Herrlichkeit

Verse 19-22: Erläuterung auf die außermenschliche Kreatur hin

Verse 23-25: Erläuterung auf die menschliche Erfahrung im Glauben hin

Verse 26-27: Erläuterung auf die Erfahrung im Gebetsleben hin

Verse 28-30: Schlussargument: Gottes Vorausbestimmung der ihn Liebenden                                    zur Verherrlichung.

 

Die Verteilung auf die 3 Sonntage im Jahreskreis  gestaltet sich folgendermaßen:

Verse 18-23(!): 15. Sonntag im Jahreskreis

Verse 26-27: 16. Sonntag im Jahreskreis

Verse 28-30: 17. Sonntag im Jahreskreis.

 

Die Verbindung zwischen dem Lesungsabschnitt am vorigen (vierzehnten) Sonntag, in dem es um die Gegenüberstellung von "Fleisch und Geist" ging, und dem neu einsetzenden Abschnitt von heute zum Themenkreis "Leiden und Hoffnung", hat Paulus sehr geschickt mit dem der heutigen Lesung direkt vorangehenden Vers 17 "eingefädelt", der in der Leseordnung allerdings nicht vorkommt:

"Sind wir aber Kinder, dann auch Erben; Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir mit ihm leiden, um mit ihm auch verherrlicht zu werden" (Römer 8,17).

Das Leben gemäß dem "Geist" und die Absage an die Herrschaft des "Fleisches" (im Sinne der Gott-losigkeit) bedeuten für Paulus nicht eine "Vergeistigung" des Lebens. Dafür kennt er viel zu sehr, auch am eigenen Leibe, all die Nöte, die die irdische Existenz beschweren - natürlich auch gerade solche körperliche Qualen, die sich entweder mit der Bedrängnis von Christen verbinden konnten (Auspeitschung, Gefängnis u. ä.) oder mit den Mühen der Missionsreisen (Entbehrungen, Hunger und Durst, Kälte ohne Schutz etc). Zu dieser Dimension ("Leiden") leitet Paulus im zitierten Vers 17 mit der kleinen Seitenbemerkung "wenn wir mit ihm leiden" über, um sie im Folgenden (beginnend mit der heutigen Lesung) zum Hauptthema zu machen.

 

Vers 18: Die Ausgangsthese

Wie so oft setzt Paulus mit einer These ein: 

"Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll."

Allerdings wird hier das Thema "Leiden" aus Vers 17 ins Grundsätzlichste und Allgemeinste gehoben und zum Charakteristikum der "Gegenwart" erklärt, die im Gegensatz zu einer zu erwartenden Zukunft steht. Dabei ist die "Gegenwart" bei Paulus normalerweise definiert als die Zeit zwischen Tod und Auferstehung Jesu einerseits und seinem Wiederkommen in Herrlichkeit andererseits.  "Jetzt-Zeit" (griechisch: nỹn kairós, Einheitsübersetzung: "gegenwärtige Zeit") nennt Paulus sie (vgl. ebenfalls bereits Römer 3,26). In sie ordnet sich das Aushalten von Bedrängnis um des Glaubens willen ein, dem man nach Paulus allerdings angesichts der erhofften ewigen Herrlichkeit nicht so viel Gewicht zumessen sollte (vgl. 2 Korinther 4,17: "Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit ...").

Die Fortsetzung in vers 19 zeigt nun, dass Paulus dieses quasi kirchenspezifische "Leiden mit Christus" bzw. "Leiden um Christi willen" in ein sehr viel umfangreicheres Leiden der gesamten Natur (Schöpfung) seit ihrer Erschaffung einordnet. Es ist das Leiden der gesamten menschlichen wie vor allem nichtmenschlichen Kreatur an ihrer "Vergänglichkeit" (Vers 21) und "Schwachheit" (Vers 26, in der Lesung am kommenden Sonntag), an ihrer Begrenztheit, Vorläufigkeit und Unvollkomenheit. Theologisch kann man sagen: Es geht um das Leiden der Kreatur an ihrer Unerlöstheit, wobei Paulus im Folgenden auch der an sich stummen Natur zur Stimme verhilft und das Leiden an ihrer Jetzt-Zeit als "Seufzen" der Natur umschreibt - ein in ökologisch geprägten Zeit eher leicht zu vermittlender Gedanke. Aber auch hier gilt, dass all das geringer zu veranschlagen ist als die zu erwartende "herrliche" Zukunft bei der Wiederkunft Chisti.

Interessanterweise bleibt der Gegenbegriff zur "Jetzt-Zeit", nämlich die "Herrlichkeit", bei Paulus undefiniert und unerläutert. Sooft der Apostel von ihr spricht, ist lediglich erkennbar, dass sie ganz auf die Seite Gottes gehört. Vom hebräischen Ursprungswort kābôd her sind "Strahlglanz", "Bedeutsamkeit", "Macht" und "Fülle" mitzuhören. So sehr aber die "Herrlichkeit" auf die Seite Gottes gehört, so wenig reserviert er sie für sich, sondern möchte dem Menschen daran Anteil geben (vgl. bereits Ps 8,6: "... du [Gott] hast ihn [den Menschen] gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit."). Dazu ist der Mensch geradezu erschaffen, in die Strahlglanz-, Bedeutsamkeits- und Machtsphäre Gottes in ihrer ganzen Fülle mit hineingenommen zu werden - in völliger Ungebrochenheit. Der Neutestamentler Heinrich Schlier umschreibt diese Herrlichkeit als "die Macht und der Glanz des in Freiheit, Frieden und Freude ausbrechenden Lebens", und das alles "in der Kraft und Klarheit des Ansehens Gottes" (Heinrich Schlier, Der Römerbrief: Herder Theologischer Kommentar zum Neuen Testament VI. Freiburg  21977, S. 258). Es ist diese Herrlichkeit, die in der Auferweckung des getöteten Christus aufleuchtet und die auf jede und jeden wartet, der dieser Herrlichkeit Gottes traut.

Dabei haben die an Jesus Christus Glaubenden bereits Anteil an dieser Herrlichkeit (durch das mit Christus Begrabenwerden und Auferwecktwerden in der Taufe), aber sozusagen in einem verhüllten Modus, der der "Enthüllung" bedarf. "Enthüllung" ist aber nichts anderes als die Grundbedeutung des griechischen Wortes für "Offenbarung" (apokálypsis; vgl. im Text: "die an uns offenbar werden soll")

 

Vers 19: Die Sehnsucht der Schöpfung

Dieses ungebrochene Offensichtlichwerden und Erleben der Herrlichkeit  ist für Paulus die betimmende Sehnsucht der Christen, aber zugleich eine Sehnsucht, die die gesamte Schöpfung erfüllt, die Menschhheit wie die "auf den Menschen bezogene und mit seinem Geschick verbundene Gestamtschöpfung" (Schlier, a. a. O., S. 259). Das, was die "Söhne Gottes" - gemeint sind die an der durch die Taufe bewirkten Gottessohnschaft Jesu teilhabenden Frauen und Männer - erwarten und erhoffen, ist von solch gewaltiger Anziehungskraft, dass auf den Augenblick des Offenbarwerdens dieser Herrlichkeit auch die ganze übrige Schöpfung wartet. Dabei gibt es wohl für Paulus eine berechtigte Hoffnung für alle und alles, in diese Herrlichkeit einbezogen zu werden.

 

Verse 20-21: "Nichtigkeit" - "auf Hoffnung hin"

Diesen hoffnungsvollen Gedanken entfaltet Paulus in den Versen 20-21. Dazu beginnt er mit den bereits oben beschriebenen Leiden der Kreatur, die er nun im Begriff "Nichtigkeit" zusammenfasst. Zu ihr ist die Schöpfung einerseits von niemand anderem als Gott selbst verurteilt worden ("Gott" ist mitzuhören in der passivischen Formulierung : "ist der Nichtigkeit unterworfen [worden]" (sogenanntes göttliches Passiv), zum anderen aber ist es "der Mensch" - hebräisch: ʼadām/Adam -, der laut Paradieseserzählung diesen Schritt Gottes verursacht hat. Die Natur wird in Mithaftung für die Schuld des Menschen genommen - aber eben deshalb, weil es "unfreiwillig" geschieht, nicht aussichtlos, sondern "auf Hoffnung hin". Ihr soll dieselbe Aufhebung der "Nichtigkeit/Vergänglichkeit" zuteil werden, die Gott auch für den Menschen vorgesehen hat. Genau für diese Aufhebung der Vergänglichkeit des Menschen, die für Paulus mit dem alten Adam - nicht als historisch-biologischem Urvater, sondern als Typos des Menschen schlechthin - verbunden ist, hat Gott den "neuen Adam", Jesus Christus, gesandt (vgl. die Auslegungen zu Römer 5,12-15 am 12. Sonntag im Jahreskreis; außerdem 1 Korinther 15,45: "So steht es auch in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist."). In ihm hat Gott in seiner Schöpfermacht die Todesmacht endgültig überwunden - mit dem Ziel der Freiheit und Herrlichkeit aller "Kinder Gottes".

 

Verse 22-23: Das "Seufzen" der Schöpfung und des Menschen

Die letzten beiden Verse schlagen den Bogen von der Hoffnung noch einmal zurück auf den Jetzt-Zustand, den die Schöpfung als ganze wie auch der Mensch zunächst einmal auszuhalten und zu durchleben haben. Paulus predigt nicht Weltverleugnung und redet sich bzw. den anderen die Welt nicht schön. Aber er stellt die Gegenwart in einen viel größeren, strahlenderen Horizont, von dem her Licht auf alles fällt, was jetzt dunkel erscheint, und von dem her Kraft und Hoffnung zuwachsen können, die Gegenwart zu gestalten, in Bedrängnis Widerstand zu leisten oder  schlimmstenfalls Gewalt auszuhalten und ohne Verzweiflung zu ertragen.

Ohne dass es sofort auffällt, ist Vers 23 bereits der Beginn der nächsten Strophe (s. oben unter Einordnung und Aufbau des 8. Kapitels), insofern er den Blick von der nicht-menschlichen Schöpfung (Kreatur/Natur) auf den Menschen selbst lenkt. Verbunden sind beide Verse durch das Motiv des "Seufzens". Dass Paulus das ganz aus dem menschlichen Bereich herkommende Bild in personalisierender Weise auch auf die unbelebte Schöpfung überträgt und dabei ausdrücklich an den Geburtsschmerz der Frau erinnert hat, dürfte daran liegen, dass im Hintergrund seiner Darlegungen Genesis 3, die biblische Erzählung vom Sündenfall, steht. Dort wird der Frau gesagt: "Unter Schmerzen gebierst du Kinder" (Genesis 3,16; zum gesamten Kapitel Genesis 3 siehe unter Rubrik "Kontext"; zu seiner Bedeutung für Römer 8 s. unter "Auslegung"). Im übrigen ist die Vorstellung von der Erde als einem gebärenden Mutterschoß eine alte mythische Vorstellung, die auch im Alten Testament präsent ist und von Paulus zumindest als Bild offensichtlich übernommen werden kann (vgl. Psalm 139,15: "Dir waren meine Glieder nicht verborgen,/ als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde."; zur Verbindung von "Mutterschoß" und "Erdenschoß" vgl. auch die etwas "kurzschlüssigen" Formulierungen in Ijob 1,21 und Sirach 40,1, die von der Geburt als Hervorgang aus dem Mutterleib und dem Tod als der Rückkehr "dorthin" sprechen, wobei mit "dorthin" nur die Erde undnicht der Mutterschoß gemeint sein kann).

Auslegung

Das "Seufzen" der Schöpfung

Einerseits mag dem Menschen von heute der Gedanke an eine leidende Natur sofort einsichtig sein, wenn man in Zeiten des noch relativ jungen ökologischen Bewusstseins an Baumsterben, Gletscherschmelze, Austrocknung großer Landstriche der Erde etc. denkt, die zu einem großen Teil menschenverurasacht sind. Andererseits ist dieses Denken zu modern, um es schon als Hintergrund für die Argumentation des Paulus im 1. Jh. n. Chr. anzunehmen. Woher kommt also sein spezieller Blick auf die Schöpfung?

Die natürlich auch ihm bekannte Erfahrung der Sterblichkeit von Allem wie auch die Erfahrungen des mehr als anstrengenden Lebens im Einsatz für die Ausbreitung des Evangeliums (schlimmste Reisestrapazen, aber auch Anfeindung mit Auswirkungen wie Schlägen oder Gefängnis) reichen hierzu ebenfalls nicht aus. Paulus rechnet nicht einfach die eigenen persönlichen Erfahrungen auf die Schöpfung hoch. Vielmehr kennt er als jüdischer Gelehrter, der eine rabbinische Ausbildung genossen hat, die Schriftauslegung seiner Zeit, und auf die scheint er sich zu beziehen.

Sein theologischer Hintergrund dürfte vor allem die sogenannte apokalyptische Weltsicht sein, eine theologische Richtung, die sich ab dem 2. Jh. v. Chr. als Antwort auf die Bedrängung des Judentums durch die griechischen Eroberer und Landesherren entwickelt hat, die ab 40. v.Chr. ihre Nachfolger in den auch nicht gerade zimperlichen Römern fanden. Diese sog. Apokalyptik, die auf Sehergestalten mit besonderem "Einblick" in die himmlischen Vorgänge und damit in die Welt Gottes setzte (z. B. Daniel im Alten Testament und der Johannes der Offenbarung im Neuen Testament), betrachtet die gesamte Geschichte von der Schöpfung bis zu ihrem von Gott gesetzten Ende (das man in absehbarer Zeit erwartet). Neben den beiden biblischen Büchern (Daniel und Offenbarung) hat die Apokalyptik dazu vielfältige Literatur außerhalb der Bibel hervorgebracht, u. a. das 4. Esrabuch, das auch seherische Begabung voraussetzt.. Auch wenn es etwas nach Paulus entstanden sein dürfte (ausgehendes 1. Jh. n. Chr.), gibt es wohl im Judetum bereits vertraute Lehren wieder. U. a. kann man dort als Mitteilung des Engels Uriel lesen:

"Als aber Adam meine Gebote übertrat, wurde das Geschaffene gerichtet: Da wurden die Zugänge in dieser Welt eng, leidvoll und beschwerlich, wenig und böse, voll von Gefahren und mit großen Nöten behaftet" (4 Esra 7,11-12).

Parallel dazu heißt es im jüdischen Talmud:

"Obwohl alle Dinge in ihrer Fülle geschaffen worden waren, so wurden sie, nachdem der erste Mensch gesündigt hatte, verschlechtert, und sie werden auch nicht eher zu ihrer (ursprünglichen) Verfassung zurückkehren, als bis der Messias kommen wird" (GenesisRabba 12 [8d]).1

Mit anderen Worten: Hinter der Sicht des Paulus, mit der er sich zunächst einmal in das apokalyptische Weltbild einschreibt, steht die jüdische Auslegung des Sündenfalls, wie er in Genesis 3 erzählt wird (zum biblischen Text s. unter "Kontext"). Der Griff nach der Frucht des Baumes der Erkenntnis, mit welcher der Mensch "wie Gott" werden möchte (Genesis 3,5) und doch nur zur beschämenden Erkenntnis gelangt, "nackt" dazustehen (Genesis 3,7) - dieser Griff hat Folgen:

"Weil du ... von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. 18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen" (Gen 3,17-18).

Die Schöpfung wird unfreiwillig aus ihrem paradiesischen Zustand reinen Gebens und Lebens in einen Zustand der Vorenthaltung versetzt, dem der Mensch mühsam das Lebensnotwendige durch Arbeit abtrotzen muss. Die Verfluchung des Erbodens "deinetwegen", also des Menschen wegen, klingt vermutlich in Römer 8,20 nach. Denn dieser Vers lautet in wörtlicher Übersetzung:

"Denn der Nichtigkeit wurde die Schöpfung unterworfen, nicht freiwillig, sondern dessentwegen, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin".

Es scheint, dass in diesem in der Exegese viel diskutierten Vers zwei Aussagen miteinander verschmolzen werden:

- die Verantwortung des Menschen für die "Nichtigkeit" der Schöpfung, die sozusagen in "Mithaft" genommen wird, so dass man sagen könnte: Der Mensch hat die Schöpfung "unterworfen";

- der Glaube, dass kein anderer der Letzthandelnde ist als Gott selbst: Er hat die Schöpfung "unterworfen", aber von ihm und nur auf ihn hin gilt: "auf Hoffnung hin".

Paulus unterscheidet offensichtlich zwischen dem Menschen als dem, der für sein Tun Verantwortung trägt, - wobei interessanterweise die Religion bzw. der Glaube keine Rolle spielt (das ist das Thema von Römer 1 - 3) - und der übrigen Schöpfung. Beide kommen aber zusammen in ihrer Sehnsucht nach Befreiung aus ihren Banden. Dabei vertritt Paulus eine Sicht, die heutigem Denken vermutlich eher widerspricht, damit aber nicht falsch sein muss, sondern eher zur kritischen Anfrage an die Gegenwart wird:

Nach Paulus geht der Mensch nicht ein in ein allgemeines Zustreben der Natur in einen Zustand der endgültigen "Herrlichkeit", wie Paulus ihn nennt. Vielmehr nimmt die ganze Schöpfung teil an einem einem Befreiungs-/Erlösungs-Handeln Gottes, das zunächst dem Menschen gilt. Die Aufhebung des Todes für die, die letztlich in Adam die Verantwortung  für diesen Tod haben, den sie in sich tragen, ist die eigentliche Verherrlichung. Deshalb kann Paulus formulieren:

"Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes" (Römer 8,21).

1

Kunst etc.

Sainte-Chapelle/Paris, Brandgemalte Glasfenster der Oberkapelle, Photo: Hardscarf (3.2.2019), CC Attribution International 4.0
Sainte-Chapelle/Paris, Brandgemalte Glasfenster der Oberkapelle, Photo: Hardscarf (3.2.2019), CC Attribution International 4.0

"... im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Vers 18)

Unter "Überblick" wurde bereits festgehalten, dass Paulus selbst den Begriff "Herrlichkeit" als das alles übersteigende Gegenbild zu den einengenden und Leiden verursachenden Erfahrungen in der irdischen Gegenwart unbestimmt lässt. Letztlich ist die Erfahrung der "Herrlichkeit" nichts anderes als die nicht vorwegnehmbare Erfahrung dessen, was Auferstehung von den Toten und das sich damit verbindende Leben bei Gott meint. Sie ist aber nicht nur reine Zukunft, sondern als Glaubenswirklichkeit auch jetzt schon durch alle Verhüllung hindurch wirksam und vielleicht auch erfahrbar.

Der Gotik war es ein Anliegen, diese Erfahrung ins sinnlich Erlebbare zu übertragen. Am vollendetsten ist es ihr wohl in der Pariser Sainte Chapelle (1244 - 1248) gelungen. In Vollkommenheit ist der Grundgedanke der Auflösung der Mauer in die reine lichtdurchlässige Transparenz umgesetzt, so dass der Mensch im Erleben des Raums in seiner  irdischen Existenz aufgehen kann in einen mystischen, auf den Schöpfer und Erlöser verweisenden Farbraum. Ein Erfahrungsraum für das, was Paulus mit "Herrlichkeit" umschreibt - schon jetzt, und ganz ohne Worte!