Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (1 Kor 2,1-5)

1Auch ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden.

2Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten.

3Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch.

4Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden,

5damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.

Überblick

„Ich kam in Schwäche und Furcht, zitternd und bebend“. Wie Paulus das Geheimnis des Kreuzes weitergibt.

1. Verortung im Brief
Nach dem Anschreiben („Präskript“) des 1. Korintherbriefs (1 Kor) und der Vorrede („Proömium“) befinden wir uns im Hauptteil des Briefes („Briefkorpus“). Paulus, der die Gemeinde von Korinth gegründet hat (50/51 n. Chr.), nimmt darin Bezug zur aktuellen Situation der Gemeinde, mit der er in einem regen Austausch steht. Bis zu einem neuerlichen Besuch, bleibt das Medium des Briefes ein wesentliches Mittel, um auf Fragen und Herausforderungen der jungen christlichen Gemeinde einzugehen. In dem in Ephesus verfassten Brief (ca. 54 n. Chr.) findet Paulus tröstende, ermahnende und klarstellende Worte und bringt sich selbst als Apostel und die Botschaft des Evangeliums in Erinnerung. Das erste Thema des Briefes sind Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde. Ihnen begegnet Paulus unter anderem mit dem Hinweis auf die einzigartige und allein aussagekräftige Botschaft des Kreuzes. Sie muss im Mittelpunkt der Gemeinde stehen und den Maßstab für alles Tun und Verkündigen bilden, insofern sie sich durch eine andere Form der „Weisheit“ auszeichnet. 
Der Abschnitt 1 Kor 2,1-5 nimmt hierbei die Verkündigung durch den Apostel in den Blick. Unmittelbar zuvor hatte Paulus die Gemeinde und ihre Berufung thematisiert (1 Kor 1,26-31). Diese beiden Abschnitte sind inhaltlich stark verbunden.

 

 

2. Aufbau
Die Verse sind eng miteinander verzahnt. Unterscheiden kann man die von Paulus benannte „Absichtserklärung“ (Verse 1-2) seiner Verkündigung an die Korinther. Sowie die Beschreibung seiner inneren Disposition (Vers 3) und seine „Selbstauskunft“ zur Form der Verkündigung (Verse 4-5).

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Paulus stellt eindeutig sich und seine Verkündigung in den Mittelpunkt der Argumentation. Zunächst geht es ihm darum, den Christen in Korinth die Absicht seines Zeugnisses nahe zu bringen. Im Zentrum seines Handelns stand nicht die „glänzende Rede“ oder die „gelehrte Weisheit“, sondern „das Geheimnis Gottes“. Paulus unterscheidet hier vor allem im Hinblick auf den Zweck; auf die Mittel wird er später noch kommen (Verse 4-5). Der Fokus der Verkündigung ist die Botschaft von Jesus Christus, als dem Gekreuzigten. Dass Paulus an dieser Stelle – anders als in 1 Kor 15,1-5 – die Auferstehung nicht erwähnt, liegt auf der Linie der vorangegangenen Argumentation (1 Kor 1,18-25). Dort hatte er das Kreuz als das Zeichen identifiziert, an denen sich für die einen Rettung, für die anderen aber Verlorenheit ereignet. Die Verkündigung des Gekreuzigten ist der Kristallisationspunkt in den Auseinandersetzungen der Gemeinde und dieser darf nicht durch die Mittel oder andere Zwecke in den Hintergrund gedrängt werden (vgl. 1 Kor 1,17).

 

Vers 3: Paulus beschreibt sein eigenes Auftreten in der Gemeinde von Korinth. Er wählt dabei sicher ganz bewusst Worte, die in zwei Richtungen weisen. Zum einen sind die Motive Furcht, Zittern und Beben in der biblischen Sprache klassisch verbunden mit einer Erscheinung oder dem Empfang einer Offenbarung (Exodus 20,18; Matthäusevangelium 28,1-4). Zum anderen verweist die angesprochene Schwäche auf das zuvor benannte Erwählungshandeln Gottes an den Korinthern: „das Schwache in der Welt hat Gott erwählt“ (1 Kor 1,26-27). So reiht sich Paulus in die lange Kette von Empfängern einer Gottesoffenbarung ein und stellt sich zudem in eine Reihe mit den Christen in Korinth.

 

Verse 4-5: Abschließend benennt der Apostel die Mittel seiner Verkündigung. Paulus distanziert sich in einem ersten Schritt von einer „Überredungskunst“, der es darum geht, die Zuhörer aufgrund einer gewandten Rhetorik für die eigene Sache zu gewinnen. Sein Mittel ist eine Verkündigung, die sich auf Beweise stützt. Diese Form gilt in der antiken Rhetorik als stärkste Argumentationslinie. In einem zweiten Schritt gibt er den Grund für seine „Wahl der Argumentation“ an: Die Überredungskunst basiert auf menschlichem Vermögen („Weisheit“) und stellt dieses in den Vordergrund. Die Verkündigung aufgrund von „Erweisen“ jedoch baut ihre Kraft im Falle des Paulus auf Gott selbst auf. Denn „Geist und Kraft“ kommen aus Gott und werden sichtbar in der Annahme des Evangeliums durch die Korinther. Die Tatsache, dass die Korinther ihre Herzen für die Botschaft des Gekreuzigten öffnen, ist für Paulus sowohl Ergebnis seiner Verkündigung als auch Beweis des Wirkens des Heiligen Geistes und damit „Kraft Gottes“. Paulus verkündet, aber seine Worte entfalten ihre Wirkung nur durch Gottes Geist, der in den Korinthern wirkt.

 

Auslegung

Die Art und Weise des Auftretens des Paulus entspricht der ganz eigenen Logik des Kreuzes. Das Kreuz entfaltet seine eigene Kraft und bleibt doch Geheimnis – in diesem gedanklichen Spannungsbogen verkündet Paulus den zentralen Moment des christlichen Glaubens und spiegelt in seinem Wirken ebendieses Spannungsfeld wieder. Nur so sind Botschaft und Botschafter für ihn überzeugend, wenn sie kongruent, d.h. Form und Inhalt fallen zusammen.

Die Kraft des Kreuzes besteht in der Erlösung, die sich in der Hingabe Jesu Christi, des Sohnes Gottes ereignet. Das Kreuz schenkt Rettung, so versucht Paulus den Korinthern deutlich zu machen (vgl .1 Kor 1,18). Der Tod Jesu am Kreuz ist ein Tod „für“ die Menschen, weil er die Schuld tilgt und neues Leben ermöglicht. Weil die Kraft des Kreuzes mit Christus als dem Gekreuzigten untrennbar verbunden ist, muss auch dessen Verkündigung im Fokus stehen und nicht die Frage danach, wer was auf welche Weise verkündet (1 Kor 1,13). Für diese Botschaft setzt Paulus all seine eigene Kraft und Energie ein. Er wird nicht müde den Korinthern davon zu erzählen und sie an diesen Kernpunkt des Glaubens zu erinnern. Dabei setzt er aber eben nicht auf „gewandte und kluge Worte“, sondern auf die Aussage, die das Kreuz als Zeichen des Heils in sich selbst birgt.

In gleicher Weise wie es Kraft ausstrahlt, ist das Kreuz für Paulus aber zugleich Geheimnis. Denn um seine Wirklichkeit zu erkennen und seine Stärke zu ermessen, braucht es mehr als ein äußeres „Sehen“. Das Kreuz als Symbol des Todes spricht nicht für jeden aus sich selbst heraus. Entsprechend ist es für die Juden ein Ärgernis und für die Heiden Torheit (1 Kor 1,23). Nur im Geist Gottes und damit als Menschen, die auf Gottes Ruf hören und sich nach ihm sehnen, ist das Kreuz Kraft und Weisheit. Wer mit Gott verbunden ist und an Christus als seinen Sohn glaubt, der versteht das Geheimnis des Kreuzes, die Botschaft hinter dem vordergründigen Zeichen eines schändlichen Todes. Und eben dieser zweite Blick lohnt auch bei Paulus, als Apostel der Korinther. Er kommt „in Schwäche und in Furcht“ und trägt seine Überzeugung „zitternd und bebend“ vor. Für manche ist er daher in seiner Rolle als Autorität in der Gemeinde und Zeuge einer Rettungsbotschaft unglaubwürdig. Doch was nach Schwäche aussieht, ist die Stärke des Paulus. Er ist selbst überwältigt von dem Geheimnis des Kreuzes, von Christus, der ihn bei Damaskus in seine Nachfolge ruft. Weil er aus dem Geheimnis heraus lebt und immer noch vor ihm erbebt, entfaltet seine Verkündigung eine Authentizität, die ihn für die Gemeinde unverzichtbar macht.

Kraftvoll und verborgen zugleich, schwach und doch voll innerer Kraft – an Paulus selbst wird offenbar, was das Geheimnis das Kreuz ausmacht.