Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 4,1-11)

41Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden.

2Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.

3Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.

4Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.

5Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel

6und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift:

Seinen Engeln befiehlt er um deinetwillen, / und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, / damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.

7Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.

8Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht

9und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.

10Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.

11Darauf ließ der Teufel von ihm ab und siehe, es kamen Engel und dienten ihm.

Überblick

„Wenn du Gottes Sohn bist“ – Wenn selbst der Teufel an dich glaubt, ist entscheidend, was du draus machst!

1. Verortung im Evangelium
Mit der Erzählung von der Versuchung Jesu in der Wüste endet im Matthäusevangelium (Mt) der „Vorbericht“ zum öffentlichen Wirken Jesu, dass mit Mt 4,17 beginnt und zudem mit Mt 4,12-16 übergeleitet wird. In den Kapiteln 1-3 hatte der Evangelist Matthäus zuvor die Herkunft Jesu als Gottes Sohn „erklärt“ und in den Episoden rund um Geburt, Verehrung durch die Sterndeuter, Flucht nach und Rückkehr aus Ägypten durch Gottes beständiges Wirken darin bestätigt. Mit Mt 3,1-12 hatte der Fokus auf Johannes den Täufer gewechselt, der das Kommen eines Stärkeren ankündigte und diesem zugleich durch seinen Ruf in die Umkehr den Weg bereitete. Mit der Erzählung von der Taufe Jesu wird Jesus als Sohn Gottes bestätigt und für die Leser des Evangeliums als der identifiziert, den Johannes angekündigt hatte. Die beiden Erzählungen von der Taufe Jesu und seiner Versuchung in der Wüste sind inhaltlich eng miteinander verbunden. In beiden spielt die Gottessohnschaft Jesu und sein Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes eine große Rolle.

 

 

2. Aufbau
Die Erzählung wird durch eingeleitet durch eine Situationsangabe (Verse 1-2). In den Versen 3-10 wird in drei Episoden berichtet, wie der Teufel Jesus in Versuchung führt (Verse 3-4, 5-7 und 8-10). Vers 11 rahmt die Versuchungsgeschichte, indem das Ablassen des Teufels und die Bestätigung der Gottessohnschaft geschildert werden.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Verse 1-2: Der „Geist“, der Jesus in die Wüste führt, verbindet die Versuchungsgeschichte mit der vorangegangenen Episode der Taufe Jesu (Mt 3,16). Diese Verknüpfung wird im griechischen Text verstärkt durch den parallel gestalteten Eingangssatz (3,13 und 4,1), was in der Übersetzung so nicht zum Ausdruck kommt.
Die Zeitangabe des Aufenthalts Jesu in der Wüste (40 Tage und 40 Nächte) ruft verschiedene biblische Bezugsgeschichten in Erinnerung: Die 40 Jahre des Wüstenaufenthalts des Volkes Israel (Deuteronomium 8,2-4), die 40 Tage und 40 Nächte, die Mose auf dem Sinai verbrachte (Exodus 34,28) und die Wanderung des Elija zum Gottesberg Horeb (1. Buch der Könige 19,8). Wichtiger als die Identifizierung einer konkreten Anspielung ist für die Versuchungsgeschichte die „Färbung“, die entsteht. Der Aufenthalt Jesu in der Wüste erinnert an andere Erzählungen, in denen das Volk Israel oder Propheten ihre Beziehung zu Gott auf eine besondere Weise erleben – aber auch auf die Probe gestellt finden. Dass Matthäus bewusst an diese Erzählungen anknüpft zeigt sich unter anderem darin, dass er – anders als die Evangelisten Markus und Lukas – von 40 Tagen und 40 Nächten spricht.
Die Zeit des Fastens Jesu in der Wüste ist aufgrund ihrer Stellung zwischen Taufe und Beginn des öffentlichen Wirkens als Vorbereitungszeit ausgewiesen.

 

Verse 3-4: Matthäus ergänzt nicht nur die 40 Nächte gegenüber den Evangelisten Lukas und Markus, er verschiebt auch den Zeitpunkt, an dem der Teufel an ihn herantritt. Bei ihm tritt der „Versucher“ erst nach Ablauf der 40 Tage und Nächte an Jesus heran, dann also, wenn der Hunger und die Not entsprechend groß geworden sind. Die einleitenden Worte des Teufels zur ersten Episode („wenn du Gottes Sohn bist“) sind nicht konditional gemeint, es geht dem Teufel nicht um die Frage „ob“ Jesus der Sohn Gottes ist. Vielmehr sind die einleitenden Worte eine Voraussetzung für die Anfragen, die der Versucher an Jesus richtet. Jesus soll seinen Hunger (Vers 2) stillen, indem er die ihm anvertraute Macht zu seinen Gunsten nutzt. Der entscheidende Punkt in dieser und den folgenden Versuchungen ist die Frage danach, in wie weit Jesus seine Macht ausnutzt und sein Vertrauen gegenüber dem Vater in Frage stellt. Wegweisend sind hierfür die Urheber der jeweiligen Situationen: Jesus ist in der Wüste, weil ihn der Geist und damit Gott hineingeführt hat. Es entspricht also dem Willen des Vaters, diese Zeit ohne Nahrung als Vorbereitungszeit auf das kommende Wirken zu durchleben. Zugleich weiß Jesus, dass der Vater sich immer um ihn sorgt – die Leser des Evangeliums haben dies sogar in den ersten Episoden schon „erlebt“ (Rettung vor Herodes). Die Situation, in die der Teufel Jesus nun hineinführt, ist nicht dem Willen Gottes entsprungen, gibt Jesus den Verlockungen des Versuchers nach, wendet er sich um seiner selbst willen gegen den Vater und vertraut mehr sich selbst als der Fürsorge Gottes.
Die Antwort Jesu ist entsprechend passgenau. Das Entscheidende ist das, was von Gott kommt, sein Wort und seine Weisung. Ganz bewusst legt der Evangelist Matthäus Jesus hier das ausführliche Zitat aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 8,3) in den Mund (anders als Lukasevangelium 4,4). Das „Wort aus Gottes Mund“ und damit der Wille Gottes ist das, was das Leben erhält. Wenn Jesus die Steine nicht in Brot verwandelt, bleibt er dem Willen Gottes treu.

 

Verse 5-7: In der zweiten Episode entrückt der Teufel Jesus auf den Tempel in Jerusalem und nimmt ein Schriftzitat zu Hilfe, um Jesus zum Missbrauch seiner Macht einzuladen. Das Zitat aus Psalm 91 gibt die feste Hoffnung des Beters wieder, dass Gott sich um ihn sorgt und Engel sendet, die ihn vor allem Unheil bewahren. Selbstverständlich lebt Jesus aus dieser Gewissheit heraus und gibt dieses Vertrauen in Gottes Fürsorge in seiner Verkündigung weiter (vgl. Mt 6,30-32). Zugleich ist diese Fürsorge nicht provozierbar oder ausnutzbar, wie Jesus wiederum mit einem Zitat aus dem Buch Deuteronomium kontert (Dtn 6,16).
Mit der zweiten Episode schlägt der Evangelist einen Bogen hin zur Passionserzählung. Dort wird Jesus den Jünger zurechtweisen, der sich den Soldaten entgegenstellen will, die Jesus verhaften. Er hält dem Jünger entgegen, dass er ohne Weiteres seinen Vater um Beistand in Form von Engelslegionen bitten könnte (Mt 26,53). Jesus ruft diesen Beistand jedoch nicht herbei, weil er seine Macht nicht für sich selbst und zu seiner eigenen Rettung einsetzt.

 

Verse 8-10: Die dritte und letzte Episode zwischen dem Versucher und Jesus hat zum Ziel, Jesus mit dem Ausblick auf mögliche Macht und Herrschaft zur Verehrung des Teufels zu verführen. Auch hier antwortet Jesus mit einem Zitat aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 6,13).
Zwei Beobachtungen sind an dieser Szene interessant. Zum einen kann einem die Szene auf dem Berg hier durchaus das Ende des Evangeliums in Erinnerung rufen. Auch dort steht Jesus auf einem Berg. Als Auferstandener verkündet er seinen Jüngern dort, dass ihm alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben ist (Mt 28,18). Die dort proklamierte Macht, die er vom Vater bekommen hat, umfasst weit mehr als der Teufel ihm geben kann, der nur die Reiche der Welt anbietet. Zum anderen wird mit dem Begriff „Satan“, den Jesus in seiner Antwort verwendet, noch einmal ein Bogen zum Leiden Jesu gespannt. Denn als Petrus in unmittelbarer Folge der ersten Ankündigung von Leiden und Auferstehung zu Jesus sagt: „Das darf nicht mit dir geschehen!“ (Mt 16,22), antwortet Jesus ähnlich wie in Mt 4,10 mit „Tritt hinter mich, du Satan!“ (Mt 16,23). Petrus und der Versucher werden mit ähnlichen Worten getadelt, weil sie Jesu Weg infrage stellen oder ihn von ihm abhalten wollen, von dem Weg, der dem Willen des Vaters entspricht.

 

Vers 11: Das Machtwort Jesu hat Erfolg, der Teufel weicht davon. An seine Stelle treten nun Engel, die Jesus dienen, womit in Erinnerung an 1. Buch der Könige 19,5-8 wohl das Stillen des Hungers gemeint sein dürfte. Damit wird Jesus von Gott das geschenkt, wozu ihn der Teufel anstiften wollte: Gottes Fürsorge zu provozieren und die eigene Not selbstmächtig zu stillen. Das „Dienen der Engel“ bekräftigt aber nicht nur die Glaubwürdigkeit der Antworten Jesu zuvor. Es weist auch auf Jesu Würde als Gottessohn hin, den die himmlischen Mächte nicht nur umsorgen, sondern dem sie dienen.

Auslegung

Die ersten Worte des Versuchers in dieser Erzählung geben das Verständnis für das Geschehen vor: „Wenn du der Sohn Gottes bist“, spricht der Teufel zu Jesus und lädt ihn sodann ein, aus seiner Kraft und Macht als Gottes Sohn heraus zu handeln. Der Teufel, so stellt es der Evangelist Matthäus dar, hat keinen Moment einen Zweifel daran, dass dieser Mann in der Wüste mit göttlicher Vollmacht ausgestattet ist. Daher wird es in den drei Episoden, in denen Jesus auf die Probe gestellt wird, nicht darum gehen, die Gottessohnschaft zu beweisen. Vielmehr geht es darum zu zeigen, dass Jesus sie in der richtigen Weise ausübt. Es gilt zu zeigen, dass er nicht nur Sohn Gottes genannt wird, sondern wirklich wie der Sohn Gottes handelt.
Was für die Sendung und sein Leben als Gottes Sohn wichtig ist, hatte der Evangelist zuvor in der Erzählung von der Taufe Jesu schon einmal eingeflochten. Es geht um das Handeln in Gerechtigkeit (Mt 3,15). Und dieses manifestiert sich im Leben nach dem Willen Gottes, der in den Weisungen der Gesetze und den Worten der Propheten festgehalten ist. Um diesen Willen Gottes zu erfüllen, ist Jesus gekommen (Mt 5,17). Und er wird den Willen Gottes in seinem öffentlichen Wirken den Menschen nahebringen, indem er vom Himmelreich erzählt, indem er Kranke heilt, indem er den Kern der Weisungen Gottes offenlegt (vgl. die Antithesen in Mt 5,21-48). Jesus lebt als Gottes Sohn, in dem er dem Willen Gottes folgt, oder um es mit einem abgenutzten Begriff zu beschreiben, indem er gehorsam ist gegenüber den Weisungen Gottes. Dass dieser Gehorsam Gott gegenüber nicht blind erfolgt, dass es nicht einfach nur um ein Befolgen von Weisungen geht, die in sich keinen Sinn machen, dass macht die Versuchungsgeschichte deutlich. Denn Weisungen, deren Sinn nicht erkannt wird, oder denen man nur Folge leistet, weil es sich eben um Weisungen handelt, solche Gebote lassen sich leicht über Bord werfen, wenn die Freiheit zum eigenmächtigen Entscheiden lockt. Genau das möchte der Versucher provozieren. Ihm geht es darum Jesus aus der Treue zu Gott und dessen Geboten herauszulocken. Leistet Jesus Gottes Willen nur Folge, lebt er Gerechtigkeit nur, weil es sich um eine Anforderung an ihn handelt? Ist Jesus mit der Freiheit, selbst über seine Macht, über seine Situation, über seine Bedürfnisse zu entscheiden herauszulocken aus einem oberflächlichen Gehorsam?

Die Antwort ist eindeutig – Jesus lebt die Gerechtigkeit nicht nur, weil es eine Weisung ist, die er sich angelesen oder die er übernommen hat. Er lebt die Gerechtigkeit, weil er als Gottes Sohn den Willen Gottes auf eine Weise versteht, wie niemand sonst. Und Jesus ist auch nicht damit zu locken, mehr Macht oder Freiheit, oder mehr Selbstbestimmung zu erhalten. Er weiß, dass es keine größere Freiheit gibt als jene, die Gott schenkt. Er vertraut darauf, dass niemand besser für ihn sorgt als der Vater. Und er weiß, dass die wirkliche Macht darin besteht, sie nicht zum eigenen Nutzen zu verwenden. Wenn Jesus seine Vollmacht als Gottes Sohn ausübt, dann um anderen zu helfen, ihre Not zu lindern (Brotvermehrung), sie zu befreien (Dämonenaustreibungen). Für sich selbst aber verwendet er seine Macht nicht, weder um Legionen von Engeln zu Hilfe zu holen (vgl. Mt 26,53) noch um dem Kreuz zu entfliehen (vgl. Mt 27,40).

Am Ende der Versuchungserzählung steht damit die Bestätigung dessen, was der Teufel selbst nicht Frage stellte: Jesus ist Gottes Sohn. Und damit fasst sie ins Bild und macht verständlich, was in der Tauferzählung durch die himmlische Stimme gesagt wurde: Jesus ist der Sohn Gottes, der getragen von der Liebe des Vaters den Menschen das Himmelreich eröffnet.

Kunst etc.

Das Mosaik aus San Marco in Venedig aus dem 12. Jahrhundert zeigt wie in einer Art Comic, die einzelnen Episoden der matthäischen Versuchungsgeschichte. Allein die Größenverhältnisse zwischen Jesus und dem Versucher sollen dem Betrachter hier deutlich machen, dass nie in Frage steht, wer hier der Mächtigere und Größere ist.