Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Jes 55,10-11)

10Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt / und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, / dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,

11so ist es auch mit dem Wort, / das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, / ohne zu bewirken, was ich will, / und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Überblick

Was haben Regen und das Wort Gottes gemeinsam? Sie bringen eine entscheidende Veränderung.

 

1.       Verortung im Buch

„Eine Stimme sagt: Rufe! Und jemand sagt: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist wie das Gras und all seine Treue ist wie die Blume auf dem Feld.  Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des HERRN darüber weht. Wahrhaftig, Gras ist das Volk. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit,“ (Jesaja 40,6-8) auf diese Worte antworten die Verse der Lesung und zusammen umrahmen sie den als Deuterojesaja („Zweiter Jesaja“) bezeichneten Textabschnitt Jesaja 40-55. Die zentrale Aussage darin ist, dass das „Wort unseres Gottes“ sich durchsetzen wird und dass er bereit ist seinem Volk zu vergeben: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass sie vollendet hat ihren Frondienst, dass gesühnt ist ihre Schuld, dass sie empfangen hat aus der Hand des HERRN Doppeltes für all ihre Sünden!“ (Jesaja 40,1-2). Gegen Zweifel, dass JHWH sich aufgrund der Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier gegenüber deren Göttern als unterlegen erwiesen habe, wird in Jesaja 40,12-48,19 die Einzigartigkeit JHWHs als Schöpfergott hervorgehoben, der dann sein Volk in Jesaja 48,20-55,13 zum Auszug aus dem Exil auffordert. Das entscheidende Gotteswort ist Jesaja 48,20: „Zieht aus Babel aus, flieht aus Chaldäa! Verkündet es jauchzend, lasst dies hören, tragt es hinaus bis ans Ende der Erde! Sagt: Der HERR hat seinen Knecht Jakob ausgelöst.“ 

 

2.       Aufbau

Der Abschnitt Jesaja 55,6-11, aus dem die Verse der Lesung stammen, kann als Rekapitulation der Botschaft des Abschnittes Jesaja 40-54 gelesen werden: das hier aufgezeichnete prophetische Wort ist wirksam, es wird das bewirken, was es verkündet (Verse 10-11), aber es funktioniert nicht nach normalen menschlichen Berechnungen (Verse 8-9). Die entscheidende Zusage wird bereits am Anfang dieses Abschnittes gegeben: „Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ (Vers 6). 

Die Verse der Lesung sind eine Vergleich, in dem zwei eigentlich völlig unterschiedliche Vorgänge, einerseits Regen und Schnee (Vers 10) und andererseits das Wort Gottes (Vers 11), in eine erläuternde Verbindung gebracht werden. 

 

3.       Erklärung einzelner Verse

Vers 10: Der Vergleichspunkt ist die Fruchtbarkeit, die der Regen und der Schnee bringen. Es geht um deren Wirkung: die Ermöglichung von Leben für eine Gesellschaft, die von der Landwirtschaft abhängig ist. Dies ist zielgerichtet: Der Regen und der Schnee fallen vom Himmel, und kehren dorthin nicht zurück, bevor ihr Ziel nicht erreicht ist. In der Aussage, dass sie zum Himmel zurückkehren, zeigt sich, dass der mit dem Phänomen der Kondensation und Verdunstung vertraut war.

Vers 11: Dass das Wort Gottes zu ihm zurückkehrt, ist auf den ersten Blick eine wunderliche Idee. Doch das Wort ist hier nicht primär mit seinem Inhalt verbunden, sondern es ist ein wirkendes Wort – das was Gott spricht, geschieht. Dieses Konzept wird erhellt durch einen Blick auf Psalm 35,15: „Ich aber zog ein Bußkleid an, als sie erkrankten, und quälte mich ab mit Fasten. Nun kehre mein Gebet zurück in meine Brust.“ Der Beter zieht sein Bittgebet zurück, damit es keine Wirkung entfalte, da es von den Erkrankten mit Feindschaft vergolten wurde. In Vers 11 geht es nicht allein um die Zusagen Gottes, sondern um die Wirkung seines Wortes.

Auslegung

Ein Prophet sagt nicht die Zukunft voraus, sondern er kündigt an. Dies ist ein entscheidender Unterschied. Der Prophet kennt die Zukunft nicht, sondern nur Gottes Willen. Und dies drückt sich in seinem Wort aus, das der Prophet verkündet. Das Wort selbst ist eine Wirkmacht – doch im Munde des Propheten ist es scheinbar machtlos. Denn ein Prophet selbst, ohne institutionelle Bindung innerhalb eines menschlichen Machtgefüges, stellt der Welt nur sein Wort entgegen; er selbst bewirkt nichts. Da aber Gott, wie Jesaja 40-55 entfaltet, der allmächtige Schöpfergott ist, hat auch sein Wort eine schöpfende Kraft, der sich nichts in den Weg stellt – fast nichts … denn der Mensch muss sich diesem Wort gegenüber Verhalten: „Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ (Vers 6). Der Wille Gottes setzt sich durch – die Frage ist nur, ob mit oder gegen die Menschen.

Das Buch Jesaja macht in diesem Kontext auf einen grundlegenden Unterschied zwischen den menschlichen Absichten und Gottes Plänen aufmerksam. Im Alten Testament ist häufig davon die Rede, dass Gottes Wege unergründlich und verborgen sind; aber Gottes Wege führen unabdingbar zum von ihm gewünschten Ziel. Die Aufforderung „Sucht JHWH, jetzt, da er sich finden lässt!“ ist daher nicht nur eine trostspendende Zusage, sondern sie ist zugleich auch eine Mahnung. Das Alte Testament legt Zeugnis davon ab, dass Gott auch fern von seinen Gläubigen sein kann. Er ist nicht nur eine rettende Hilfe, sondern auch ein bestrafender Richter. Die Aufforderung „Sucht JHWH, jetzt, da er sich finden lässt!“ besagt nicht, dass Gott immer nah sein wird. Sie ist die Ankündigung einer heilvollen Zeit, aus der die Menschen ihre Konsequenzen im Hier und Jetzt ziehen müssen.

Kunst etc.

Die Verse selbst arbeiten mit einem Bild, um die Aussage zu verdeutlichen. Regen und Schnee, die trockenen Boden fruchtbar machen, sind der Vergleichspunkt für die Wirkmacht des Wortes Gottes. Der direkt erfahrbare Segen des Regens und Schnees erklärt den Segen des Wortes Gottes.

„Dry“, unbekannter Fotograf, veröffentlicht auf pikist – gemeinfrei.
„Dry“, unbekannter Fotograf, veröffentlicht auf pikist – gemeinfrei.