Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Joh 6,51-58)

51Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.

52Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?

53Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.

54Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.

55Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.

56Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.

57Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.

58Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.

Überblick

Dabei sein oder Anteil haben? Die Feier des Herrenmahls als Einladung zum Einswerden untereinander und mit Gott.

 

1. Verortung im Evangelium
Das Johannesevangelium (Joh) beginnt mit einem Loblied auf Jesus Christus als das ewige Wort des Vaters (Joh 1,1-18). Er ist in die Welt gesandt, um die Herrlichkeit Gottes sichtbar zu machen und den Menschen den Weg zum Vater zu eröffnen. Diese Sendung Jesu ist als Grundthema in allen Erzählungen zu finden. Der vorliegende Abschnitt stammt aus einem umfassenderen Redeabschnitt, indem Jesus in der Synagoge in Kafarnaum über das Himmelsbrot spricht (Joh 6,22-59). Ausgangspunkt zu dieser Unterhaltung zwischen Jesus und der Menge in Kafarnaum ist das Wunder der Brotvermehrung, von dem der Evangelist Johannes in Joh 6,1-21 berichtet hatte. Mit seinen Worten in der Synagoge reagiert Jesus auf die Fragen und das Staunen der Menge, gleichzeitig ist seine Ausführung Ausgangspunkt für Diskussionen und Unverständnis unter den Zuhörern. So berichtet der Evangelist mehrfach davon, dass „die Juden murrten und sich stritten“ und auch „die Jünger werden murren und nehmen Anstoß“.
In diesen Anfragen an die Worte Jesu spiegeln sich mit Sicherheit auch Anfragen an die Gemeinde des Johannes wieder, die diese aus den eigenen Reihen und ihrem nicht-christlichen Umfeld aufgrund der Feier der Eucharistie erhalten hat.

 

 

2. Aufbau
Vers 51 leitet mit einer Selbstaussage Jesu in den folgenden Argumentationsgang ein. Da der Evangeliumsabschnitt Teil einer größeren Rede Jesu ist, beginnt der Text eher unvermittelt. Vers 52 berichtet vom Murren der Juden und ihrem Vorwurf an die Worte Jesu. Daran schließt sich in den Versen 53-57 eine Antwort Jesu an. Diese widmet sich in den Versen 53-55 dem richtigen Verständnis vom „Essen des Fleisches“ und erweitert in den Versen 56-57 das Thema auf die Sendung Jesu hin. Vers 58 rundet den Abschnitt ab und bildet zugleich das Ende der gesamten Rede Jesu über das Himmelsbrot.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vorbemerkung: Im Hintergrund der gesamten Rede Jesu steht die Erzählung vom Himmelsbrot aus der Wüstenzeit des Volkes Israel (Exodus 16): In der Wüste murrt das Volk Israel, weil sie sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnen und ihren Hunger in der Wüste fürchten. Gott lässt Wachteln und Manna (Himmelsbrot) vom Himmel fallen, so dass die Israeliten keinen Hunger leiden müssen.

 

Vers 51: Jesus identifiziert sich selbst als lebendiges Brot, das vom Himmel kommt. Das lebendige Brot erinnert an das „lebendige Wasser“ in der Erzählung von der Begegnung am Jakobsbrunnen (Joh 4,7-42, v.a. 7-14). Hier wie dort meint „lebendig“ lebensspendend, lebensverheißend im umfassenden Sinne. Deshalb schenkt das Essen des Brotes Zugang zum ewigen Leben und dient nicht nur der Erhaltung des irdischen Lebens, weil es den Hunger stillt. Wenn Jesus sich selbst als „Brot vom Himmel“ bezeichnet, erinnert er damit einerseits an die Erzählung vom Manna in der Wüste und andererseits an seine Sendung, die ihn aus der Herrlichkeit des Vaters (Himmel) auf die Erde führte.
Im letzten Teil des Verses konkretisiert er das Geben des Brotes als Gabe des Fleisches. Gemeint ist damit die Hingabe des eigenen Lebens am Kreuz. Dabei ruft der Evangelist das Loblied vom Anfang des Evangeliums in Erinnerung. Dort wurde Jesus als das ewige Wort Gottes besungen, das Fleisch wurde (Joh 1,14) und damit ganz in der Welt mit all ihren Kausalitäten gegenwärtig wurde. Der theologische Begriff der Inkarnation (Fleischwerdung) Gottes umschreibt die Radikalität der Sendung Jesu als Gottessohn mitten in die Welt. Nur in der Radikalität dieses Hineinkommens in die Welt ist das Kreuz als Höhepunkt der Sendung und Zeichen der absoluten Liebe und Hingabe verständlich. Wenn Jesus davon spricht, dass er sein „Fleisch für das Leben der Welt“ gibt, dann meint er damit, dass er sein Leben für die Welt hingibt, um diese von Hass, Schuld und Sünde zu erlösen. Im Leben der Gemeinde des Johannes enthält das „Geben des Fleisches“ zudem einen klaren Verweis auf die Eucharistie. Indem Jesus sich in den Gaben von Brot und Wein selbst mit Fleisch und Blut gegenwärtig in der Gemeinde zeigt, haben diejenigen, die am eucharistischen Mahl teilnehmen, Anteil an Jesu Leben beim Vater, also am Leben der Ewigkeit.

 

Vers 52: Aus dem Bezugstext des Buches Exodus wurde zuvor schon das Motiv des „Murrens“ aufgenommen (Joh 6,41 vgl. Exodus 16,2). Nun wird das Murren gegen Jesus zu einem Streit untereinander über das Verständnis seiner Worte. Hinter den Worten der Juden verbirgt sich er Vorwurf, dem sich die Eucharistiefeier der christlichen Gemeinden im 2. Jahrhundert nach Christus immer wieder ausgesetzt sah: Wie können die Christen feiern, dass Jesus sich selbst zu essen gibt und damit das eucharistische Brot zum „Menschenfleisch“ wird. Dass es sich bei dem Vorwurf, auch um einen Streit innerhalb der Gemeinde handeln könnte, wird durch Joh 6,60 wahrscheinlich.

 

Verse 53-55: Mit „amen, amen“ leitet Jesus immer dann ein, wenn er seinen Zuhörern den verborgenen Sinn einer Handlung oder eines Wortes erschließen will. Hier geht es um das Verstehen des Wortes vom Geben des Fleisches. Wenn nun nicht mehr nun vom Fleisch, sondern auch vom Blut die Rede ist, zeigt sich, dass der Evangelist Johannes die Worte Jesu auf die Situation einer eucharistiefeiernden Gemeinde zuspitzt. Es geht um das richtige Verständnis dessen, was die Gemeinde am Beginn des 2. Jahrhunderts im Kern vereint und von der jüdischen Gemeinde unterscheidet: Die Feier des Herrenmahls. Was die Gemeinde dort als Speise und Trank zu sich nimmt, soll sie als „wahrhaft“ Fleisch und Blut Jesu begreifen und feiern. Gemeint ist damit die wirkliche leibliche (Speise und Trank) Annahme dessen, was hinter der Feier steht. Im Kreuz gibt Jesus sein Leben. Er vollendet sein Dasein als fleisch- und blutgewordenes Wort Gottes, er vollendet seine Sendung als Sohn Gottes, der als Mensch unter den Menschen lebt. Ziel der Sendung Jesu war es, den Menschen Gottes Wirklichkeit zu eröffnen. Und diese Wirklichkeit zeigt sich im Geschenk eines ewigen Lebens mit ihm, das Gott aus Liebe ermöglicht. Wer im Kreuz die Liebe Gottes erkennt und sieht, dass sich im Tod Jesu für uns das ewige Leben eröffnet, der kann das Geben von Fleisch und Blut als Geben des ewigen Lebens begreifen. Aus dem Verstehen des Kreuzes folgt für den Evangelisten die Gemeinschaft derer, die sich zu Jesus als dem Sohn Gottes bekennen. Und Kennzeichen dieser Gruppe ist die Eucharistie und das Essen und Trinken von Fleisch und Blut Jesu. Insofern gilt denjenigen, die nicht am Herrenmahl teilnehmen bzw. die Realität der Hingabe Jesu am Kreuz nicht bejahen, nicht die Zusage des ewigen Lebens. Wer aber das Herrenmahl als Vergegenwärtigung der Hingabe Jesu begreift, der kann sich darin der Zusage Jesu gewiss sein.

 

Verse 56-57: Die vorangegangenen Verse leiteten auf die Verse 56 und 57 hin. Denn in ihnen entfaltet der Evangelist zum ersten Mal das Motiv der Anteilhabe bzw. des Einswerdens, das im weiteren Verlauf des Evangeliums an Bedeutung gewinnt (Joh 10,30; 15,4a; 17,21). Das Essen und Trinken von Fleisch und Blut, die eucharistische Mahlgemeinschaft, hat für die Feiernden eine dreifache Dimension: Sie erinnern sich an das einmalige Ereignis der Lebenshingabe Jesu am Kreuz. Indem sie dies feiern, holen sie das Ereignis aber zugleich in die Gegenwart und vergewissern sich der bleibenden Gegenwart des auferweckten und zum Vater erhöhten Sohn. Sie wissen Jesus leibhaftig in ihrer Mitte zugegen. Mit der Hingabe am Kreuz ist aber die Verheißung des ewigen Lebens verbunden. So erneuert sich im Essen und Trinken von Fleisch und Blut immer wieder neu die Hoffnung auf eine Zukunft bei Gott. Das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige ist für den Evangelisten Johannes zusammengefasst im Wort „bleiben“. Es meint eine Gemeinschaft, die jenseits von Raum und Zeit existiert und die untrennbar aufeinander verwiesen ist. Immer wieder wird im Evangelium so die Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn beschrieben, hier klingt ein erstes Mal an, auf welche Weise die Glaubenden in diese göttliche Gemeinschaft hineingenommen werden: Wenn sie in Fleisch und Blut mit ihrem Leib Jesus als den von Gott gesandten Sohn annehmen, in dem sie von den eucharistischen Gaben essen und trinken.

 

Vers 58: Da dieser Vers zugleich das Ende der gesamten Rede Jesu bildet, verweist er weiter zurück als die vergangenen Verse. Die Worte Jesu nehmen noch einmal das „Vergleichsereignis“ in der Wüste in den Blick. Die Erfahrung des dortigen Brotgeschenks ist eine andere als die Erfahrung, die durch die Anteilnahme an der Lebenshingabe Jesu möglich ist. Das Manna, das die Väter in der Wüste aßen, erhielt das Leben für den Moment, Jesus als lebendiges Brot erhält das Leben über die Dauer des Augenblicks hinaus.

Auslegung

Ein Gedanke besticht durch die durchaus komplizierten und herausfordernden Verse des Evangeliums hindurch mit seiner Klarheit. Es ist das Anteilhaben am Leben und Geschick des Gottessohnes, das den Text durchzieht. Immer wieder wird der Leser auf die Realität und die leibhaftige Annahme des Kreuzesgeschehens in Fleisch und Blut und damit in Brot und Wein der Eucharistie verwiesen. Wenn dies in Vers 56 im Bild des Bleibens gipfelt, dann wird klar. Sich zum Herrenmahl zu versammeln ist mehr als an einer religiösen Übung teilzunehmen. Denn in ihrem Wesen geht es in der Feier nicht ums Dabeisein, sondern ums Anteilnehmen. Das Essen und Trinken von Fleisch und Blut Jesu macht Christen auf dreifache Weise zu Teilhabern der göttlichen Wirklichkeit. Erstens nehmen die Gläubigen in Brot und Wein Leib und Blut Jesu und damit seine Lebensrealität und Hingabe in sich auf. Das Konsumieren der eucharistischen Gaben bedeutet also einen leibhaftigen Zusammenschluss mit Menschwerdung und Kreuzestod Jesu. Zweitens wird durch das bejahende Annehmen der Hingabe Jesu im Mahl die sich darin eröffnende Realität des ewigen, nicht durch den Tod bedrohten Lebens geschenkt. Im Glauben an die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferweckten in Brot und Wein wird das Leben in ewiger Gemeinschaft mit ihm und dem Vater eröffnet. Dieses Leben bei Gott wird drittens qualifiziert als eine Teilhabe am Miteinander Gottes, indem vom wechselseitigen Bleiben gesprochen wird („der bleibt in mir und ich bleibe in ihm“). So wie Vater und Sohn untrennbar aufeinander verwiesen sind, weil sie eins sind (Joh 10,30), so sind nun auch die Christen mit Gott bleibend und untrennbar verbunden.

Voraussetzung für diese Teilhabe an der göttlichen Wirklichkeit aber ist mehr als die Anwesenheit beim eucharistischen Mahl und das bloße Mitmachen. Wer die Realität und Radikalität des Geschehens des Mahls nachvollzieht und sich hineinnehmen lässt in das Geschehen, ist mehr als ein Teilnehmer, er ist Teilhaber. Wer Teilhaber ist, der sollte sich aber auch daran erinnern, dass die Einladung zur untrennbaren Gemeinschaft mit Gott nicht nur ihm selbst gilt. Sie ist Einladung an viele und sie konstituiert eine vielfältige Gemeinschaft, deren gemeinsames Kennzeichen die Bereitschaft ist, sich aktiv zur liebenden Hingabe Jesu in Fleisch und Blut zu bekennen. Die Einladung zur Teilhabe ist auch Einladung zur bleibenden Einheit der Gläubigen – so wie Vater und Sohn es leben (Joh 17,21).

Kunst etc.

Das Foto von Elke Wetzig (Elke Wetzig / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) zeigt den Innenraum der Kirche St. Fronleichnam in Köln-Porz. Der Architekt Gottfried Böhm gestaltete den Innenraum so, dass die feiernde Gemeinde unter einer Art Baldachin sitzt. Die Gemeinschaft, die sich aus Brot und Wein konstituiert, wird selbst das Kostbare, das Schützenswerte, das unter dem Baldachin als Schatz geborgen wird.