Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Röm 8,9.11-13)

9Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

11Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist, der in euch wohnt.

12Wir sind also nicht dem Fleisch verpflichtet, Brüder und Schwestern, sodass wir nach dem Fleisch leben müssten.

13Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist die sündigen Taten des Leibes tötet, werdet ihr leben.

Überblick

Einordnung des 8. Kapitels in den Römerbrief

Das 8. Kapitel des Römerbriefs schließt die Ausführungen des Apostels Paulus in Römer 5 - 8 zu einer These ab, die er in Römer 5,1 formuliert hat:

"Gerecht gemacht also aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn."

Nachdem Kapitel 5 in sehr komplexer Gedankenstruktur entwickelt hat, inwiefern unser "Friede" (als eine Beschreibung unserer Gottesbeziehung, also nicht der weltlich-politischen Verhältnisse) "durch Christus Jesus" bewirkt ist, folgt in Kapitel 6 eine Belehrung über die Taufe als dem Geschehen, in dem Christus Jesus und Mensch zusammenkommen. Die Taufe ist einerseits die innere Annahme des in 5,1 formulierten Bekenntisses durch den Täufling und andererseits ein Wirksamwerden des gerecht machenden Handelns Gottes durch Christus Jesus, auf den hin ja die Taufe erfolgt. Besonders im Blick auf die aus dem Judentum stammenden Christen der römischen Gemeinde geht Paulus im 7. Kapitel der Frage nach der Rolle des Gesetzes nach. Vereinfacht gefragt: Ist die Weisung Gottes, die durch Mose zum Volk Israel gekommen und im Pentateuch (5 Bücher Mose/Tora) Schrift geworden ist, überflüssig oder gar schlecht? Ohne hier auf die Antwort des Paulus eingehen zu können und zu müssen, ist nicht erwartbar, dass der Jude Paulus das Gesetz derart verwirft. Als Wort Gottes spricht er ihm vielmehr "Geist" zu:

"Wir wissen nämlich, dass das Gesetz selbst vom Geist bestimmt ist" (Röm 7,14).

Damit ist ein neues Leitwort eingeführt, das für das Kapitel 8 und damit auch für die Lesung des heutigen Sonntags bestimmend ist: "Geist".

In rhetorischer Meisterleistung schlägt Paulus die Brücke zwischen dem Thema "Gesetz" und dem neuen Thema "Leben aus dem Geist" in Römer 8,2:

"Denn das Gesetz des Geistes und des Lebens in Christus Jesus hat dich frei gemacht vom Gesetz der Sünde und des Todes."

An dieser Formulierung fällt auf, dass Paulus nach einer langen Ich-Rede im zweiten Teil von Kapitel 7 zur Anrede "du" übergeht, mit der er jede und jeden Einzelnen seiner Adressat/innen anspricht. Diese Perspektive ändert sich noch einmal mit Beginn der heutigen Lesung. Denn ab Vers 9 lautet die Anrede "ihr". Es geht nicht um individuelle Aspekte der Gottes- und Christusbeziehung, sondern um das Leben der Gemeinschaft der "im Frieden mit Gott" Stehenden, die sich "aus Glauben" verstehen.

 

Ein erster Gang durch die Lesung (Römer 8,9.11-13)

In Parallele zum oben zitierten Vers 7,14 ("Wir wissen nämlich, dass das Gesetz selbst vom Geist bestimmt ist") heißt es in Vers 9:

"Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, ...".

Angespielt wird damit auf die Lebenszäsur der Taufe, die für Paulus einen Sphärenwechsel bedeutet: Aus der Sphäre des Unheils  = "Fleisch" (im Sinne von Selbstversklavung an Irdisch-Vergängliches/Unfreiheit, bösen Taten und Tod als perspektivloses Ende) wechselt der Täufling mit seiner Unterstellung unter Gott und Christus in die Sphäre des Heils, für die der Geist steht. Dieser Geist steht wiederum für Leben schaffen (Schöpfergott), sich selbst bis in die Ohnmacht hinein entäußernde Liebe (Kreuzestod Jesu) und ewiges Leben (Auferweckung Jesu).

Festzuhalten ist: Paulus formuliert weder eine Forderung noch eine Mahnung, sondern spricht den Vollzug dieses Wechsels "aus Glauben" (s. o. Römer 5,1) den römischen Christen anerkennend und ermutigend zu.

 

Der ausgelassene Vers 10 weitet den Gedanken auf die Sündenthematik hin aus. Sie spielt in den für die Lesung ausgewählten Versen keine ausdrückliche Rolle und wurde wohl deshalb übersprungen.

 

Vers 11 nennt die Konsequenz der Geisterfülltheit - wobei es um den Geist Gottes und den Geist Jesu Christi als ein und denselben Geist geht, nicht hingegen um den menschlichen Geist im Sinne seiner Vernunft o. ä. - im Blick auf das Leben nach dem Tode: Der Geist, also die Schöpferkraft Gottes, die den am Kreuz Getöteten zu neuem Leben erweckt hat, wirkt auch in denen, die sich zu diesem Gott bekennen. Sie wirkt jetzt und wird auch sie einst zum ewigen Leben erwecken. Für die Christinnen und Christen ist dabei die entscheidende Vermittlungsgestalt zwischen Gott und ihnen Jesus Christus, in dem Gott sich nach christlichem Glauben gezeigt hat und auf dessen Tod und Auferstehung hin die Taufe erfolgt (vgl. Römer 6,3-4: "3 Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? 4 Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln.").

 

Die Verse 12-13 wechseln vom "ihr" zum "wir" (Paulus belehrt also nicht nur, sondern bezieht sich selbst mit ein) und lenkt nun den Blick vom Jenseits (ewiges Leben nach unserem biologischen Tod: Vers 11) auf das Diesseits: Das Vertrauen auf den Geist bedeutet zugleich eine Kappung aller Fleischgebundenheit (s. o. zu Vers 9 das Stichwort "Selbstversklavung").

 

Damit ist ein Doppelpunkt gesetzt. Denn Paulus wird erst in den Versen 14-39 entfalten, was das konkret für die irdische Existenz des Menschen bedeutet: ein Leben in unerschütterlicher Hoffnung, im Bewusstsein unzerstörbaren Angenommenseins durch Gott und in absoluter Angstlosigkeit.

Auslegung

Ein ausführlicher Gang durch eine anspruchsvolle Lesung

 

Die vierdimensionale Welt des Paulus (Vers 9)

Paulus denkt auch da, wo Theologie und Philosophie schnell ins Abstrakte übergehen, in sehr konkreten Vorstellungen. Die seine Bildwelt bestimmenden Grüßen sind Raum, Zeit, wirkmächtige Kräfte und Beziehung. Überraschenderweise gehören "Geist" und "Fleisch" der Kategorie "Raum" an. Denn anders als in der Einheitsübersetzung heißt es im griechischen Text bei wörtlicher Übersetzung:

"Ihr seid also nicht im Fleisch, sondern im Geist."

Mit der Taufe (die ja ausführlich in Römer 6, also zwei Kapitel vorher behandelt wurde; s. Überblick) hat ein Lebensraumwechsel stattgefunden. Konkret: Die Taufe bedeutet ein Verlassen des Raumes, der vom Tod und von das Leben der Anderen vergiftenden Taten bzw. Trieben bestimmt ist, und Eintritt in einen wirklichen Lebens-Raum, der sich mit Atem, Freiheit und selbstloser Liebe verbindet. Nach des Paulus Vorstellung wurde dieser Raum des Lebens von Gott eröffnet in der Auferweckung Jesu aus dem Tode (sehr oft ausgedrückt in der Raum-Metapher des "Grabes": "Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod" [Röm 6,4]).

In der Auferweckung erweist sich "Geist" zugleich aber auch als die wirkende Kraft Gottes. Deshalb kann Paulus neben dem "Sein im Geist" auch vom "Wohnen des Geistes in den Menschen" sprechen.  Sie ist es, die im toten und begrabenen Jesus das Leben neu erschafft, ihn von den Toten auferweckt. An dieser Leben schaffenden Kraft hat Anteil, wer die engst mögliche Gemeinschaft mit diesem gestorbenen und auferweckten Christus sucht: Dies geschieht für Paulus in der Taufe als einem Akt bewusster Entscheidung (von Erwachsenen). Der Geist Gottes ist also so sehr an Christus als den Auferweckten und zu Gott Erhöhten gebunden, dass das "Wohnen des Geistes in den Menschen" die Gegenwartsweise des auferweckten und lebendigen Herrn in den Menschen bedeutet. Wenn in einer dritten Formulierung sogar vom "Haben" des Geistes Christi gesprochen wird, so meint dies wohl weniger einen endgültigen Besitz als ein Ergriffensein von diesem Christus, der fortan das eigene Handeln als Herr lenken soll und dazu die Kraft gibt. Dass dieses Ergriffenwerden - das nicht als Gefühl, sondern als innnere Wirklichkeit verstanden werden muss - durchaus im irdischen Leben auch der Getauften in der Gefahr steht, sich doch mehr vom Fleisch ergreifen zu lassen, wusste Paulus nur zu gut. Darin liegt auch der Grund, weshalb die Lesung  zwar mit einem Zuspruch beginnt, in Vers 13 aber mit der Mahnung endet, das "Haben" des Geistes nie zu selbstverständlich zu  nehmen und sich immer wieder kritisch zu hinterfragen, wer da im Leben gerade wen ergreift.

Mit der Lebenswende der Taufe rückt die Kategorie der Zeit in den Blick: Es gibt die Zeit vor der Taufe, die Paulus in Römer 7,5 so umschreibt:

"Denn als wir noch dem Fleisch verfallen waren, wirkten sich die Leidenschaften der Sünden, die durch das Gesetz hervorgerufen wurden, so in unseren Gliedern aus, dass wir dem Tod Frucht brachten."

Ihr entspricht die Zeit seit der Taufe, die dadurch bestimmt ist, dass der Geist Gottes bzw. der Geist Christi ab diesem Zeitpunkt "in euch wohnt" (Röm 8,9.11). Der Wechsel zwischen beiden Ausdrücken ("Geist Gottes", "Geist Christi") erklärt sich dadurch, dass Paulus mal mehr das Geschehen in Christus betont (zumals die Taufe auf den Namen Jesu Christi hin erfolgt; vgl. Gal 3,27: "Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen."), mal mehr den eigentlichen Handelnden, der immer Gott (Vater) selbst ist. Paulus spricht deshalb auch in der Regel nicht von der Auferstehung Jesu, sondern davon, dass "Gott ihn (d. h. Jesus Christus) von den Toten auferweckt hat" (vgl. z. B. Römer 10,9). Mit der Taufe wirkt die aus dem Tod ins Leben führende Kraft Gottes, eben sein Geist, auch im Getauften.

Weil aber alles ganz und gar von Gott bzw. seinem Wirken in Jesus Christus her gedacht wird, kommt auch noch die letzte der genannten Kategorien zum Tragen: die Beziehung. Sie wird ausgedrückt in der Schlusswendung des Verses: "... der gehört nicht zu ihm". Das klingt erst einmal unklar: Meint "ihm" den zuvor genannten Christus oder den im ersten Teil des Verses genannten Gott. Da schon die beiden direkt vor der Lesung stehenden Verse 7-8 eindeutig von Gott als der eigentlichen Bezugs-"Person" sprechen, kann es auch am Ende von Vers 9 nicht anders gemeint sein: Wer den in Christus wirkenden Geist in sich trägt, gehört in gleicher Weise zu Gott wie auch Christus selbst zu Gott gehört.

 

Eine Frage der Zeit (Vers 11)

Mit Vers 11 rückt wieder die Zeitperspektive in den Blick. Paulus betrachtet den Menschen sowohl hinsichtlich seiner endgültigen Zukunft, also dem Leben nach dem Tode ("eschatologisch" nennen die Theologen diese Dimension), als auch hinsichtlich seiner irdischen Gegenwart. Vers 11 konzentriert sich auf die eschatologische Dimension und stellt hoffnungsvoll in Aussicht, dass der seit der Taufe im Getauften wirksame und den auferweckten Christus vergegenwärtigende Geist Gottes auch am Ende seine lebenschaffende Wirkkraft erweisen wird in der Auferweckung zum ewigen Leben. Vers 11 zieht also die eschatologischen Konsequenzen aus dem, was in Vers 9 gesagt wurde. Dabei ist das einleitende "Wenn (aber der Geist dessen in euch wohnt ...)" kein bedingendes. Schon der Neutestamentler und Römerbrief-Experte Otto Kuss hält in seinem grandiosen Kommentar (Der Römerbrief, Regensburg 21963, S. 501) zur Parallelformulierung in Vers 10 "wenn aber" (griechsch: eỉ dé) fest: "... wieder muß man mithören: 'und das ist unbestreitbar der Fall'". Paulus operiert nicht im Ungefähren und Eventuellen, sondern in den Sphären der Gewissheit und Zustandsbeschreibung. Dabei hängt natürlich alles an der Triftigkeit des Bekenntnisses, auf das der Nebensatz "der Jesus von den Toten auferweckt hat" sich bezieht. Dazu hat Paulus bereits in Römer 6,9-11 die nötigen Pflöcke der Gewissheit eingerammt:

"9 Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. 10 Denn durch sein Sterben ist er ein für alle Mal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. 11 So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus" (vgl. auch 1 Korinther 15,12-20).

 

"Fleisch oder "Geist" - das ist die Frage (Verse 12-13)

Vor der Zukunft der Auferweckung zum ewigen Leben steht jedoch ohne Abkürzungen und Vorwegnahmen das in der Gegenwart  zu gestaltende Leben. Genau darauf bezieht sich das Verb "leben" in Vers 12-13a. Dabei kommt ein neues Bild ins Spiel, das in der Einheitsübersetzung leider ganz und gar verlorengeht. Wörtlich lautet nämlich der griechische Text von Vers 12 in Übersetzung:

"Nun also, Brüder und Schwestern, sind wir Schuldner (griechisch: ỏpheilétai ẻsmèn) - nicht dem Fleisch gegenüber, um nach dem Fleisch zu leben [d .h. leben zu müssen]."

Man kann sagen: Die Rede vom "Schuldner" präzisiert die oben genannte Kategorie der Beziehung. Dazu hält Paulus  als Resümee aus dem vorher Gesagten  zunächst einmal fest: "Wir" - d. h. alle Getauften - "sind Schuldner." Es gibt keine menschliche Existenz ohne "Herrn", ohne Angewiesenheit, ohne Abhängigkeit und Verpflichtung. Das hat nichts mit dem Getauftsein zu tun, sondern ist Teil des menschlichen Daseins im "Fleisch". Diesseitiges Leben geht nicht anders. Es kommt aber sehr darauf an, wer der letzte Bestimmer ist bzw. wen der Mensch seinen letzten Bestimmer sein lässt. Die Alternative lautet "Fleisch" oder "Geist".

Diese beiden Begriffe sind bei Paulus, gerade im Römerbrief, mit besonderen Bedeutungen belegt. Das "Fleisch" steht bei Paulus weniger für das Materielle, auch nicht einfach für die Sünde. Paulus denkt es eher wie eine Sphäre und eine Kraft, die beide mit dem Wort "Unheil" zu verbinden sind: Unheilssphäre und Unheilskraft. Es geht um alles, dessen letzter Zielpunkt Tod heißt im Sinne eines endgültigen Endes und endgültiger Gottverlassenheit. "Dem Fleisch gehorchen" heißt, die bestehenden Einbindungen ins Irdische und damit die Bindung ans Vorläufige und Begrenzte zur endgültigen Richtschnur zu machen und sie absolut zu setzen. Es geht um Gott-lose Ersatzbeziehungen. Dass es hier viel Attraktives gibt, weiß Paulus nur zu gut. Und dennoch fällt die Übertragung der Konsequenzen  ins Heute nicht schwer: dem Fleisch bzw. der Welt bleibt man immer etwas schuldig: zu langsam, zu schwach, zu wenig belastbar, oder im Mitlaufen hechelnd bis zum Burnout, der weder für sich selbst noch für andere Kräfte übriglässt. Auch wenn Paulus viel grundsätzlicher denkt, können diese Vergleiche helfen.

Der "Geist" steht für die Sphäre und Macht Gottes. Natürlich liegt, wenn er als Schöpfer und letzter Lebensraumeröffner geglaubt wird, Abhängigkeit vor. Interessanterweise führt Paulus in den Versen 12-13 diesen Teil der erwartbaren Gegenüberstellung nicht aus. Dennoch ist mitzuhören: Es ist besser, Gott etwas schuldig zu bleiben als dem Fleisch, denn im Gegensatz zum Fleisch - gedacht als Macht - lässt sich Gott auf die Schwäche des Menschen ein und hilft ihm immer wieder auf. Seine Liebe ist größer als alles Schuldigbleiben des Menschen. Worin könnte aber das Schuldigbleiben im Blick auf den Geist überhaupt bestehen?

Die Antwort auf diese Frage bietet Paulus erst einige Kapitel später im Römerbrief. In Römer 13,8 formuliert Paulus mit dem markanten Wort "schulden" (griechisch: opheílō, das ist das Verb zu ỏpheilétai in Vers 12 der Lesung) die Grundsatzforderung: "Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe!" Man könnte sagen: Für Paulus ist es besser, in der Liebe etwas schuldig zubleiben, zu der der Geist antreibt und anspornt, als in den Dingen, die die Sphäre des Fleisches verlangt. Hier zu versagen, ist perspektivlos; vor Gott zu versagen, dem man sich zugleich in tiefster Verwurzelung zugehörig weiß (s. in der unter "Überblick" eingangs zitierten Ausgangsthese Römer 5,1 das entscheidende Stichwort: "im Glauben"!), ändert nichts an der Perspektive, für die das letzte Wort von Vers 13 steht. Diesmal meint "leben" nämlich nicht das diesseitige Leben, sondern das ewige Leben. Aber Paulus ist sich sicher, dass diese Hoffnungsperspektive sich bereits heilvoll auf die Gestaltung des irdischen Lebens auswirkt und dass der Gott, der ins ewige Leben ruft, schon jetzt mit seinem Geist das irdische Leben trägt und stützt.

Kunst etc.

Oase in Peru, CCO 0.1 Universal
Oase in Peru, CCO 0.1 Universal

Paulus denkt in seiner theologischen Sprache zumindest unter anderem sehr räumlich. Gerade die in der heutigen Lesung bestimmenden Begriffe "Fleisch" und "Geist" sind wie Sphären zu verstehen, in denen der Mensch sich bewegt, zu seinem Heil oder seinem Unheil, aber auch mit heilvollen bzw. unheilsvollen Absichten. Interessanterweiuse gilt für den "Geist", dass man als Getaufter nicht nur "in ihm" ist, sondern dass er auch im Getauften "wohnt". Diese doppelte Wendung gibt es für das Fleisch nicht. Das liegt sicherlich auch an der Grenze des Sprachbildes vom "Fleisch": Der Mensch lebt im Leib und als Leib, kann aber nicht von ihm erfüllt und bewohnt - wohl aber bestimmt - werden.

Für all diese abstrakt klingenden Gedanken könnte das Oasen-Photo aus Peru eine Veranschaulichung sein: die heilvolle Sphäre des Wassers ist räumlich mehr als deutlich zu erkennen und klar abgegrenzt von der lebensuntauglichen puren Sandwüste als mögliches Bild für die Gegenwelt des Fleisches, wie Paulus sie versteht (s. Auslegung). Der See inmitten der Wüste vermittelt aber nicht nur einen Raum des Lebens durch seine Farbe und das wachsende Grün an seinem Ufer, sondern dieses Wasser kann vermutlich auch getrunken werden und so verlebendigend den Leib bewohnen. Das lässt sich vom Sand nicht sagen.

Man darf sich an eine Szene aus der Apostelgeschichte (8,26-40) erinnert fühlen: Auf einer Wüstenstraße trifft der Apostel Philippus den Hofangestellten (Kämmerer) der äthiopischen Kaiserin, der im Alten Testament liest, ohne alles zu verstehen. Philippus setzt sich zu ihm in die Kutsche und erklärt ihm die Worte, in dem er sie mit Jesus in Verbindung bringt. Immer noch durch die Wüste kutschierend, ruft der Äthiopier aus: "36 Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg? [37] 38 Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn." Der von Paulus gemeinte Sphärenwechsel und das Wirken des Geistes lässt sich kaum intensiver darstellen.