Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Phil 4,6-9)

6Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!

7Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.

8Im Übrigen, Brüder und Schwestern: Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht!

9Und was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut! Und der Gott des Friedens wird mit euch sein.

Überblick

Der Gott des Friedens und die Tugenden der Welt. Wie Paulus die Gemeinde ermutigt, auch auf die Weisheit der Welt zurückzugreifen.

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde von Philippi, der ersten Gemeinde in Europa, während er (wahrscheinlich) in Ephesus im Gefängnis sitzt. Paulus hat zu der Gemeinde eine besonders intensive Beziehung, nur von ihr lässt er sich auch finanziell unterstützen. Im Philipperbrief (Phil), der Korrespondenz zwischen Gemeinde und Apostel geht es sowohl um persönliche Anliegen und Vorhaben des Apostels als auch um die konkrete Situation der Gemeinde.

Kurz vor dem Abschluss des Briefes mit Dank und Segenswünschen knüpft der Apostel Paulus noch einmal an den Anfang des Schreibens an und rückt das Verhalten der Gemeinde, sein eigenes Lebenszeugnis und die Zuversicht in Gott in den Blick. Unmittelbar zuvor (Phil 4,4-5) war die Freude das Hauptthema des Abschnitts.

 

2. Erklärung einzelner Verse

Verse 6-7: Die Aufforderung, sich nicht zu sorgen, knüpft an die zuvor thematisierte Freude an. Denn die Freude „zu jeder Zeit“ zu der Paulus die Philipper auffordert, ist in Jesus Christus als demjenigen, der Heil und Leben schenkt begründet. Dieses Wissen um Christus als Fundament des eigenen Lebens schenkt eine gewisse Grundzuversicht. Deshalb sollen sich die Philipper nicht um die alltäglichen Dinge sorgen, sondern vielmehr darauf vertrauen, dass sie sich mit all ihren Anliegen an Gott wenden können (vgl. Matthäusevangelium 6,25). Dabei ist die Dankbarkeit für Gottes unüberbietbare und alles menschliche Verstehen übersteigende Güte und Nähe (= Frieden) der Ausgangspunkt für alles Bitten.
Die Formulierung „Friede Gottes“ findet sich in verschiedenen Formen auch in anderen Paulusbriefen (z.B. 1. Thessalonicherbrief 5,23 oder 2. Korintherbrief 13,11). Aus der biblischen Tradition heraus ist „Friede“ gleichzusetzen mit „Heil“. Denn Friede mit Gott, meint Nähe und Unmittelbarkeit zu Gott und ist damit eine Heilszusage. Hatte Paulus in Vers 6 die Gemeinde ermutigt, sich an Gott zu wenden, so beschreibt er hier die entgegengesetzte Bewegung: Gott wendet sich den Menschen zu, er „bewahrt“, d.h. er hält die Menschen in seiner Nähe.

 

Verse 8-9: Die Überleitung („im Übrigen“) zu den beiden Versen, in denen Paulus die Gemeinde noch einmal bestärkt und ermahnt, macht deutlich, dass seine Worte als „beiläufige“ Hinzufügung zu dem Vorherigen zu lesen sind. Der Apostel gibt seinen Adressaten hier zwei wesentliche Hinweise mit, wie das christliche Leben ohne Sorge um das Alltägliche und im Vertrauen auf Gott gelingen kann. Der Hinweis auf sein eigenes Vorbild (Vers 9) überrascht nicht. Immer wieder, vor allem aber am Anfang des Briefes (Phil 1,12-26), hatte Paulus sein eigenes Schicksal zum Ausgangspunkt seiner Unterweisung an die Gemeinde gemacht. Die Philipper sollen und dürfen sich ein Beispiel daran nehmen wie Paulus im Vertrauen auf Gott beispielsweise seine Gefangenschaft erlebt und sie sogar als Weg der Verkündigung des Evangeliums begreift. Wenn er also daran erinnert, was die Gemeinde „gelernt, angenommen, gehört, an ihm gesehen“ hat, dann meint er sein Lebenszeugnis im umfassenden Sinne: Seine Verkündigung und sein Handeln.
Im Gegensatz dazu ist die Reihe von Adjektiven, die Paulus den Philippern mitgibt, auf den ersten Blick verwunderlich. Er greift damit auf Begriffe bzw. Tugenden zurück, die in der stoischen Philosophie verwendet werden. Er nimmt also – wenn man so will – Lebensregeln aus der nicht-christlichen Umwelt auf und gibt sie der Gemeinde als Richtschnur mit. Dabei steht für Paulus das „Ergebnis“ eines solchen tugendhaften Lebens im Vordergrund. Die Gemeinde ist aufgerufen, ein gutes Leben zu führen und damit ein Vorbild für die Menschen in ihrer Umgebung zu sein. Dabei kann sie sich neben der Orientierung an dem, was sie durch den Glauben an Jesus Christus an Hilfestellungen für ein gelingendes Leben empfangen hat, auch an den allgemeinen Tugenden ihrer Zeit orientieren. Paulus ermutigt die Gemeinde also das Gute, was die Menschen um sie herum prägt, aufzunehmen und wertzuschätzen.

Auslegung

Eine christliche Gemeinde ist sich nie selbst genug. Sie soll in die Welt um sie herum ausstrahlen. Paulus hatte den Philippern dies in Phil 4,5 deutlich in Erinnerung gebracht, indem er sagte: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt.“ Die Gemeinde, so der Gedanke des Apostels, soll ausstrahlen, was das Wesen Gottes ist: Güte. Und sie soll damit in ihrem Verhalten, ihrem Miteinander, ihrem gemeindlichen Leben, aber auch im Leben eines jeden Einzelnen Zeugnis abgeben für den Glauben an Gott und seinen Sohn Jesus Christus. Die Menschen sollen sehen und hören, dass der Glaube an Christus die Lebensperspektive und die Lebensweise verändert. So haben die Philipper dies ja auch am Beispiel des Paulus erlebt. Hatte der Apostel zuvor schon darauf hingewiesen, dass die Freude ein wesentlicher Baustein ist, um den Glauben sichtbar nach außen zu tragen, so fügt er dem nun noch zwei Elemente hinzu. Das erste ist eng mit der Freude verbunden. Es ist die Freiheit von der alltäglichen Sorge. Natürlich werden auch die Philipper in Situationen kommen, die sie besorgt sein lassen: existentielle Probleme, Krankheit, Konflikte etc. Was sie von ihren Mitmenschen aber unterscheidet und damit beispielhaft sein kann, ist ihre Haltung dazu. Als Christen soll die Sorge nicht übermächtig und bestimmend werden. Vielmehr wissen sie, dass sie sich mit jeder Frage und Bitte direkt an Gott wenden können. Er hat sie geschaffen, er erhält ihr Leben, er hat seinen Sohn gesandt, um ihnen den Weg zum Heil, zum Frieden in Gott zu eröffnen. Die Dankbarkeit für das bereits Geschenkte eröffnet das Vertrauen für das, was noch kommen mag. Und so können die Philipper ihre Sorge vor Gott tragen wissend, dass er für sie sorgt, wie er es bisher schon getan hat. Der Apostel ruft also zu einer bestimmten Lebenshaltung auf: sich frei machen von Sorge.
Das zweite Element, das Paulus am Ende des Briefes stark macht, ist die Weise der Lebensführung. So wie das ohne Sorge sein, eine Haltung ist, die sich im praktischen Leben zeigt, so soll es auch mit den Tugenden sein, die er anführt. Im Unterschied zum Aufruf, sich nicht zu sorgen, weil Gott ja für sie sorgt, geht es bei den Tugenden, die Paulus benennt, aber nicht um etwas spezifisch Christliches. Paulus greift bewusst auf die „Alltagsphilosophie“ der griechischen Welt seiner Zeit zurück. Wahrhaftig, liebenswert, edel etc. zu sein, sind Ansprüche, die auch Nicht-Christen in Philippi für sich so formulieren. Es sind gute Eigenschaften, Tugenden, an denen sie sich orientieren, um für sich und andere ein gutes Leben zu führen. Weil die Christen in diesem Ziel – ein gutes Leben für sich und andere – mit denjenigen übereinstimmen, die sich an den philosophischen Tugenden orientieren, sind diese Tugenden auch für Christen hilfreich. Wahrhaftig, liebenswert und edel zu sein sind Eigenschaften, die auch ein christliches Leben auszeichnen sollten, also ist es durchaus sinnvoll die philosophischen Tugenden als Orientierung für das eigene Leben zu nutzen. Paulus begreift die Lebenswelt der Gemeinde als Hilfestellung für eine gute und gelingende Lebensgestaltung. Er würdigt die Werte, die in der griechischen Umwelt gelebt werden, und empfiehlt sie der Gemeinde zur Nachahmung. Sie sind für den Apostel so wie die Freiheit von der Sorge eine Möglichkeit, durch die eigene Lebensweise in die Welt hinein eine Ausstrahlungskraft zu entwickeln. Weil Paulus die Tugenden aber als einen Baustein und nicht als Grundlage für die Gemeinde benennt, besteht nicht die Gefahr, das Eigenständigkeitsmerkmal des Christlichen aus dem Blick zu verlieren. Denn die Freude und die Freiheit von der Sorge ums Alltägliche sind Haltungen, sind für ihn weitere wesentliche Merkmale der Gemeinde. Und diese haben ihren Ursprung in Gott und der Beziehung zu Jesus Christus, die die Philipper mit ihrer Taufe sichtbar gemacht haben. Das Wissen um und das Vertrauen auf den Frieden Gottes, der alles Menschliche übersteigt, ist die Grundlage für die Freude und das Nicht-Sorgen der Gemeinde. Dieses Fundament und die daraus erwachsenden Haltungen unterscheiden die Gemeinde von den Menschen, die sich einfach an philosophischen Tugenden orientieren.

Paulus möchte die Gemeinde in Philippi ermutigen, in die Welt um sie herum auszustrahlen. Dies gelingt ihr, indem sie einerseits ein tugendhaftes Leben führt, wie es in den Augen ihrer Umwelt als gut und gelungen betrachtet wird. Andererseits gelingt es ihr, indem sie das Fundament ihrer Haltungen deutlich macht: Gottes Fürsorge und Nähe lässt sie in Freude und ohne Sorge leben.