Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Weish 6,12-16)

12Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit; /

wer sie liebt, erblickt sie schnell, und wer sie sucht, findet sie. 13Denen, die nach ihr verlangen, / kommt sie zuvor und gibt sich zu erkennen. 14Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe, / er findet sie vor seiner Türe sitzen.

15Über sie nachzusinnen, ist vollkommene Klugheit; /

wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei.

16Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; / freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen / und kommt ihnen entgegen bei jedem Gedanken.

Überblick

Die göttliche Weisheit kommt den Menschen entgegen.

 

1. Verortung im Buch und in der Geschichte

„Liebt Gerechtigkeit, ihr Richter der Erde, denkt gut über den Herrn, sucht ihn mit ganzem Herzen! Denn er lässt sich finden von denen, die ihn nicht versuchen, und zeigt sich denen, die ihm nicht misstrauen.“ – direkt am Anfang des Buchs der Weisheit wird der Leser und die Leserin aufgefordert die Gerechtigkeit zu lieben und Gott zu suchen, denn er lässt sich finden. Die Könige sollen auch die Weisheit „lieben“ und „suchen“ (Weisheit 6,12), so ergibt sich eine Trias aus Gerechtigkeit, Weisheit und Gott, an der sich die Mächtigen ausrichten sollen. Und das dies keine Überforderung darstellt, verdeutlicht das Bild der Weisheit als begehrenswerte Frau, die ihren Verehrern entgegeneilt. 

Kurz bevor dieses Bild entfaltet wird, redet die Weisheit die Mächtigen der Welt noch direkt an – fordet sie auf: „Verlangt also nach meinen Worten, sehnt euch danach und ihr werdet Bildung erwerben!“. Das dies kein mühsamer Weg ist, wird auch in Weisheit 6,17-21 betont: „Sie geht selbst umher, um die zu suchen, die ihrer würdig sind; freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen und kommt ihnen entgegen bei jedem Gedanken. Ihr wahrhafter Anfang ist Verlangen nach Bildung; Bemühen um Bildung aber ist Liebe. Liebe aber ist Halten ihrer Gesetze, Beachten der Gesetze sichert Unvergänglichkeit, Unvergänglichkeit aber bringt in Gottes Nähe. So führt das Verlangen nach Weisheit zur Herrschaft hinauf. Ihr Gewalthaber der Völker, wenn ihr Gefallen an Thronen und Zeptern habt, dann ehrt die Weisheit, damit ihr ewig herrscht!“ Auch hier wird deutlich, wie eng Weisheit mit der sich in den Gesetzen Gottes ausdrückenden Gerechtigkeit und seinem Willen, ja ihm selbst, zusammenhängt.  Das Bild der Liebe zweier Menschen für die Beziehung zwischen der Weisheit und derjenigen, die sie suchen, wird dann in Weisheit 7-8 noch weiter ausgeführt.

 

2. Aufbau

Die Weisheit ist nicht nur begehrenswert (Vers 12), sondern ist stets bereit sich den Suchenden zu nähern, zu schenken (Vers 16). Diese Aussage ist der Rahmen, um die Zusage, das jedes anfängliche Bemühen um sie bereits belohnt wird (Verse 13-15), denn bereits jedes Nachsinnen über die ist „vollkommene Klugheit“.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 12: Die Weisheit wird als eine attraktive, nicht alternde und begehrenswerte heiratsfähige, junge Frau dargestellt - ein aus feministischer Sicht sicherlich schwieriges Bild, dass der damaligen patriarchalischen Weltsicht entspricht. Die Aussage ist, dass die Weisheit auf den ersten Blick begehrenswert und zugänglich ist.

Verse 13-14: Die Zugänglichkeit der Weisheit steht im starken Kontrast zur mühevollen Lebenserfahrung des Menschen: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; was recht ist, gibt der HERR denen, die er liebt, im Schlaf.“ (Psalm 127,2). 

Vers 15: Klugheit ist hier sowohl als eine theoretische als auch praktische Tugend zu verstehen: „Wenn jemand Gerechtigkeit liebt, in ihren Mühen findet er die Tugenden. Denn sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit. Nützlicheres als diese gibt es nicht im Leben der Menschen.“ (Weisheit 8,7).

Vers 16: Unwürdig sind die Gottlosen: „Die Gottlosen aber rufen den Tod mit Taten und Worten herbei und sehnen sich nach ihm wie nach einem Freund; sie schließen einen Bund mit ihm, weil sie es verdienen, ihm zu gehören.“ (Weisheit 1,16). Würdig-Sein bedeutet die Nähe und Zugehörigkeit zu Gott. In diesem Kontext entfaltet das Bild vom „Pfad“ zwei Dimensionen. Es verweist auf die Öffentlichkeit der Weisheit – sie ist überall zu finden (siehe Sprichwörter 8,2). Zugleich verweist das Bild auf die „Lebenswege“ (siehe Weisheit 2,15).

Auslegung

Weise sein – das ist für viele Menschen ein Lebensziel. Oft wird die Weisheit fernab in fernöstlichen Lehren gesucht und trotz aller Suche sind weise Menschen doch scheinbar eher die Ausnahme und weises Handeln und Verhalten scheinbar eher selten. Aber was wird gesucht, wenn man Weisheit sucht? Im Alten Testament geht es beim Thema „Weisheit“ nicht um Intelligenz oder Intellektualität. Durch Erfahrung gewonnene Erkenntnis, die auch kritisch reflektiert sein kann, ist die eigentliche Weisheit. Es geht um Erkenntnis, die ein gelingendes Leben ermöglicht. Sie ist handlungsorientiert und ist deshalb eine Lebenspraxis. Ihr liegt die Vorstellung zugrunde, dass wir in einer geordneten Welt leben, in der alles seinen Ort und seine Zeit hat (siehe Kohelet 3). Diese Ordnung stammt von Gott, der die Welt in Weisheit geschaffen hat (siehe Psalm 104). Zu ihr kann der Mensch durch Erfahrung und Erkenntnis Zugang gelangen und sich so ordnungsgemäß in die Welt einfügen.

Im Buch der Weisheit steht die personifizierte Weisheit an der Seite des die welterschaffenden Wortes Gottes (siehe Weisheit 9,1-2). Sie ist vergleichbar eines Weltgeistes, der alles durchwaltet und der als Gabe an die Menschen, Gott persönlich erfahrbar macht: „Von Geschlecht zu Geschlecht tritt sie [die Weisheit] in heilige Seelen ein und schafft Freunde Gottes und Propheten; denn Gott liebt nur den, der mit der Weisheit zusammenwohnt.“  (Weisheit 7,27b-28) Die Voraussetzung für das Erlangen von Weisheit ist das Verlangen nach ihrer Belehrung. Im sechsten Kapitel des Buches der Weisheit wird sie wie eine Jungfrau von strahlender Schönheit beschrieben, die man nicht nicht-sehen kann. Sie lässt sich nicht nur leicht finden, sondern kommt dem Verlangen des Suchenden schon zuvor, bevor dieser überhaupt sucht. Sie wird als täglicher Begleiter des Menschen beschrieben, der diejenigen, die würdig sind, von der Klugheit zum sorgenfreien Leben führt. 

Man kann sehnsüchtig nach der Weisheit suchen, aber man kann sie nicht einfach ergreifen. Sie ist ein Geschenk, das den Menschen befähigt die Welt und den Willen Gottes in ihr zu erfahren. „Sie ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Güte.“   (Weisheit 7,26). Sie befähigt dazu das Gesetz Gottes und seinen Willen zu befolgen (Weisheit 6,4). Weisheit ist keine Geheimlehre und man muss sie nicht erst entdecken, sondern sie ist die Freundschaft Gottes, zu der er dem Menschen seine Hand reicht.

Kunst etc.

Die Darstellung der Weisheit als schöne Frau ist auch ein sich durch die Kunstgeschichte erstreckendes Bild. Zum Beispiel der venezianische Maler Tizian (1488-1576) folgt in seiner Darstellung auch dem damaligen Schönheitsideal und fügt – auch typisch - die Schrift(rolle) hinzu.

Tizian, Weisheit (1560) – Lizenz: gemeinfrei.
Tizian, Weisheit (1560) – Lizenz: gemeinfrei.