Lesejahr A: 2019/2020

1. Lesung (Ez 18,25-28)

25Ihr aber sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig.

Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Weg soll nicht richtig sein? Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind?

26Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben.

27Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. 28Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.

Überblick

Handelt Gott unfair an seinem Volk? Wer soll sterben?

 

1. Verortung im Buch

„Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf?“ (Vers 2) – dieses israelitische Sprichwort ist der Ausgangspunkt Ezechiels Gedanken im 18. Kapitel seines Prophetenbuches. Die sich darin ausdrückende Lehre besagt, dass auch die Kinder für die Sünde der Elterngeneration bestraft werden. Der Prophet verkündet hingegen, dass Gott keine Sippenhaft kennt, sondern individuell bestraft und zugleich unaufhörlich dazu bereit ist, den reumütigen Sünder doch zu retten. Dies ist keine abstrakte Theologie. Seine Worte richten sich direkt an die sich im Exil befindenden Israeliten. Er verkündet ihnen: Das Exil ist keine unabänderliche Strafe, die ertragen werden muss, wie ein langsamer Tod – sondern selbst im Exil ist demjenigen ein gutes Leben verheißen, der oder die zu Gott umkehrt. Kurzum: Jeder ist für seine Sünden und seine Umkehr selbst verantwortlich (siehe Exechiel 14,16).

So verkündet Ezechiel eine Heilsbotschaft, die das Verhalten der Exilierten kritisiert. Eine große Klammer legt sich um die für die Lesung ausgewählten Verse, die im Hintergrund mitgelesen werden müssen. In Vers 23 stellt Gott die rhetorische Frage: „Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen - Spruch GOTTES, des Herrn - und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt“ – und in Vers 32 gibt er die eindeutige Antwort: „Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss - Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!“

 

2. Aufbau

Zu Beginn wird der Disput eröffnet, wessen Verhalten gerechtfertigt ist: Handeln die Exulierten verkehrt oder Gott? (Vers 25) In seiner Antwort erklärt Gott sein Verhalten durch das Mittel des Kontrasts: Die Abkehr von Gott lässt alle vorherigen Verdienste nichtig werden (Vers 26) – die Umkehr zu Gott hebt vorherige Schuld für Sünden auf (Vers 27). Im Hintergrund dieser Erklärung steht die Lehre, dass das Exil zur Züchtigung Israels dient, damit sich das Volk seinem Gott wieder zuwendet – und trotz der Vergangenheit eine neue Zukunft möglich sein wird.

 

3. Erklärung einzelner Verse

Vers 25: Der zitierte Vorwurf ist harsch und brüsk. Man könnte auch übersetzen: „Der Weg des Herrn ist ungerecht.“ Die Übertragung der Schuld der Elterngeneration auf ihre Nachkommen ist unfair – egal, ob die in der nächsten Generation bestrafte Person sündigt oder nicht. So sei das Verhalten Gottes im Endeffekt „willkürlich“. Diesen Vorwurf richtet Gott nun gegen die Exulanten. Sie handeln willkürlich, wenn Sie nicht auf ihre eigenen Wege achten.

Vers 26: Der Sünder wird aufgrund seiner Sünde bestraft – das ist der Weg Gottes. Das Maß dieses Weges sind die Gesetzes Gottes; sie definieren, was „gerechtes“ Handeln ist. Direkt zu Beginn des Buches sagt Gott explizit, dass er das Volk bestraft, „weil ihr nicht in meinen Satzungen gegangen seid und meine Rechtsentscheide nicht befolgt habt“ (Ezechiel 5,7).

Vers 27-28: Dieser theologische Satz ist eine indirekte Handlungsaufforderung, die dann explizit in den folgenden Versen ausgesprochen wird: „Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel - Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss - Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!“ (Verse 30-32).

Auslegung

Es gab im alten Israel ein Sprichwort: „Väter essen unreife Früchte und die Zähne ihrer Söhne werden stumpf.“ Die nachfolgenden Generationen haben für die Fehler der Vorfahren zu büßen. In den Zehn Geboten, dem Grundlagentext einer jeden christlichen Ethik, spricht Gott selbst: „Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen die mich hassen.“ (Exodus 20,5). Aber wie kann der gerechte Gott Kinder, Enkel und Urenkel für etwas bestrafen, das sie nicht getan haben? Das Buch Ezechiel stellt sich gegen ein solches Prinzip einer generationenübergreifenden Kollektivstrafe.

Das zu tun, was recht und gerecht ist, ist der Standard des göttlichen Verhaltens, an dem der Mensch sich auszurichten hat. Jeder Mensch wird nach seinem Tun verurteilt – diese Berechenbarkeit Gottes verkündet der Prophet Ezechiel. Nicht einmal die Verdienste in der Vergangenheit bedeuten etwas und man kann sich im Angesicht Gottes nicht auf die guten Taten anderer berufen. Selbst der gottgefällige Lebenswandel in der Vergangenheit hat nur eine Bedeutung, wenn er sich in der Gegenwart fortsetzt und auch in Zukunft auf Gott ausgerichtet ist.

Es bleibt keine Zeit sich auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen. Meine Beziehung zu Gott bestimmt sich nicht durch meinen bisherigen Lebensweg, sondern durch jede neue Entscheidung in meinem Leben. Das ist anstrengend. Waren alle meine guten Taten bisher vergebene Liebesmühe? Wer ich bin und wie ich handle, ergibt sich aus meiner bisherigen Lebensgeschichte. Aber ich bin als Person niemals fertig, ich bin nie eine unveränderbare Statue - selbst Steinstatuen können zerbröckeln. Zugleich findet sich darin aber auch Trost: Wenn ich im Hier und Jetzt Recht und Gerechtigkeit übe, kann ich nach meinen krummen Wegen wieder festen Boden unter den Füßen gewinnen. Aus dem Heiligen kann ein Sünder und aus dem Sünder ein Heiliger werden.  

Kunst etc.

Gustave Doré wählt eine interessante Art der Darstellung des Propheten Ezechiel, die er an den Anfang des Prophetenbuches stellte. Der Prophet ist erhoben über dem Volk Israel, das durch einige niedergedrückte Personen dargestellt wird. Ezechiel symbolisiert den Propheten, der verkündet und dadurch voranschreitet – mit Blick auf Gott. Die Israeliten sind im Exil verzweifelt und schauen hingegen nicht mehr nach oben. Der Prophet fordert sie auf, nicht in die Vergangenheit, sondern auf Gott zu schauen und zu hören.

Gustave Doré, Illustration für die Prachtausgabe der Bibel in fr. Sprache aus dem Verlag Tours von Alfred Mame (ca. 1866) – Lizenz: gemeinfrei.
Gustave Doré, Illustration für die Prachtausgabe der Bibel in fr. Sprache aus dem Verlag Tours von Alfred Mame (ca. 1866) – Lizenz: gemeinfrei.