Lesejahr A: 2019/2020

Evangelium (Mt 24,37-44)

37Denn wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein.

38Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut aßen und tranken, heirateten und sich heiraten ließen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging,

39und nichts ahnten, bis die Flut hereinbrach und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.

40Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen.

41Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.

42Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.

43Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.

44Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

Überblick

Ahnungslos? Nicht mit uns! Über das Privileg der Wachsamkeit

 

 

1. Verortung im Evangelium
Der Abschnitt aus dem 24. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt) beschäftigt sich mit der Frage nach dem, was geschieht, wenn der Menschensohn am Ende der Zeiten kommt. Jesus wendet sich hier an seine Jünger, mit denen er seit Mt 24,3 auf dem Ölberg in Jerusalem befindet. Angesichts seines unmittelbar bevorstehenden Leidens (Mt 26-27) spricht Jesus zu seinen Jüngern in Bildworten und Gleichnissen, um sie zugleich zu ermutigen und zu ermahnen. 
Für die Leser des Evangeliums sind die Worte über das Ende der Zeit ebenfalls als Bestätigung und Aufforderung gemeint. Für sie geht es darum, nicht nachzulassen in der Erwartung, dass Jesus vom Himmel her wiederkehrt und das Reich Gottes endgültig Wirklichkeit wird.

 

 

2. Aufbau
Die Unvorhersehbarkeit der endzeitlichen Ereignisse wird zunächst durch einen Vergleich und Rückbezug zur Sintflut-Erzählung deutlich gemacht (Verse 37-39). Die Verse 40-41 führen dann inhaltlich aus, wie die Jünger sich die Ereignisse vorstellen sollen. Die Mahnung zur Wachsamkeit in Vers 42 bildet eine Brücke vom vorangegangenen Bildwort zum folgenden kurzen Gleichnis (Verse 34-44), sowie den weiteren Gleichnissen in Mt 24,45-25,46.

 

 

3. Erklärung einzelner Verse
Verse 37-39: Vers 37 leitet den Vergleich zwischen der Ankunft des Menschensohnes und den Tagen Noahs vor der Sintflut ein. Vergleichspunkt ist das unerwartete Eintreffen des Zeitpunkts X.
Wenn hier von der Ankunft des Menschensohns gesprochen wird, ist damit im Erzählen des Evangeliums die Wiederkunft Jesu Christi am Ende der Zeiten gemeint, die Parusie. Der Begriff „Menschensohn“ meint zunächst einmal so viel wie Mensch oder Menschenkind. Im Buch Ezechiel wird der Prophet immer wieder mit diesem Begriff angesprochen (vgl. Ezechiel 6,2). In der jüdisch-apokalyptischen Literatur, also den Schriften, die sich mit der Endzeit und ihren Ereignissen auseinandersetzen, verändert sich die Bedeutung. Nun ist mit dem Begriff „Menschensohn“ die Hoffnung auf eine menschenähnliche und von Gott herkommende Gestalt verbunden, die in den Ereignissen der Endzeit eine wichtige Funktion einnimmt (z.B. Daniel 7,13).

Die Verse 38 und 39 nehmen die Vergleichssituation der „Tage des Noach“ genauer in den Blick: Die Menschen sind dort beschäftigt mit den Alltäglichkeiten (essen, trinken, heiraten) und haben keine Ahnung von dem, was in Kürze eintritt. Die Flut und der damit einhergehende Tod kommt überraschend und plötzlich und trifft bis auf Noach alle vollkommen unvorbereitet. Der Vergleich mit den Tagen des Noach besteht hier nur in Bezug auf die Katastrophe, die hereinbricht. Es geht nicht um den Grund für die Katastrophe oder ein schuldhaftes Verhalten, das der Sintflut vorausgeht. Die Ahnungslosigkeit der Menschen ist das Entscheidende.

 

Verse 40-41: Das Gefühl der Unberechenbarkeit der Ereignisse wird in den folgenden Bildworten noch gesteigert. In einem Männer- und einem Frauenbeispiel wird gezeigt, dass bei der Parusie ohne Vorwarnung und plötzlich zwischen Menschen eine Trennung verläuft. Da gibt es die, die mitgenommen werden, und die, die zurückbleiben. Aufgrund des verwendeten Verbs „mitnehmen“ (paralambano, griechisch: παραλαμβανω, mit sich nehmen, annehmen) ist diese Seite die positive. Das Verb wird auch im Zusammenhang mit Entrückungen von Erwählten zu Gott verwendet (z.B. in Johannesevangelium 14,3). Auf diese Weise wird klar: Die Mitgenommenen sind die, deren Schicksal sich zum Guten wendet, sie finden ihren Platz bei Gott. Die Zurückgelassenen aber sind getrennt von Gott, sie trifft das Unheil der „Nicht-Gemeinschaft“ mit Gott. Aufgrund der gewählten Beispiele (Feldarbeit, Mahlen) wird die Bedrohlichkeit der Situation noch gesteigert. Denn beide Tätigkeiten entstammen dem direkten häuslichen Zusammenhang. Das bedeutet: Innerhalb einer Familie verläuft die Scheidung zwischen denen, die zur Gemeinschaft mit Gott mitgenommen werden und denen, die von ihm getrennt sind.

 

Vers 42: Die Unvorhersehbarkeit des Zeitpunkts wird noch einmal betont. Es gibt kein Wissen über den Zeitpunkt, an dem die Unterscheidung stattfindet. Der Aufruf zur Wachsamkeit jedoch bietet einen Ausweg aus dem Bedrohungsszenario. „Wachen“ und „wachsam sein“ ist ein wesentlicher Begriff christlicher Sprache. Neben der wörtlichen Bedeutung des Wachbleibens (Getsemani), wird das Begriffsfeld vor allem im übertragenen Sinne verwendet. Dabei geht es um ein bestimmtes christliches Verhalten, das sich mal im Hinblick auf das Ende der Welt oder mal als allgemeine Haltung zeigt. Weil der Begriff den Lesern des Matthäusevangeliums offenbar bekannt ist, wird zunächst nicht weiter erläutert, welches Verhalten mit dem Aufruf zur Wachsamkeit genau gemeint ist. Allgemein formuliert könnte man sagen, dass „wach sein“ meint, in lebendiger Beziehung zu Christus zu stehen. Vor allem die weiteren Gleichnisse in Lk 24,45-25,46 werden dies ausdifferenzieren: Die Beziehung zu Christus zeigt sich im Verhalten gegenüber den Mitmenschen, dem Umgang mit dem Anvertrauten und in der Liebe zu den Geringsten.

 

Verse 43-44: Die Verbindung der Motive des Wachens und des Diebs zur Veranschaulichung der Dringlichkeit eines Verhaltens findet sich nicht nur hier im Matthäusevangelium. So spricht beispielsweise auch der 1. Thessalonicherbrief vom Tag des Herrn (Parusie), die kommt „wie der Dieb in der Nacht“ und mahnt: „darum wollen wir nicht schlafen“ (1. Thessalonicherbrief 5,1-6).
Das Gleichnis vom Hausbesitzer soll den Weckruf von Vers 42 begründen. Wenn der Zeitpunkt des Einbruchs bekannt ist, bleibt der Mann wach, um sein Haus und sich vor Schaden zu bewahren. Der daraus gefolgerte Appell (Vers 44) nimmt das Thema der Wachsamkeit mit dem Begriff der Bereitschaft wieder auf. Zugleich erscheint er auf den ersten Blick paradox. Das Beispiel aus Vers 43 zeigte ja, dass man sich nicht gegen einen unbekannten Zeitpunkt wappnen kann. Nun sollen sich die Jünger bereit halten für eine Stunde, die sie nicht kennen.

Auslegung

Die Bilder des Evangeliumsabschnitts sind nichts für schwache Nerven. Vollkommen unerwartet, ohne Erklärung und unberechenbar ereignet sich die Katastrophe. Menschen werden auseinandergerissen, Häuser sind nicht mehr sicher, keiner weiß: „wird es auch mich treffen“? Dunkel und bedrohlich wirken die Szenarien mit denen Jesus seine Jünger auf den kommenden Tag seiner Wiederkunft vorbereiten will. Denn an diesem Tag wird sich entscheiden, wie seine Botschaft wirkt. Dann wird sich zeigen, wer sein Leben auf ihn hin ausgerichtet hat und darin nicht müde geworden ist – auch wenn die Zwischenzeit noch so lange dauerte. Der Weckruf und die drastischen Beispiele des Evangeliums sollen die die Jünger zur Wachsamkeit und zu nicht nachlassendem Eifer für das Evangelium ermahnen. Und bei der Wahl seiner Mittel ist Jesus ihnen (und uns) gegenüber nicht zimperlich. Denn er führt ihnen an drastischen Beispielen vor Augen, was seine Wiederkunft bedeutet: Trennung, Schmerz, Gemeinschaft und Scheidung. All diesen Beispielen ist gemeinsam, dass es keine Zeit zur Entscheidung oder zum Diskutieren gibt, keine Chance noch schnell etwas gerade zu rücken. Das Wasser ist plötzlich da, der Mann auf dem Feld und die Frau im Haus werden von einem Moment zum nächsten mitgenommen. Wenn am Tag der Entscheidung, keine Entscheidung mehr stattfindet, dann muss sie vorher getroffen werden – das ist die eine Pointe des Evangeliums. Und die Jünger, denen die Worte Jesu gelten, sind in der Lage dazu eine Entscheidung zu treffen. Sie können sich zu ihm, dem fleischgewordenen Wort Gottes verhalten, können seinen Worten Glauben schenken, seine Taten zu ihren machen, sich zu ihm bekennen. Dann haben sie eine Entscheidung getroffen! Nur – diese Entscheidung kann nicht spontan erfolgen und erst wenn es wirklich dringlich erscheint. Der Ruf zur Wachsamkeit und zur Bereitschaft signalisiert: Trefft eine Entscheidung und haltet daran fest!

Weil Wachsamkeit aber nicht einfach so möglich ist, ins Blaue hinein und ohne zu wissen, worauf oder warum man wachsam sein soll, nimmt Jesus seine Jünger mit in die düsteren Szenarien der Erzählung. Indem er ihnen vor Augen führt, was mit ahnungslosen Menschen geschieht, macht er deutlich, dass es ihnen ja anders ergehen kann. Die Menschen in der Sintflut-Erzählung wissen nicht, dass etwas passiert (anders als Noach), die Flut trifft sie unvorbereitet. Anders die Jünger: Sie wissen, dass Jesus wiederkommt und dass dies der Tag sein wird, wo man aufgrund seines Bekenntnisses zu ihm zur Gemeinschaft mit Gott „mitgenommen“ wird oder nicht. Sie kennen den Tag nicht und nicht die Stunde (Mt 24,36), aber sie wissen, dass es diesen Tag und diese Stunde gibt. Und dieses Wissen ist ein Privileg. Denn sie, die mit Jesus unterwegs waren, sie wissen, wie sie wachsam sein und bleiben können. Dies ist die zweite Pointe des Textes. Die Jünger haben anders als die Menschen, deren Schicksal Jesus in den Bildern beschreibt, eine Chance, sich auf den unbekannten Tag einzustellen. Im Wissen um die Stunde, in der die eigene Entscheidung das Kriterium des Mitgenommen Werdens ist, können sie ihre Entscheidung fällen und aus ihr heraus konsequent leben. Ihre jetzige Gemeinschaft mit Jesus schenkt ihnen die Möglichkeit, den Dieb auf frischer Tat zu ertappen, statt von ihm ausgeraubt zu werden. Denn die Jünger sind nicht ahnungslos. Sie sind Eingeweihte des kommenden Reich Gottes und sie wissen, dass Gott für die Seinen einen Platz bereitet.

Zum Beginn der Vorbereitungszeit auf Weihnachten, auf das Fest, an dem wir feiern, dass Gottes Reich anfängt in Jesus Christus unter uns sichtbar zu werden, kommt die Botschaft des Evangeliums wie ein wirklicher Weckruf daher. Lassen wir uns nicht davon überraschen, dass plötzlich, viel schneller als erwartet, der Heilige Abend vor uns steht. Gehen wir entschieden zu auf diesen Tag, an dem Gottes Sohn unter uns ankommt.

Kunst etc.

Im Sommer 2019 fieberten Fans von Comic-Verfilmungen auf das Ende der Avengers-Reihe aus dem Marvel Comic Universum hin. Wie zuletzt immer wieder wurde das Finale-Drama in zwei Filmteile gepackt. Den Abschluss der Erzählungen rund um die Superhelden Ironman, Captain America, Thor und viele andere bildete die Auseinandersetzung mit einem „endzeitlichen“ Gegner. Ziel der Figur des „Thanos“ war die Vereinigung aller Macht in seiner Person, um dann mit einem Fingerschnippen die Bevölkerung des Universums um die Hälfte zu reduzieren. Dann so sein Plan, war der Weg frei für mehr Frieden, weniger Hunger etc. Am Ende des ersten Final-Teils geschieht das Unglaubliche: Thanos ist im Besitz der ultimativen macht, er schnippt mit dem Finger. Überall auf der Welt und im Universum zerfallen Personen zu Staub, sie lösen sich auf, während neben ihnen Freunde, Kinder, Familien stehen. Autos sind plötzlich ohne Fahrer, Handys fallen zu Boden – denn wo eben noch jemand war und lebte, ist nun niemand mehr. Ein Szenario der Endzeit, in dem – wie im heutigen Evangelium – die Überlebenden diejenigen sind, die mit der Situation des Unheils zurückbleiben. Die Wahrlosigkeit der Katastrophe ist auch hier das Schockierende.

Zum Glück haben einige der Avengers Superhelden das Fingerschnippen des „Thanos“ überlebt und können im zweiten Teil des Finales auf ihre Weise mit dem Erlebten umgehen.