Lesejahr A: 2019/2020

2. Lesung (Phil 4,12-14.19-20)

12Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.

13Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.

14Doch ihr habt recht daran getan, an meiner Bedrängnis Anteil zu nehmen.

19Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

20Unserem Gott und Vater aber sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.

Überblick

Gewissheiten eines Apostels. Paulus formuliert an die Gemeinde in Philippi seinen Dank und gibt Einblick in das Leben eines Verkünders

1. Verortung im Brief
Der Apostel Paulus schreibt der Gemeinde von Philippi, der ersten Gemeinde in Europa, während er (wahrscheinlich) in Ephesus im Gefängnis sitzt. Paulus hat zu der Gemeinde eine besonders intensive Beziehung, nur von ihr lässt er sich auch finanziell unterstützen. Im Philipperbrief (Phil), der Korrespondenz zwischen Gemeinde und Apostel geht es sowohl um persönliche Anliegen und Vorhaben des Apostels als auch um die konkrete Situation der Gemeinde.
Die Verse sind dem unmittelbaren Briefschluss (vor den Grüßen und Segenswünschen entnommen). Im Abschnitt Phil 4,10-20 stellt Paulus noch einmal den Dank an die Gemeinde in den Mittelpunkt. Dabei knüpft er an die persönliche Verbundenheit zur Gemeinde an und nimmt noch einmal Bezug zu seinem aktuellen Schicksal der Gefangenschaft.

 

2. Erklärung einzelner Verse

Verse 12-14: Zum Verständnis dieser Verse ist Vers 11 hinzuzuziehen. Paulus versichert der Gemeinde hier, dass er in der Lage ist, sich in jeder Lebenssituation zurechtzufinden. Hieran schließt er die beiden Gegensatzpaare Hunger und Sattheit, Entbehrung und Überfluss an – sie stehen pars pro toto als Beispiele für die Lebenslagen, in den Paulus sich selbst in seiner Tätigkeit wiedergefunden hat. Dass er in Vers 13 Gott nicht direkt als Urheber der notwendigen Stärke in den verschiedenen Lebenslagen nennt, trägt zum feierlichen Ton dieser Verse bei.
Mit Vers 14 spricht der Apostel die Gemeinde noch einmal direkt an: Ihre Anteilnahme an seiner Bedrängnis ist ein für ihn wichtiges Zeugnis ihrer Verbundenheit. Mit der Bedrängnis ist sicher nicht nur die Situation des Gefangenseins gemeint, sondern auch die Tatsache, dass er schon in Verfolgung, Entbehrung etc. geraten ist. Die Verbundenheit zur Gemeinde besteht ja nicht nur aktuell, sondern ist über einen Zeitraum gewachsen.

 

Verse 19-20: Vor dem abschließenden Bekenntnis, das die Aufforderung zum Lobpreis Gottes einschließt. Spricht Paulus der Gemeinde die wohlmeinende Gegenwart Gottes zu. In Kombination mit den Versen 12-14 wird deutlich, dass Paulus diese Worte aus seiner eigenen Lebenserfahrung speist und nicht einfach nur einen frommen Wunsch formuliert.

Auslegung

Was braucht ein Apostel? Die enge Bindung des Paulus zur Gemeinde in Philippi eröffnet ihm die Möglichkeit an vielen Stellen des Briefes sehr offen und frei über das zu sprechen, was ihn aktuell bewegt, aber auch, was sein Leben wie ein durchgehendes Motiv durchzieht: Er vertraut auf Gott in jeder Lebenslage, denn das ist sein Lebenszeugnis als Apostel. Und er ist dankbar für alle Menschen, die sein Lebenszeugnis durch ihre Anteilnahme mittragen. An vielen Stellen macht Paulus deutlich, dass sein Vertrauen auf Gott und die in Jesus Christus gegebene Zusage seiner Nähe für ihn keine theologische Theorie ist, sondern verbunden ist mit lebenspraktischer Erfahrung. Glaube an Gott bewährt sich im Leben, erst dann zeigt sich, ob es um ein Bekenntnis oder auch um eine Lebenshaltung geht. Der Apostel ruft der Gemeinde in Philippi noch einmal in Erinnerung, dass er im Laufe seines bisherigen Lebens als Verkünder der Botschaft, die unterschiedlichsten Lebenslagen bestehen musste. Hunger und Sattsein, Überfluss und Entbehrung sind zwar gegensätzliche Erfahrungen, sie bergen jedoch die gleiche Gefahr in sich. Denn aus dem einen wie dem anderen heraus, kann der Glaube in den Hintergrund geraten. Entweder weil die Sorge um das Überleben oder weil die Zufriedenheit mit dem Erreichten den Glauben aus dem Leben verdrängt. Paulus kennt jede der angesprochenen Lebenslagen und was ihn als Apostel auszeichnet ist, die Tatsache, dass er jede von ihnen aus dem Glauben heraus deuten und gestalten kann. Die Kraft, in Entbehrung und Hunger den Glauben nicht zu verlieren, kommt ebenso von Gott, wie die Stärke, in Sattsein und Überfluss, Gott nicht aus dem Blick zu verlieren. So ist der abschließende Lobpreis ein Bekenntnis zu eben diesem Gott, der ihm in allem zur Seite steht.
Dazu kommt am Ende des Briefes noch einmal die Dankbarkeit des Paulus für die Anteilnahme der Gemeinde an seinem Schicksal. Denn auch wenn er sich durch Gott gestärkt weiß, ist die mitmenschliche Solidarität und Unterstützung Kennzeichen einer Verbundenheit in Christus. Auf sie kann sich Paulus bei den Christen in Philippi verlassen. Deshalb lässt er sich von ihnen auch eine finanzielle Unterstützung gefallen. Weit wesentlicher ist für ihn aber die Unterstützung, die er durch ihr Gebet und ihr eigenes Glaubenszeugnis erfährt. Beides ist für seinen Dienst als Zeuge Jesu Christi unendlich wichtig, kann er doch oft nur den Grundstein legen und muss dann darauf vertrauen, dass weiter wächst, was er begonnen hat (vgl. Phil 1,3-7). Und so formuliert Paulus auch im Hinblick auf die Gemeinde eine Gewissheit: Gott wird ihnen – so wie er es selbst erfahren hat – alles schenken, was sie nötig haben.

Kunst etc.

1

Der Apostel Paulus mit einer Mischung aus Nachdenklichkeit und Einkehr im Blick und dem Schwert in der Hand, das ein Hinweis auf seine Todesart ist.